Street Art in London. Setzt sich Captain America für Wasser ein. (Foto: Walid Hamadeh, Unsplash.com)

Wasser: Die ultimative Handelsware

Der Gang von Wasser an die Börse ist das Ergebnis einer langen Reihe von Schritten. Am Anfang stand die “Petrolisierung des Wassers”. Sie kündigten es seit den 1970er-Jahren an.

Die “Petrolisierung des Wassers” (1) hat die Art und Weise bestimmt, wie wir uns Wasser in industrialisierten und “entwickelten” Gesellschaften vorstellen. So hat das schwarze Gold (Öl) im Jahr 2020 einen “offiziellen” Begleiter: das blaue Gold (Wasser).

Die Vermarktung von Wasser ist das zentrale Element der “Petrolisierung”. Öl ist eine Ware, Wasser ist zu einer Ware geworden. Öl ist eine nicht erneuerbare Ressource, Wasser ist erneuerbar, aber wir haben es zu einer qualitativ knappen und schwindenden Ressource für den menschlichen Gebrauch gemacht (2). Der wirtschaftliche Wert von Öl, der einzige, der in seinem Fall zählt, wird an der Börse ermittelt.

Die Energiepolitik unserer Gesellschaften wird nicht in erster Linie von der öffentlichen Hand entschieden, sondern durch den von den Finanzmärkten festgelegten Rohölpreis. Mit seiner Einführung an der Börse wird der Preis des Wassers, dessen Wert für das Leben weit über seinen wirtschaftlichen Nutzen hinausgeht, bald ein Weltmarktpreis sein. Die Weltwasserpolitik – auf regionaler und “nationaler” Ebene – wird von den (spekulativen) Finanzmärkten diktiert werden.

Die Kommerzialisierung des Mineralwassers ist noch schneller und massiver verlaufen. In nur wenigen Jahrzehnten ist Mineralwasser zum beliebtesten Handelsgut der Fernsehwerbung geworden. Die öffentliche Hand hat sich seiner Kontrolle entledigt, indem sie die Verwaltung seiner Nutzung und Erhaltung an große multinationale Unternehmen wie Nestlé, Danone, Coca-Cola, Pepsi-Cola … verkauft hat.

Die Privatisierung des Wassers …

Dann kam die Privatisierung des Wassers und seine Monetarisierung und Finanzialisierung (einschließlich des Bankwesens). Die öffentlichen Behörden haben wenig zu sagen. Sie befinden sich in vielen Ländern in einer untergeordneten Position, seit die Entscheidungsbefugnisse nach der Privatisierung der Wasserwirtschaft in die Hände privater Unternehmen übergegangen sind, für die Wasser ein rein nutzbringendes Produkt ist.

In der Europäischen Union wurden mit der Verabschiedung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000 die eigentlichen Entscheidungsbefugnisse im Bereich Wasser den Interessengruppen übertragen (3), deren Entscheidungen insbesondere bei den Versorgungsunternehmen und auf jeden Fall bei den börsennotierten Wasserunternehmen von den Aktienmärkten bewertet und beurteilt werden.

Die Finanzialisierung des Wassers begann formell mit der Gründung des ersten auf Wasser spezialisierten Investmentfonds, dem Wasser-Fonds, im Jahr 2000 durch Pictet, die zweitälteste Schweizer Privatbank. Dieser Fonds investiert in Unternehmen, die im Wassersektor tätig sind, insbesondere im Bereich der Wasserqualität. Seitdem haben sich die “blauen” Investmentfonds vervielfacht und mit ihnen die spezialisierten Wasser-Börsenindizes.

Darüber hinaus wurde mit dem Wasser-Banking ein wichtiger Schritt im allgemeinen Kontext des neuen Trends die Natur ökonomisch nutzbarzumachen unternommen, der vom zweiten Weltgipfel in Johannesburg im Jahr 2002 befürwortet und dann vom dritten Weltgipfel in Rio de Janeiro im Jahr 2012 verabschiedet wurde.

Unter “Wasser-Banking” versteht man die Unterbrechung der Wasserlieferung für bestimmte Zeiträume, indem man entweder das Recht, das Wasser in der Zukunft zu nutzen oder es für die Nutzung durch andere zu speichern, gegen Zahlung oder Lieferung in Naturalien reserviert. “Wasserbanken” sind in den Vereinigten Staaten, insbesondere in Kalifornien und in Spanien recht weit verbreitet, haben aber nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht. Das Thema war Gegenstand eines “militanten” Films, der bei Publikum und Kritikern gleichermaßen gut ankam (siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Banking_Nature).

