Die Selbstgerechten: Von Lifestyle-Linken und der Zukunft der Globalisierung

Die Publikationen, welche sich kritisch mit dem Phänomen von Cancel Culture auseinandersetzen, häufen sich. Dass sich jedoch eine renommierte Vertreterin der LINKEN dem Thema widmet, ist eine Besonderheit. Sie reagiert damit auf die innerparteilichen Auseinandersetzungen, die damit verbunden sind.

Die Selbstgerechten

Auch ihre Partei bleibt von der Erscheinung nicht verschont. Welche Linke oder welcher Linke hätte nicht ein tiefes Verständnis für die Opfer von Diskriminierung? Dass sich jedoch aus einem anti-diskriminatorischen Reflex eine Programmatik entwickelt hat, die sich ihrerseits im Metier der Diskriminierung virtuos bewegt, ist ein Novum.

Sahra Wagenknecht hat sich in ihrem neuesten Buch “Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt” diesem Thema verschrieben.

In der Analyse des Phänomens gehören die Ausführungen zu dem Treffendsten und Prägnantesten, was momentan zu finden ist. Sie beschreibt die Geschichte der Anti-Diskriminierung aus der Perspektive derer, die es als ein Kernstück linker Politik angesehen haben.

Die aktuelle Erscheinung des Cancel Culture hat laut Wagenknecht mit diesem Anliegen nichts zu tun. Sie zeichnet anhand zahlreicher, vielen Leserinnen und Lesern bekannter Beispiele, dass es sich dabei um den Lebensgestus derer handelt, die neben den multi-nationalen Konzernen als die Gewinner der Globalisierung bezeichnet werden können.


Sahra Wagenknecht. Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt (Quelle: YouTube/Gerhard Mersmann)

Es handelt sich um Akademikerinnen und Akademiker aus dem Mittelstand, die ihrerseits über internationale Erfahrungen verfügen und zumeist in den sogenannten kreativen Berufen zu Hause sind. Sie bilden prozentual eine kleine, aber medial omnipräsente Gruppe der Bevölkerung ab, die ihrerseits mit einer gehörigen Portion Arroganz auf die herabblicken, die als die Verlierer des globalen Wirtschaftsliberalismus bezeichnet werden müssen, nämlich diejenigen, die sich in unsteten Arbeitsverhältnissen zu miserablen Löhnen verdingen müssen. Mit linker Politik, so Wagenknecht, hat das alles nichts zu tun.

Die Lifestyle-Linken und das Gegenprogramm

In mehreren Exkursen verweist die Autorin auf die historische Entwicklung der letzten vierzig Jahre. Es entsteht ein Portfolio, in dem Arbeiten, Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung für einen Großteil der Bevölkerung sich zum Schlechteren gewendet haben. Die Ursache dafür ist die neoliberale Ideologie, die nahezu die gesamte politische Klasse erfasst hat und die dem Marketing-Paket von Weltoffenheit, unbegrenzter Migration und der Propagierung internationaler Organisationen als notwendigem Gegensatz zu nationalem Handeln erlegen ist.

Das Resultat ist verheerend und es entspricht keiner der Versprechungen, die der vermeintlich fortschrittliche politische Kosmopolitismus (1) ausgerufen hat und immer noch ausruft.

Das im Untertitel angekündigte Gegenprogramm setzt folglich auf die Notwendigkeit, im nationalen Rahmen mehr und besseres staatliches Handeln anzustreben, das auf der Grundsicherung von gut bezahlter Arbeit, allen Schichten zugänglicher Bildung, einem gerechten Rentensystem und einer für alle auskömmlichen Gesundheitsversorgung basiert und sich einer den Markt regulierenden Wirtschaftspolitik verschreibt. Dass diesem Ansinnen der Chor der neo- wie linksliberalen Verfechter der Globalisierung entgegenschlagen wird, ist verbrieft.

Wagenknecht liefert zahlreiche Argumente und verweist auf interessante Quellen, die ihre Argumentation stützen. Was ihr auf jeden Fall gelingt, ist die Entlarvung der Motive einer von ihr als Lifestyle-Linke bezeichneten Gruppe, die bei den Grünen die Herrschaft übernommen, die in der Sozialdemokratie die Schlüsselpositionen eingenommen hat und die sich in der Linken immer mehr zu Wort meldet und die medial gehypt wird wie kaum eine Bewegung zuvor.

Ob die politische Alternative, die sie aufzeigt, eine Chance auf Realisierung haben wird, das steht in den Sternen.


Informationen zum Buch

Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt

Autorin: Sahra Wagenknecht

Genre: Politisches Sachbuch

Seiten: 345

Verlag: Campus Verlag

Erscheinung: 2021

ISBN: 978-3-593-51390-4


Quellen und Anmerkungen

(1) Das Konzept des Kosmopolitismus (Weltbürgertum) geht auf die Antike zurück. Es handelt sich um eine philosophisch-politische Weltanschauung, die den ganzen Erdkreis als Heimat betrachtet und im Gegensatz zum Nationalismus und Provinzialismus steht.


Foto und Video: Bekky Bekks (Unsplash.com) und Gerhard Mersmann

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

2 Gedanken zu “Die Selbstgerechten: Von Lifestyle-Linken und der Zukunft der Globalisierung”

  1. Meine Gedanken zu dem Beitrag von Gerhard Mersmann über das Buch:

    Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt
    Autorin: Sahra Wagenknecht

    Seit wir Menschen denken und fragen können, suchen wir nach unserer ursprünglichen Herkunft und nach Orientierungen für unsere Lebensgestaltung. Und wir fragen uns, weshalb wir uns sowohl aller Mühen als auch aller Lust des Lebendig-Seins aussetzen und hingeben sollen und wollen. Und immer sind wir Suchende.

