Wer Spaltung überwinden will, muss kommunizieren. (Foto: Dustin Belt, Unsplash.com)

Transatlantik: Die forcierte Spaltung von Stadt und Land

Biden führt, Trump klagt. Die hiesige Berichterstattung verfolgt den inszenierten Krimi, die notwendigen Schlüsse aus dem, was sich in den USA seit geraumer Zeit abspielt, werden nicht einmal in Ansätzen gezogen.

Einmal abgesehen von den Konsequenzen im internationalen Kontext, die keine große Veränderung im Verhalten der USA erwarten lassen, unabhängig davon, wer nun das Rennen macht, sind innenpolitische Problemstellungen zumindest in bestimmten Punkten auch hier zu erwarten. Und es ist nicht eine demografische Verschiebung im Sinne einer neuen ethnischen Majorität, auch wenn diese von rechtspopulistischen Kräften gerne herbeigeredet wird.

Die USA sind seit ihrer Genese ein Einwanderungsland und das Ende der weißen Majorität ist in Sicht. In spätestens 25 Jahren sind dort die heutigen sogenannten Minderheiten in der Überzahl gegenüber den europäisch-weißen Gründerinnen und Gründern. Das wird in keinem europäischen Land der Fall sein.

Die forcierte Spaltung

Was jedoch die gleiche Brisanz besitzt, wie es derzeit in den USA zum Ausdruck kommt, also quasi transatlantischen Charakter hat, ist die durch die Globalisierung forcierte Spaltung von Stadt und Land.

In den Städten hat eine rapide Internationalisierung stattgefunden, die sich vor allem durch Multikulturalität, Technologieaffinität, Toleranz und Tempo auszeichnet. In den Städten entwickeln sich Wirtschaft, Infrastruktur, Bildungsverfügbarkeit und Kultur in einem nie gekannten Ausmaß, die dort Ansässigen, die dem inhärenten Tempo nicht gewachsen sind, erleben einen sozialen Abstieg und werden nicht nur sozial, sondern auch geografisch marginalisiert, das heißt, sie werden aus den Städten vertrieben.

In den ländlichen Regionen herrscht dagegen Stagnation. Die jungen Talente zieht es in die Städte, die Infrastruktur verkommt physisch, die der virtuellen Kommunikation kommt nur unzureichend an. Die Abkoppelung des Landes ist in vollem Gange mit der Konsequenz, dass die Dichotomie von Stadt und Land fortschreitet. Das Ergebnis sind zwei von einander völlig unterschiedene Erfahrungswelten.

Während in den Metropolen das Hohelied auf Internationalisierung und Globalisierung gesungen wird, wächst auf dem Land das Gefühl, sich auf dem Abstellgleis zu befinden. Das ist der Widerspruch, der strukturell zu einer neuen, neben der sozial immer weiter fortschreitenden Spaltung führt.

Genau das lehren momentan die USA. Denn dort ist der tiefe Riss, der durch das Land geht, gekennzeichnet durch diese durch die Globalisierung erzeugte Veränderung der Lebenswelten. Wenn etwas daraus gelernt werden kann, dann die Erkenntnis, dass das strukturelle Auseinanderdriften von städtischen Metropolen und vernachlässigten Regionen nicht aufgehalten werden kann, wenn es nicht zu neuen Denkansätzen und daraus resultierenden politischen Konsequenzen kommt.

Es geht um Autonomie

So wie die Städte beginnen, sich im politischen internationalen Kontext neu zu definieren und zu organisieren, wie zum Beispiel im International Council of Mayors, so ist es an der Zeit, dass das Gleiche auf regionaler Ebene geschehen muss. Die ländlichen Regionen müssen ebenfalls die Initiative ergreifen und sich zunehmend Koalitionspartner im internationalen Kontext suchen. Das stärkt das Selbstbewusstsein, schafft neue soziale, wirtschaftliche und politische Perspektiven und zwingt zu neuen Dialogen zwischen Stadt und Land. Mit der Möglichkeit einer neuen Konvergenz.

Neue regionale Organisationsformen, auch zwischen Metropolen und ländlichen Regionen sind eine notwendige Konsequenz aus den Tendenzen der fortschreitenden tiefen Spaltung.

Dabei geht es nicht um Folklore, sondern um Autonomie. Diese resultiert aus politischer Selbstbestimmung, wirtschaftlicher Interdependenz (1) und sozialer Konvergenz. Das beinhaltet Kompromisse, die dazu führen müssen, die Provinz zu internationalisieren und die Metropolen zu provinzialisieren. Beides im positiven Sinne.


Quellen und Anmerkungen

(1) Der Begriff Interdependenz steht für wechselseitige Abhängigkeit. Unter “sozialer” Interdependenz ist zu verstehen, dass Menschen in ihrem Dasein und zur Sicherung ihrer Existenz aufeinander eingestellt und angewiesen sind. In der Wirtschaftstheorie spricht man von Interdependenz, wenn ökonomische Variablen sich wechselseitig beeinflussen. Ein Mangel an gegenseitigem Vertrauen oder/und durch die physische Unmöglichkeit zu kommunizieren, beides Grundlagen zur Interdependenz, führen ins sogenannte Gefangenendilemma. Es tritt dort auf, wo Menschen sich in einem Zustand der Desinformation befinden, aber eine gemeinsame Entscheidung treffen müssen.


Foto: Dustin Belt (Unsplash.com)

Ungeschönte Blicke …

Symbol für eine Supermacht ist ein Graffitie in Kiew. (Foto: Marjan Blan, Unsplash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 thought on “Transatlantik: Die forcierte Spaltung von Stadt und Land

  1. Gibt es so etwas wie das Subsidiaritätsprinzp in den USA? (Ausreichend viel Geld bleibt in den Kommunen, um dort von den dort Ansässigen basisdemokratisch etwas zu “internationalisieren” oder “provinzialisieren”, wenn sie wollen ?) Was mir in der Wahlberichterstattung auffiel: Alle haben das undemokratische Wahlmännerprinzip.Und das nicht mal einheitlich. Außerdem das Prinzip: “The Winner takes it All !” Sollten die US-Amerkaner nicht mal erst mal an der Demokratie arbeiten ? Aus Sicht der Friedensbewegung gibt es sowieso nur eine Partei, sowohl Republikaner als auch Demokraten propagieren “America First” oder “America over All”

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