Ich kann halt lieben nur, und sonst gar nichts …

Der erste Schnee. Die Stadt liegt wie betäubt unter dem weißen Laken. Hamburg erträumt sich unter einem tiefblauen Himmel zu neuer Unschuld. Selbst die Autos haben das zu respektieren, sie geistern sozusagen auf Zehenspitzen herum. Das Bellen eines Hundes klingt, als verlöre es sich in einem weiten Tal. Ich stehe auf dem Balkon und atme – atme tief und regelmäßig.

Der Winterwind legt sich auf mein Gesicht, als wollte er mich vor Kälte schützen. Nach einer Weile schnappe ich in meine Jacke, haste die Treppen hinunter und geselle mich zu den zahlreichen Spaziergängern, die trotz der herben Corona-Maßnahmen nichts vermissen. Das Geräusch unserer Schritte in dem harschigen Schnee scheint uns auf magische Weise zu verbinden.

Ich lasse mich bis in den Innocentiapark treiben und stelle mich in die Sonne. Von einem vereisten Hügel purzeln in wattierte Nylonanzüge gepackte Kinder wie Gummibärchen herunter. Die Mütter stehen daneben und beobachten, welchem der Kleinen wohl meine besondere Aufmerksamkeit gilt. Ich kann mich nicht entscheiden, es ist niemand dabei…

Während ich dort stehe, eingewickelt in das fröhliche Kindergekreisch, habe ich das unmissverständliche Gefühl, in diesem Körper nur vorübergehend anwesend zu sein. Ich spüre, wie die Hülle altert, wie sie sich bereit macht, mich wieder freizugeben. Fühlt sich gut an, zumal ich dank dieses geschenkten Wintertages mit meinen Mitmenschen endlich einmal wieder im Einklang bin. Sie haben sich nicht grundsätzlich verändert, aber ich bin ihnen wieder nahe, ich gehe nicht auf Distanz.

Am Rande des Parks bückt sich eine alte Frau über eine frisch gegossene Betonmauer, schaut ihr in die Poren. Sie hat Schmerzen im Kreuz, hält sich den Rücken. Eine Betonmauer! Warum betrachtet sie nicht den Busch, dem diese Mauer auf die Füße tritt und dessen Schreie nicht zu überhören sind? Egal, ich mag sie in ihrer verqueren Versenkung.

Auf dem Weg zur Alster begegnet mir eine Frau, deren aufrechter Gang mich beeindruckt. Sie ist schön. Den begehrlichen Blicken der Männer begegnet sie mit dem Gedanken: “Ich schenke Leben, aber nicht für dich, auch nicht für dich und für dich auch nicht.” Niemand tritt ihr zu nahe. Ich muss schmunzeln, als wir aneinander vorbeigehen, sie lächelt kaum merklich zurück.

Mir fällt ein Buch von Botho Strauß ein, in dem ich früher häufig geblättert habe: “Paare, Passanten”. Kurze prägnante Beobachtungen im Vorübergehen, im Café, im Theater. Ich brauche in dem Buch nicht mehr zu lesen, denn die meisten der in ihm enthaltenen Passagen habe ich inzwischen selbst “abgearbeitet”. Aber ein Satz, den rufe ich mir des Öfteren ins Gedächtnis: “Die absolute Muße, die freie Zeit beginnt erst, wenn das Warten restlos verschwunden ist”.

Ein kleiner Mann mit eingefallenen Wangen, müden Augen und einer kalten Zigarre im Mund hängt am Arm einer stämmigen, fleischigen Frau. Im Vorübergehen höre ich sie beschwörend sagen: “Versetz dich doch mal in meine Lage… !” Warum rührt mich das? Oder der einäugige Junge. Dort, wo das andere Auge sitzen müsste, spannt sich glatte Haut, als sei es ihm nie gewachsen. Warum trägt er keine Augenklappe? Seine Mutter wehrt die Blicke der Entgegenkommenden ab, biegt sie um, registriert dankbar meinen Gleichmut.

Ich setze mich auf eine Bank ans Wasser und beobachte die Enten im Schilf. Hier befinde ich mich im Vorhof zur Stille. Dort waltet eine Instanz, die jeden aufkommenden Gedanken erstickt, bevor ich auf irgendwelche Nebenkriegsschauplätze gezogen werde. Diese Instanz benötigt einen lichten Tag wie diesen, nur dann entfaltet sie ihre volle Autorität. Ich vertraue ihr. So bleibe ich ohne Wunsch und bar jeder Vorstellung von mir selbst. Es ist die Vorstellung von mir selbst, welche meine Wahrnehmung von der Welt permanent verfälscht.

