Zur guten Unterhaltung durch Krieg im Kino gehört Coke und Popcorn. (Foto: Corina Rainer, Unsplash.com)

Sind Sie bereit für den totalen (ideologischen) Krieg?

Also, willkommen im Jahr 2021! Wenn die letzte Woche ein Zeichen gewesen ist, wird es ein ziemlich aufregendes Jahr werden. Es wird das Jahr sein, in dem GloboCap alle daran erinnert, wer eigentlich das Sagen hat und die “Normalität” auf der ganzen Welt wiederherstellt oder zumindest versucht, die “Normalität” wiederherzustellen oder die “Neue Normalität” oder den “Great Normal Reset”, oder “Den neuen normalen Krieg gegen den inländischen Terror” … oder wie auch immer sie sich letztendlich entscheiden, es zu nennen.

Unabhängig davon, wie sie es nun nennen werden, hat GloboCap genug von diesem Spielchen. Sie haben die Nase voll von diesem ganzen “Populismus”-Gequatsche, das seit vier Jahren im Umlauf ist. Ja, genau, die Party ist vorbei, ihr von Russland unterstützten weißen supremistischen Terroristen! Ihr Trump-liebenden, Anti-Masken-Großmütter-Mörder! Ihr Anti-Virus- und Wahlbetrugs-Verschwörungstheoretiker!

Ihr Abweichler, die ihr euch weigert, Befehle zu befolgen, tragt endlich die verdammten Masken, wählt, was immer sie euch sagen und glaubt, was auch immer für eine unsinnige Propaganda sie offiziell in eure Köpfe gießen!

Oh, ja, diesmal habt ihr es wirklich geschafft! Ihr habt das gottverdammte US-Kapitol gestürmt. Sie und Ihre rassistische, von Russland unterstützte Armee von Bisonhut tragenden halbnackten Schauspielern haben sich in die Urkräfte von GloboCap eingemischt, und jetzt, bei Gott, werden Sie büßen! Nein, versuchen Sie nicht, die Verbrechen zu verharmlosen. Ihr habt ein Gebäude ohne Erlaubnis betreten! Das Gebäude, in dem Amerika Demokratie simuliert! Ihr seid da drin herumgelaufen und habt alberne Fahnen geschwenkt! Ihr seid in den Plenarsaal gegangen, in die Büros der Abgeordneten! Einer von euch hat sogar seine dreckigen populistischen Füße auf Pelosis Schreibtisch gelegt … AUF IHREN SCHREIBTISCH! Diese Aggression wird man nicht dulden!

Okay, bevor ich mit dem Essay weitermache, muss ich meinen Stammlesern noch erklären (falls es nicht schon klar war), dass ich beschlossen habe, jedem Wort, das ich jemals zu Papier gebracht habe, und all meinen Prinzipien und meinem gesunden Menschenverstand abzuschwören, um mich dem Rest meiner alten linken und liberalen Freunde in der Orgie des Online-Hasses und der Empörung anzuschließen, der sie sich momentan sinnlos hingeben.

Ja, mir ist klar, dass das ein Schock ist, aber ich habe die GloboCap-Schrift an der Wand gesehen, und ich möchte nicht … Sie wissen schon, ideologisch “gesäubert” oder des “Extremismus” oder des “Aufruhrs” oder des “Inlandsterrorismus” oder des “Populismus” oder was auch immer angeklagt werden. Ich habe schon genug Ärger, weil ich nicht bei ihrer “apokalyptischen Plage” mitspiele, und außerdem bin ich ganz sicher kein Märtyrer, und ich muss schließlich an meine Karriere in der Kunst denken, also habe ich beschlossen, auf meinen inneren Feigling zu hören und mich dem gänsehauterzeugenden global-kapitalistischen Mob anzuschließen, deshalb klingt diese Kolumne etwas untypisch.

Schauen wir zurück, in die alten Tage vor meiner Bekehrung, ich hätte mich über meine liberalen Freunde lustig gemacht, weil sie diese “Erstürmung” des Kapitols einen “Staatsstreich” oder einen “Aufstand” nannten und forderten, dass die Demonstranten als “inländische Terroristen” verfolgt werden.

Ich hätte sie wahrscheinlich ein bisschen dafür gescholten, dass sie ins Internet gegangen sind und ihren Hass auf die unbewaffnete Frau, die von der Polizei erschossen wurde, ausgeschüttet haben wie ein Rudel seelenloser, totalitärer Schakale. Ich hätte vielleicht sogar eine Anspielung auf die berüchtigte Szene in “Schindlers Liste” gemacht, in der die Menge der “normalen” deutschen Bürger lacht und johlt, als die Juden von den Nazischlägern ins Ghetto abtransportiert werden.

