Unter dem Weihnachtsbaum: Der Hunger und die kannibalistische Weltordnung

Weihnachten gilt als Fest der Liebe und der Hilfsbereitschaft, dabei ist das ganze Jahr über kein Lebensbereich auszumachen, in dem nicht durch ehrenamtliches Engagement und private Spenden geholfen werden muss. In Deutschland sind die rund 580.000 Vereine (1), die sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Kunst, Kultur, Bildung, des Sports, des Umwelt- und Tierschutz, der Demokratiesierung et cetera einsetzen und die zahllosen Initiativen und Hilfsorganisationen, die sich um Bedürftige kümmern, ein Indiz für soziale Schieflagen und flächendeckenden Mangel. Verkürzt gesagt: Weder die Bürokratie, noch das Recht oder Politik und Wirtschaft halten die Gesellschaft zusammen, sondern der freiwillige persönliche Einsatz ist der Klebstoff im sozialen Gebilde.

Unglaubliche viele Menschen sind gewillt, temporäre Not und anhaltendes Elend zu lindern, belegt durch die Hilfs- und Spendenbereitschaft und die über 30 Millionen Freiwilligen, die sich in Deutschland ehrenamtlich engagieren (2). Dabei weiß praktisch jeder von ihnen, oder sollte es zumindest wissen, dass Hilfe nicht mit Abhilfe gleichzusetzen ist. Dies gilt vor allem für die Unterversorgung mit Nahrung.

Zum Fest der Liebe

In den Programmatiken der Hilfsorganisationen, die sich dem Hunger angenommen haben, ist in der Regel sinngemäß die Rede davon, dass, wenn schon die Lage schwierig und teilweise aussichtslos sei, Zuversicht vermittelt werden könne: Spenden zu Weihnachten sind zielführend. Wir selbst, jeder einzelne von uns, könne helfen, heißt es. Und niemand solle dabei vergessen, so klingt es aus den Ansprachen, wie gut es ihm doch geht im Europa des Wohlstands. Das stimmt, wenn auch der Überfluss eben nicht bei allen ankommt, sonst würden die rund 950 Tafeln in Deutschland wohl kaum Lebensmittel an über 1,6 Millionen Menschen ausgeben (3).

Während in allen Ecken des Globus Leid, Elend, Not und Hunger zu finden sind und erklärtermaßen so viele üble Lebenslagen existieren, kommt die Frage in den Sinn, warum die unhaltbaren Zustände nicht radikal beseitigt werden? Wieso wird an Syntomen herumgedoktert statt über die Ursache zu diskutieren, die en passant dafür sorgt, dass den Hilfsorganisationen die Aufgaben nicht ausgehen?!

Die Wurzel für den Mangel, die scheinbare Unmöglichkeit, Grundbedürfnisse wie Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und so weiter jedem erfüllen zu können, ist – und da wird kein Geheimnis verraten – in der kapitalistischen Wirtschafts- und Eigentumsordnung auszumachen. Verknappung, Unterversorgung oder die Erzeugung künstlichen Mangels sind Techniken, denen sich bedient wird, um Profit zu erzielen. Dieser wird zur alles beherrschenden Größe, weil im weltumspannenden Kapitalismus alles und jeder zur Ware wird: auch das Elend, die Not und der Hunger sind ein Geschäft.

Hilfsorganisationen erhalten staatliche Zuwendungen und sammeln Spendengelder, um ein Heer an Mitarbeitern zu unterhalten, die Hunger bekämpfen sollen – das System abzuschaffen, dass die Zustände verantwortet, ist nachrangig oder wird überhaupt nicht ins Kalkül gezogen, weil man sich dadurch selbst abschaffen würde. So wird der Mangel verwaltet und ein Business errichtet, vielleicht am treffendsten beschrieben mit dem Wort Hungerindustrie.

Man stelle sich vor, jeder Mensch hätte gleich viele Ressourcen zur Verfügung wie sein Nachbar; das wäre zwar revolutionär, ist aber unerwünscht, weil damit eine Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Menschen verbunden wäre, ein Anflug von Gerechtigkeit, fern angesiedelt von den jetzigen Besitzverhältnissen, die einer einfachen Logik folgen: Der Reichtum der wenigen ist die Armut der vielen.