    Ob durch Einzelne, Gruppen, Parteien, Klassen, Parlamente oder Regierungen gestaltet, immer ist Politik Interessenvertretung und somit kämpferische Auseinandersetzung. Es werden Fragen und Probleme verschiedener gesellschaftlicher Bereiche, wie der Wirtschaft, nationaler und internationaler Normen des Zusammenwirkens der Menschen, des Gesundheitswesens, der Bildung und Erziehung, der Verteidigung, des Schutzes, der Rechtsbeziehungen, von Familienangelegenheiten, der Ethik und Moral, der Freiheiten und Verpflichtungen, der Kunst, also aller Verhältnisse und Kreisläufe der zwischenmenschlichen Wechselbeziehungen diskutiert und beraten beziehungsweise Maßnahmen beschlossen und umgesetzt, die diese Fragen und Probleme beantworten und einer Lösung zuführen sollen.

    So auch Johannes Heinrichs, er sieht in seinem „Demokratiemanifest“ für die schweigende Mehrheit die zwischenmenschliche „Kommunikation als Schlüsselfrage“ bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme. Diese sei an die einfache Frage gebunden, „wer kommt zu Wort, und wie können die Wortmeldungen geordnet aufeinander bezogen werden?“ Die Probleme der Gerechtigkeit, also von Arm und Reich, die Ernährungsprobleme der Welt, die Probleme mit der Natur und ihren Schätzen, mit der Arbeitslosigkeit und dem Verkehr, mit dem Frieden und mit der Gerechtigkeit auch in den Bildungschancen, seien allesamt sachlich lösbar. Das hänge aber von der einen Schlüsselfrage ab: „Wie können die Menschen sachlich und friedlich, womöglich verständnis- und vertrauensvoll diese Lösungen aushandeln? Und zwar indem alle Betroffenen, das sind alle, zu Wort kommen?“ Das fatale Gefühl, in der Gesellschaft gar nicht erst gehört zu werden, sei der Kern des Ohnmacht Gefühls, das die große Mehrheit unserer Mitbürger beschleiche. (Johannes Heinrichs – Demokratiemanifest – Steno Verlag München 2005)

    Um dem abzuhelfen ist es zwingend notwendig, auf vier Ebenen den Diskurs zu gesellschaftspolitischen Aufgaben zu führen, um diese auf demokratische Weise zu erfüllen. Das sind die Ebene der Grundwerte, die Ebene der kulturvollen Lebensweise, die der politischen Lenkung und Leitung des gesellschaftlichen Zusammenwirkens und die der Erwirtschaftung der materiellen Grundlagen für ein ertragreiches Füreinander aller.

    Sich selbstbewusst als bio-psycho-soziales Wesen begreifend, kann der Mensch sein Wirtschaften so gestalten, dass jeder seinen ihm gemäßen und möglichen, seiner menschlichen Würde, seinen Fähigkeiten und seinem Wollen entsprechenden Anteil am zwischenmenschlichen Miteinander haben kann. Erarbeiten, austauschen, verteilen und nutzen sind Bewegungsvorgänge der wirtschaftlichen Sphäre des menschlichen Handelns, in der wir unsere Arbeitskraft und unsere Kreativität einbringen, um die zum Leben notwendigen und nützlichen Gebrauchsgüter und Dienstleistungen zu erschaffen und zu leisten.

  2. Zu dem, was sich heute “links” nennt, oder gar “Antifa” ein bedrückendes Video unserer Zeit:

    Dieses Video zeigt klar die Trennlinie zwischen verhindertem [HINWEIS ADMIN: Zusatz gelöscht. Bitte beachten Sie die Netiquette.] (angeblich „Linke, angebliche „Antifa“) und Demokraten, die ihr grundgesetzlich garantierten Rechte selbstverständlich nutzen:

    von „Anni und Martin“, :BERLIN
    „Antifa rastet aus bei Demo gegen Ausgangssperre in Berlin, attackiert Journalisten und Demonstranten“
    41.069 Aufrufe•Live übertragen am 24.04.2021

    ()https://youtu.be/Ko0Q6Ih8Cqo

    oder eingebettet auf opablog.net (weit nach unten scrollen)

    Völlig entlarvend: das Plakat der „Gegendemonstranten“ mit der Aufschrift (im Sinne von: „Ihr seid …“) „Querulanten“

    Mehrmals deutlich wie hier zu sehen: ()https://youtu.be/Ko0Q6Ih8Cqo?t=6895

    „Querulanten“ wurden im faschistischen „Dritten Reich“ Juden und andere öffentlich sichtbaren „Störfaktoren“ genannt!

    Das sollte sich mal jeder “Linke” anschauen und sich überlegen, wie viel er selbst zu solchen Entwicklungen beigetragen hat!

    (Ich hatte mich bisher über 40 Jahre lang selbst als “links” definiert gehabt und war entsprechend politisch aktiv. Aber heute kann ich mich nicht mehr guten Gewissens “links” nennen angesichts einer solchen Überzahl an “Linken” mit denen ich nichts zu haben will und bei denen ich nichts machtkritsches, antirepressives, antikapitalistisches, antiautoritäres, demokratisches, solidarisches, friedfertiges, lebensbejahendes, menschenfreundliches erkennen kann.)

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