Vom Gold zum Eisen

“Vom Gold zum Eisen oder vom Stein zu Plaste” nannte der Historiker Helmut Wolle ein Kapitel in seinen kulturgeschichtlichen Miniaturen (1). In der Antike war die Vorstellung von aufeinanderfolgenden Zeitaltern, die nach Metallen benannt wurden, verbreitet. Wolle, der darstellt, wie sich der Verlauf der Menschheitsgeschichte im bearbeiten von Rohstoffen zum nützlichen Gebrauch ereignete, schreibt:

“Am Anfang war das goldene Zeitalter. Alle lebten wie Götter ganz ohne Betrübnis. Die Feldfrüchte wuchsen von selbst, die Herden vermehrten sich.”

Dieser Phase sei das silberne Weltalter gefolgt, in dem “Streit und Hader” begannen. Es schloss sich das eherne (bronzene) Zeitalter an. “Damals war alles aus Bronze: Waffen, Ackergerät, sogar die Häuser.” Und schließlich habe ein eisernes Volk gelebt, weder am Tag noch in der Nacht habe es Ruhe gefunden vor Arbeitslast und Leid.

Vom Gold zum Eisen und noch weiter …

Wenn man beispielsweise Bauwerke und die Art und Weise ihrer Errichtung von den Anfängen bis in die Gegenwart verfolgt, lässt sich feststellen, wie sich parallel zum technologischen Fortschritt die Fertigkeiten der Menschen entwickelten. Da Bauwerke und monumentale Konstruktionen oft Jahrhunderte überdauern, kann an ihnen auch abgelesen werden, wie ihre Erschaffer die natürlichen Energiequellen und die vorhandenen Rohstoffe einsetzten, um sich die Arbeit zu erleichtern.

Bei solchen Betrachtungen ist zu berücksichtigen, dass an der Errichtung der alten Bauten ebenfalls Sklaven oder Leibeigene beteiligt waren: Fer Raub und die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ist eine der wesentlichen Grundlage des Fortschritts und der Zivilisationen.

Heute werden mithilfe der modernen Industrieproduktion leichter und schneller Gebäude errichtet, die eine hohe Lebens- und Wohnkultur ermöglichen, in denen man sich wohlfühlt und in denen man regenerieren kann, vielleicht auch Freude am Leben gewinnt.

Der Mensch stand im Altertum vor der Notwendigkeit, schwere Gegenstände unterschiedlichster Art an andere Orte zu versetzen. Besonders schwierig war das Bewegen von Lasten in die Höhe, beispielsweise von Steinblöcken beim Bau von Häusern, Schlössern oder Burgen oder beim Entladen von Schiffen in den Häfen. Dies mit wenig Kraftanstrengung verrichten zu können, also mit geringer Muskelkraft selbst gewaltigste Lasten zu bewegen, ist ein uraltes Trachten der Menschen.

Tüftler und Träumer

In der Geschichte des Wirtschaftens fanden sich immer Erfinder, die hofften, etwas Besonderes und Wunderbares zu erschaffen. Etwa eine Lichtquelle, die niemals erlischt, einen Kran, der Granitblöcke heben kann oder den Stein der Weisen, mit dessen Hilfe sich Blei in Gold verwandeln lässt. Und warum nicht gar eine Maschine, die sich ohne Antrieb bewegt?

So wie sich stets Tüftler fanden, fanden sich auch Träumer, die sich derartige Wunderdinge wünschten. Welcher der vielen Fürsten, die im 18. Jahrhundert in Europa Hof hielten, hätte nicht brennend gern einen Goldmacher gehabt. Nicht weniger gefragt war das sogenannte Perpetuum mobile, ein Gerät, das Energie aus dem Nichts herbeizaubern sollte (2). Nicht alles wurde Realität, aber vieles.

Die Wissbegierigen, die Suchenden und die Träumer sind die Wegbereiter einer Zukunft, die sich in der Gegenwart kaum erahnen lässt. Sie sind diejenigen, die leidenschaftlich danach streben, das Morgen im Heute zu finden und zu erleben.