Die Wenigen, das sind nicht etwa jene, die sich ein Häuschen mittels Kredit finanziert und einen Neuwagen auf Raten gekauft haben und diesen überschaubaren Besitz mit Reichtum verwechseln, sondern die kleine Schicht an Superreichen, die in der Corona-Krise noch reicher wird (4) und mehr Vermögen auf sich vereint als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Somit liegt eine Systematik von Hunger und Elend vor, die nicht verborgen bleibt. Ihr wird (gerade zu Weihnachten) mittels Spenden eine Art Absolution erteilt, während ein Bogen geschlagen wird um die Kernfrage, nämlich wie ein gesellschaftliches System aussehen müsste, damit es eben keinen Hunger und keine Not in der Welt gibt. Provokant gesagt: Die Verweigerung des Grundsätzlichen macht aus dem Fest der Liebe eine Party des Kapitals, eine riesige Dauerfete auf Kosten der Hungernden, ein Tanz ums Goldene Kalb an 365 Tagen im Jahr.

Die Totalität des Hungers

Weit über 810 Millionen Menschen auf der Welt leiden an Hunger. 24.000 verhungern jeden Tag, vor allem im globalen Süden. Dies sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass uns der Hunger viel näher ist, als einem lieb sein kann. Denn auch in den sogenannten reichen Ländern ist Hunger ein keineswegs unbekanntes Phänomen. Die Soester Tafel (5) beispielsweise schreibt auf ihrer Homepage:

“Mehrere tausend Menschen in Soest leben in Armut und haben kaum genug, das Nötigste zu kaufen.”

In der Corona-Krise entfaltet sich die Totalität des Hungers in Europa. In England versorgt inzwischen UNICEF Kinder mit Nahrungsmitteln (6). Die Maßnahmen gegen das Virus zerstören große Teile der lokalen und regionalen Ökonomie: Einzelhandel, Kleinbetriebe, Kulturveranstalter, Bars, Restaurants, Hotels und so weiter. Dies führt bei Millionen Menschen zum Verlust des Einkommens und treiben sie in die Armutsfalle. In Spanien haben Armut und Hunger ein ungekanntes Ausmaß erreicht (7). Die Schlangen an den Essensausgaben in Metropolen wie zum Beispiel Barcelona sind inzwischen mehrere Hundert Meter lang. Und auch der Tod muss als Randnotiz Erwähnung finden: Dauerhafte Armut verkürzt das Leben signifikant. Die Armen sterben über zehn Jahre vor den Reichen (8). Da mag man über die Zustände in der Dritten Welt gar nicht reden.

Unsere Nächsten im gesellschaftlichen Sinne, Mitmenschen in unserem Land, in unserer Stadt, unserer Nachbarschaft sind also von Hunger geplagt. Wie ist das möglich? Die individuelle Verwertung, ausgedrückt vor allem als Erwerbsarbeit, wird unter dem Eindruck zunehmender Automatisierung, Robotik und Rationalisierung immer schwieriger. Der Mensch wird als Kostenfaktor aus der Produktion verdrängt. Mieten und Energiekosten fressen bedeutende Anteile des Einkommens auf. Nennenswerte Rücklagen zu bilden, wird zunehmend schwieriger. Stagnierende Löhne, Preisdrückerei, Spekulation auf Nahrungsmittel und Wohnraum, dies alles sind Symptome eines zerstörerischen Systems, das den Profit vergöttert.

Wer beim Blick auf die umfassende Elendsproduktion und Elendsverwaltung Zweifel bekommt und sich einmal mit einer anderen Sichtweise befassen möchte, die eben keine Argumente für die Liebe zum Kapitalismus ins Feld führt, dem sei das Werk “Warum hungern Menschen in einer reichen Welt” von Hermann Lueer ans Herz und unter den Weihnachtsbaum gelegt. Der Inhalt (nicht nur) dieses Buches untermauert die These, dass für das verbreitete Elend und den Hunger die kapitalistische Eigentums- und Wirtschaftsordnung als Ursache zu identifizieren ist.

