Kontrapunkt: Wie wäre es mit einem Plan?

In der Volksrepublik China tagt derzeit der Nationale Volkskongress. Was dort beschlossen wird, ist neben anderen Punkten, die für sich in vielerlei Hinsicht kommentiert und kritisch beleuchtet werden können, der nächste Fünfjahresplan.

Aus vergangenen Zeiten wissen wir um die Kritik seitens des Westens, was das Instrument der Planökonomie betrifft.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war man sich sicher, dass die Planung von Wirtschaft und gesellschaftlichen Prozessen eine Schimäre war, der man im kommunistischen Lager nachjagte und die nur zu Chaos und Niedergang führe. Der freie Markt, so das Mantra, sei da zuverlässiger und führe zu mehr Wohlstand und Wachstum.

Plan und Strategie versus situatives Handeln

Im Falle Chinas zumindest muss dieses Narrativ korrigiert werden. So wie es scheint, ist die Symbiose von kapitalistischer Produktion, reguliertem Markt und der Formulierung von Zielen ein Erfolgsmodell.

Denn die Entwicklungsdaten Chinas zeigen, dass die Volksrepublik mit dieser Konzeption in der Vergangenheit nicht nur gut gefahren ist, sondern auch hinsichtlich der Zukunftsprognosen keinen schlechten Stand hat.

Berücksichtigt man die Tatsache, dass neben den Fünfjahresplänen noch ganz andere, weitaus vorgreifender Strategien seitens der chinesischen Staatsführung entwickelt werden, die sich über Jahrzehnte erstrecken, dann wird deutlich – bei aller kritischen Betrachtung von außen –, wie nachhaltig die dortige Planung ist und wie kurzsichtig, situativ und vom Augenblick gehetzt die hiesige politische Entwicklung von Perspektiven vonstattengeht.

Der politische Leitsatz, man fahre auf Sicht, kann als der unkommentierte Kontrapunkt dessen angesehen werden, was in der vom Kollektivismus geprägten chinesischen Gesellschaft guter Brauch ist.

Die Kommentare aus dem Westen erstrecken sich auf die nach westlichen Maßstäben damit verbundenen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten. Das kann man so machen, dabei zu verweilen, verstellt jedoch einen Perspektivenwechsel, der nicht die Aufgabe der eigenen Wertvorstellungen bedeuten muss, aber die Eröffnung neuer Korridore bedeuten könnte, derer das eigene Dilemma tatsächlich bedarf.

Ahnungslose Scharlatane

Das kollektive Gefühl im Westen entspricht nicht den punktuellen Gehässigkeiten aus Sicht einer allzu getriebenen Systemkonkurrenz. Denn der Vorwurf, die Politik in unserem eigenen westlichen Kulturkreis verfolge keinen Plan bis auf den der Hegemonie, hört man nicht nur zunehmend im Lager der professionell politischen Akteure, sondern er ist in breiten Schichten der Bevölkerung seit Langem präsent.

Jede Organisation und jedes Unternehmen operiert seit eh und je nach Plänen, die die beabsichtigte und zu erwartende Entwicklung beschreiben. Das Ausbleiben einer derartigen Vorgehensweise ist ein bedeutender Faktor im Verlust von Vertrauen in die Politik.

Wer, so das allgemeine und durch die eigene Lebenspraxis untermauerte Empfinden, sich nicht in die Karten schauen lässt, führt Schimpfliches im Sinn. Und wer – auch das wird spekuliert – gar nicht weiß, welche Karten er in der Hand hat, ist ein Scharlatan, der in einer solchen Verantwortung nichts zu suchen hat.

Wenn wir könnten, würden wir…

Ganz unabhängig zu der Haltung, die jeder Mensch zu den chinesischen Verhältnissen hat, wirkte es wie eine Befreiung, wenn zum Beispiel in Bezug auf die bevorstehenden Bundestagswahlen die dort antretenden Parteien einmal kundtäten, was sie in den nächsten Jahren im Falle ihrer Wahl konkret zu tun gedächten.

Frei nach dem Motto: ‚Wenn wir könnten, wie wir wollten, würden wir…‘ Nein, damit sind keine seichten, in der Abstraktion verpuffenden Wahlversprechen gemeint, sondern ein konkreter Geschäftsplan für die anstehende Regierungsverantwortung.

Das wäre doch einmal eine neue Qualität, und mit sozialistischer Planwirtschaft hätte das gar nichts zu tun. Auch wenn die Inspiration von dort käme.


Foto: Amir Esrafili (Unsplash.com)


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Sai Ge Guang Chang, Shenzhen Shi, China. (Foto: Denys Nevozhai, Unsplash.com)
Sai Ge Guang Chang, Shenzhen Shi, China. (Foto: Denys Nevozhai, Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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