… bis zur Erosion

Da sind wir also vom goldenen im eisernen Zeitalter angekommen beziehungsweise, wie es Helmut Wolle sieht, von der Stein- in der Plaste-Zeit, aber wie geht es nun weiter? Die wesentlichen Veränderungen im Produktionsprozess und die Steigerung der Produktivität des weltweiten Wirtschaftsgeschehens eröffnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, auch für die Überwindung von Unterentwicklung und Armut, also für wahrhaftig humanistische zwischenmenschliche Verhältnisse. Doch diese Tür ist versperrt, zumindest wird sie nicht aufgerissen. Warum? Was hält die Menschheit auf? Das Streben nach Profit und die damit verbundene Ausbeutung von Natur und Mensch erweisen sich als schier unüberwindliche Barriere. Doch diese nährt sich dem finalen Zerfall.

Ein gewaltiger Teil der Erdbevölkerung, vor allem im globalen Süden, wird immer offener mit psychischer und physischer Gewalt ferngehalten von der Erfüllung der Grundbedürfnisse. Zwischen des Mühlsteinen des Profits werden sie zerrieben bis zur Überflüssigkeit. Es sind unterdrückte, diskriminierte, hungernde, geplagte, verelendende, dahinvegetierende Menschen, die nichts mehr haben, was sich ausbeuten ließe: Nicht einmal mehr ihre Arbeitskraft ist gefragt.

Beispielsweise wird die Arbeitslosenquote für Südafrika für das Jahr 2021 auf 29,7 Prozent prognostiziert. Bis 2026 soll sie auf über 34 % steigen (3). Was werden die Menschen tun, die keine Erwerbsarbeit und kein Einkommen haben? Wovon werden sie ihr Dasein bestreiten?

Die Wirtschaftsweise wandelt sich in der digitalen Revolution dramatisch. Automatisierungsprozesse verändern Produktion und Dienstleistung, menschliche Arbeitskraft wird verdrängt – weltweit und zeitgleich.

Auch in den Industrienationen wird den Menschen die Verwertung in Erwerbsarbeit mehr und mehr erschwert. In Deutschland ist seit Jahren zu beobachten, was Anlass zur Sorge bereiten sollte: die Unterbeschäftigung. In einem Interview mit der Deutschen Welle (4) über die Aussagekraft der Arbeitslosen-Statistik erklärte der Ökonom Heinz-Josef Bontrup bereits 2018:

“(…) Seit der Wiedervereinigung ist das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland konstant geblieben und liegt bei etwa 60 Milliarden Stunden im Jahr. Aber dieses Volumen wird völlig anders verteilt als früher. Zwar arbeiten heute mehr Menschen. Dies aber nur, weil der Anteil der Teilzeitbeschäftigten drastisch angestiegen und der der Vollzeitbeschäftigten gesunken ist. So hat die Teilzeitquote bei den abhängig Beschäftigten von 17,9 Prozent (1991) auf 37,5 Prozent im Jahr 2016 zugenommen und die Vollzeitquote ging entsprechend von 82,1 auf 62,5 Prozent zurück.”

Was macht die Politik? Sie fantasiert von Vollbeschäftigung und bejubelt den Niedriglohnsektor als Errungenschaft, dabei schlummert in ihm das Gift der Armut und des gesellschaftlichen Zerfalls. Ein Blick in die USA verrät, was auf Europa zukommt. Der Publizist Tomasz Konicz beschreibt in dem Essay “Letzter neoliberaler Tanz auf dem Vulkan” (5) die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten und die Ausbreitung des Niedriglohnsektors:

“(…) Die Erosion der amerikanischen Arbeitsgesellschaft wird auch an dem Aufkommen der Sharing- oder Gig-Economy deutlich, bei der internetbasierte Plattformen wie der berüchtigte Fahrdienst Uber (der seine Leute in der Biden-Administration unterbringen konnte) als Vermittler von Dienstleistungen dienen. Inzwischen sollen sich rund 30 Prozent der Lohnabhängigen in den Vereinigten Staaten in diesem Sektor mit Teilzeitjobs als scheinselbstständige prekäre Tagelöhner durchschlagen. Und es sind gerade diese von ihren jeweiligen Plattformen abhängigen Tagelöhner des Internetzeitalters, die von der Pandemie besonders gefährdet sind. Arbeiten und eine Infizierung riskieren oder Verhungern – das sind die Alternativen, mit denen sich etwa die “vogelfreien” Fahrer des Beförderungsdienstes Uber konfrontiert sehen.”

