Karthago zeigen

Bertolt Brecht schrieb 1951 einen offenen Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller. Darin erinnerte er an Karthago und warnte, dass ein dritter Weltkrieg unser menschliches Dasein beenden wird (1).

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“

Ausbeutung, Gewalt und unzählige Kriege wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte ertragen. Das 20. Jahrhundert, geprägt durch zwei Weltkriege und industriellen Massenmord, zeigte, wie weit die Menschheit davon entfernt ist, sich selbst zu begreifen, die wirklichen Bedürfnisse der Subjekte zu befriedigen und die Lebenswirklichkeit zu bewahren. Trotz Aufklärung, Wissenschaft, technologischen Meisterleistungen, Raumfahrt, Computer, Tiefseebooten und Erkenntnissen über die Einmaligkeiten der Natur, führen die Umwälzungen der Gegenwart, die begleitet werden durch zahllose Krisen, die Zivilisationen an einen Wendepunkt: Das Schicksal von Karthago scheint der Menschheit näher als das Bewusstsein, dass jeder von uns bewahrend wirken kann und, einer grundlegenden moralischen Orientierung folgend, dadurch allem Leben Sinn verleiht – gerade dem eigenen.

„Die dicksten Lügen werden am leichtesten geglaubt“

Um eine erregte und lebhafte Debatte in Gang zu bringen, damit der (richtige) Weg in eine bessere Zukunft erkannt werden kann, ist eine kritische Betrachtung der Vergangenheit unerlässlich. Was sich Menschen in ihrem gesellschaftlichen Sein unerhörter und unnötiger Weise zumuten können, beschrieb Heinrich Mann in seinem Werk „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (2). Unter dem Eindruck des deutschen Faschismus formulierte er:

„Es ist ein massiges Zeitalter, wer klug ist, versteht mit ihm zu leben. Den Massen muss alles versprochen werden; mit so gut wie nichts an Zugeständnissen lassen sie sich hinhalten.“

Immer gebe es Teile von Massen, die auch das Minimum von Ausgleich noch entbehren wollen und lieber zu den Übermächtigen stehen, als dass sie ihre eigene Kraft entdeckten. „Freiwillig unterworfen“, seien zwei unvereinbare Worte, die oft nebeneinander stünden, schreibt Heinrich Mann. Und er stellt fest:

„Freiwillig unterworfen kann man sich groß fühlen, wie das Phänomen des Faschismus zeigt und diese Deutschen der Welt zu beweisen scheinen. Wer ihnen ihr Selbstgefühl glaubte! Und dass sie es glücklich macht! Die Massen – gesetzt, sie hätten nicht gerade Tolstoi gelesen und den Marx schon vergessen – fordern allerdings dazu heraus, sie zu betrügen.“

Es sei trotzdem nicht klug, nämlich im Hinblick auf die Folgen, die furchtbar seien. Aber Massen, die nichts wollen, verdienten Führer, die nichts können – die insbesondere nicht voraussehen können. „Die dicksten Lügen werden am leichtesten geglaubt“, so habe der deutsche Führer gesprochen in seinen munteren Anfängen. Das sei seine ganze Psychologie der Masse gewesen, damit habe er sie in der Tat für sich eingenommen, der Tatmensch.

Mehr Verantwortung?

Welche Botschaften sind heute zu lesen? In der Tageschau findet sich etwas über Verantwortung (3). Für das Leben? Nein, für den Tod. Er wird serviert wie ein Speise, von der unbedingt gekostet werden müsse.

