Und jetzt haben wir erst einmal Corona …

… und da muss alles andere zurückstecken. Wie doof kann man sein, um das nicht zu verstehen? Umweltschutz? Ich bitte Sie! Ist doch längst in vollem Gange. Da, sehen Sie, die Frau da unten, sie trägt ihren Einkauf in einer Papiertüte von Rewe nach Hause. Hapag-Lloyd hat auf ihren Kreuzfahrtschiffen gerade die Plastikstrohhalme verbannt. Die Elbe ist so sauber geworden, dass man in ihr wieder schwimmen kann. Ich könnte Dutzende solcher Beispiele nennen.

Ironie aus.

„Das ganze menschliche Projekt ist eine Maschine ohne Bremsen, denn es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die politischen Führer der Welt der Realität stellen werden, bevor die Katastrophe eingetreten ist. Die reichen Länder verbrauchen Ressourcen mit rücksichtsloser Missachtung der kommenden Generationen, und die armen Länder scheinen unfähig, das Bevölkerungswachstum zu beschränken, das ihre Aussichten auf eine bessere Zukunft ausradiert. Alle verfügbaren Daten sagen, dass wir den Point of no Return bereits überschritten haben und die Menschheit vor gewaltigen Erschütterungen steht.“

Es war nicht irgendwer, der das gesagt hat; es war Steward Udall, der 2010 verstorbene ehemalige Innenminister unter den US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson (1).

Wer diese Botschaft locker wegstecken kann, anstatt sie beschämt zur Kenntnis zu nehmen, ist nur ein weiteres Molekül im Sauerteig unserer Zivilisationskultur, die ausschließlich der Gier gehorcht – von oben nach unten, von innen nach außen, auf individueller wie auf gesellschaftlicher Basis. Unsere Zivilisation beruht auf der systematischen und absoluten Vermeidung von Verantwortlichkeit. Das steht fest, unverbrüchlich.

Natürlich wäre es sehr viel angenehmer, wenn wir diesem zerstörerischen Trieb mit einem veränderten Bewusstsein begegnen könnten. Vor dem Hintergrund eines global kollabierenden Wirtschafts- und Ökosystems nimmt sich das Tempo, in dem die Menschen sich ihrer selbst bewusst werden, allerdings bescheiden aus.

Hinzu kommt, dass wir inzwischen auf einem gigantischen Minenfeld leben und Gefahr laufen, dass uns die Hinterlassenschaften aus der Atomindustrie, die Kriegslüsternheit der Machteliten, die weltweiten sozialen Verwerfungen, die Folgen der Genmanipulation und des Geo-Engineering und vieles andere mehr jederzeit um die Ohren fliegen können. Eine kleine Initialzündung auf dem globalen Minenfeld würde schon reichen, um eine katastrophale Kettenreaktion auszulösen.

Mit einiger Rührung habe ich vor Kurzem den leidenschaftlichen Kommentar einer Frau auf Facebook zur Kenntnis genommen, die sich dagegen verwahrte, der Natur ins Handwerk zu fuschen. Abgerundet wurde der Kommentar von dem Bild einer alten Indianerin, die der Kamera den Stinkefinger zeigt.

Starkes Bild, starke Geste. Sie war ausschlaggebend dafür, dass ich mir das Buch „Endgame“ des US-amerikanischen Umweltaktivisten Derrick Jensen (2) sehr genau durchgelesen habe. Um letztlich festzustellen, dass er recht hat. Zumindest hat der Widerständler, der Ökokrieger, der Aktivist in ihm recht, dem es an diesem Punkt der Geschichte, an dem der Ökozid an jeder Ecke spürbar wird, darum geht, seinen Seelenfrieden zu finden. Er fordert dazu auf, uns in die Schlacht zu werfen. Nur im aktiven Widerstand, so argumentiert er, könnten wir uns wieder als Mensch definieren, als Verteidiger eines fantastischen Mysteriums, das wir Leben nennen und dem wir fahrlässigerweise so wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Dass der Drops inzwischen gelutscht ist, dürfte auch Derrick Jensen klar sein. Insofern ist sein Appell, nicht in der Hoffnung zu verharren, selbst ein Stück Hoffnung. Der Hoffnung nämlich, dass sich genügend Klarsichtige finden mögen, die sich aufgerufen fühlen, aus der Reserve zu treten, die ihre Duldsamkeit endlich ablegen, um ihr Selbstwertgefühl, ihren Stolz und ja … ihre Ehre wieder zu entdecken.

Wann, wenn nicht jetzt, fragt Jensen, wollen wir dem alles vernichtenden Irrsinn entgegentreten? Er kann und will nicht verstehen, dass wir nicht mindestens den Versuch unternehmen, uns freizukämpfen, bevor wir in die Gaskammern der Zivilisation geprügelt werden.

Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare (3), emeritierter Professor der University of British Columbia, behauptet, dass die Leitfiguren unserer Zerstörungskultur, also die Mitglieder der politischen und wirtschaftlichen Eliten, größtenteils Psychopathen sind. Robert Hare:

„Zu viele Menschen glauben, dass Psychopathen im Wesentlichen Killer oder Zuchthäusler seien. Die allgemeine Öffentlichkeit hat nicht gelernt, die sozialen Stereotype zu durchschauen, und kapiert nicht, dass Unternehmer, Politiker, Konzernchefs und andere erfolgreiche Persönlichkeiten, die möglicherweise nie ein Gefängnis von innen zu sehen bekommen, Psychopathen sein können.“

Wir sehen also: Man kann entweder albträumen oder träumen. Aber verschlafen sollten wir den Zusammenbruch unserer Zivilisation nicht. Obwohl ich glaube, dass genau das passieren wird, dass die meisten ihn gar nicht bemerken werden, weil sie die Indizien für den bevorstehenden Zusammenbruch nicht zu deuten wissen. Schließlich fühlt er sich für jeden anders an. Das Ende unserer Zivilisation wird uns nicht wie eine aus Tausend Kilometer Entfernung abgeschossene Rakete treffen, es wird viele Gesichter haben.