Absturz aus dem Paradies

In der kapitalistischen Wirtschaftsweise werden Gebrauchswerte hauptsächlich als Mittel zum Zweck hergestellt, um durch deren Verkauf möglichst hohe Profitraten generieren zu können. Der so erwirtschaftete Profit wird aber nur zu einem Teil in die Reproduktion des Produktionsprozesses investiert. Der andere Teil wird zu privaten Zwecken abgeschöpft. Darum müssen die Betriebswirtschaften zur ständigen Fortsetzung der Produktion Kredite für Investitionen aufnehmen, die mit Zinsen an die Gläubiger zurückbezahlt werden müssen.

Können Betriebswirtschaften nicht genügend Gewinn generieren, werden sie insolvent. Die vormaligen Geldgeber werden dann Besitzer. Oder anders gesagt: Wird nicht genug Profit erwirtschaftet, folgt auf die Zahlungsunfähigkeit der Verkauf des Eigentums und somit quasi die Enteignung. So gibt es weltweit immer mehr von der Finanzwirtschaft abhängige Eigentümer von Produktionsmitteln. Sie befinden sich in machtpolitisch gestütztem und juristisch garantiertem Besitz der Finanzoligarchie.

Besonders das Kleinunternehmertum, das sich zwar politisch und sozial nach “oben” orientiert, aber bildlich gesprochen lediglich wenige Zentimeter von “unten” entfernt ist, hat praktisch ständig den Verlust des Besitzes vor Augen. Denn ein Unternehmer, der keinen Besitz mehr hat, gehört zur gesellschaftlichen Schicht der Besitzlosen: des Proletariats. Marx und Engels schrieben 1848:

“(…) In den Ländern, wo sich die moderne Zivilisation entwickelt hat, hat sich eine neue Kleinbürgerschaft gebildet, die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie schwebt und als ergänzender Teil der bürgerlichen Gesellschaft stets von neuem sich bildet, deren Mitglieder aber beständig durch die Konkurrenz ins Proletariat hinabgeschleudert werden, ja selbst mit der Entwicklung der großen Industrie einen Zeitpunkt herannahen sehen, wo sie als selbständiger Teil der modernen Gesellschaft gänzlich verschwinden und im Handel, in der Manufaktur, in der Agrikultur durch Arbeitsaufseher und Domestiken ersetzt werden.” (6)

Produktion, Dienstleistung, staatlich gestützte Konsumtion und Investition und immer mehr auch die Aufwendungen zur notwendigen privaten Bedürfnisbefriedigung werden durch Kreditinstitute vorfinanziert und machen so alles Zwischenmenschliche von Ware-Geld-Beziehungen abhängig. Das macht die Volkswirtschaften anfällig für Krisen. Auch deshalb, weil mehr und mehr menschliche Arbeitsleistung und das in den Arbeitsprozessen Erschaffene zur Fütterung des immer gefräßiger werdenden Geldmolochs vergeudet wird.

Verkürzt beschrieben: Spezifisch für das kapitalistische Wirtschaften ist es, dass alle gesamtgesellschaftlich erbrachten Arbeitsleistungen in privatem Interesse verwendet werden können. Dadurch werden Waren und insbesondere die Ware Arbeitskraft nicht richtig bewertet. Es kommt zu einer dauerhaften Störung der Wirtschaftskreisläufe oder gar zu einer Unterbrechung, was zu Wirtschaftskrisen, sozialen Ungerechtigkeiten und weiteren ökologischen Katastrophen führt.

Globalisierung total

Verschärft wird die Situation, weil zum einen der Konkurrenzkampf zu immer kostengünstigerem Produzieren und somit zu Rationalisierungen zwingt. Zum anderen hängt die Realisierung immer höherer Profitraten von der Eroberung immer neuer Märkte und Einflusssphären ab. Das Profitstreben treibt das Kapital zur “totalen” Globalisierung. Und schließlich ist der Trieb zur schrankenlosen Ausdehnung der Produktion untrennbar mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate verbunden.

Dieser Fall ergibt sich infolge der Produktivkraftentwicklung, insbesondere durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Dadurch wird immer mehr in Anlagen, Maschinen, Technik und so weiter investiert, hauptsächlich, um den Lohn für Arbeitskräfte einzusparen.

Gewinn kann aber nur erzielt werden, wenn Produkte und Dienstleistungen gekauft werden. Werden jedoch prozentual nur wenige Menschen immer reicher und astronomisch viele immer ärmer, kann zwar mehr und mehr produziert, aber gleichzeitig immer weniger konsumiert werden. Oder anders gesagt: Es wird Gebrauchswert produziert, der nicht gekauft wird, weil durch Lohndumping beziehungsweise steigende Erwerbsarbeitslosigkeit die Kaufkraft tendenziell sinkt.