„In Deutschland ist eine große sicherheitspolitische Debatte nie geführt worden. ‚Die Politik muss der Bevölkerung besser erklären, warum deutsche Soldaten überall in der Welt eingesetzt werden. Warum das etwa im Interesse der Exportnation Deutschland ist, wenn Seewege aufrechterhalten werden‘, sagt Jana Puglierin von der Denkfabrik ‚European Council on Foreign Relations‘ (ECFR). Auch Carlo Masala, Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr München, bemängelt, dass die deutsche Politik der Bevölkerung die Diskussion nicht zumute: Der Kern des Soldatenberufs bestehe eben nicht in Amtshilfe bei Naturkatastrophen oder der Corona-Krise, sondern in Einsatz, Kämpfen und im Extremfall auch im Töten und Sterben. Ein ehrlicher Diskurs darüber sei für die Einbindung und das Verständnis der Gesellschaft für die Bundeswehr notwendig. Der finde aber nicht statt.“ (3)

Doch, der findet statt, aber nicht wie gewünscht. Denn das Destruktive wird besprochen. Zum Beispiel von Jürgen Roth und Kay Sokolowsky. Sie analysieren anhand historisch belegter Dokumente in ihrem Bändchen „Lügner, Fälscher, Lumpenhunde – Eine Geschichte des Betrugs“ zum Beispiel den Krieg der NATO gegen Jugoslawien:

„Titos Vielvölkergefängnis“, so hieß die Mutter aller Lügen, die vor, in und nach dem Kosovokrieg tausendfach kursierten, um ein veritables Verbrechen wider internationales Recht, den Raketen- und Bombenterror der NATO gegen die Einwohner Jugoslawiens nämlich, als heroische und gar „friedenssichernde“ Tat hoch zu schwindeln. „Titos Vielvölkergefängnis“, mit dem bösen Titel belegten erstmals 1991 deutsche Journalisten und bald auch Politiker die Bundesrepublik Jugoslawien. Dabei wurden weder besondere Einschränkungen der Reisefreiheit noch gar rassistische Verfolgungspolitik aus dem vormals semikommunistischen, inzwischen stinknormal, nämlich parteioligarchisch dirigierten Land gemeldet.

In einem „Gefängnis“ lebten die „Völker“ und „Ethnien“ angeblich, weil die Zentralregierung in Belgrad ihnen die volle staatliche Souveränität nicht zugestehen wollte. Den Bürgern Jugoslawiens ging es auch nicht eben blendend. Die wirtschaftliche Situation des Landes hatte sich seit dem Ende des „Realsozialismus“ und damit der Sonderrolle Jugoslawiens als Pufferstaat und Umschlagplatz zwischen Plan- und Marktwirtschaft dramatisch verschlechtert. Der Schrei nach Autarkie war entsprechend auch zuerst aus jenen Regionen zu vernehmen, die sich – zugunsten ärmerer Teilrepubliken – „ausgeplündert“ fühlten. Die Forderung an das (westliche) Ausland, das nationale Treibe zu unterstützen, wurde leider erhört.

Ausgerechnet der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher verfügte die diplomatische Anerkennung Kroatiens und Sloweniens, und dies auch noch gegen die Mehrheitsmeinung seiner EU-Kollegen und trotz vehementer Bedenken der US-Regierung in Washington. Damit war der Anlass für den Ausbruch der Sezessionskriege gegeben. Wie mit einer Faust wurde Jugoslawien in viele kleine Stücke zerschlagen. Zehntausenden Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende ihre Gesundheit, ihre Bleibe und Habe. Von der ökonomischen Misere, die sich verschlimmerte, gar nicht zu reden.

Das Leid, welches Chauvinismus ebenso wie ein seltsamer Freiheitsbegriff – „jeder Clan soll frei sein, bei der UN eine eigene Botschaft zu eröffnen“ – über die Insassen des vormaligen „Vielvölkergefängnisses“ gebracht haben, konnte ihnen vier Jahrzehnte „Titoismus“ bzw. „eiserne Hand“ nicht antun. Vielleicht ist fraglich, ob die Gemetzel in der Krajina, in Bosnien-Herzegowina und schließlich im Kosovo hätten verhindert werden können, wenn die sogenannte „westliche Staatengemeinschaft“ solche Figuren wie den bekennenden Faschisten Franjo Tudjman oder dem eifernden Islamisten Alija Izetbegović die helfende Hand verwehrt hätten. Doch würden ohne deren Solidaritätsadressen die Warlords erheblich weniger Resonanz bei dem jeweiligen Völkchen, das sie zum Bürgerkrieg mobilisierten, gefunden haben (4).

