Diskussion: Pandemie und Coronaursachen

Der Beitrag ist ein Aufruf zu einer linken Debatte über die Corona-Politik, die Coronaursachen und die Folgen der Pandemie für die Gesellschaft. Er enthält Vorschläge und gedankliche Ansätze, die eventuell für die Diskussion relevant sein könnten.

Corona und die Auswirkungen auf die Gesellschaft

Auch in den unterschiedlichsten linken Kreisen steht die Frage nach der Art und Weise der Pandemiebekämpfung im Zentrum. Warum aber das? Warum hebt man direkt auf die Pandemiebekämpfung ab? Ist damit der übergreifenden Fragestellung, nämlich die Klärung der Problemlage, wirklich Genüge getan? Oder wird die Problemstellung ungut eingegrenzt, vielleicht sogar halbiert?

Ist damit der übergreifenden Fragestellung Corona zur Klärung dieser Problemlage nicht einiges verpasst, sozusagen die Problemstellung ungut eingegrenzt, vielleicht sogar halbiert? Warum geht es nicht um Corona selbst: Was ist das und wo kommt das her? Dies scheint für viele Linke bereits geklärt zu sein. Es scheint aber sinnvoll, Antworten auf einige Grundfrage zu gegeben.

  • Woher kommen solche Krankheitserreger und was hat das mit der kapitalistischen Produktion zu tun?
  • Wie wirkt sich die kapitalistische Produktion auf das Immunsystem aus (zum Beispiel Lebensmittelindustrie, Umwelt)?
  • Wie ist der Umfang und die Qualität des Gesundheitswesens beschaffen und was hat dieser Zustand mit kapitalistischer Produktion zu tun?

Wird die Bekämpfung des Virus in den Mittelpunkt gestellt, so scheint es, als sei Corona beinahe als ein natürliches Phänomen zu betrachten, ein Ereignis, das über uns hereinbricht und erst in der Art und Weise der Bekämpfung könne das spezifisch Kapitalistische ausgemacht werden.

Zum Stand der Diskussion

„Die Corona-Pandemie ist nicht nur eine medizinische Krise, sie bedroht nicht nur Gesundheit und Leben vieler Menschen, sondern sie stellt die ganze Gesellschaft vor eine dramatische Belastungsprobe“, konstatiert die Partei DIE LINKE (1). Konsequent wird die Frage in den Focus gerückt, ob und wie sich die (schon vor Corona) vorhandene „soziale Spaltung“ nun entwickelt. Und zutreffend wird die fortschreitende immer drastischere Verarmung weiter Teile der Bevölkerung angeprangert.

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) macht „konsequenten Gesundheitsschutz statt Doppelmoral“ zum zentralen Thema und kritisiert feststellend: „Das Krisenmanagement der Regierung ist gescheitert“ (2).

Auch die KPÖ steuert direkt auf den Umgang des Staates mit der Pandemie und den damit einhergehenden, aber nicht notwendigen, negativen sozialen Folgen: „Die Beseitigung der Krisenfolgen beziehungsweise ihre Abwälzung auf die breite Masse befeuert und verschärft jedoch den Klassenkampf von oben“ (3).

Die Beobachtungen der drei hier angeführten Gruppierungen sind ohne Zweifel zutreffend und beklagenswert. Stephan Kaufmann zeigt in seinem Artikel „Die Kursrakete“ (4) auf, was es bedeutet, sich in der schärfsten Krise seit Jahrzehnten zu befinden:

„Mit einem Plus von 15 Prozent war der November der beste Monat, den der deutsche Aktienindex je erlebt hat.“

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Problemstellung damit nur zur Hälfte oder, anders formuliert, verspätet angegangen wird. Dazu ein zugegeben hinkender Vergleich: Es wäre dann so, als ob Gesellschaft und Politik in der Flüchtlingsfrage erst tätig werden, wenn etliche arme Menschen im Mittelmeer rumschippern müssen und nicht wenige von ihnen ertrinken, wir aber lediglich isoliert die mangelnden Rettungsmaßnahmen betrachten, nicht aber auf die Ursachen eingehen, wegen derer die armen Menschen sich auf den Weg machen (müssen).

