Wird das 21. Jahrhundert ein chinesisches?

Alle Geschichtsepochen der menschlichen Entwicklung wurden von vorwärtsdrängenden oder von katastrophalen Ereignissen geprägt, die dauerhaft als Merkmale der Zeit im kollektiven Gedächtnis der Menschen verbleiben.

Das 16., 17. und 18. Jahrhundert erinnern geopolitisch und von Europa aus betrachtet vor allem an die großen Entdeckungsreisen über unbekannte Meere, an die Kolonialisierung Afrikas, Amerikas und Australiens und an die Bildung großer Vielvölkerstaaten wie Russland, Österreich, England, Frankreich und das Osmanische Reich.

Die Renaissance öffnete der Wissenschaft und der Aufklärung große Tore. Bauernkriege und der 30-jährige Krieg der Reformation verursachten Tod und Zerstörung. Beide Ereignisse sollten nach Willen von Mehrheiten große Problembereiche und Spaltungen des Landes überwinden.

Die Französische Revolution leitete das Ende des Feudalismus ein. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren ihre noch nicht erreichten Zielstellungen. Die Landwirtschaft und der Handel bestimmten weiterhin die Grundlagen des allgemeinen Lebens in Stadt und Land und in der Wirtschaft.

Vom 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts bleiben die geopolitischen Versuche der kapitalistischen Neuaufteilung der Welt durch Kriege im Gedächtnis haften. China geriet nach militärischem Druck unter englischen Einfluss. Die weltweite Kolonialherrschaft Großbritanniens erreichte ihren Höhepunkt.

Zum Jahrhundertmerkmal wurde auch die Industrielle Revolution in Europa mit der Entwicklung des elektrischen Antriebes, dem Beginn des Maschinenzeitalters sowie dem Siegeszug der Chemie. Die marktwirtschaftliche Eroberung der Absatzmärkte und Rohstoffquellen wurden Schwerpunkte der Wirtschafts- und Regierungspolitik. Der Kapitalismus etablierte sich mit technologischen Fortschritten, aber auch mit Kinderarbeit und miserablen Wohnverhältnisse für die Abhängigen.

Nach ersten Versuchen mit der Pariser Kommune bahnte sich ab 1917 eine sozialistische Alternative ihren Weg von Russland ausgehend an. Ein zweites Weltsystem entstand und damit auch ein neues Jahrhundertmerkmal. Kämpfe des alten gegen das neue System prägten die Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.

Beide Systeme mussten im praktischen Leben beweisen, dass sie die bessere Gesellschaftsform sind. Der sozialistischen Alternative geht es um ein künftiges Überleben, dem Kapitalismus um den Erhalt seines Systems.

Die Waffenproduktion erhielt neue Dimensionen mit weltzerstörerischen Potenzen, erprobt in zwei Weltkriegen und in Hiroshima und Nagasaki. Die mit dem Kapital verbundene Kriegsmaschine tobte weiter in Korea, Vietnam, Irak, Syrien, Jemen. Die Kriegszerstörungen und die marktwirtschaftliche Vernichtung der Lebensgrundlagen der sich selbst versorgenden Bauern und des Kleingewerbes in Afrika, Asien, Osteuropa wurden Merkmale der Jahrhunderte, wie auch das Ende der Epoche der Kolonien.

Humanistisch geprägte und vernunftbegabte Menschen aus 193 Ländern schafften es Mitte des 20. Jahrhunderts die UN-Organisation mit dem Weltfriedensrat zu gründen und die Charta der Menschenrechte zu verabschieden.

Die westliche Welt der ‚Großen 7‘, die inzwischen zum Finanzmarktkapitalismus mutiert sind, verweigert den jungen Nationalstaaten der ehemaligen Kolonien und den Staaten der sozialistischen Alternative die Selbstbestimmungsrechte. Die westlichen Industrieländer bestehen darauf, ihre Regeln der Demokratie sowie die alten Formen der internationalen Arbeitsteilung, der industriellen Verarbeitung und der Rohstoffwirtschaft einzubehalten.

Die Flagge der Volksrepublik China. Der große Stern steht für die Partei, die kleinen für die vier Klassen. (Grafik: Neue Debatte)

Die vier kleinen gelben Sterne auf der roten Staatsflagge Chinas symbolisieren die vier großen Klassen: Arbeiter, Bauern, nationales Unternehmer- und Kleinbürgertum.

Die noch in einer ersten Entwicklungsphase steckende sozialistische Alternative, getragen von Russland und anderen sozialistischen Ländern, wurden durch ein Wettrüsten geschwächt und destabilisiert. Niederlagen im Lagerkampf mussten bis 1990 hingenommen werden. Die Ideen der humanistischen Aufklärung aber blieben ungebrochen. Sie erfassten auch die Länder der Dritten Welt.

Die Lagerauseinandersetzungen zwischen den konservativen G-7 und der sozialistischen Alternative halten auch zum Anfang des 21. Jahrhunderts an.

China entwickelte sich, gestützt auf die republikanischen Institutionen wie Parlament und Volkskongress (Legislative), der Regierung (Exekutive) und eines Rechtssystems (Jurisprudenz), einer Nationalen Front aus 8 Parteien der partizipativen Demokratie, geführt von der kommunistischen Partei.

In periodisch abgehaltenen allgemeinen Wahlen werden Mandate an Abgeordnete der Parteien vergeben, mit dem Auftrag, die Ziele der Wahlprogramme und des zentralen Staatsplanes anzugehen. Das Parlament wählt den Staatspräsidenten, den Staatsrat, das oberste Volksgericht, die oberste Staatsanwaltschaft und die Militärkommission.

