Globaler Supermarkt: Diversität als Hegemonie des Gleichen

Kaum ein Begriff sorgt für so viel Erregung wie der der Diversität. Zumeist wird er benutzt, um die Unterschiedlichkeit menschlicher Herkunft und Sozialisation zu markieren. Und tatsächlich handelt es sich dabei um ein ernstzunehmendes Thema. In vielen Gesellschaften spielen Herkunft und Sozialisation vor allem aufgrund unterschiedlicher sozialer Zugänge eine Rolle.

Was bei dem normativen Herangehen, das gekennzeichnet ist durch die Herstellung formaler Gleichheit mit dem Hinweis auf zu erzielende Gerechtigkeit, zumeist in Vergessenheit gerät, ist die notwendige Veränderung der Existenzbedingungen. Gesetzliche und sprachliche Gleichstellung allein führen nicht zu dem beabsichtigten Zustand, wenn die sozialen Verhältnisse ausgeblendet werden.

Solange die Bemühungen auf sprachliche und formal-rechtliche reduziert sind, wird sich nichts ändern. Mehr noch, in Zeiten, wenn es schlimm kommt, und in solchen Zeiten leben wir, erscheinen die Anstrengungen in einem zynischen Licht. Die Diskriminierung bleibt bestehen, aber die Worte gaukeln etwas anderes vor.

Diversität? Fehlanzeige!

Eine andere Diversität, nämlich die der real existierenden Lebensbedingungen in den unterschiedlichen Kulturen und Regionen dieser Welt, die auf folkloristischen Veranstaltungen ebenso gepriesen werden wie die der einzelnen Individuen, ist eine Zustandsbeschreibung, die in den letzten Dekaden schwer gelitten hat.

Mit dem Siegeszug der allseits bekannten Produktionsverhältnisse hat eine Lebensform die Hegemonie übernommen, die dazu geeignet ist, jede Form von Diversität zu töten. Warenproduktion, Standardisierung, globale und jederzeitige Verfügbarkeit in einem weltumspannenden Netz haben dazu geführt, dass sich das Antlitz der jeweiligen lokalen Lebensbedingungen angeglichen hat.

Diejenigen, die das Privileg besessen haben, unterschiedliche Regionen dieser Welt kennenzulernen, haben das, was im letzten Jahrhundert noch möglich war, zunehmend vermisst. Die lokale Besonderheit ist dahin, das eigene kulturelle Profil ist dahin. Stattdessen existiert überall das Gleiche: Eine Welt, die einem Supermarkt gleicht, in der dasselbe zu ähnlichen Preisen für diejenigen, die es sich leisten können, verfügbar ist und dasselbe für diejenigen, die ums nackte Überleben kämpfen müssen. Diversität? In jeder Hinsicht Fehlanzeige.

Die Privilegierten und die Ausgegrenzten

Wir leben in Zeiten, in denen sowohl die Vielfalt der Produktion von Gütern, ihre Form der Verteilung als auch bei den Stätten des Konsums ausgestorben sind, sowie die Formen der sozialen Existenz, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen.

Nun kann argumentiert werden, dass das alles ganz wunderbar ist, weil es als Kollektivbegriff dem Menschen ermöglicht, überall auf dem Globus zu existieren, solange er der privilegierten Gruppe der Liquiden angehört, aber, und das ist die berechtigte Frage: I st dann das Gewese um die Diversität nicht ein Stück vor leeren Rängen ohne irgendeine gesellschaftliche wie politische Relevanz?

Ginge es so weiter wie bisher, dann wäre der Spuk von der Diversität in absehbarer Zeit sowieso vorüber. Dann existierten nur noch die Privilegierten und die Ausgegrenzten. Ansonsten wäre überall alles gleich. Die gleichen Waren, die gleichen Lebensbedingungen, alles standardisiert.

Die Hegomonie des schönen Scheins

In New York wie in Moskau, in Schanghai wie in Buenos Aires, in Jakarta wie in Hongkong, in München wie in Madrid – überall das Gleiche. Die Suggestion, dass es sich dabei um etwas Schönes, Bereicherndes handelt, ist eine abgründige Illusion. Was im glamourösen Glanze einer globalisierten Welt erscheint, ist die weltumspannende Provinzialisierung des Supermarktes.

Schein und Oberfläche haben die Hegemonie erreicht. Vom Standpunkt einer Diversität, die den Namen verdient, muss eine Regionalisierung einsetzen, die politisch fundiert ist. Mit den Filialleitern des globalen Supermarktes ist das allerdings nicht zu machen.

Und, ich höre schon die Stimmen, seit wann ist der Gewinn an Qualität etwas Rückständiges? Allenfalls in der Welt der politischen Discounter.


Foto: Fabe Collage (Unsplash.com)


Globalisierung, Diversität und Individualität

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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