Sicher könnte man bei Corona zunächst von einem Naturphänomen ausgehen, welches möglicherweise irgendwo im Urwald zu verorten wäre und potentiell auch in der Steinzeit eine Bedrohung darstellen würde. Nun werden aber durch industrielle Agrarwirtschaft, damit verbundenes Abholzen des Urwaldes und Vordringen einer Massenzivilisation überhaupt erst die Bedingungen und Möglichkeiten geschaffen, dass ein solcher Virus relevant wird.

Agrobusiness und Zoonosen

Auch in der hiesigen industriellen Tierhaltung entstehen beste Voraussetzungen für Pandemien. Rob Wallace hat dies überzeugend in seinem Buch „Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat“ ausgeführt (5). Er legt unter anderem dar, dass auch Ebola, Vogelgrippe, Schweinepest und so weiter in diesen Zusammenhang zu verorten sind. Notwendigerweise würde in den nächsten Jahren eine Pandemiewelle nach der anderen über uns hinwegrollen. Insofern sei eine Fixierung auf Corona beziehungsweise die Betrachtung von Corona als Ausnahmefall sachfremd. Wo und wie entstehen Zoonosen, lautet die übergreifende Fragestellung.

Reichhaltiges Anschauungsmaterial für die Argumentation von Rob Wallace liefert das Freihandelsabkommen Mercado Común del Surdas (Gemeinsamer Markt des Südens), bekannt als Mercosur-Abkommen. Durch das Abkommen zwischen der Europäischen Union und südamerikanischen Staaten, an dem gut 20 Jahre gefeilt wurde, sollte die zweitgrößte Freihandelszone der Welt entstehen. Vor allem Europa würde wirtschaftlich profitieren, zum einen durch die Arbeitsbedingungen und auf der anderen Seite durch die noch besseren Voraussetzungen zur Ausbeutung der Rohstoffe. Ein weiteres bedeutendes Thema ist das Abholzen des Urwaldes im Amazonas zu Gunsten der dort verstärkt aufzubauenden industriellen Viehzucht. Eine idyllische Rinderzucht, wie sie zum Beispiel in den Alpenländern noch üblich ist, würde endgültig wegrationalisiert wegen fehlender Rentabilität. Das Vorhaben ist erst einmal vom Tisch (6).

In den Ländern des Globalen Südens leiden die Menschen oft genug unter mieser Entlohnung, ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und mangelhafter gesundheitlicher Versorgung; Nutztiere werden behandelt wie Dreck. Aber die Natur reagiert, zumindest dann, wenn sich Wirtschaft und Mensch in unbekannte Gebiete wagen und auf fremde Arten treffen. Oder auf zum Beispiel Viren, die sehr gefährlich werden können.

Bedenken wegen der drohenden Umweltzerstörungen im Amazonas und dem Klimaschutz sowie fehlenden Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen den Umweltschutz mögen die EU-Parlamentarier dazu bewogen haben, dem Mercosur-Freihandelsabkommen vorerst eine Absage zu erteilen. Ganz hinfällig ist das Abkommen aber noch nicht, und so oder so bietet es sich an, mit dem Finger auf die größte Virenschleuder des Planeten zu zeigen: die rücksichtslose imperialistische Wirtschaft (6).