Durch diesen Hebel verschärfen sich tendenziell auch die gesellschaftlichen Widersprüche. Betriebswirtschaften müssen die Nützlichkeit ihres Unternehmens auf Grundlage fast nur vorfinanziert möglichem Tätigsein und anschließender Verpflichtung zur Kredit- und Zinstilgung dem Streben nach Profit unterordnen und werden im gnadenlosen Konkurrenzkampf “Jeder gegen jeden” aufgerieben.

Die sich auf Druck der internationalen Finanzmärkte durchsetzende Globalisierung löst die Volkswirtschaften auf. Die Überschussproduktion nimmt zu, gleichzeitig sinkt die Zahl derer, die an der Produktion beteiligt sind. Nicht proportionaler Austausch, ungerechte Verteilung sowie teils verschwenderischer, aber auch unzureichender Konsum bestimmen das Leben der Menschen. Staatsapparate, von denen erwartet wird, sie wären möglichst hoher Nützlichkeit verpflichtet und müssten volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Aktivitäten stimulieren, konzentrieren ihr Engagement auf immer weniger „systemrelevante“ Player. Während sie Kleinbetriebe ignorieren und mittelständische Firmen kaum beachten, geraten sie Stück für Stück in die erdrosselnde (politische) Abhängigkeit der Konzerne und des Kapitals.

Durch die Globalisierung sind alle Gesellschaften an das im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsweise objektiv notwendige und immer höher steigende Wirtschaftswachstum diktatorisch gebunden. Es ist diese alles beherrschende Diktatur des Profits, die im demokratisch geführten Diskurs hinterfragt werden muss: ohne Tabus. In letzter Konsequenz ist ein Systemwechsel zu diskutieren, hin zu einer Wirtschaft der Kooperation, Nützlichkeit und des Bedarfs. Die Etablierung eines mitmenschlichen Füreinander ist erforderlich, um so die sozialen Gebilde vor dem Verfall und die Umwelt vor der Zerstörung zu retten.


Quellen und Anmerkungen

(1) Helmut Wolle: Götter, Mumien und Hetären – Kulturgeschichtliche Miniaturen (Volk und Wissen Verlag, Berlin 1983)

(2) Als Perpetuum mobile werden unterschiedliche Kategorien (ausgedachter), nicht existierender Geräte bezeichnet, die, so zumindest die Erwartung, einmal in Gang gesetzt ohne weitere Energiezufuhr ewig in Bewegung bleiben. Und die dabei (je nach zu Grunde gelegter Definition) möglicherweise auch noch Arbeit verrichten sollen. Diese Geräte haben eine Gemeinsamkeit: Sie widersprechen mindestens einem thermodynamischen Hauptsatz und sind deshalb nicht realisierbar.

(3) Statista (April 2021): Südafrika: Arbeitslosenquote von 1980 bis 2020 und Prognosen bis 2026. Auf https://de.statista.com/statistik/daten/studie/254735/umfrage/arbeitslosenquote-in-suedafrika/ (abgerufen am 30.5.2021).

(4) Deutsche Welle (3.1.2018): Ist die Arbeitslosen-Statistik “Volksverdummung”? Auf https://www.dw.com/de/ist-die-arbeitslosen-statistik-volksverdummung/a-41945083 (abgerufen am 30.5.2021).

(5) telegraph (22.1.2021): Letzter neoliberaler Tanz auf dem Vulkan. Auf https://telegraph.cc/letzter-neoliberaler-tanz-auf-dem-vulkan/ (abgerufen am 30.5.2021).

(6) Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (1848). Auf https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/index.htm (abgerufen am 30.5.2021).


Foto: Sandy Millar (Unsplash.com)

“Vom Gold zum Eisen oder vom Stein zu Plaste” nannte der Historiker Helmut Wolle ein Kapitel in seinen kulturgeschichtlichen Miniaturen (1). In der Antike war die Vorstellung von aufeinanderfolgenden Zeitaltern, die nach Metallen benannt wurden, verbreitet. Wolle, der darstellt, wie sich der Verlauf der Menschheitsgeschichte im bearbeiten von Rohstoffen zum nützlichen Gebrauch ereignete, schreibt:

“Am Anfang war das goldene Zeitalter. Alle lebten wie Götter ganz ohne Betrübnis. Die Feldfrüchte wuchsen von selbst, die Herden vermehrten sich.”