Seit der Gründung der Volksrepublik 1949 wurde eine beispielhafte Entwicklung zum Wohle der unteren und mittleren Volksschichten vollzogen. Die allseitige Volksbildung, die Entwicklung der Wirtschaft, Wissenschaften und Kultur wurden Kernelemente der Staatspolitik des Vielvölkerstaates mit seinen 55 Volksgruppen. 91 Prozent gehören zur Ethnie der Han-Chinesen. Verwaltungstechnisch ist das Land in 23 Provinzen unterteilt, Taiwan ist eine davon, mit geltendem Sonderstatus eines zweiten Systems. Die Regelung wurde von den Mitgliedern der UNO und den USA anerkannt.

In der historisch kurzen Zeit von 70 Jahren wurde das Land im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer wirtschaftlichen und militärischen Großmacht. Ohne nennenswerte Arbeitslosenzahlen, aber mit einer gut gebildeten Mittelschicht und Arbeitswelt. Der Hunger, der noch im 20. Jahrhundert Millionen Tote nach sich zog, ist verbannt.

Die Regierungen der USA unterstützten den Bürgerkrieg, rüsteten Chiang Kai-shek mit Waffen aus und beobachteten das Land seit seiner Staatsgründung mit feindlichem Argwohn. Sie verhängten Sanktionen, die im Verlauf der Jahre verschärft wurden. Es gibt in der westlichen Welt kaum Berichterstattungen ohne negative Bemerkungen.

China hat Probleme bei der Integration der Tibetaner und Uiguren, sieht aber keine Widersprüche zwischen Vielfalt und Einheit des Landes. Probleme entwickeln sich, wenn religiöse Fragen als historische Erscheinung instrumentalisiert werden. Beispiele sind der Kampf zwischen den evangelischen und katholische Christen im 30-jährigen Krieg oder die aktuelle heftige Auseinandersetzung zwischen sunnitischen und schiitischen Moslems.

Die ‚Eine Welt‘ braucht den Erfahrungs- und Kulturaustausch. Klimasicherheit und Weltfrieden sind nur unter Einbeziehung der Volksrepublik China sowie mit Toleranz und mit Vertrauen zu schaffen.

Der Vorsitzende der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, gab der Zusammenkunft im Februar 2021 die Überschrift „Jenseits der Westlosigkeit„. US-Präsident Joe Biden stufte Russland und China explizit als Hauptgegner ein (siehe: Berliner Zeitung v. 19.2.2021).

China wird nicht allein wegen seiner Wirtschaftsmacht zu einem Markenzeichen des 21. Jahrhunderts werden, sondern vor allem, weil eine Partei und die Regierung in historisch kurzer Zeit mit einem anderen Gesellschaftssystem das Allgemeinwohl und die Lebenslage für Millionen Menschen substanziell verbessern konnten.

Möglicherweise auch wegen Chinas Eintritt für den Frieden als ständiges Mitglied im Weltfriedensrat der UNO. Die Regierung strebt internationale Vereinbarungen an, nicht jedoch Vertragsbrüche oder Sanktionspolitik.

China kooperiert aktiv mit den Entwicklungsländern. Dadurch ist das Land mit der Mehrheit der Länder der Weltgemeinschaft verbunden. Als ein Beitrag zur globalen Weltentwicklung ist das Projekt der Seidenstraße über Asien nach Europa einzustufen. Solche Merkmale werden im kollektiven Gedächtnis für das 21. Jahrhundert haften bleiben.

Die Dynamik der chinesischen Kultur hat es geschafft, dass eine zentrale Planung und Bilanzierung zu einem wirksamen Instrument für die Landesentwicklung wurde. Sie stützt sich dabei auf moderne Rechen- und Übertragungstechniken aus eigenen Entwicklungsinstituten.

Ziele des chinesischen Gemeinsinns – jenseits des Gruppenegoismus – wurden mit wissenschaftlich begründeten Staatsplänen erreicht. Der Plan beachtet die territorialen Besonderheiten des Riesenlandes mit einem System der konsultativen Demokratie, auch weil die unteren territorialen Ebenen seit den 1970er-Jahren verstärkt staatliche Funktionen ausüben (siehe: Wikipedia).

Fazit

Ein Finanzsystem, das Wucher zulässt, den Waffenproduzenten und Drogenunternehmern alle Freiheiten gewährt und das der Naturzerstörung keinen resoluten Einhalt gebietet, darf kein Markenzeichen des 21. Jahrhunderts werden.

Die sozialistisch-ökologische Alternative wird im 21. Jahrhundert mit ihrem humanistischen Wertekanon weltweite Anerkennung finden. China wird daran einen hohen Anteil haben.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Günter Buhlke erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza und wurde von Neue Debatte übernommen und aktualisiert. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Links zu weiterführenden Informationen ergänzt.


Foto: Daily Choice (Unsplash.com)

Volkswirtschaftler und Publizist bei | Webseite

Günter Buhlke ist Jahrgang 1934 und Dipl. Volkswirtschaftler. Er studierte an der Humboldt Universität und der Hochschule für Ökonomie Berlin. In den 1960er und 70er-Jahren war Buhlke international als Handelsrat in Mexiko und Venezuela tätig und Koordinator für die Wirtschaftsbeziehungen der DDR zu Lateinamerika. Später Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft, Referent im Haushaltsausschuss der Volkskammer und des Bundestages und von 1990 bis 1999 Leiter der Berliner Niederlassung des Schweizerischen Instituts für Betriebsökonomie. Günter Buhlke ist verheiratet, lebt in Berlin und engagiert sich ehrenamtlich.

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