Eine Studie der Universität Birmingham ergab, dass hohe Corona-Todesraten mit der Massentierhaltung korrespondieren. Sie gilt als „einer der Hauptverursacher der mikroskopisch kleinen Teilchen“ (6), also des Feinstaubes. Forscher des Max-Planck-Instituts wiesen darauf hin, dass sich der Krankheitsverlauf durch Feinstaub sehr stark verschlechtert. In Deutschland seien 26 % aller Todesfälle bei Corona auf Feinstaub zurückzuführen. Die Albert-Schweitzer-Stiftung kommt in dem Artikel „Fördert Feinstaub die Corona-Sterblichkeit?“ (7) zu dem Ergebnis:

„(…) Um das Virus einzudämmen, sollten also auch die menschengemachten Emissionen verringert werden – allen voran die aus tierhaltenden Großbetrieben. Ein Grund mehr also für eine Abschaffung der Massentierhaltung und den Umstieg auf eine vegane Ernährung.“

Sofern diese Annahmen stimmen, ist eine Fixierung auf die Bekämpfung von Corona ohne gleichzeitige Ursachenforschung und Ursachenbekämpfung mindestens als suboptimal zu betrachten.

Der unvermeidliche Ruin von Mensch und Natur

Die Ernährung und die verheerenden Auswirkungen auf das Immunsystem der Menschen sind sicher nicht nur Politikern bestens bekannt. Dass die Offensive der Zuckerindustrie alles andere als gesundheitsbekömmlich ist und Verfettung, Diabetes et cetera nach sich zieht, weiß jeder. Ebenfalls weiß jeder, dass zuckerhaltigen Softdrinks für Kinder eine gesundheitliche Zeitbombe darstellen und die hiesigen Schulkinder sich zunehmend wie ihre adipösen US-amerikanischen Gleichaltrigen entwickeln. Und dass ein desolates Immunsystem die zwingende Folge ist, welches dann den unterschiedlichsten Krankheitserregern, und auch dem Corona-Virus, nicht hinreichend gewachsen ist, ist auch keine neue Erkenntnis.

Wie ist die Haltung des Gesundheitsministers? Jens Spahn (CDU) hält einer Initiative gegen die Verzuckerung der Schülergetränke entgegen, dies sei gut und schön, aber die Getränkeindustrie müsse freiwillig aktiv werden, müsse sozusagen marktwirtschaftlich gezwungen werden. Wir würden ja nicht in einer Diktatur leben. Und so arbeitet die Politik – natürlich lediglich um die Zuckerindustrie zu befördern – mit großem Fleiß daran, dass sich allerlei Krankheiten und eben auch Corona verbreiten können.

Coronaursachen: Ein Zwischenfazit

Corona ist nicht isoliert als Naturereignis zu betrachten, sondern eine Vielzahl von Aspekten gilt es zu berücksichtigen:

  • Die Herkunft der Viren,
  • der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung, vielfach geprägt durch diverse Vorerkrankungen,
  • der Zustand des durch Privatisierung und Rationalisierung geschwächten Gesundheitswesens,
  • die durch die Maßnahmen gegen Corona eintretenden psychischen, sozialen und ökonomischen Folgen
  • und das Zusammenteffen von menschlicher Arbeitskraft und Natur in der Produktion.

Die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen sind daher auch als Resultat der kapitalistischen Produktionsweise anzusehen; es sind Kollateralschäden einer Wirtschaftsordnung, die ihren Zweck, nämlich Profit zu erzielen, ohne diese Opfer kaum erfüllen kann. Der Ruin des Menschen und der Natur ist quasi eingepreist, lässt sich also notwendig ableiten, weil diese beiden Elemente mit und durch ihren Verschleiß den gewinnträchtigen Treibstoff der kapitalistischen Produktion darstellen.

Linke Denker und alternative Querdenker

Es ist meines Erachtens nicht zielführend, weil auch nicht pauschal zutreffend, anzunehmen, die Bezweiflung der Gefährlichkeit von Corona sei zentrales Argument eines Großteils der alternativen (Quer)Denker. Die Gefährlichkeit steht nach meinen Diskussionserfahrungen mit Alternativen nicht so sehr im Zentrum der Kritik, sondern die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen gegen Corona wird hinterfragt. Aber vor allem wird die Verengung allein auf Corona als abschreckend empfunden. Die Bedrohung durch andere Krankheiten würde dadurch abgewertet, die Verschiebung von dringend benötigten Operationen würde wie selbstverständlich hingenommen et cetera. Die Argumentationskette ist bekannt. Und all dies ist in der Tat bemerkenswert und erklärungsbedürftig.

