Francis Picabia – Die Rundung des Kopfes nutzen!

Von dem französischen Schriftsteller Francis Picabia stammt der wunderbare Satz, dass unser Kopf rund sei, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Bei Betrachtung unserer täglichen Routinen stellt sich sehr schnell heraus, dass es sich dabei nur um eine Möglichkeit, keinesfalls um eine Gewissheit handelt (1). Zu oft müssen wir feststellen, dass genau das nicht passiert: der Richtungswechsel.

Notwendige Veränderungen

In Zeiten sich einander ablösender Krisen wird deutlich, dass das Festhalten an alten Gewohnheiten und Denkstrukturen so etwas wie einen vermuteten Rettungsanker darstellt. Indem sich viele Menschen auf das fokussieren, was sie bereits kennen, offenbaren sie das Dilemma ihrer eigenen Existenz: Sie wollen an dem festhalten, was vertraut ist, weil sie meinen, es löse das Versprechen der Sicherheit ein.

Aber genau das ist es, was nicht mehr zu finden ist. Die Sicherheiten, von denen wir glauben, dass sie auch jenseits des Heute bestünden, tragen das Verhängnis bereits in sich. Das Altvertraute verhindert die Offenheit, die nötig ist, dem Neuen positiv zu begegnen.

In einer Gesellschaft, die sich trotz des hohen Entwicklungstempos in einer Selbstzufriedenheit badet, ist das Ausblenden notwendiger Veränderung sogar tödlich. Das Neue, das mit jedem Schritt in eine andere Richtung weist, kann nicht verarbeitet werden, wenn es von alten Narrativen zugedeckt wird.


Francis Picabia 1913. (Foto: Guillaume Apollinaire, veröffentlicht in Les Peintres Cubistes, gemeinfrei).
Francis Picabia 1913. (Foto: Guillaume Apollinaire, veröffentlicht in Les Peintres Cubistes, gemeinfrei).
Francis Picabia: "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." (Fotografie, aufgenommen zwischen 1910 und 1915, gemeinfrei.)
Francis Picabia: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ (Fotografie, aufgenommen zwischen 1910 und 1915, gemeinfrei.)

Genau das ist das Problem. Das immer dankbarste Feld für den Nachweis des beschriebenen Dilemmas ist die Politik. Übrigens egal wo, ob im sonnigen Westen oder im dunklen Osten, wo es angeblich nur morgens einmal kurz leuchtet. Wenn sich die Zeiten ändern, wie es so unkritisch heißt, dann werden alte Rezepte hervorgeholt, um die Welt abermals, allerdings trügerisch zu erklären. Das Ergebnis kann nichts anderes sein als eine große Enttäuschung. Denn das wissen wiederum alle: Nichts wird bleiben, wie es war. Auch wenn es dem innigen Wunsch nach Sicherheit widerspricht.

Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahlen wird, und um das vorauszusehen bedarf es keiner großartigen prognostischen Fähigkeiten, ein Almanach des Gewesenen entworfen werden. Man kann es auch anders formulieren:

Ist irgendwo eine politische Partei in Sicht, der zugetraut wird, eine Vision zu vermitteln, die in der Lage ist, Aufbruchstimmung zu erzeugen? Oder werden Ängste heraufbeschworen, um die Menschen der alten Ordnung gefügig zu machen? Das möge jede und jeder für sich selbst beantworten, und es stellt sich die Frage, ob die medialen Consultings bereits an einer neuen Illusion arbeiten, die die Politik dabei unterstützen wird. Man sollte nur eines nicht tun: Sich dem Trugschluss unterwerfen, dass eine Illusion gleichbedeutend mit einer Vision ist.

Francis Picabia – Die Rundung des Kopfes nutzen!

Die Analysen über die großen Entwicklungstendenzen liegen vor: Globalisierung, neue Herausforderungen aufgrund weltweiter Vernetzung, Produktionsweisen, Lieferketten, klimatische Veränderungen, Pandemien und Kriege. Viele der Stichpunkte umreißen sowohl das Problem als auch die Perspektive. Wer in diesem Konglomerat existenzieller Fragen mit den alten Milchmädchenrechnungen der Vergangenheit hausieren geht, appelliert lediglich an den Wunsch, alles möge wieder so werden, wie es einmal war.

Dass das nicht der Fall sein wird, ist bereits deutlich. Also besteht auch kein Grund, den Revisionisten, Nostalgikern und Schamanen erneut auf den Leim zu gehen. Erlauben Sie sich den Spaß, angesichts dessen, was bevorsteht, die einzelnen Akteurinnen und Akteure den erwähnten Kategorien zuzuordnen.

Bleibt, den klugen Satz Francis Picabias im Gedächtnis zu behalten und selbst zu versuchen, die Rundung des Kopfes zu nutzen, um die eigene Richtung zu ändern.


Quellen und Anmerkungen

(1) Francis-Marie Martinez Picabia (1879 bis 1953) war Schriftsteller, Maler und Grafiker. Er galt als exzentrischer Künstler. Picabia gründete in Barcelona die Dadazeitschrift 391 und machte so den Dadaismus in Europa bekannt. Die Zeitschrift erschien von 1917 bis 1924. Francis Picabia ordnete sich keinen stilistischen Dogmen unter und beeinflusste die moderne Kunst und vor allem den Dadaismus.


Fotos: Jakob Owens (Unsplash.com) sowie Guillaume Apollinaire (Fotografie von Francis Picabia, veröffentlicht in „The Cubist Painters, Aesthetic Meditations (Les Peintres cubistes)“, 1913) und Bild von Francis Picabia aufgenommen zwischen 1910 und 1915 (beide gemeinfrei).

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Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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