Gesellschaftliche Verfasstheit: Ökozid, Suizid und Gott als Plot?

Es kann eher als eine natürliche Reaktion bezeichnet werden, wenn jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem zunehmend klarer wird, dass die bestehende Welt sich – wieder einmal – gewaltig verändern wird, mehr und mehr Menschen die Frage stellen, wie die Zukunft wohl aussehen wird.

Das historische Subjekt

An vielen Orten sind Foren, Initiativen und Zirkel entstanden, die sich dieser Fragestellung exklusiv widmen. Zumeist geht es dort allerdings um Aspekte des Zusammenlebens, um die Verhältnisse in der Arbeitswelt, um die Organisation des täglichen Lebens und um die gesellschaftliche Verfasstheit. Letzteres enthält deshalb eine besondere Brisanz, weil es hoch politisch ist.

Welche Rechte wird der Mensch brauchen, mit welchen Mitteln wird der Staat ausgestattet sein, werden Nationen noch eine Rolle spielen oder werden Staat wie Nation durch etwas anderes ersetzt werden?

Vieles wird davon abhängen, welche Menschen und welche Gruppen von Menschen als das bezeichnet werden können, was man als das historische Subjekt bezeichnet. Es wird darauf ankommen, wer die Initiative ergreifen und sich politisch durchsetzen wird. Es ist spannend, und es ist brisant. Und wie immer; anhand der ausgewählten Themen kann man relativ schnell sehen, mit wem man es zu tun hat.

Ökozid, Suizid und der liebe Gott als Plot

Mit großem Marketing-Aufwand hat die ARD unter dem Titel „Wie wollen wir leben?“ die aktuelle Befindlichkeit aufgegriffen (1). Mit dem Regiekniff eines Gerichtsdramas wurde gestartet, und zwar mit der Namensgebung „Ökozid„. Dort standen heutige politische Akteure vor einem Gericht der Zukunft, angeklagt wegen ihrer Politik des zu zauderhaften Vorgehens gegen den Klimawandel. Es ging um Schadensersatz.

Der nächste Plot, der mir im Programm auffiel, hieß schlichtweg Gott. Dort ging es um aktive Sterbehilfe und die freie Entscheidung des Individuums, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Ethisch eine brisante und eine seit Urzeiten diskutierte Frage. Nach dem Ökozid also der Suizid.

Was noch fehlt, um das Bild zu komplettieren, wäre ein Beitrag mit dem Titel Genozid. Da könnte dann das historisch bereits vorexerzierte Thema eines moralisch gerechtfertigten Krieges wie 1990 auf dem Balkan noch einmal dem Publikum nahegebracht werden. Zuzutrauen ist es den Machern.

Attraktion Zukunft

Die Frage nach der Zukunft, um noch einmal zur Ausgangslage zurückzukommen, kann nur dann eine Attraktion entwickeln, wenn sie Chancen für menschliches Handeln beinhaltet. Und die Fragen, wie sich die Zukunft gestalten wird, richten sich auf die existenziellen Felder von Recht, Arbeit, Staat, Ökonomie, Ökologie, Kultur, von öffentlichem Raum. Wer stattdessen damit beginnt, heute Handelnden Strafen zu prognostizieren und zu thematisieren, ob man sich selbst vom Leid des Daseins befreien darf, entwirft eine lupenreine Dystopie, die mit der lebensbejahenden Frage, wie wir leben wollen, nichts gemein hat.

Die Vorgehensweise verfehlt nicht nur das Thema, sie besagt auch etwas Signifikantes über die Designer der Kampagne. Ob sie es intendieren oder ob sie meinen, es nur bei ihrer Zielgruppe zu identifizieren: Thematisch ist es ein Konglomerat von Angst, Depression, Defätismus (2) und Aggression.

Das Thema Zukunft im Sinne einer positiven Orientierung ist bereits jetzt vollumfänglich verfehlt. Da lässt sich nichts nachbessern. Dagegen handelt es sich um ein weiteres Indiz für propagandistisches Unwesen, das sich in den öffentlich-rechtlichen Medien breit gemacht hat. Es sollte denjenigen, die sich darüber wundern, dass die Kritik an den Produkten dieser Anstalten immer massiver wird, Anlass sein, noch einmal darüber nachzudenken, was sich ändern müsste, um die Akzeptanz wieder herzustellen.

Wie wollen wir leben? – Ökozid, Suizid? Bitte aufhören! Sofort!


Quellen und Anmerkungen

(1) ARD-Themenwoche (WDR Radio) : Zukunft – Wie wollen wir leben? Auf https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/tiefenblick/wie-wollen-wir-leben-zukunft-100.html (abgerufen am 28.11.2020)

(2) Der Begriff Defätismus beschreibt einen Zustand der Mutlosigkeit oder auch Schwarzseherei sowie das Schlechtreden von gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten. Die Nutzung des Begriffs geht zurück auf den Ersten Weltkrieg. Er umfasste das (systematische) Verstärken von Mutlosigkeit, Resignation und Zweifel am militärischen Erfolg der eigenen Seite (dies beinhaltet ebenafalls die Anwendung im Sinne beziehungsweise als Mittel gegnerischer psychologischer Kriegsführung). Aus der (vorauseilenden) Überzeugung, Aussicht auf einen Sieg bestehe nicht (oder dieser sei extrem zweifelhaft), entspringt eine starke Neigung frühzeitig aufzugeben, unabhängig von den realen Verhältnissen.


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Das Land in dem wir leben wollen. Die Zukunft einatmen, Vergangenheit ausatmen. (Foto: Toa Heftiba, Unsplash.com)

Aufruf: Das Land, in dem ich leben möchte

Wie schon Max Herrmann-Neiße Anfang der 1930er-Jahre stellen sich die Initiatoren der Plattform Futur II in diesen Zeiten der Unklarheiten und Ungewissheiten die Frage, wie die Zukunft gestaltet werden kann – und Sie alle sind eingeladen, sich einzubringen, um Antworten zu finden.

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

Ein Gedanke zu “Gesellschaftliche Verfasstheit: Ökozid, Suizid und Gott als Plot?”

  1. Besten Dank, Gerhard Mersmann! Wir haben ja lange schon keinen Fernseher mehr. Ja, dieses „Runter gezogen werden“ war unerträglich. Wenn an das große Thema: „Wie wollen wir leben?“ nicht mit positiver, bejahende Haltung angepackt wird, sondern mit Versäumnissen aus der nahen Vergangenheit, wird eine Idee, vielleicht eine Utopie, sich nicht aus dem klebrigen, breiigen, verschlingendem Sumpf erheben können.

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