Die kannibalistische Weltordnung

Der Soziologe Jean Ziegler beschrieb unter anderem 2015 in einem Interview mit dem Magazin Trend (6) mit was es die Menschheit zu tun hat:

“(…) Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, die sich durch zwei Dinge auszeichnet: eine unglaublichen (sic!) Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht in den Händen weniger Oligarchen, die niemand kontrolliert, und enorme Ungleichheit unter den Menschen. Vergangenes Jahr haben die 500 größten Konzerne 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrolliert. Sie haben eine Macht, wie sie kein Kaiser, kein König und kein Papst je hatten. Weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen können sie kontrollieren. Sie sind unglaublich vital. (…) Wir leben unter der Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals. Dem Oxfam-Bericht 2014 nach besitzt ein Prozent der Menschen so viel wie die 99 übrigen zusammen. Gleichzeitig steigen in der südlichen Hemisphäre, wo zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, die Leichenberge. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren …”

Wer sich also auf die Fahne schreibt, den Hunger in der Welt beseitigen zu wollen, und sich ob der eigenen Glaubwürdigkeit und der Bewusstheit der Verantwortung willen nicht damit begnügt, eine Spende in einen Klingelbeutel zu werfen, der kommt gar nicht umher, die von Jean Ziegler formulierten Gedanken aufzugreifen und dem System die Kündigung auszusprechen. Für eine soziale Gesellschaftsordnung einzutreten, in der niemand vor vollen Schüsseln verhungern muss, um Profitgier zu befriedigen, ist vielleicht das bedeutendste Präsent, dass man der eigenen Persönlichkeit und seinen Mitmenschen als Weihnachtsgeschenk anreichen kann.


Leseempfehlung

Warum hungern Menschen in einer reichen Welt? (Buchcover: Hermann Luerr)

Warum hungern Menschen in einer reichen Welt?

Argumente gegen die Marktwirtschaft.

Band 1 aus der Reihe “Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative”

Autor: Hermann Lueer
Genre: Sachbuch
Sprache: Deutsch
Seiten: 239
Veröffentlichung: 2020
Verlag: Red & Black Books
ISBN: 978-3-9822065-1-6

Über den Autor: Hermann Lueer ist Publizist und Herausgeber kapitalismuskritischer Literatur. Zuletzt erschienen von ihm ‘Große Depression 2.0: Argumente gegen den Kapitalismus’ und ‘Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung’.


Quellen und Anmerkungen

(1) planet wissen (8.10.2018): Vereine in Deutschland. Auf www.planet-wissen.de/gesellschaft/organisationen/rotes_kreuz/pwievereineindeutschland100.html (abgerufen am 23.12.2020).

(2) Homepage: Ehrenamt Deutschland. Auf http://ehrenamt-deutschland.org (abgerufen am 23.12.2020).

(3) Homepage: Die Tafeln. Auf https://www.tafel.de (abgerufen am 23.12.2020).

(4) MERKUR (9.10.2020): Corona-Folgen für Superreiche: Studie zeigt überraschenden Effekt. Auf https://www.merkur.de/wirtschaft/corona-superreiche-milliardaere-studie-ubs-bmw-reimann-schwarz-klatten-quandt-bmw-bank-lidl-zr-90062869.html (abgerufen am 23.12.2020).

(5) Homepage: Soester Tafel. Auf www.soester-tafel.de (abgerufen am 23.12.2020).

(6) The Guardian (16.12.2020): Unicef to feed hungry children in UK for first time in 70-year history. Auf https://www.theguardian.com/society/2020/dec/16/unicef-feed-hungry-children-uk-first-time-history (abgerufen am 24.12.2020).

(7) Euro News (11.12.2020): Die “neue Armut”: Corona, das Brennglas für die Bruchstellen der Gesellschaft. Auf https://de.euronews.com/2020/12/11/die-neue-armut-corona-das-brennglas-fur-die-bruchstellen-der-gesellschaft (abgerufen am 24.12.2020).

(8) Deutschlandfunk (21.3.2019): Wie Armut und Gesundheit zusammenhängen. Auf https://www.deutschlandfunk.de/lebenserwartung-wie-armut-und-gesundheit-zusammenhaengen.1148.de.html?dram:article_id=444221 (abgerufen am 24.12.2020).

(9) TREND (Ausgabe 11/2015): Jean Ziegler: “Die Weltordnung ist kannibalistisch”. Auf (abgerufen am 24.12.2020).


Foto und Cover: Jo-Anne McArthur (Unsplash.com) und Hermann Lueer

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Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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