White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill

Menschen, die an das Gute glauben, werden zunehmend enttäuscht. Als hätte ein nichts ahnender Kretin eine brennende Kippe in eine Scheune voll trockenen Strohs geworfen, lodern die Flammen des Entsetzens im sowieso schon dunklen Himmel.

Was sich da an wirren Bildern abzeichnet, müssen sich die armen Betrachter erst einmal zusammenreimen: Verzerrte Physiognomien, glitzernde Bürokonstrukte und wummernde Regierungsgebäude.

White-collar crime

Erst kommt ein kleiner Parvenü daher und lässt sich von amerikanischen Firmen für seine hochqualitative Beratung fürstlich honorieren. Dann sacken andere Abgeordnete des höchsten Hauses Tantiemen ein, als es um die Vermittlung von Masken ging.

Es folgt ein Bundestagspräsident, der die Offenlegung derartiger Aktivitäten verhindert, indem er auf den Datenschutz verweist. Dann war da ja auch noch Wirecard, ein Unternehmen, das durch Luftbuchungen Anleger wie Fiskus böse hinter das Licht führte, seinerseits allerdings beste Referenzen von renommierten Wirtschaftsprüfern bekam.

Und nun poppt die Pleite der Bremer Greensill Bank auf, die ebenso makellose Testate von Wirtschaftsprüfern bekam.


Edwin Sutherland, Kriminologe, bekannt durch den Begriff white-collar crime. (Foto: Fair use)

Porträt von Edwin Sutherland (1883-1950). Der Kriminologe prägte den Begriff „white-collar crime“ (1). (Foto: Fair use)


Wenn der flackernde Schein nicht trügt, werden noch weitere Dinge zu Tage treten, die das schöne Bild von einem geordneten, auf Recht und Gesetz basierenden politischen System bis zur Unkenntlichkeit in dreckigem Rauch verhüllen.

Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, in denen missratene Charaktere ihre politische und gesellschaftliche Stellung dazu nutzten, um eine wie auch immer erklärbare Gier zu befeuern, unabhängig wie die Wirkung auf das staunende Publikum ist.

Was bei ihnen auffällt und wovon alle berichten, die diese Figuren über einen längeren Zeitraum aus der Nähe beobachten konnten, ist die Offenheit, mit der sie ihre Machenschaften verfolgten und ihre Immunität gegen das, was der gemeine Mann und die gemeine Frau als moralische Bedenken bezeichnen würden.

Ihr wahrer Charakter: Korruption, Kollusion und Nepotismus

Dass in einer bestimmten Kohorte immer auch Exemplare dabei sind, die von der Norm abweichen, ist ein Allgemeinplatz der Soziologie. In funktionierenden Sozialsystemen ist es allerdings auch so, dass sich der Rest schnell und deutlich von ihnen distanziert, weil er weiß, dass der systemische Schaden verheerend sein wird, wenn dies nicht geschieht.

Schweigt jedoch der große Teil der Kohorte und sucht gar die Machenschaften der Delinquenten zu vertuschen, dann wird die Krise existenziell.

Und selbst die personifizierte Gutgläubigkeit ist nach dem ersten Schock und der ersten Enttäuschung dazu verleitet, dass es sich bei der der unappetitlichen Mischung aus Korruption, Kollusion und Nepotismus ihrerseits um den wahren Charakter dessen handelt, von dem man glaubte, es sei der große Wert, auf dem alles ruht. Und wenn dann noch genau diese Art der kriminellen Syndikalisten anfängt, von Werten zu faseln, dann ist es dahin mit der Geduld.

Das Entree für einen Neuanfang

Ein Schluss, der in unseren Breitengraden in solchen Augenblicken immer wieder aufblitzt, ist der, dass Politik an sich eine schmutzige Sache sei. Das, so sei all den Enttäuschten deutlich gesagt, ist allerdings die dümmste aller Reaktionen. Das ist die weiße Flagge, die endgültige Kapitulation vor denen, die den Verdruss bereiten.

Politik ist die grundlegende Notwendigkeit, um gesellschaftlich neue Wege zu gehen, wenn dies erforderlich ist. Und dass dem so ist, zeigen im Moment genau die Elemente, die durch ihre Impertinenz und Selbstsicherheit überführt worden sind.

Und damit der Zorn nicht destruktiv wird und sich womöglich als Selbsthass organisiert, weil geglaubt wird, man könne sowieso nichts ändern, kann versichert werden: Auch ein geplatzter Kragen kann ein gutes Entree für einen Neuanfang sein!