Dieser Phase sei das silberne Weltalter gefolgt, in dem “Streit und Hader” begannen. Es schloss sich das eherne (bronzene) Zeitalter an. “Damals war alles aus Bronze: Waffen, Ackergerät, sogar die Häuser.” Und schließlich habe ein eisernes Volk gelebt, weder am Tag noch in der Nacht habe es Ruhe gefunden vor Arbeitslast und Leid.

Vom Gold zum Eisen und noch weiter …

Wenn man beispielsweise Bauwerke und die Art und Weise ihrer Errichtung von den Anfängen bis in die Gegenwart verfolgt, lässt sich feststellen, wie sich parallel zum technologischen Fortschritt die Fertigkeiten der Menschen entwickelten. Da Bauwerke und monumentale Konstruktionen oft Jahrhunderte überdauern, kann an ihnen auch abgelesen werden, wie ihre Erschaffer die natürlichen Energiequellen und die vorhandenen Rohstoffe einsetzten, um sich die Arbeit zu erleichtern.

Bei solchen Betrachtungen ist zu berücksichtigen, dass an der Errichtung der alten Bauten ebenfalls Sklaven oder Leibeigene beteiligt waren: Fer Raub und die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ist eine der wesentlichen Grundlage des Fortschritts und der Zivilisationen.

Heute werden mithilfe der modernen Industrieproduktion leichter und schneller Gebäude errichtet, die eine hohe Lebens- und Wohnkultur ermöglichen, in denen man sich wohlfühlt und in denen man regenerieren kann, vielleicht auch Freude am Leben gewinnt.

Der Mensch stand im Altertum vor der Notwendigkeit, schwere Gegenstände unterschiedlichster Art an andere Orte zu versetzen. Besonders schwierig war das Bewegen von Lasten in die Höhe, beispielsweise von Steinblöcken beim Bau von Häusern, Schlössern oder Burgen oder beim Entladen von Schiffen in den Häfen. Dies mit wenig Kraftanstrengung verrichten zu können, also mit geringer Muskelkraft selbst gewaltigste Lasten zu bewegen, ist ein uraltes Trachten der Menschen.

Tüftler und Träumer

In der Geschichte des Wirtschaftens fanden sich immer Erfinder, die hofften, etwas Besonderes und Wunderbares zu erschaffen. Etwa eine Lichtquelle, die niemals erlischt, einen Kran, der Granitblöcke heben kann oder den Stein der Weisen, mit dessen Hilfe sich Blei in Gold verwandeln lässt. Und warum nicht gar eine Maschine, die sich ohne Antrieb bewegt?

So wie sich stets Tüftler fanden, fanden sich auch Träumer, die sich derartige Wunderdinge wünschten. Welcher der vielen Fürsten, die im 18. Jahrhundert in Europa Hof hielten, hätte nicht brennend gern einen Goldmacher gehabt. Nicht weniger gefragt war das sogenannte Perpetuum mobile, ein Gerät, das Energie aus dem Nichts herbeizaubern sollte (2). Nicht alles wurde Realität, aber vieles.

Die Wissbegierigen, die Suchenden und die Träumer sind die Wegbereiter einer Zukunft, die sich in der Gegenwart kaum erahnen lässt. Sie sind diejenigen, die leidenschaftlich danach streben, das Morgen im Heute zu finden und zu erleben.

… bis zur Erosion

Da sind wir also vom goldenen im eisernen Zeitalter angekommen beziehungsweise, wie es Helmut Wolle sieht, von der Stein- in der Plaste-Zeit, aber wie geht es nun weiter? Die wesentlichen Veränderungen im Produktionsprozess und die Steigerung der Produktivität des weltweiten Wirtschaftsgeschehens eröffnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, auch für die Überwindung von Unterentwicklung und Armut, also für wahrhaftig humanistische zwischenmenschliche Verhältnisse. Doch diese Tür ist versperrt, zumindest wird sie nicht aufgerissen. Warum? Was hält die Menschheit auf? Das Streben nach Profit und die damit verbundene Ausbeutung von Natur und Mensch erweisen sich als schier unüberwindliche Barriere. Doch diese nährt sich dem finalen Zerfall.