Bei einer journalistisch motivierten Reise durch Österreich im September habe ich 120 Interviews geführt: vom 4-Sterne-Hotelbesitzer über Tankstellenangestellte, Bäcker, Zeitungsausträger, Apotheker, Bauern auf der Alm, Motorradfahrern und Ärzte. Ich traf keinen einzigen Coronazweifler oder gar Coronaleugner (6). Unisono vertraten alle vom mir Befragten den Standpunkt, Corona sei eine ernstzunehmende Krankheit, die eingehegt werden müsste. Dazu wäre es aber notwendig, den Tunnelblick zu lösen, um durch eine umfassende Betrachtung aller Krankheiten ein tragfähiges Gesamtpaket zu schnüren, um Corona in den Griff zu bekommen.

Wie dieses Paket aussehen könnte, ist vielleicht eine Diskussion wert, aber der Diskurs ist vergiftet. Die Stimmung in Deutschland bewerte ich als schlecht, in Sachen Corona als aggressiv. Selbst alte Freunde überwerfen sich im Streit um Corona. Bisweilen werden sogar so etwas wie Volksfeinde ausgemacht. Wer den Verdacht aufkommen lässt, eine alternative Meinung zu Corona zu vertreten, dem droht das Label „Coronaleugner“. Bemerkenswert ist zudem die Bereitschaft, leichtfertig Beschuldigungen auszusprechen gegen jene Kritiker, denen en passant angedichtet wird, die vermeintlich gesetzlichen Maßgaben nicht einzuhalten, ohne dies zwar objektiv zu wissen, es aber aus der kommunizierten Position herzuleiten.

Der moralische Anschlag und die Freiheit

Ich interpretiere dies als Konsequenz aus der von oben, also von der Regierung betriebenen Antiaufklärungspolitik und der Angstmacherei (8), die von den Massenmedien und in den Echokammern des Internets, Facebook, Twitter & Co. vielfach verstärkt wird.

Die lähmende Angst verführt den gehorsamen Bürger dazu, sich von der Angst, nämlich das Falsche zu tun, zu befreien und seinen Gehorsam zu unterstreichen, in dem er unreflektiert gegen den „ungehorsamen“ Mitbürger vorgeht. Dabei entfaltet der als abwegig enttarnte Gedanke, es ginge um die Verhinderung des individuellen Todes, den der Staat mit aller Mühe abwenden wolle, eine scheinbare Richtigkeit ausgedrückt in destruktiver Kraft, die die Grundlagen des Dialogs zerstört. Dies sollte als Nationalismus pur aufgelöst werden: Es ist kein Zentimeter Platz mehr für kritische Überlegungen.

„Ich will aber nicht, dass meine Mutter, die jetzt im Altenheim liegt, wegen mir stirbt“, ist ein Argument, dass ich in Debatte über Corona häufig vernehmen konnte. Damit ist das Ende einer Diskussion eingeläutet noch bevor sie begonnen hat. Was in einer aufgeklärten Gesellschaft als Merkwürdigkeit erscheinen sollte, wird zur Regel. Derjenige, der eine kritische Position einnimmt gegenüber Corona und den Maßnahmen der Regierung, wird mit dem Argument der (möglichen) Verantwortlichkeit für den – grausamen und schrecklichen – Tod eines geliebten Menschen vorauseilend und unwiederbringlich diskreditiert. Diesen moralischen Anschlag überlebt keiner. Die Herabwürdigung schließt den Kreis. Suitbert Cechura stellt in seinem Essay „Diskussion über die Pandemiemaßnahmen und ihre Kritiker“ (9) fest:

„(…) Ebenso fällt der Titel „Covidioten“ gleich ein Generalverdikt über die Adressaten und verabschiedet sich von jeder Auseinandersetzung.