Quellen und Anmerkungen

(1) Der Begriff ‚white-collar crime‚ (in der Regel auf Wirtschaftskriminalität angewendet, die sich überschneidet mit Unternehmenskriminalität) bezieht sich auf finanziell motivierte, gewaltfreie Straftaten, die von Unternehmen und/oder Regierungsmitarbeitern begangen werden. ‚White-collar crime‘ wurde 1939 von dem Soziologen Edwin Sutherland (1883-1950) definiert als „ein Verbrechen, das von einer Person mit Ansehen und hohem sozialen Status im Rahmen ihrer Tätigkeit begangen wird“. Typische Delikte der Wirtschaftskriminalität sind beispielsweise Lohndiebstahl, Betrug, Bestechung, Schneeballsysteme, Insiderhandel, Erpressung von Arbeitskräften, Veruntreuung, Cyberkriminalität, Urheberrechtsverletzung, Geldwäsche, Identitätsdiebstahl und Fälschung.

(2) Dorstener Zeitung (10.3.2021): Greensill-Bank geschlossen: Etliche deutsche Städte könnten ihr Geld nie wiedersehen. Auf https://www.dorstenerzeitung.de/nachrichten/greensill-bank-geschlossen-etliche-deutsche-staedte-koennten-ihr-geld-nie-wiedersehen-1612526.html (abgerufen am 13.3.2021).

(3) Eine übermäßige Vorteilsbeschaffung durch und für Familienangehörige oder andere Verwandte wird als Nepotismus oder Vetternwirtschaft bezeichnet.


Foto: Nacho Fernández (Unsplash.com) und Wikipedia

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

5 Gedanken zu “White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill”

  1. Die Gier des Menschen ist bekanntlich unersättlich. Die Gier eines Politikers ist wohl Voraussetzung für diesen Job.
    Dass ausgerechnet der 100.000-DM-Mann den Datenschutz in einer gläsernen Gesellschaft zum Menschenrecht erhebt, zumal er in seiner damaligen Amtszeit unter Merkel als Innenminister diese mehr als absurdum führte, lässt doch nur noch eine Frage aufkommen: Wie viele Schmiergelder sind noch wohin geflossen?

    Aber was rege ich mich auf? Heute sind Wahlen in drei Bundesländern, erstaunlich, dass da überhaupt noch jemand hingeht! Doch solange es Menschen gibt, die immer noch davon überzeugt sind, dass „Politik eine grundlegende Notwendigkeit ist, um gesellschaftliche neue Wege zu gehen“, übersieht dabei, dass es sich andauernd um die gleichen ausgelatschten, korrupten Trampelpfade handelt, die wahrscheinlich auch ohne die Politik genutzt werden würden.

    Jede Gesellschaft bekommt die Politik die sie wählt, weil sie sich selbst nicht wirklich von der Politik unterscheidet, sonst würde wohl niemand freiwillig seine Stimme in einer Urne begraben.

  2. Eine kleine Bank von der ich noch nie gehört habe, aber halt auch das große Rad dreht. Der Oberklopfer ist ja mal wieder, dass Kommunen! – heute bekannt, mit mindestens 500 mio Euro mit drin hängen ! Weil es halt einen schönen Zins gibt. Und jetzt…. nix Zinsen …. Geld futsch. Da haben auch die Stadtparlamente zugegriffen anstatt hellhörig zu werden. Schade um das schöne Steuergeld. Und die nächsten in Bremen sind “ German property Group “ da pack mer wenigstens 1 000 Millionen…
    Bankenaufsicht, Buchprüfung, Kontrolle usw funktioniert eben nicht.
    Oder soll das gar nicht funktionieren ?
    Das Finanzkapital hat daran ja auch kein Interesse, also… weiter so.
    Und wenn die große Blase wieder platzt, dann kommt von deren Seite sofort der Ruf nach dem starken Staat, der deren Gelder „retten „“ soll.
    Nun, was mach mer jetzt mit diesen Erkenntnissen?
    Bleiben Sie alle gesund

  3. Ich denke, Korruption zieht seit dem Anfang der Zeit über Deutschland und die Welt und spätestens seit der Krupp/ Kohl/ Schröder/ Lewandowski/ etc Affäre, ist das nun wirklich kein Geheimnis mehr! Ich verstehe nur nicht, wie meine lieben Mitmenschen, denen überhaupt auch nur 1 Wort glauben können… Ihnen vertrauen können??? Wie blöd muss man da sein???? Wann immer neue Gesetze gemacht werden, denke ich schon automatisch“ Wem dient es?????“ Und das sich vor allem die CDU/CSU ( inclusive ihrem “ Christlich“) besonders dabei hervortut, wundert mich überhaupt nicht und die SPD auch nicht seit Schröder, wenn also jetzt Herr Scholz mit in diesen Wirecard Skandal verwickelt ist…. Also, ich glaube nicht, daß er irgendwas für diese Verbrecher getan hat, ohne Parteispende, sorry!!!!

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