Ein gewaltiger Teil der Erdbevölkerung, vor allem im globalen Süden, wird immer offener mit psychischer und physischer Gewalt ferngehalten von der Erfüllung der Grundbedürfnisse. Zwischen des Mühlsteinen des Profits werden sie zerrieben bis zur Überflüssigkeit. Es sind unterdrückte, diskriminierte, hungernde, geplagte, verelendende, dahinvegetierende Menschen, die nichts mehr haben, was sich ausbeuten ließe: Nicht einmal mehr ihre Arbeitskraft ist gefragt.

Beispielsweise wird die Arbeitslosenquote für Südafrika für das Jahr 2021 auf 29,7 Prozent prognostiziert. Bis 2026 soll sie auf über 34 % steigen (3). Was werden die Menschen tun, die keine Erwerbsarbeit und kein Einkommen haben? Wovon werden sie ihr Dasein bestreiten?

Die Wirtschaftsweise wandelt sich in der digitalen Revolution dramatisch. Automatisierungsprozesse verändern Produktion und Dienstleistung, menschliche Arbeitskraft wird verdrängt – weltweit und zeitgleich.

Auch in den Industrienationen wird den Menschen die Verwertung in Erwerbsarbeit mehr und mehr erschwert. In Deutschland ist seit Jahren zu beobachten, was Anlass zur Sorge bereiten sollte: die Unterbeschäftigung. In einem Interview mit der Deutschen Welle (4) über die Aussagekraft der Arbeitslosen-Statistik erklärte der Ökonom Heinz-Josef Bontrup bereits 2018:

“(…) Seit der Wiedervereinigung ist das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland konstant geblieben und liegt bei etwa 60 Milliarden Stunden im Jahr. Aber dieses Volumen wird völlig anders verteilt als früher. Zwar arbeiten heute mehr Menschen. Dies aber nur, weil der Anteil der Teilzeitbeschäftigten drastisch angestiegen und der der Vollzeitbeschäftigten gesunken ist. So hat die Teilzeitquote bei den abhängig Beschäftigten von 17,9 Prozent (1991) auf 37,5 Prozent im Jahr 2016 zugenommen und die Vollzeitquote ging entsprechend von 82,1 auf 62,5 Prozent zurück.”

Was macht die Politik? Sie fantasiert von Vollbeschäftigung und bejubelt den Niedriglohnsektor als Errungenschaft, dabei schlummert in ihm das Gift der Armut und des gesellschaftlichen Zerfalls. Ein Blick in die USA verrät, was auf Europa zukommt. Der Publizist Tomasz Konicz beschreibt in dem Essay “Letzter neoliberaler Tanz auf dem Vulkan” (5) die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten und die Ausbreitung des Niedriglohnsektors:

“(…) Die Erosion der amerikanischen Arbeitsgesellschaft wird auch an dem Aufkommen der Sharing- oder Gig-Economy deutlich, bei der internetbasierte Plattformen wie der berüchtigte Fahrdienst Uber (der seine Leute in der Biden-Administration unterbringen konnte) als Vermittler von Dienstleistungen dienen. Inzwischen sollen sich rund 30 Prozent der Lohnabhängigen in den Vereinigten Staaten in diesem Sektor mit Teilzeitjobs als scheinselbstständige prekäre Tagelöhner durchschlagen. Und es sind gerade diese von ihren jeweiligen Plattformen abhängigen Tagelöhner des Internetzeitalters, die von der Pandemie besonders gefährdet sind. Arbeiten und eine Infizierung riskieren oder Verhungern – das sind die Alternativen, mit denen sich etwa die “vogelfreien” Fahrer des Beförderungsdienstes Uber konfrontiert sehen.”

Absturz aus dem Paradies

In der kapitalistischen Wirtschaftsweise werden Gebrauchswerte hauptsächlich als Mittel zum Zweck hergestellt, um durch deren Verkauf möglichst hohe Profitraten generieren zu können. Der so erwirtschaftete Profit wird aber nur zu einem Teil in die Reproduktion des Produktionsprozesses investiert. Der andere Teil wird zu privaten Zwecken abgeschöpft. Darum müssen die Betriebswirtschaften zur ständigen Fortsetzung der Produktion Kredite für Investitionen aufnehmen, die mit Zinsen an die Gläubiger zurückbezahlt werden müssen.