Aber jetzt, wo ich das Licht gesehen habe, erkenne ich, wie falsch und gemein das gewesen wäre. Eindeutig, unbefugtes Betreten des US-Kapitols ist ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft werden sollte. Und die heutigen amerikanischen Liberalen mit den “guten Deutschen” während der Nazizeit zu vergleichen, ist so empörend, dass … nun, es sollte wahrscheinlich zensiert werden. Also, gut, dass ich mich entschieden habe, das nicht zu tun! Außerdem war die Frau eine “hingebungsvolle Verschwörungstheoretikerin”, also hat sie bekommen, was sie verdient hat, richtig? (“Dumme Spiele spielen, dumme Preise gewinnen” war das offizielle liberale Motto).

In der Tat (und ich hoffe, meine liberalen Freunde lesen dies hier immer noch), die Polizei hätte den gesamten Haufen erschießen müssen! Alle diese von den Russen unterstützten Nazi-Aufständischen hätten gleich an Ort und Stelle niedergeschossen werden sollen, vorzugsweise von muskelbepackten Firmensöldnern und CIA-Scharfschützen in Black-Hawk-Hubschraubern mit großen Facebook- und Twitter-Logos darauf! Wirklich, alle, die unerlaubt im Kapitol Gebäude (die wie eine Kathedrale ist) gewesen sind oder nur auf den Protest, trugen einen MAGA Hut. Sie sollten als “inländische weiß-supremacist Terroristen” von den Bundesbehörden gejagt und angeklagt werden, im Froschmarsch dann über den Black Lives Matter Plaza, und erschossen, ins Gesicht, live, im Fernsehen, so dass alle zusehen können und heulen an ihren Bildschirmen wie in den Zwei-Minuten-Hass in 1984 (Anm. d. Übers.: In George Orwells Roman 1984 ist “two minutes hate” ein tägliches Ritual.). Damit würden wir diesen “Aufrührern” eine Lektion erteilen!

Oder sie könnten sie in einem dieser mit Firmenlogo gebrandeten Stadien erschießen! Wir könnten es zu einem im Fernsehen übertragenen wöchentlich Ereignis machen. Es ist ja nicht so, als gäbe es einen Mangel an Trump-unterstützenden “inländischen Terroristen”. Sie könnten jede Woche ein anderes Stadion benutzen, den Ort mit großen “New Normal”-Bannern schmücken, Musik spielen, Reden halten, das ganze Drumherum. Alle müssten natürlich Masken tragen und sich strikt an die soziale Distanz halten. Die Leute könnten ihre Kinder mitbringen und einen schönen Ausflug daraus machen.

Wie mache ich mich bisher, linke und liberale Freunde? Neee? Noch nicht fanatisch und hasserfüllt genug?

Okay, was muss ich tun, um Sie davon zu überzeugen, dass ich meine Meinung geändert habe, dass ich meine Einstellung geändert habe und dass ich mit dem Totalitarismus der “Neuen Normalität” völlig einverstanden bin? Trump? Klar, ich kann Trump machen. Ich hasse ihn! Er ist Hitler! Er ist ein russischer Hitler! Er ist ein russischer, weißer, rassistischer Hitler!

Ja, ich weiß, ich habe die letzten vier Jahre damit verbracht, darauf hinzuweisen, dass er nicht wirklich Hitler ist oder ein russischer Agent, und dass er wirklich nur derselbe lächerliche, narzisstische Clown ist, der er schon immer war, aber ich lag falsch. Er ist gewiss nicht nur ein erbärmlicher alter Wichtigtuer ohne einen einzigen mächtigen Verbündeten in Washington, der keinen wirklichen Putsch inszenieren könnte, sobald Putin jeden blauen Staat auf der Landkarte atomisiert hat.

Nein, ich erschaudere vor seiner überwältigenden Macht. Vergessen Sie, dass er gerade von Facebook, Twitter und zahlreichen anderen Unternehmensplattformen verbannt und von den Konzernmedien, dem internationalen politischen Establishment, den Geheimdiensten und dem Rest von GloboCap seit dem Tag, an dem er den Amtseid geleistet hat, lächerlich gemacht wurde. Vergessen Sie die Tatsache, dass, obwohl er die nuklearen Abschusscodes in seinen winzig kleinen Händen hält und Oberbefehlshaber des US-Militärs ist, das meiste, was er tun konnte, um seine Ablösung infrage zu stellen, war, einen Arsch voll hoffnungsloser Klagen einzureichen und im Oval Office herumzusitzen, Cheeseburger zu essen und in die Nacht zu twittern.

Nein, nichts davon bedeutet etwas, nicht solange er immer noch die Macht hat, ein paar Dutzend verärgerte Amerikaner zu “ermutigen”, in das Kapitol zu stürmen (oder in aller Ruhe zu gehen), sich auf den Stuhl des Vizepräsidenten zu setzen und Selfies zu machen!

Schauen Sie, der Punkt ist, ich hasse ihn. Und ich hasse seine Unterstützer. Ich hasse jeden, der ihn und seine Unterstützer nicht hasst. Ich hasse jeden, der keine Maske tragen will. Ich hasse die Republikaner. Ich hasse die Russen. Ich hasse alle, die sich nicht impfen lassen wollen. Mein Gott, wie ich sie hasse! Ich bin so voll mit Hass und hirnloser Wut, dass es mich verrückt macht.