Cechura schreibt aber auch:

„Querdenker“ führen empört die Einschränkungen ihrer Grundrechte ins Feld, die im Rahmen der Pandemiemaßnahmen erfolgen, und stellen die Berechtigung der Maßnahmen damit in Frage. Aber: Rechte hat man nicht einfach, sie werden einem verliehen, womit derjenige, der sie verleiht, festlegt, was erlaubt ist und was nicht. Also unterstellen Rechte immer eine Obrigkeit (mag sie auch noch so sehr durchs Volk oder ein zurechtkonstruiertes Elektorat legitimiert sein), der der Bürger unterworfen ist; diese Instanz bestimmt, was er zu tun und zu lassen hat. (…) Denn der Rahmen der Freiheit, in dem man sich bewegen darf, war auch schon vorher einschränkend. Der pure Aufenthalt in einem Gebäude oder auf einem Grundstück wirft in einer Welt des Privateigentums bereits die Frage nach der Rechtmäßigkeit auf.

Ich würde vorschlagen, zu hinterfragen, ob es sich bei dem identifizierten Phänomen um ein zufälliges im Sinne von einmaliges handelt oder ein sich auch in anderen Zusammenhängen zeigendes, für die hiesige Gesellschaft wesentliches Phänomen. Also: Warum sind Freiheitseinschränkungen grundsätzlich gang und gäbe und nicht nur aktuell? Welche Zwecke werden damit verfolgt? Werden diese Zwecke von mir als positiv bewertet, möchte ich sie oder erkenne ich sie als entgegengesetzt zu einem freien Leben und einer Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche.

Fragen über Fragen: Zum Beispiel zur Maske

Über das Tragen von Masken wird berichtet, aber warum gibt es keine offensive Aufklärung, wie mit welchen Typen von Masken umgegangen werden soll: Wie oft soll man sie waschen? Und bei wie viel Grad? Warum beantwortet Jens Spahn diese trivialen, aber doch substanziellen Fragen nicht in der Tagesschau? Und warum gibt es keine Flugblattaktion dazu? Weshalb wirft der Staat, wenn die Maske schon so wichtig ist, nicht ganz andere Kapazitäten in die Produktion hinein und lässt Masken herstellen, die ihren Zweck erfüllen, um diese dann in Massen in der Bevölkerung zu verteilen?

Warum rüstet der Staat nicht kostenlos 50 Millionen in Deutschland lebende Menschen mit einer Profi-Maske für 6,20 Euro pro Stück aus? Leute mit Geld könnten sie ja selbst bezahlen, die anderen bekommen sie for free. Das wären dann schlappe 300 Millionnen Euro, bezogen auf die erwarteten Kosten der Coronakrise ein lächerlicher Betrag (10). Und wenn ein so reicher Staat wie Deutschland es wollte, wären morgen die Produktionsstätten dafür aufgebaut. Es passiert aber nicht. Wieso? Das sind Fragen, die von Querdenkern gestellt werden, zu denen ich nicht gehöre, mit denen ich aber diskutiere und es deshalb weiß.

Noch ein Gedanke, weil ja nun oft genug betont wird, eine neue Pandemie würde auf jeden Fall auf uns zukommen und, so viel ist klar, die akutelle war zu erwarten. Warum hat der Staat dann nicht schon beizeiten Masken von hoher Qualität produzieren lassen? Kann er das nicht, schafft er das nicht? Das ist nicht glaubwürdig, schließlich verfügt dieser Staat auch über eine der besten Waffenschmieden der Welt. Es wäre noch viel mehr aufzuzählen, was der Staat tun könnte – und dies alles ohne Lockdown und ohne die Wirtschaft und das soziale Miteinander zu beschädigen –, aber daran scheint kein Interesse zu bestehen.