Gelegentlich schaue ich auf den Strom vorbeidefilierender Menschen. Die Gruppe weiblicher Punks gefällt mir. Die Mädels legen Kaugummi kauend eine gewisse Trotzhaltung gegenüber den braven Hanseaten an den Tag, zwischen die sie an diesem strahlenden Sonntag geraten sind.

Auf dem Weg zurück in meine Wohnung passiere ich eine Jugendstilvilla, die ich sehr geliebt habe. Jetzt hat sie sich einem Immobilienhai ergeben müssen, die Fassade ist ihr bereits zertrümmert worden. Auch andere Häuser in der Straße zeigen ihr verwundetes Gebiss: In der Luft hängende Wohnungen mit schmutzigen Waschbecken und weißen Flecken an der Wand, wo einst Bilder hingen. Herausgerissene Leitungen und zerfetzte Lampenschirme. Dass jemand den Vogelbauer vergisst, kommt eher selten vor. Dass darin ein verstaubter Kanarienvogel hektisch hin und her springt, so gut wie nie.

Eine Gruppe Jugendlicher kommt mir entgegen. Fünf Jungen und zwei Mädchen. Sie marschieren als grölende, hysterisch lachende, sich schwer in den Hüften wiegende Front auf mich zu. Ich tauche ohne anzustoßen hindurch. Jung sein Leute, ist sicher kein Verdienst, man kann nichts dafür. Jugend hingegen ist eine Eigenschaft. Wenn man die hat, verliert man sie nicht, hat Frank Lloyd Wright gesagt, der Architekt des Solomon R. Guggenheim Museums in New York. Habe ich mir gemerkt.

Ich drehe mich noch einmal nach ihnen um, ebenso wie ich mich gelegentlich in der Geschichte umsehe. Von Urbeginn an starben Menschen, Tiere und Pflanzen dahin wie Schaumkronen auf dem Meer. Die meisten Personen, auf die wir uns berufen können, sind tot. Wir leben aus dem Nachlass Verstorbener und erleben uns inmitten von Todeskandidaten. Was machen wir also für ein Aufheben um uns?

Wieder zu Hause. Es ist Abend geworden. Im Haus gegenüber löscht jemand die Kerze auf dem Klavier und schaltet den Fernseher ein. Ein Kind tobt um den Tisch. Warum habe ich plötzlich das Bedürfnis, die Menschen in Schutz zu nehmen? Und gegen wen?

Angesichts der Tatsache, dass wir in jeder Sekunde gemeinsam von diesem Planeten gefegt werden können, heben sich die Feindbilder auf, sind wir allesamt Staub vor dem Wind. Der kollektive Tod, das Aus für alle, für Opfer UND Peiniger, für Gerechte UND Ungerechte, für Reiche UND Arme – das ist der Orgasmus, auf den die Geschichte hinausläuft.

Warum mache ich mich plötzlich zum Anwalt der Banalität, der Dummheit, des unnützen Zeitvertreibs, des kleinen Alltags? Ganz einfach: Weil die Sonne ihn heute auf unnachahmliche Art vergoldet und versiegelt hat. Und weil es ihn noch gibt, den kleinen Alltag. Er ist meine Heimat, mein Leben. Zwar ist bereits die Lunte an ihn gelegt und nichts von ihm wird übrig bleiben, aber er atmet noch. Noch sind in ihm alle Missverständnisse geborgen, noch wird in ihm gelogen und betrogen, gehasst und manchmal sogar geliebt. An Tagen wie diesen reicht das aus, um mit ihm Frieden zu schließen. Um die Wunden zu kühlen, die ich mir im Umgang mit ihm bisher zugezogen habe.

An Tagen wie diesen liebe ich unser aller Entsetzen in meiner kleinen Straße, in der sich jeden Abend zur Tagesschau der Widerschein aus den Fernsehapparaten in den Zweigen der kranken Kastanien bricht. An einem Tag wie diesem kann ich halt lieben nur, und sonst gar nichts …


Foto: Muaz AJ (Unsplash.com)


Liebe, Zuneigung und Achtsamkeit

Weitere Essays …

Das Gedicht in der Hand ist wie eine Blume schreibt Dirk C. Fleck. (Illustration: Neue Debatte)

Sieh mich. Bin fast da.

In diesen Worten steckt so viel. Nehmt sie auf, ohne gleich zu hinterfragen. Lasst es nicht zu, dass euer Verstand die Poesie dieses wunderbaren Textes zertrümmert. Behandelt ihn mit Respekt.

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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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