Drohnenmord wurde zur Normalität

Wenn ich bei Google nach den Worten “Drohnen” und “Moral” suche, sind die meisten Suchergebnisse aus den Jahren 2012 bis 2016. Wenn ich nach “Drohnen” und “Ethik” suche, erhalte ich einen Haufen Artikel aus den Jahren 2017 bis 2020. Das Lesen der verschiedenen Websites bestätigt die naheliegende Annahme, dass (in der Regel, abgesehen von einigen Ausnahmen) “Moral” das ist, was die Leute erwähnen, wenn eine bösartige Praxis noch schockierend und verwerflich ist, während “Ethik” das Wort ist, was sie verwenden, wenn sie über einen normalen, wohl unvermeidlichen Teil des Lebens sprechen, den man in die allerbeste Form pressen muss.

Ich bin alt genug, um mich an die Zeit zu erinnern, als Drohnenmorde schockierend waren. Ach, ich erinnere mich sogar an ein paar Leute, die sie als Morde bezeichneten.

Natürlich gab es immer auch jene, die sich aufgrund der politischen Partei des jeweiligen US-Präsidenten dagegen aussprachen. Und es gab immer diejenigen, die glaubten, dass es in Ordnung wäre, wenn die Air Force Menschen mit Raketen in die Luft sprengt, wenn sie nur einen Piloten in das Flugzeug setzen würde.

Schon ziemlich früh gab es diejenigen, die bereit waren, Drohnenmorde zu akzeptieren, aber sie zogen die Grenze bei solchen Drohnen, die Raketen abfeuern sollten, ohne dass einem jungen Rekruten in einem Wohnwagen in Nevada befohlen wurde, einen Knopf zu drücken. Und natürlich gab es sofort Millionen von Fans von Drohnenkriegen, “weil bei Drohnenkriegen niemand verletzt wird”. Aber es gab auch Entsetzen und Empörung.

Einige waren beunruhigt, als sie erfuhren, dass die meisten Ziele von “Präzisionsdrohnenangriffen” ihnen völlig unbekannte Menschen waren, und dass noch mehr nur das Pech hatten, zur falschen Zeit in der Nähe dieser unbekannten Personen zu sein, oder andere Opfer versucht hatten, den Verwundeten zu helfen und beim zweiten Angriffs des “Doppelschlages” in die Luft gesprengt wurden.

Einige von denjenigen, die erfuhren, dass die Drohnenmörder ihre Opfer beschrieben im Sinne von “Bug Splat” (Anm. d. Ü.: Wanze klatschen), waren angewidert. Diejenigen, die entdeckten, dass sich unter den vorgefundenen Zielen Kinder und Menschen befanden, die leicht hätten verhaftet werden können, und diejenigen, die bemerkten, dass das ganze Gerede von Strafverfolgung völliger Unsinn gewesen war, da kein einziges Opfer überführt oder verurteilt und praktisch keines angeklagt wurde, äußerten Bedenken. Andere störten sich an dem Trauma, das diejenigen erlitten, die an den Drohnenmorden beteiligt waren.

Selbst Juristen, die bereit waren, die Unrechtmäßigkeit des Krieges zu ignorieren, waren damals dafür bekannt, Drohnenmorde als Morde zu bezeichnen, wenn diese nicht Teil des Krieges waren – denn der Krieg ist ein heiliges Reinigungsmittel, das sogar Mord in etwas Edles verwandelt. Selbst Hypermilitaristen, die die Nationalhymne aus jeder Pore pfeifen, machten sich damals Sorgen darüber, was passieren würde, wenn Geschäftemacher die ganze Welt mit ähnlichen Drohnen ausstatten würden, so dass nicht mehr nur die Vereinigten Staaten (und Israel) Menschen mit Drohnen töten könnten.

Und es gab einen echten Schock und Entrüstung über die tatsächliche Unmoral des Ermordens von Menschen. Das geringe Ausmaß der Drohnenmorde schien sogar einigen die Augen für den Horror des größeren Ausmaßes der Kriege zu öffnen, von denen die Drohnenmorde ein Teil waren. Dieser Schockeffekt hat offenbar dramatisch nachgelassen.

Ich meine in den Vereinigten Staaten. In den Ländern, in denen die Drohnen zum Einsatz kommen, wird die Wut nur noch größer. Diejenigen, die unter dem unaufhörlichen Trauma endlos summender Drohnen leben, die ihnen jeden Augenblick mit der sofortigen Vernichtung drohen, haben sich damit noch nicht abgefunden.

Als die Vereinigten Staaten einen iranischen General ermordeten, schrien die Iraner “Mord!” Die kurzzeitige Wiederaufnahme der Drohnenmorde in das Informationssystem der USA vermittelte vielen Leuten einen falschen Eindruck, nämlich dass Raketen dazu geeignet seien, bestimmte Personen ins Visier zu nehmen, die als Feinde bezeichnet werden können, die erwachsen und männlich sind und die Uniformen tragen. Nichts davon ist wahr.