Können Betriebswirtschaften nicht genügend Gewinn generieren, werden sie insolvent. Die vormaligen Geldgeber werden dann Besitzer. Oder anders gesagt: Wird nicht genug Profit erwirtschaftet, folgt auf die Zahlungsunfähigkeit der Verkauf des Eigentums und somit quasi die Enteignung. So gibt es weltweit immer mehr von der Finanzwirtschaft abhängige Eigentümer von Produktionsmitteln. Sie befinden sich in machtpolitisch gestütztem und juristisch garantiertem Besitz der Finanzoligarchie.

Besonders das Kleinunternehmertum, das sich zwar politisch und sozial nach “oben” orientiert, aber bildlich gesprochen lediglich wenige Zentimeter von “unten” entfernt ist, hat praktisch ständig den Verlust des Besitzes vor Augen. Denn ein Unternehmer, der keinen Besitz mehr hat, gehört zur gesellschaftlichen Schicht der Besitzlosen: des Proletariats. Marx und Engels schrieben 1848:

“(…) In den Ländern, wo sich die moderne Zivilisation entwickelt hat, hat sich eine neue Kleinbürgerschaft gebildet, die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie schwebt und als ergänzender Teil der bürgerlichen Gesellschaft stets von neuem sich bildet, deren Mitglieder aber beständig durch die Konkurrenz ins Proletariat hinabgeschleudert werden, ja selbst mit der Entwicklung der großen Industrie einen Zeitpunkt herannahen sehen, wo sie als selbständiger Teil der modernen Gesellschaft gänzlich verschwinden und im Handel, in der Manufaktur, in der Agrikultur durch Arbeitsaufseher und Domestiken ersetzt werden.” (6)

Produktion, Dienstleistung, staatlich gestützte Konsumtion und Investition und immer mehr auch die Aufwendungen zur notwendigen privaten Bedürfnisbefriedigung werden durch Kreditinstitute vorfinanziert und machen so alles Zwischenmenschliche von Ware-Geld-Beziehungen abhängig. Das macht die Volkswirtschaften anfällig für Krisen. Auch deshalb, weil mehr und mehr menschliche Arbeitsleistung und das in den Arbeitsprozessen Erschaffene zur Fütterung des immer gefräßiger werdenden Geldmolochs vergeudet wird.

Verkürzt beschrieben: Spezifisch für das kapitalistische Wirtschaften ist es, dass alle gesamtgesellschaftlich erbrachten Arbeitsleistungen in privatem Interesse verwendet werden können. Dadurch werden Waren und insbesondere die Ware Arbeitskraft nicht richtig bewertet. Es kommt zu einer dauerhaften Störung der Wirtschaftskreisläufe oder gar zu einer Unterbrechung, was zu Wirtschaftskrisen, sozialen Ungerechtigkeiten und weiteren ökologischen Katastrophen führt.

Globalisierung total

Verschärft wird die Situation, weil zum einen der Konkurrenzkampf zu immer kostengünstigerem Produzieren und somit zu Rationalisierungen zwingt. Zum anderen hängt die Realisierung immer höherer Profitraten von der Eroberung immer neuer Märkte und Einflusssphären ab. Das Profitstreben treibt das Kapital zur “totalen” Globalisierung. Und schließlich ist der Trieb zur schrankenlosen Ausdehnung der Produktion untrennbar mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate verbunden.

Dieser Fall ergibt sich infolge der Produktivkraftentwicklung, insbesondere durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Dadurch wird immer mehr in Anlagen, Maschinen, Technik und so weiter investiert, hauptsächlich, um den Lohn für Arbeitskräfte einzusparen.

Gewinn kann aber nur erzielt werden, wenn Produkte und Dienstleistungen gekauft werden. Werden jedoch prozentual nur wenige Menschen immer reicher und astronomisch viele immer ärmer, kann zwar mehr und mehr produziert, aber gleichzeitig immer weniger konsumiert werden. Oder anders gesagt: Es wird Gebrauchswert produziert, der nicht gekauft wird, weil durch Lohndumping beziehungsweise steigende Erwerbsarbeitslosigkeit die Kaufkraft tendenziell sinkt.

Durch diesen Hebel verschärfen sich tendenziell auch die gesellschaftlichen Widersprüche. Betriebswirtschaften müssen die Nützlichkeit ihres Unternehmens auf Grundlage fast nur vorfinanziert möglichem Tätigsein und anschließender Verpflichtung zur Kredit- und Zinstilgung dem Streben nach Profit unterordnen und werden im gnadenlosen Konkurrenzkampf “Jeder gegen jeden” aufgerieben.