Ich bin so voll von selbstgerechtem Hass, Propaganda und produzierter Hysterie, dass, wenn Rachel Maddow, oder Chris Hayes, oder wer auch immer, mir sagen würde, dass es Zeit ist, sie alle zusammenzutreiben, diese “inländischen Terroristen”, diese “Aufständischen”, diese “Verschwörungstheoretiker”, diese “Anti-Masken-Extremisten” (und alle anderen, die uns nicht gehorchen wollen), und sie auf Züge zu setzen und sie in Lager zu schicken, ich wäre wahrscheinlich damit einverstanden.

Wie mache ich mich, Liberale? Bin ich wieder im Club? Weil, ich habe es verstanden. Ich schwöre es! Ich bin geheilt! Gelobt sei Gott! Ich bin bereit, mit anzupacken und meinen Teil zu tun. Ich glaube an den Endsieg von GloboCap! Ich bin bereit, zehn, zwölf oder vierzehn Stunden am Tag zu arbeiten, wenn unsere Führer es mir befehlen und alles für den Sieg von GloboCap zu geben! Ich bin bereit für einen totalen ideologischen Krieg … einen ideologischen Krieg, der totaler und radikaler ist als alles, was ich mir überhaupt vorstellen kann!

Sicher, unsere imaginären Feinde sind furchterregend (und dieser Krieg wird wahrscheinlich ewig dauern … oder zumindest bis zum Ende des globalen Kapitalismus), aber, um es mit den Worten eines unserer größten liberalen Helden, George W. Bush, zu sagen: “Los gehts!”


Redaktioneller Hinweis: Der satirische Beitrag wurde im englischen Original unter dem Titel “Are You Ready for Total (Ideological) War?” von C. J. Hopkins unter anderem auf Consent Factory publiziert. Er wurde von Neue Debatte sinngemäß übersetzt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Wir danken dem Autor für die Zustimmung zur Veröffentlichung.


Noch mehr Essays von C. J. Hopkins

The War on Populism Consent Factory Essays 2018-2019. (Buchcover: C. J. Hopkins)

The War on Populism

Consent Factory Essays, Vol. II (2018-2019)

Autor: C. J. Hopkins
Genre: Politik/Satire
Sprache: Englisch
Seiten: 194
Veröffentlichung: 2020
Verlag: Consent Factory Publishing
ISBN: 978-3-9821464-1-6

Über das Buch: Im zweiten Band seiner Consent Factory Essays setzt der Politsatiriker C. J. Hopkins seine Berichterstattung über die Reaktion der Mainstream-Medien und des politischen Establishments auf die Präsidentschaft von Donald Trump und den sogenannten “neuen Populismus”, der ihn ins Amt brachte, respektlos fort: “Urkomisch … wütend … Pflichtlektüre …” (Matt Taibbi, Rolling Stone). Die Essays von C. J. Hopkins decken den Wahnsinn der Jahre 2018 und 2019 auf: Russiagate, Massen-“Faschismus”-Hysterie, der neue McCarthyismus, der Krieg gegen Andersdenkende, die Hitlerisierung von Jeremy Corbyn, die Dämonisierung der Arbeiterklasse, Identitätspolitik und der ganze Rest des Krieges des Establishments gegen den Populismus.


Fotos: Corina Rainer (Unsplash.com) und Consent Factory Publishing

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Dramatiker, Romanautor und politischer Satiriker | Webseite

C. J. Hopkins ist ein US-amerikanischer preisgekrönter Dramatiker, Romanautor und politischer Satiriker. Bekannt sind außerdem seine Werke "Horse Country" (2004), "screwmachine/eyecandy" (2007) und "The Extremists" (2010). Seine Stücke wurden aufgeführt an Theatern und bei Festivals, darunter beispielsweise die Riverside Studios (London), 59E59 Theaters (New York), Traverse Theatre (Edinburgh), Belvoir St. Theatre (Sydney), das Du Maurier World Stage Festival (Toronto), Needtheater (Los Angeles), 7 Stages (Atlanta), Edinburgh Festival Fringe, Adelaide Fringe, Brighton Festival und das Noorderzon Festival (Niederlande). Mehrfach wurde C. J. Hopkins ausgezeichnet für seine Leistungen: First of the Scotsman Fringe Firsts (2002 ), Scotsman Fringe Firsts (2002 und 2005) sowie 2004 (Adelaide Fringe) für das beste Stück. Seine politischen Satiren und Kommentare wurden von Consent Factory, RT.com, OffGuardian, ZeroHedge, ColdType, The Unz Review, CounterPunch, Dissident Voice, ZNet, Black Agenda Report und anderen Publikationen veröffentlicht und vielfach übersetzt. Sein Debütroman "Zone 23" wurde 2017 bei Snoggsworthy, Swaine & Cormorant veröffentlicht. (Autorenfoto: Königubu; CC BY-SA 4.0)

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