Ein Weihnachtsmärchen: Die zauberhafte Revolution freier Kinder in Erdenreich

Everrich, Neurowissenschaftler im Dienste der Regierung von ERDENREICH, leitete ein Versuchsprojekt, das der Bevölkerung ein attraktives Vergnügen bieten sollte. Auf einer für den Versuch eigens angelegten FARM wuchsen Kinder unter Bedingungen auf, wie man sie auf der Erde vor ungefähr zweihundert Jahren vorgefunden hatte. Tausend Neugeborene konfiszierte der Staat für das Experiment. Man beabsichtigte, die unter natürlichen Bedingungen aufgewachsenen „Wilden“ später in sogenannten Naturparks zur Schau zu stellen. Da die Tiere längst ausgestorben waren, glaubte man auf diese Weise, die beliebte Zoo-Tradition fortführen zu können.

Hundert dieser Kinder aber sollten nicht in Zoos ausgestellt, sondern ins reale Leben überführt werden. Auf diese Weise wollte man erforschen, ob sich Menschen, die keinen Chip unter der Haut trugen, in der modernen Gesellschaft noch behaupten konnten. Everrich hingegen hegte die Hoffnung, dass die ihm anvertrauten Kinder den erkalteten Herzen seiner Zeitgenossen dort draußen wieder etwas Leben einhauchen würden. Für ihn waren sie wie ein positives Virus, das man inmitten einer kranken manipulierten Gesellschaft frei setzte.

Die Kinder selbst ahnten nichts von den Absichten des Staates, sie fühlten sich wohl auf der FARM, wo man sie in der Kunst des Lesers und des Schreibens unterrichtete, wo man kooperierte und ihnen eine Vorstellung von einer friedlichen Gemeinschaft vermittelte. Sie spielten gerne, eigentlich war ihnen alles Spiel. Mit Ausnahme der Vollmondnächte, in denen sie sich auf der Lichtung im Wald versammelten. Dort lauschten sie dann fasziniert den Vorträgen Everrichs, der ihnen von längst vergangenen Zeiten berichtete.

Er erzählte vom Gesang der Wale und von ihrem Massenselbstmord, als ihre Konzerte vom Lärm der Schiffsschrauben erstickt und ihr Konzertsaal, das Meer, in eine Müllkippe verwandelt wurde. Er erzählte vom Überlebenskampf der Bäume, Flüsse und Berge, vom Untergang indigener Völker, von den Giftwolken, die ganze Landstriche in Todeszonen verwandelten. Er berichtete aber auch von den Künsten, von der Musik, der Malerei und der Literatur, an die sich kaum noch jemand erinnerte.

Nach seinen Vorträgen bestürmten ihn die Kinder mit Fragen, die er jedesmal geduldig beantwortete. Und immer stand ein Junge ganz nah bei ihm, dessen melancholischer Blick ihn rührte. Bei dem Gedanken, ihn und seine Freunde in die „Freiheit“ entlassen zu müssen, war Everrich nicht wohl ums Herz. Die Kinder, das wusste er, würden draußen zerrieben werden, wenn man sie nicht schützte. So rang er dem für das Experiment zuständigen Minister das Versprechen ab, seine Schützlinge unter Straffreiheit zu stellen, falls sie mit den Gesetzen in Konflikt gerieten, was seiner Meinung nach zwangsläufig passieren musste.

Wenige Monate vor der endgültigen Aussetzung nahm Everrich den verschwiegenen Jungen mit in die Stadt, um ihm einen Eindruck von dem Wahnsinn zu vermitteln, der dort draußen herrschte. Nach ihrer Rückkehr auf die FARM hielt der Junge in der folgenden Vollmondnacht eine eindrucksvolle Rede. Er forderte die Kinder auf, sich entschieden zu widersetzen, wenn man versuchen sollte, sie von der FARM zu vertreiben. Everrich aber wusste, dass die Regierung auf der Aussetzung bestehen würde. Zu viele Gelder waren inzwischen in das Projekt geflossen.

Er weinte jetzt viel. Die Kinder verstanden seine Tränen nicht, aber sie trösteten ihn, jedenfalls taten ihm ihre kleinen warmen Hände auf seinem Gesicht gut. In seiner Verzweiflung suchte Everrich schließlich seine alte Freundin Xenia auf, die er nicht mehr gesehen hatte, seit er in den Dienst der Regierung getreten war, was sie ihm nicht verzeihen konnte. Aber als sie seine Geschichte gehört hatte, versprach sie zu helfen.

Sie begleitete ihn auf die FARM. Dort lehrte sie die Kinder Zauberformeln. Jedes Kind bekam seine eigene Formel, einen eigenen Stein und eine eigene Pflanze. Nachdem die Kinder ihre Zauberformeln perfekt beherrschten, forderte Xenia sie eines Tages auf, diese laut vor sich her zu sagen, und zwar alle auf einmal. Dabei sollten sie den Stein in die linke und die Pflanze in die rechte Hand nehmen.

Der Zusammenklang aller gesprochenen Formeln bewirkte, dass die Kinder nach und nach unsichtbar wurden, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Als der nächste Vollmond am Himmel stand, schickte Everrich seine unsichtbare Armee in die Stadt. Dort passierten plötzlich die merkwürdigsten Dinge: Menschen fingen auf offener Straße an zu singen, weil sie plötzlich längst verschüttete Melodien im Ohr hatten, einige begannen gar zu tanzen, als hätte man ihnen die Glieder geschmiert. Und die Polizei, die bei derartigen Vergehen gewöhnlich zu Verhaftungen schritt, lachte sich aus unerklärlichen Gründen schlapp über das allgemeine Spektakel.

Innerhalb kürzester Zeit war in ERDENREICH nichts mehr wie gehabt. In den Bürotürmen explodierten die Computer und es dauerte nicht lange, da war ERDENREICHS Welt am Draht gekappt. In seinen verwaisten Straßen erwarteten die Kinder sehnsüchtig die erste Blume, die durch den Asphalt brechen würde, wie Xenia es ihnen prophezeit hatte. Sie würde blau sein. Diese blaue Blume, darin waren sich alle einig, würden sie Everrich aufs Grab legen, der in ihrer Revolution zu Tode gekommen war, als die Polizei auf alles und jeden schoss, den sie zwar spürten, aber nicht zu Gesicht bekamen.

PS: Dies ist ein Traum aus dem Jahre 1985, den ich damals den 248 nummerierten Gedanken zufügte, die erst 33 Jahre später als Buch unter dem Titel LA TRAVIATA erscheinen sollten. Er löst sich bis heute nicht auf, wenn die Erinnerung nach ihm greift.


Redaktioneller Hinweis: Die Weihnachtserzählung von Dirk C. Fleck erschien unter dem Titel „Die zauberhafte Revolution freier Kinder in Erdenreich – ein Weihnachtsmärchen“ bei Kenfm.de. Sie wurde von Neue Debatte übernommen. Links wurden ergänzt und einzelne Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Foto: Thought Catalog (Unsplash.com)

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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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