Die sich auf Druck der internationalen Finanzmärkte durchsetzende Globalisierung löst die Volkswirtschaften auf. Die Überschussproduktion nimmt zu, gleichzeitig sinkt die Zahl derer, die an der Produktion beteiligt sind. Nicht proportionaler Austausch, ungerechte Verteilung sowie teils verschwenderischer, aber auch unzureichender Konsum bestimmen das Leben der Menschen. Staatsapparate, von denen erwartet wird, sie wären möglichst hoher Nützlichkeit verpflichtet und müssten volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Aktivitäten stimulieren, konzentrieren ihr Engagement auf immer weniger „systemrelevante“ Player. Während sie Kleinbetriebe ignorieren und mittelständische Firmen kaum beachten, geraten sie Stück für Stück in die erdrosselnde (politische) Abhängigkeit der Großkonzerne und des Kapitals.

Schlussbetrachtung

In allen organisierten gesellschaftlichen Verhältnissen gilt es, den Konsens der verschiedensten Interessen herzustellen. Diese ergeben sich aus der Widersprüchlichkeit zwischen den Emanzipations- und Integrationsprozessen. Die Lösung der gewaltigen Probleme der globalisierten Weltgesellschaft (die keiner großen Ausführung bedürfen), in der alles Zwischenmenschliche radikal auf Ware-Geld-Beziehungen reduziert wird, kann nur durch bewusstes Umgestalten, also durch gesamtgesellschaftlich und demokratisch fundiertes, politisches Handeln erfolgen.

Dabei muss nach dem Begreifen des Notwendigen gesucht, das Befriedigen wahrhaftiger Bedürfnisse erstrebt und das Bewahren der Wirklichkeit gewollt werden.

Durch die Globalisierung sind alle Gesellschaften an das im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsweise objektiv notwendige und immer höher steigende Wirtschaftswachstum diktatorisch gebunden. Es ist diese alles beherrschende Diktatur des Profits, die im demokratisch geführten Diskurs hinterfragt werden muss: ohne Tabus. In letzter Konsequenz ist ein Systemwechsel zu diskutieren, hin zu einer Wirtschaft der Kooperation, Nützlichkeit und des Bedarfs. Die Etablierung eines mitmenschlichen Füreinander ist außerdem erforderlich, zum einen, um so die sozialen Gebilde vor dem Verfall zu retten und zum anderen, damit die im Namen des Profits betriebene Zerstörung der Umwelt endgültig unterbunden wird.


Quellen und Anmerkungen

(1) Helmut Wolle: Götter, Mumien und Hetären – Kulturgeschichtliche Miniaturen (Volk und Wissen Verlag, Berlin 1983)

(2) Als Perpetuum mobile werden unterschiedliche Kategorien (ausgedachter), nicht existierender Geräte bezeichnet, die, so zumindest die Erwartung, einmal in Gang gesetzt ohne weitere Energiezufuhr ewig in Bewegung bleiben. Und die dabei (je nach zu Grunde gelegter Definition) möglicherweise auch noch Arbeit verrichten sollen. Diese Geräte haben eine Gemeinsamkeit: Sie widersprechen mindestens einem thermodynamischen Hauptsatz und sind deshalb nicht realisierbar.

(3) Statista (April 2021): Südafrika: Arbeitslosenquote von 1980 bis 2020 und Prognosen bis 2026. Auf https://de.statista.com/statistik/daten/studie/254735/umfrage/arbeitslosenquote-in-suedafrika/ (abgerufen am 30.5.2021).

(4) Deutsche Welle (3.1.2018): Ist die Arbeitslosen-Statistik “Volksverdummung”? Auf https://www.dw.com/de/ist-die-arbeitslosen-statistik-volksverdummung/a-41945083 (abgerufen am 30.5.2021).

(5) telegraph (22.1.2021): Letzter neoliberaler Tanz auf dem Vulkan. Auf https://telegraph.cc/letzter-neoliberaler-tanz-auf-dem-vulkan/ (abgerufen am 30.5.2021).

(6) Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (1848). Auf https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/index.htm (abgerufen am 30.5.2021).


Foto: Sandy Millar (Unsplash.com)

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Frank Nöthlich (Jahrgang 1951) wurde in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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