Günther Groissböck: Zeit für zivilen Ungehorsam

Günther Groissböck steht normalerweise auf den großen Bühnen der Welt: Metropolitan Opera New York, Mailänder Scala, Opéra National de Paris, Teatro Real von Madrid, Teatro Liceu von Barcelona, Berliner Staatsoper, Chicago, Los Angeles, San Francisco. Als Opersänger begeistert er mit seiner Stimme das Publikum, singt zur Musik von Beethoven, Mozart, Verdi, Wagner und Mahler.

Bei Reiner Wein, dem Podcast aus Wien, zeigt Günther Groissböck seine politische Seite. Die Anti-Corona-Maßnahmen der österreichischen Regierung, deren verheerende Folgen für das soziale Miteinander, die Psyche der Kinder und Jugendlichen und die ökonomischen und politischen Grundlagen der Gesellschaft sichtbar werden, haben ihn nachdenklich gemacht.


Zeit für zivilen Ungehorsam

Reiner Wein, der politische Podcast aus Wien. Gast: Günther Groissböck

www.reiner-wein.org


Groissböck befasste sich im Zuge der Coronakrise und seiner krisenbedingten Berufsauszeit intensiver mit Politik. Er nahm an diversen Demonstrationen und Spaziergängen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen teil. Als ‚besorgter Bürger‘ ist er erschrocken vom Umgang der Regierung mit dem Demonstrationsrecht, anderen Bürger- und Freiheitsrechten und vor allem von den ständigen Verstößen gegen die Verfassung. Dies alles hat ihn dazu bewegt, aktiv zu werden.

Günther Groissböck über Politik und die Ernüchterung

Die kollektive Passivität der repräsentativen Demokratie ist in guten Zeiten praktisch, da man sich als Mensch und Bürger um nichts kümmern muss; in Krisenzeiten merkt man aber schnell, dass man überhaupt keinen Einfluss auf Politik nehmen kann.

Ernüchtert zeigt sich Groissböck von der Naivität der breiten Masse: Zu glauben, dass, sobald ein Impfstoff da ist, das Leben wieder so wird, wie es früher war, wird nicht passieren. Die Schäden durch den Lockdown seien viel zu gewaltig, als dass ein „Weiter wie davor“ möglich sei.

Wegen seiner diffamierenden Aussagen gegenüber den Demonstranten, die gegen die Anti-Corona-Maßnahmen protestieren, aber auch wegen dem Handling des Terroranschlages vom 3. November, ist Innenminister Karl Nehammer für Groissböck schon längst nicht mehr tragbar. Die Demonstranten hätten – abseits von der Opposition gegen die Maßnahmen – kein gemeinsames politisches Ziel. Die meisten seien besorgte Bürger; die ganz wenigen Teilnehmer vom rechten und linken Rand sind weder inhaltlich noch personell bestimmend. Außerdem könne man in der Praxis niemanden von Demonstrationen ausschließen.


Günther Groissböck: Zeit für zivilen Ungehorsam | Reiner Wein Interview (Quelle: Idealism Prevails/YouTube)

Die Zerstörung der Kleinbetriebe und die Verarmung breiter Schichten sei bisher zu wenig thematisiert worden. Jene, die von der Krise kaum betroffen sind (wie zum Beispiel Beamte), zeigen wenig Verständnis für diejenigen, die seit März 2020 keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen können. Noch halten die Menschen still, aber mit sozialen Unruhen spätestens dann gerechnet werden, wenn die staatlichen Hilfen auslaufen und die Krise tatsächlich bei allen ankommt.

Medien, Politik und notwendige Änderungen

Die Kontrollfunktion der vierten Gewalt im Staat funktioniert nicht mehr. Dem dadurch entstandenen Vertrauensverlust sowohl gegenüber den Medien selbst als auch gegenüber der Politik kann nur mit grundlegenden Reformen begegnet werden.

Dazu gehört nach Ansicht von Groissböck, dass beispielsweise die Verfassungseingriffe der Regierung sofort nach Beschlussfassung vom Verfassungsgerichtshof geprüft und gegebenenfalls zurückgewiesen werden müssten. Die politische Besetzung im Rechtswesen müsste endlich aufhören und in anderer Form erfolgen – unter Umständen auch durch Nutzung von künstlicher Intelligenz.

Weitere Themen im Gespräch bei Reiner Wein sind: ziviler Ungehorsam, Umgang mit Verwaltungsstrafen, Herausforderungen der Krise für die westlichen Demokratien, das Verhältnis Medien und Politik sowie künftige gesellschaftliche Entwicklungen durch die Anti-Corona-Maßnahmen.


Zur Person

Reiner Wein Politischer Podcast Gast Günther Groissböck (Foto: Reiner Wien)

Günther Groissböck


Günther Groissböck (Jahrgang 1976) ist ein österreichischer Opernsänger (Bass). Er studierte Gesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und debütierte 2002 bei den Salzburger Festspielen. Anschließend wurde er als Ensemblemitglied an die Wiener Staatsoper verpflichtet. 2003 wurde er ans Opernhaus Zürich geholt und feierte in den darauf folgenden Jahren Erfolge unter anderem an der Metropolitan Opera New York, der Mailänder Scala und der Opéra National de Paris. Er kehrte 2010 nach Wien zurück und debütierte 2011 bei den Bayreuther Festspielen. Seit Beginn der sogenannten Coronakrise setzt er sich kritisch mit der Politik und Fragen rund um die Demokratie auseinander und engagiert sich für die Verteidigung der Grundrechte.

Fotos und Audio: Francis Carcassi (Unsplash.com), Idealism Prevails und Reiner Wein

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