Wasser an der Börse

Von der Lebensquelle und dem Erbe der Menschheit zu spekulativer Profitquelle und privatem Finanzvermögen: Die vollständige Finanzialisierung des Wassers wurde am 7. Dezember mit der Einführung der ersten Wasser-Terminbörsen (Futures) an der Chicagoer Börse (CME – Chicago Mercantile Exchange, der weltweit führenden Börse in diesem Sektor) vollzogen.

Futures sind Termingeschäfte, bei denen sich die Kontrahenten (Käufer und Verkäufer) darauf einigen, eine Ware zu einem festgelegten Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis (dem sogenannten “Futures-Preis”) zu tauschen. Sie gehören zu den sogenannten “Derivaten”, die eine neue Phase der Finanzspekulation im globalen Maßstab eröffnet haben.

Der spekulative Charakter dieser Produkte spiegelt sich in der Tatsache wider, dass Futures nicht die physische Lieferung des Rohstoffs beinhalten. So ist es zum Beispiel bei Öl-Futures möglich, dass sich der Preis für die gekaufte/verkaufte Menge Rohöl unzählige Male ändert, ohne dass das Öl physisch den Besitzer wechselt.

Bei Wasser-Futures wird eine Million m³ nigerianisches Wasser, das einer Schweizer Bank gehört, von einem holländischen Handelsvertreter verwaltet wird und für ein kalifornisches landwirtschaftliches Produktionsunternehmen bestimmt ist, nicht nur mehrfach die Besitzer und Käufer und vor allem den Preis wechseln, sondern Nigeria bis zum Ablauf des Vertrages nie verlassen haben.

Im Prinzip wurden die Futures erfunden, um die Preisschwankungen bei Finanzprodukten zu bekämpfen. In Wirklichkeit haben sie nur dazu beigetragen, deren Schwankungen in einem perfiden Prozess zu erhöhen, den das System nicht mehr aufhalten kann, aus Angst, das Ganze in Turbulenzen zu stürzen. Vor ein paar Jahren bezeichnete selbst die Financial Times Derivate, insbesondere Futures, als den Blutegel der Wirtschaft.

Wie ist es möglich, dass die Finanz- und Wirtschaftsführer bei einer derart negativen Bilanz nicht das Handtuch werfen und die politischen Kräfte nichts dagegen unternehmen?

Die Wahrheit ist, dass sowohl die Ersteren als auch die Letzteren keinen Rückzieher machen können, da sie davon überzeugt sind, dass die Finanzialisierung des Lebens in all seinen Formen ein wirksames Instrument ist, um im weltweiten Maßstab die “Steuerung” der Beziehungen zwischen den Menschen zu rationalisieren und zu standardisieren und um effiziente Beziehungen zwischen den Menschen und den anderen lebenden Arten auf dem Planeten zu fördern. Sie glauben nicht mehr an universelle Rechte auf Leben, Gesundheit, Wasser, Nahrung, Wohnung. Sie glauben nicht an kollektive Weisheit, Pflichten und Verantwortung, an demokratische Institutionen, den Staat, Behörden, gewählte Parlamente, an Unentgeltlichkeit und an den Geist der Gemeinschaft des Lebens.

Sie glauben vor allem an finanzielle Werte, an die Kapitalisierung an der Börse, an Rating-Unternehmen, an Stakeholder, an Märkte, an Techno-Experten, an Manager, an technologisierte Finanzen, die Finanztransaktionen auf die Millionstelsekunde genau ermöglichen, an das ‘Black Sunlight’ der Spekulation und an Steuerparadiese.

Der Börsengang ist ein neues Unglück der letzten Jahrzehnte, ausgelöst durch die Technik- und Finanzgroßmächte. Die Eroberung der Technologie und die Beherrschung des Finanzwesens sind die beiden Seiten der globalen Maschinerie, die das Leben auf der Erde in den Händen der Herrschenden (im weitesten Sinne: weniger als 15 % der derzeitigen Weltbevölkerung) erobert und gehalten hat.

