Erkenntnisse von Goethe und Buddy Guy

Es existieren auch bei der Gattung Mensch Erkenntnisse, die, würden sie praktische Konsequenzen haben, vor vielem bewahren könnten. Bis hin zu dem immer häufiger gezeichneten Untergangsszenario.

Die Wollust an der Bereicherung

Wie so oft, stellt sich hier die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass sich rationale Erkenntnis nicht durchsetzen kann. Gegen was? Gegen das, was vielleicht am neutralsten als die sinnliche Wahrnehmung bezeichnet werden könnte. Hinter ihr verbirgt sich der Futterneid, das Konkurrenzdenken und die Wollust an der Bereicherung.

Nicht, dass das exklusiv gattungsspezifisch wäre. Was die Spezies Mensch allerdings hervorgebracht hat, ist eine Wirkungsmacht, die von einem ökonomischen Denken ausgeht, das der Befriedigung von Bedürfnissen im existenziellen Sinne widerspricht. Es ist und bleibt die Warenproduktion, entstanden in der Kleinen Eiszeit zwischen 1570 und 1700 (1). Da wurden aus Nahrungsmitteln aufgrund der Missernten und folgenden Hungersnöten plötzlich an der Börse gehandelte Waren.

Die mächtige Natur hatten der Gattung Mensch einen Hinweis gegeben und für ihre Verhältnisse sanft angezeigt, wer am Regulator der Lebensbedingungen sitzt. Verstanden hatten das wenige, es ging ja auch zunächst ums Überleben.

Das gemein Dialektische an der Sache war ein System, dass zu Überleben führte und dennoch dazu geeignet war, sich dauerhaft, chronisch mit der Natur anzulegen. Denn die Warenproduktion für den zunächst anonymen Markt isolierte die Prozesse von Produktion, Distribution und Konsumption voneinander und schuf damit eine mächtige Dynamik, die zivilisatorisch ungeheure Entwicklungen erlaubte und die die menschliche Gesellschaft revolutionierte, allerdings auch einen Trugschluss zur Folge hatte, der sich auf die Einbettung der menschlichen Existenz bezog.

Die Natur, die sich mal wieder einen schnippischen Wink Richtung Homo sapiens erlaubt hatte, wurde als ein Ding betrachtet, genauer gesagt als eine Ware, mit einem Gebrauchs- und einem Tauschwert, und damit begann der kleine Krieg zwischen der sich selbst überschätzenden menschlichen Gesellschaft und der machtvoll in sich ruhenden Natur.

Erkenntnisse von Buddy Guy und Goethe

Nicht, dass seit dem Entstehen des Kapitalismus niemand da gewesen wäre, der es nicht erkannt hätte. Nein, es gab immer genügend kluge Köpfe, die ihre Weisheit aus der Gabe einer präzisen Beobachtung speisten. Aber sie setzten sich nie durch gegen das, was weltweit, bis auf die Enklaven, die spöttisch als unterentwickelt bezeichnet wurden, als die Ultima Ratio galt.

Der Mensch, so auch das Diktum aus einer kulturellen Projektion, macht sich die Natur zum Untertanen. Die Natur als Instrument des Prothesengottes Mensch. Seither, seitdem das instrumentelle, technokratische Denken die Köpfe in den Hochzentren der Zivilisation erfasst hat, ist jede Schlacht zwischen dem großen ökonomischen Prinzip der Warenproduktion und der Natur zugunsten letzterer ausgegangen. Nur gemerkt hat es niemand. Der homo-sapiensische Zentrismus hat den Blick verstellt für das, was die existenzielle Grundlage per se ausmacht.

Wie schön, dass es immer wieder Stimmen gibt, die einen Eindruck davon vermitteln, wie ausgebildet die menschliche Fähigkeit zur Erkenntnis sein kann. Der prominente Johann Wolfgang von Goethe schrieb bereits im Jahr 1800 in einem Gedicht den folgenschweren Satz „Und das Gesetz nur kann uns die Freiheit geben“ (2). So ganz nebenbei, ging es dabei um die Gesetze der Natur. Und Buddy Guy, der Blueser aus Chicago, formulierte es über 200 Jahre später in seiner eigenen Weise:

„If You want to fuck nature, nature will fuck You!“

Besser kann man es nicht zusammenfassen.


Quellen und Anmerkungen

(1) Die Kleine Eiszeit wird in der heutigen Klimadiskussion als Beispiel einer (durch kurzfristige Schwankungen geprägten) natürlichen Klimavariation angesehen. Sie war eine Periode von Anfang des 15. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert hinein, die gekennzeichnet ist durch ein relativ kühles Klima. Die Kleine Eiszeit war regional und zeitlich unterschiedlich stark ausgeprägt, allerdings lässt sich weltweit vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts eine kühlere Phase ausmachen.

(2) Der Dichter Johann Wolfgang Goethe (ab 1782 von Goethe) verfasste um 1800 das Klinggedicht (bezeihungsweise Sonett) „Natur und Kunst“. Es hat zwei Quartette und zwei Terzette. Das zweite Terzett lautet: „Wer Großes will, muß sich zusammenraffen: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ Eine umfassende Analyse zu Aufbau und Inhalt findet sich auf https://www.deutschlandfunk.de/unterrichtsmaterial-fur-lyrix-im-oktober-2012.media.c5fc1da740ecaec8dc7ac46235a7b090.pdf (abgerufen am 12.12.2020).

(3) Buddy Guy (Jahrgang 1936) ist ein US-amerikanischer Bluesmusiker. Er stammt ursprünglich aus Lettsworth, einer 200-Seelen-Gemeinde im Bundesstaat Louisiana. Mit 13 Jahren brachte sich Buddy Guy autodidaktisch das Gitarre spielen bei. Er bestritt als Schüler erste Live-Auftritte, ging 1957 nach Chicago und spielte in zahlreichen Klubs. Mit dem Album „Folk Festival of the Blues“ gelang Buddy Guy 1964 der Durchbruch. Für sein musikalisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichent. Die Musikzeitschrift Rolling Stone führt Buddy Guy auf Platz 23 der 100 größten Gitarristen aller Zeiten.


Foto: William Pei Yuan (Unsplash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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