Krankenhäuser in der Diktatur des Profits

Aus Krankenhäusern ist häufig zu vernehmen, dass Betten für Corona-Patienten vorhanden seien, aber das nötgie Pflegepersonal fehle (11). Das ist keine Überraschung. Der Personalmangel ist eine Folge der Rationalisierung in den Krankenhäuser. Will die Politik das ändern? Im Kern nicht, denn durch die Anwerbung billiger Pflegekräfte aus dem Ausland, wie Jens Spahn es propagiert, wird dem Rationalisierungsdruck nachgeben. Der Verweis auf einen Fachkräftemangel, der durch eine Ausbildungsoffensive ganz bestimmt beseitigt werden könnte, taugt wie immer als Argument.

Die Süddeutsche vermeldete kürzlich, dass in Bayern ein akuter Mangel an Kinderbetten bestünde, der immer größer würde. Als Ursache wird angegeben, dass die Fallpauschale für Kinderbetten deutlich niedriger ausfällt als für normale Betten. Also wurden sie „sachgerecht“ umgewidmet. Derweil sterben an Krankenhauskeimen, deren Auswirkungen neben der medizinischen Komponente im Zusammenhang mit der Rationalisierung zu sehen sind, etwa 20.000 Patienten pro Jahr (12). Diese Toten werden als Sockeltote akzeptiert und wie selbstverständlich für die nächsten Jahre prognostiziert.

Der Rubel muss auch im Krankenhaus rollen und alles andere, auch diese 20.000 Toten, gehört gewissermaßen zum kapitalistische Naturzustand, einer Diktatur des Profits, die der Mensch als organisierte Realität vor die Nase gesetzt bekommt. Da klingt es zynisch, wenn aus Regierungskreisen verlautbart wird, man wolle Coronakranke retten. Und was ist mit den anderen?

Die Lage der arbeitenden Klasse

Friedrich Engels hat in seiner Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ 1845 die entsetzlichen Arbeits- und Lebensbedingungen der neuen Arbeiterklasse in Manchester beschrieben. Und auch die unter kapitalistischen Ausbeutungsbedingungen entstehenden Epidemien (13). Die bakterielle Infektionskrankheit Cholera breitete sich unter den in Armut lebenden Menschen aus und raffte sie dahin. Die gleiche Cholera, die in den Armenvierteln reichlich Nahrung fand, schaffte es in Jahrzehnten aber nicht, auch nur ein Mitglied der königlichen Familie niederzustrecken. Cholera und Corona sitzen also quasi in einem Boot, denn sie benötigen für ihre Ausbreitung Bedingungen, wie sie der Kapitalismus idealerweise schafft.

Anders gesagt: Die Frage, kommt das Virus aus der Natur oder aus der Gesellschaft, stellt sich nicht. Irgendwo hockt es eben rum oder wartet in einem Pangolin oder in einer unbekannten Urechse auf seine große Stunde. Die schlägt in der Diktatur des Profits mit seiner Massentierhaltung, den hypermobilen Arbeitskräften und dem Leben in Metropolen, wo Abermillionen Menschen förmlich gehalten werden wie das arme Vieh. Es darf sich auf eines der Tiere setzen, die mit Antibiotika oder bunten Pillen am Laufen gehalten werden, und spaziert von dort weiter zum nächsten Menschen.

Im Dschungel hätte es möglicherweise einen Ureinwohner erwischt, der eventuell erkrankt oder sogar gestorben wäre. Vielleicht wäre das Virus dann aber auch gleich ausgestorben, weil weit und breit kein anderer Wirt mehr zu finden war. Denn die Urwaldtiere und die restlichen Ureinwohner, wenn sie sich überhaupt begegnet wären, ließen sich genauso wenig infizieren wie die Königin von England während der von Engels beschriebenen Epidemie, die aber die Arbeiterklasse gewaltig heimsuchte.