Karthago zeigen

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel von den USA als „wichtigstem Verbündeten“ spricht und Amerika mit Recht stärkere Anstrengungen erwarten würde, um „für unsere Sicherheit zu sorgen und für unsere Überzeugungen in der Welt einzutreten“, zeigt sich das Destruktive. Es wird zum alles erfassenden Gift, wenn Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, für gezielte Investitionen in die Bundeswehr plädiert und darüber sin­nie­rt, Europa müsse seine „Friedensrolle“ in der Welt wieder ernster nehmen (5). Frieden stiften mit der Waffe in der Hand? Das ist die Pforte der Zerstörung. Und wenn Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer schwadroniert, Europa müsse mehr Präsenz zeigen „und gegebenenfalls auch militärische Macht in seiner direkten Nachbarschaft“, dann wird Karthago gezeigt.

Die Herrschaft der Schlechtesten offenbart sich. Selbst die Fülle an Problemen, die keine Grenzen und keine Nationen kennen, sei es die Umweltverschmutzung und -zerstörung, das Aussterben der Arten oder die soziale Ungleichheit und die zunehmende Armut, führt nicht zur Einsicht, sich vom bestehenden System zu verabschieden. Das „Weiter so“ schein in Zement gegossen; der Boden wird bereitet für den (neuen) Tatmenschen.

Was schrieb Heinrich Mann? „An ihrem Ende hatte die Republik einige der reichsten Individuen des Kontinentes und unerhörte Massen überließ sie der öffentlichen Fürsorge.“ Hitler habe den Zustand beibehalten, vertieft und ausgebaut. Seine Kriegsrüstung, die alle mit Arbeit versorgte, sei verschwendet wie die einfache Fürsorge. Sie sei in Wahrheit unergiebig; damit sie aber nicht umsonst gewesen sei, habe Krieg sein müssen. Ihre vollbrachte Arbeit habe die Armen das Leben gekostet.

„Die weitest getriebene soziale Gesetzgebung wäre billiger gewesen – wenn Hitler bestellt gewesen wäre, den Frieden zu rüsten, nicht den Krieg. Hier hat einer den Krieg als einzige Rechtfertigung seines politischen Daseins.“


Quellen und Anmerkungen

(1) Bertolt Brecht (1898 – 1956) war Dramatiker, Lyriker und Begründer des epischen Theaters. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ und „Die Dreigroschenoper“ zählen zu seinen bekanntesten Stücken. In einem offenen Brief erinnerte er 1951 an die Zerstörung der Stadt Karthago. Diese war in der Antike Hauptstadt der gleichnamigen See- und Handelsmacht. Im Dritten Punischen Krieg wurde Karthago von den Römern mehrere Jahre belagert (149 v. Chr. bis Frühling 146. v. Chr.) und nach der Eroberung zerstört.

(2) Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt (Aufbauverlag Berlin und Weimar 1973).

(3) Tagesschau (15.11.2020): Mehr Verantwortung – nur wie? Auf https://www.tagesschau.de/inland/sicherheitspolitik-bab-101.html (abgerufen am 04.12.2020).

(4) Jürgen Roth und Kay Sokolowsky: Lügner Fälscher Lumpenhunde – Eine Geschichte des Betrugs. (Reclam Leipzig 2000).

(5) SPIEGEL Online (30.11.2020): Baerbock plädiert für gezielte Investitionen in die Bundeswehr. Auf https://www.spiegel.de/politik/deutschland/annalena-baerbock-gruenen-chefin-plaediert-fuer-gezielte-investitionen-in-die-bundeswehr-a-7fa372ae-74eb-49c6-9533-feb804cc80bd (abgerufen am 05.12.2020).


Foto: Boudewijn Huysmans (Unsplash.com)

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Lehrer, Philosoph und Autor

Frank Nöthlich (Jahrgang 1951) wurde in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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