Was macht eigentlich der Verfassungsschutz?

Derzeit kreist ein Narrativ durch den Äther, das vor allem von verschiedenen Politikern in die Welt gesetzt wurde und von vielen Medien verbreitet wird. Es geht dabei um die im Grundgesetz beschriebenen unveräußerlichen Rechte der Bürgerinnen und Bürger. Wir reden hier über das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit wie die Freizügigkeit.

Es ist bekannt, dass diese im Rahmen der Corona-Pandemie massiv eingeschränkt wurden.

Die Beschlüsse wurden in dafür nicht legitimierten Gremien gefasst und im Nachhinein vom Parlament, dem Bundesrat und dem Bundespräsidenten gebilligt. Allein dieser Umstand ist bereits eine massive Beschädigung der Verfassungsorgane. Was allerdings bleibt, ist die Unveräußerlichkeit der erwähnten Rechte, auch wenn sie temporär eingeschränkt sind.

Und der Verfassungsschutz schweigt …

Das in die Welt gesetzte Narrativ ignoriert den Umstand der Unveräußerlichkeit und es wird wiederholt davon gesprochen, dass die Grundrechte unter gewissen Umständen gewissen Bürgerinnen und Bürgern zurückgegeben werden könnten. In diesem Kontext wird wiederum ein Vokabular benutzt, das in Bezug auf die verfassungsmäßigen Rechte fehl am Platz ist und aus dem Strafvollzug stammt.

Da wird von strengen Regeln gesprochen und von Lockerungen, die man gewähren will, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Es handelt sich dabei um eine Umdeutung der Verfassung, ja, um eine schwere Verletzung von deren Ziel und Geist.

Dass in diesem Kontext der Verfassungsschutz (1) schweigt, während er auf anderen Feldern aktiv wird, dokumentiert die Schräglage, in der wir uns befinden.

Ob Menschen, die ihre eigenen, zuweilen abstrusen Schlüsse aus der gegenwärtigen Lage ziehen und sich auf esoterische, die Corona-Situation ignorierende und verwegene Deutungsmuster einlassen, den Tatbestand einer Gefährdung der Verfassungsmäßigkeit der Bundesrepublik Deutschland verursachen, ist eher zweifelhaft. Das zu beurteilen ist die Aufgabe der Exekutive, nicht die des Verfassungsschutzes.

Letzterer wäre gut beraten, sich mit den Verbreiterinnen und Verbreitern des erwähnten Narrativs zu befassen, die Amt, Funktion und gesellschaftliche Stellung dazu missbrauchen, um die Verfassung umzudeuten. Da werden aus den Grundrechten Gnadenakte, die ein Obrigkeitsstaat den Untertanen zukommen lässt. Es handelt sich dabei um die größte Attacke gegen die Verfassung der Republik seit ihrem Bestehen. Und was macht der Verfassungsschutz? Er beobachtet Esoteriker von der schwäbischen Alb!

Applaus von den Machthabern auf Zeit

Großes Lob bekommt er ausgerechnet aber logischerweise von denen, die das neue Narrative der Gnadenrechte bedienen und die, da muss man sich nichts vormachen, gegenwärtig über die Macht verfügen.

Das Bittere an dieser Erkenntnis ist die Tatsache, dass die Machthaber auf Zeit, auch das ist eine Binsenweisheit demokratischer Gesellschaften, sich nicht aufführen oder zu erkennen geben, dass sie im Auftrag derer unterwegs sind, die sie behandeln wie Unmündige, zu keiner vernünftigen Entscheidung Fähige, die betrachtet werden wie Häftlinge und Delinquenten.

Ihnen wird suggeriert, es hinge exklusiv von ihrem Betragen ab, wie es weiter verläuft mit den Infektionen und wie die Lage auf den Intensivstationen ist.

Oft, allzu oft waren es die gleichen Personen, die vor der großen Pandemie das Gesundheitssystem rationalisiert und auf Gewinn ausgerichtet haben, und sie, die den Geist der Verfassung mit Füßen treten, erzählen dem Volk, das nach Aussagen bestimmter Politiker ja eigentlich gar nicht mehr existiert, es sei durch sein Fehlbetragen für die Katastrophe verantwortlich ist. Übrigens eine Verschwörungstheorie, die alle anderen, die kursieren, bei Weitem übertrifft.

Angesichts des beschriebenen Narrativs und der verheerenden Fehldeutung der eigenen Funktion wäre es höchste Zeit, dass sich der Verfassungsschutz mit diesen Entwicklungen beschäftigt. Großer Applaus bliebe nicht aus.


Quellen und Anmerkungen

(1) Verfassungsschutz ist ein Element der wehrhaften Demokratie. Sammel- und Überbegriff ist der Staatsschutz. In Deutschland existieren dazu als Inlandsnachrichtendienste das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Militärische Abschirmdienst und die Landesbehörden für Verfassungsschutz. Das Bundesamt für Verfassungsschutz wurde am 7. November 1950 gegründet. Die Alliierten kontrollierten und genehmigten unter anderem die Einstellung des Personals. Dies bestand auch aus ehemaligen Mitgliedern der NS-Verbrecherorganisationen Gestapo, SS und SD des Reichssicherheitshauptamts. Selbst hochrangige Mitglieder der NS-Diktatur wurden in Ämter des Geheimdienstes gehoben.


Foto: Anne Nygård (Unsplash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

3 Gedanken zu “Was macht eigentlich der Verfassungsschutz?”

  1. Wie ich gelesen habe, arbeitet der Deutsche Verfassungsschutz eng mit den Geheimdiensten der USA zusammen. Die Geheimdienste der BRD sowieso. Wo ist die Trennung zwischen Verfassungsschutz und inländischer Geheimdienst? Die Geheimdienste (Central Intelligence) neigen dazu, einen Staat innerhalb des Staates, nein, der Staaten, aufzubauen. Die parlamentarischen Kontrollausschüsse sind wegen Geheimhaltung nicht vollumfänglich informiert. Jetzt neigen diese Schlapphüte auch noch dazu, sich Globalen Konzernen, der Finanzindustrie, den Nachrichtenagenturen und dem globalen digitalen Komplex wegen Interessenskongrruenz anzudienen. (vgl. auch Allen Dulles in “The devils cessboard”, David Talbot
    Was dann entsteht, ist ein Globaler Staat, der sehr tief ist.

  2. Hallo Herr Mersmann, verehrte Leser,
    Ein guter Hinweis auf die Leseempfehlung, das Interview mit über eineinhalb Stunden ist eigentlich zu lang, aber sehr interessant. Angst und Macht… aber Angst und Schuld ist eigentlich das Führungsinstrument der herrschenden Klasse, das hatten wir aber schon mal… Es hat sich nichts geändert… Gustave le Bon … 1895 … die Psychologie der Massen…
    Nun Schluss für heute… bis demnächst

  3. Hallo Admin und Adminin,
    Ich weiß nicht warum mein Kommentar hier gelandet ist, aber er gehört zu
    … Angst und Macht… der Buchbesprechung und dem Video dazu.
    Nun den, happy Verschiebing… :)

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