Vielleicht kommt es in Gestalt so schlimmer Hungerkatastrophen, dass wir die Toten nicht mehr zählen mögen. Für diejenigen, die sich bisher gegen die Zentralisierung der Macht und gegen das System der totalen Überwachung zur Wehr gesetzt haben, könnte der Zusammenbruch nach Tränengas riechen. Für arbeitslose Jugendliche wird er aussehen wie Einstichstellen in der Armbeuge, wie Schürfwunden, wie der kurze Kick eines Crackkrümels, mit denen ihr Viertel überschwemmt wird. Vielleicht fühlt er sich aber auch wie gar nichts an. Vielleicht klingt er wie gar nichts, sieht aus wie gar nichts. Oder wie Derrick Jensen es formuliert:

„Vielleicht ist er der unverkennbare Geruch im Inneren eines Polizeiautos und der Blick durch das Rücksitzfenster auf ein kleines Mädchen, das an einer Eiswaffel leckt und das Wissen, dass Sie so etwas niemals mehr in Ihrem Leben sehen werden.“

Wir alle stecken in persönlichen Geschichten fest, in denen die Sorgen um unsere Familie, den Arbeitsplatz und die Gesundheit mehr wiegen als ein historisches Ereignis, selbst wenn es von so großer Tragweite ist wie das Ende unserer Zivilisation, das in seinen diffusen Erscheinungsformen allerdings kaum beweisbar ist – noch nicht. Und weil das so ist, weil wir uns nicht unnötig in Panik versetzen lassen, deuten wir Wahrheiten zu Verschwörungstheorien um.

Uns ist es an dieser Stelle egal, ob der Umweltschutz systematisch ausgehöhlt oder ignoriert wird. Uns kümmert es nicht, dass die Grenzen zwischen Konzernen und Regierungen gänzlich aufgehoben werden, dass sich die freie Presse aus freien Stücken gleichschaltet hat. Und Polizeigewalt, Freunde, Polizeigewalt hat es schon immer gegeben. Lasst sie doch an jeder Straßenlaterne dieser Welt eine Kamera installieren, lasst sie unsere Mails lesen und unsere Telefonate abhören, sollen sie doch daran ersticken, mir doch egal, hab nichts zu verbergen.

Maskenpflicht, Ausgehverbot, Kontaktsperre, Verbot von Gottesdiensten – ja und? Muss doch sein, ihr Dummbatzen. Schließung von Restaurants? Da muss die Toskana-Fraktion eben mal zu Hause essen. Stilllegung des Kulturbetriebs? So what, wer braucht das in diesen Zeiten? Jetzt haben wir erst einmal Corona …


Quellen und Anmerkungen

(1) Steward Lee Udall (1920 – 2010) war Jurist, Publizist, Politiker der Demokratischen Partei und von 1955 bis 1961 Mitglied des US-Repräsentantenhauses. Von 1961 bis 1969 war er Innenminister unter den US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson.Er engagierte sich für den Umweltschutz und begründete in seiner Funktion wesentliche Teile der US-Umweltpolitik sowie die zugehörige Gesetzgebung. Im Widerspruch dazu steht seine Befürwortung und Förderung von Staudamm-Projekten (Bewässerung und Stromerzeugung fürdie Landwirtschaft), durch die insbesondere die Entwicklung des Südwestens der USA vorangetrieben werden sollte.

(2) Derrick Jensen ist ein Autor, Philosoph, Farmer, Bienenzüchter, Lehrer und Umweltaktivist aus Kalifornien. Er lehrte Kreatives Schreiben an der Eastern Washington University sowie an der Strafanstalt Pelican Bay State Prison. Zu seinen bekanntesten Werken zählen A Language Older Than Words (erschienen 2000), The Culture of Make Believe (2002) und Endgame (2006). Jensens Bücher sind eine radikale Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft und ihren Wertvorstellungen. Dass die Zivilisation auf Gewalt gegründet ist und existenziell auf dieser beruhe, ist eine seiner Positionen. Das westliche Wirtschaftssystem führe unweigerlich zu Hass und Gewalt, daher sei ein Ende der industriellen Zivilisation herbeizuführen. Mehr Informationen auf der Homepage von Derrick Jensen: www.derrickjensen.org

(3) Robert D. Hare (Jahrgang 1934) ist ein kanadischer Kriminalpsychologe und emeritierter Professor der University of British Columbia. International wurde er bekannt vor allem durch seine Checkliste zur Psychopathie und Werke wie zum Beispiel Gewissenlos – Die Psychopathen unter uns (2005) und Menschenschinder oder Manager – Psychopathen bei der Arbeit (2007). Weitere Informatione auf www.hare.org


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Dirk C. Fleck erschien bei Kenfm und wurde von Neue Debatte übernommen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Links zu Quellen ergänzt.


Foto: Mathilde Langevin (Unsplash.com)

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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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