Das Problem ist das Morden, der rücksichtslose Mord an Tausenden von Männern, Frauen und Kindern, insbesondere der Mord durch den Abschuss von Raketen – ob von Drohnen oder anderen. Und das Problem wächst. Es wächst in Somalia. Es wächst im Jemen. Es wächst in Afghanistan. Einschließlich der nicht-drohnenbedingten Morde durch Raketen nimmt es zu in Afghanistan, dem Irak und in Syrien. Es ist immer noch in Pakistan. Und in kleinerem Maßstab ist es an Dutzenden weiterer Orte.

Bush hat es getan. Obama hat es in einem größeren Ausmaß getan. Trump tat es in einem noch größeren Ausmaß. Der Trend kennt keine Parteilichkeit, aber die geschickt geteilte und beherrschte U.S.-Öffentlichkeit weiß kaum etwas davon. Die Lutscher – äh, Mitglieder – beider Parteien haben durchaus einen Grund, sich nicht gegen das zu stellen, was ihre bisherigen Anführer getan haben. Doch es gibt immer noch einige unter uns, die bewaffnete Drohnen verbieten wollen.

Obama verlegte Bushs Kriege vom Land in die Luft. Trump setzte diesen Trend fort. Biden scheint geneigt zu sein, denselben Trend noch weiter voranzutreiben. Aber ein paar Dinge könnten den Widerstand der Öffentlichkeit hervorrufen.

Ersten: Polizei und Grenzschützer und Gefängniswärter und alle uniformierten Sadisten im Vaterland wollen bewaffnete Drohnen und sie wollen sie einsetzen, und sie werden in Kürze eine schreckliche Tragödie an einem Ort verursachen, der in den US-Medien eine Rolle spielt. Wir müssen alles tun, um das zu verhindern, aber wenn es passiert, wird es vielleicht die Menschen darauf aufmerksam machen, was anderen Menschen in all den Ländern zugefügt wird, die nicht das unersetzliche Land sind.

Zweitens: Die Anhörungen zur Bestätigung oder Ablehnung von Avril Haines als Direktorin der Nationalen “Intelligence” (Anm. d. Ü.: Zusammenschluss der 17 US-amerikanischen Nachrichten- bzw. Geheimdienste) können dazu genutzt werden, sich auf ihre Rolle bei der Rechtfertigung von rechtswidrigen Drohnenmorden zu konzentrieren. Wir müssen alles tun, was wir können, damit das passiert.

Drittens: Präsident Johnson versuchte die Umstellung auf den Luftkrieg. Nixon setzte die Verschiebung auf den Luftkrieg fort. Und schließlich weckte ein großer kultureller Wandel dennoch genug Leute auf, um Nixon wegen seines unsinnigen Siegesplans rauszuwerfen und das Gesetz zu schaffen, das nun den Krieg im Jemen beenden wird (Anm. d. Ü.: Der US-Kongress will ein Ende der Unterstützung für Saudi-Arabien im Jemen-Krieg und den Abzug der Truppen. Dies scheiterte bisher am Veto von US-Präsident Donald Trump.) Wenn unsere Eltern und Großeltern das tun konnten, warum zum Teufel können wir das nicht?


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von David Swanson erschien im englischen Original unter der Überschrift “Drone Murder Has Been Normalized” auf seinem Blog www.davidswanson.org. Er wurde von CO-OP News übersetzt, von unserem Kooperationspartner Pressenza ebenfalls veröffentlicht und von Neue Debatte übernommen. Einzelne Abschnitte wurden überarbeitet und Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Fotos: Cleyton Ewerton (Unsplash.com) und BanWeaponizedDrones.org

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Um nicht lang herumzureden: Es geht um Mord. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat festgestellt, dass der Einsatz von Drohnen gegen die Zivilbevölkerung den Strafbestand des Mordes ausmacht.

Autor, Aktivist, Journalist und Radiomoderator bei | Webseite

David Swanson ist Autor, Aktivist, Journalist und Radiomoderator. Außerdem ist er Direktor von http://www.worldbeyondwar.org und Kampagnenkoordinator für http://www.rootsaction.org. Als Autor veröffentlichte er zahlreiche Bücher, darunter "War is a Lie" (Krieg ist eine Lüge; 2010), "When the World Outlawed War" (2011) und "The Military Industrial Complex at 50" (2012). Er verfasst Blogs unter http://www.davidswanson.org und http://www.warisacrime.org. Er moderiert für Talk Nation Radio. 2015 war er für den Friedensnobelpreis nominiert, 2018 wurde er von der US-amerikanischen Peace Memorial Foundation mit dem Friedenspreis ausgezeichnet.

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