Quellen und Anmerkungen

(1) Die Linke: Themenseite Corona. Auf www.die-linke.de/themen/gesundheit-und-pflege/corona/ (abgerufen am 17.12.2020).

(2) MLPD (30.10.2020): MLPD für konsequenten Gesundheitsschutz statt Doppelmoral. Auf https://www.rf-news.de/2020/kw44/mlpd-konsequenter-gesundheitsschutz-statt-doppelmoral-kampf-der-abwaelzung-der-krisenlasten-auf-die-massen (abgerufen am 17.12.2020).

(3) KPÖ (Steiermark): Corona, Krise, Kapitalismus. Auf www.kpoe-steiermark.at/corona-krise-kapitalismus.phtml (abgerufen am 17.12.2020).

(4) Neue Deutschland (5.12.2020): Die Kursrakete. Auf www.neues-deutschland.de/artikel/1145366.weltwirtschaft-die-kursrakete.html (abgerufen am 17.12.2020).

(5) Rob Wallace: Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. (PapyRossa Verlag, 2020, ISBN: 978-3-89438-738-9).

(6) Neue Debatte (9.10.2020): Imperialistische Wirtschaft als Virenschleuder.

(7) Albert Schweitzer Stiftung (30.11.2020): Fördert Feinstaub die Corona-Sterblichkeit? Auf https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/foerdert-feinstaub-corona-sterblichkeit (abgerufen am 17.12.2020).

(8) FragDenStaat (1.4.2020): Corona-Strategie des Innenministeriums: Wer Gefahr abwenden will, muss sie kennen. Auf https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen sowie https://fragdenstaat.de/blog/2020/04/01/strategiepapier-des-innenministeriums-corona-szenarien (beide abgerufen am 18.12.2020).

(9) Telepolis (16.11.2020): Diskussion über die Pandemiemaßnahmen und ihre Kritiker. Auf www.heise.de/tp/features/Diskussion-ueber-die-Pandemiemassnahmen-und-ihre-Kritiker-4960707.html (abgerufen am 17.12.2020).

(10) ZEIT Online (18.10.2020): Finanzministerium rechnet mit 1,5 Billionen Euro Corona-Kosten. Auf https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-10/coronavirus-krise-kosten-gesundheitssystem-konjunkturprogramme-wirtschaft-wiederaufbau (abgerufen am 18.12.2020).

(11) Unsere Zeitung (12.4.2020): Pflegekräfteimperialismus in Zeiten von Corona. Auf https://www.unsere-zeitung.at/2020/04/12/pflegekraefteimperialismus-in-zeiten-von-corona/ (abgerufen am 17.12.2020).

(12) FOCUS (18.11.2020): Bis zu 20.000 Tote pro Jahr: Krankenhauskeime töten mehr Menschen als bisher angenommen. Auf https://www.focus.de/gesundheit/news/bis-zu-20-000-tote-pro-jahr-krankenhauskeime-toeten-mehr-menschen-als-bisher-angenommen_id_11361256.html (abgerufen am 18.12.2020).

(13) Friedrich Engels (1844/1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Auf http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_225.htm (abgerufen am 17.12.2020).


Foto: Mimi Di Cianni (Unsplash.com)

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Dem Exitus in den Städten durch Rose statt Beton begegnen. (Foto: Karim Manjra, Unsplash.com)

Corona: Bis in den Exitus

Der Schutz der Reichen vor einer eventuell zum Tod führenden Erkrankung tötet mehr Arme, als es ein Virus je könnte – und alle haben es gewusst. Dies konsequent zu ignorieren eint links und rechts und schafft die neue Volksgemeinschaft. Ein Essay von Katinka Schröder und Christof Wackernagel über das Virus, die Diktatur des Profits und den Aufstand des Bewusstseins.

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Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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