Wasser muss vor der technokratischen Finanzwirtschaft gerettet werden. Der Eintritt von Wasser als Rohstoff in die Börse ist nicht nur eine Demonstration des Scheiterns des kapitalistischen Wirtschaftssystems der Zweckgesellschaft, sondern es ist eine Niederlage der Humanität. Es ist das Ende des wichtigsten öffentlichen Gemeingutes des Lebens, zusammen mit der Luft. Wir haben es akzeptiert, dass die Spekulation den Sinn der Lebensgrundlage verkümmern lässt. Wenn der letzte Tropfen den höchsten finanziellen Wert aller Zeiten hat, was werden wir dann trinken, was werden wir anbauen?

Historisch gesehen ist die Maschinerie der Herrschaft immer früher oder später zusammengebrochen. Wir wissen nicht, wie und wann die aktuelle Maschinerie zerbrechen wird. Es ist jedoch sicher, dass, wenn die Bewohner*innen der Erde rebellieren und für die Befreiung des Lebens kämpfen, der Zeitrahmen verkürzt werden kann und der Bruch schneller erfolgen wird, was zu einem wirklichen Umsturz der Welt im Interesse der 85 % der Weltbevölkerung führt, die derzeit ausgeschlossen sind.


Quellen und Anmerkungen

Zur Überschrift: “Die ultimative Handelsware” Titel eines Artikels von James E. McWhinney, in Water: The Ultimate Commodity. Investopedia, Special Feature, ‘Green Investing’, 3. November 2010.

(1) Ich sprach zum ersten Mal von der “Petrolisierung” des Wassers in dem Buch Le manifeste de l’eau, Edition Labor, Brüssel, 1998, S.69. Siehe die englische Übersetzung, The Water Manifesto, Zed Books, London und New York, 2001, S. 54-55.

(2) Nicht umsonst ging es an die Börse. McWhinney selbst, im Sternchen zitiert, erklärte 2010, warum sich die Finanzakteure immer mehr für Wasser interessierten: “Wie jede andere Knappheit schafft auch die Wasserknappheit – und wir befinden uns heute in einem Zustand allgemeiner Knappheit an gutem Wasser für den menschlichen Gebrauch – Investitionsmöglichkeiten.” So viel zum Schutz und zum Streben nach Wassersicherheit für alle! In unserer Wirtschaft ist das, was den Dingen Wert verleiht, ihre Knappheit und Unsicherheit.

(3) Die zentrale Rolle, die die Europäische Union den Stakeholdern zuweist, habe ich in Memorandum sur la Politique européenne de l’eau, IERPE, Brüssel, November 2013, S. 89-97, analysiert.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Riccardo Petrella erschien unter der Überschrift “Wasser als ‘die ultimative Handelsware’ kann jetzt an der Börse gehandelt werden” bei unserem Kooperationspartner Pressenza. Der Artikel ist auch auf Englisch, Französisch, Italienisch verfügbar. Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Elena Heim vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Pressenza sucht Freiwillige! Mehr Informationen …


Foto: Walid Hamadeh (Unsplash.com)

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Politologe, Soziologe und Menschenrechtsaktivist

Riccardo Petrella (Jahrgang 1941) ist Politologe, Soziologe und Menschenrechtsaktivist. Er ist Doktor der Politikwissenschaften der Universität Florenz und Ehrendoktor der Universitäten Umea (Schweden), Roskilde (Dänemark), KUB (Belgien), Polytechnische Fakultät von Mons (Belgien), Montréal, Quebec (Kanada), Institut Polytechnique de Grenoble (Frankreich), Università Nazionale di Rosario (Argentinien) und der Universität Corsica (Frankreich). Seine aktuelle Position ist emeritierter Professor der Université catholique de Louvain (Belgien) sowie Präsident des Europäischen Instituts für Recherchen zur Wasserpolitik (IERPE) in Brüssel und Präsident der "Università del Bene Comune" (UBC), einer gemeinnützigen Vereinigung mit Sitz in Anversa (Belgien) und Sezano, Verona (Italien). Riccardo Petrella ist Autor zahlreicher Bücher und Publikationen, eines seiner bedeutendsten Werke ist "Wasser für alle: ein globales Manifest" (2001). Er engagiert sich unter anderem im Rahmen der Kampagne "Banning Poverty 2018". Petrella stammt ursprünglich aus La Spezia (Italien), lebt heute in Belgien und veröffentlicht unter anderem bei Pressenza.

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