Die ewig Ausgestoßenen

Wenn es einen Teil der Gesellschaft gibt, der mehr Durchsetzungsvermögen im Leben braucht, dann ist es die große Mehrheit an Kindern und Jugendlichen in so gut wie allen Ländern unseres Amerikas.

Wir sind eine junge und wachsende Gesellschaft, doch die übliche Vorstellung unter denjenigen, die die Verantwortung tragen, eine Entwicklung voranzutreiben, gestützt auf Gerechtigkeit, Gleichheit und bestmöglicher Nutzung aller Ressourcen, tendiert dazu, gegen das vorzugehen, was die Ratio vorschreibt; und das Wesentliche davon wurde von dem amerikanischen Philosophen John Dewey formuliert: „Bildung ist nicht Vorbereitung für das Leben; Bildung ist das Leben selbst“.

Die Geschichte unserer Völker hat uns gelehrt, dass wir Überlebende eines widrigen und lebensfeindlichen Systems sind und nicht dazu in der Lage, das riesige Potenzial zu begreifen, welches der Generationenwechsel mit sich bringt. In Kindheit und Jugend sehen wir eher eine aufgezwungene Verantwortung anstatt einer wunderbaren Gelegenheit, umfangreiche Veränderungen hervorzubringen, die zu einer Konsolidierung der Werte führen sollten mit der Aufgabe, die Sozialstruktur zu stärken. Und das alles, indem Bildung der rote Faden für jedes Regierungssystem ist.

Wir übernehmen automatisch die Autorität der Erwachsenen, als ob es eine berechtigte Art und Weise wäre, sich gegenüber denen aufzuspielen, die im familiären oder sozialen Leben von uns abhängig sind, und wir tun dies, ohne die Gültigkeit einer Machtbefugnis zu hinterfragen, die oft rechtlich auferlegt wird, obwohl ihre Anwendung häufig illegitim ist.

Betrachtet man die Auswirkungen der Ausnahmesituation, in der wir nun seit eineinhalb Jahren stecken, kann man die gefährliche Situation erkennen, in der Kinder und Jugendliche leben, sobald sie mit dem Verlust ihrer sozialen Bindungen konfrontiert sind und gleichzeitig im Lockdown mit Erwachsenen, die schlecht darauf vorbereitet sind, ihnen eine sichere, bereichernde und gewaltfreie Umgebung zu bieten.

Als Erwachsener für junge Menschen Verantwortung zu tragen, deren Sorgerecht uns gesetzlich anvertraut wurde, bedeutet für uns auf keinen Fall, dass wir das Recht haben, ihnen unseren Willen beliebig aufzuzwingen oder unseren Frust an ihnen auszulassen, sondern gibt uns die Gelegenheit, die Bindungen für gegenseitiges Verständnis, Respekt und Zusammenarbeit zu stärken.

Jedoch, die durch die erzwungene Änderung der Gewohnheiten hervorgerufene seelische Gewalt und die durch Mobilitäts-, Arbeits- und Studieneinschränkungen verursachten Beschränkungen fordern von den jüngeren Generationen, die einer Situation ausgeliefert sind, bei der sie kein Mitspracherecht haben, ihren allergrößten Tribut.

Die bestehende Straflosigkeit in Fällen von häuslicher Gewalt ist ein zusätzliches, wenn auch starkes Element zur psychischen Störung, die durch den Verlust sozialer Bindungen, den Mangel an Freizeitaktivitäten und die natürliche Anspannung durch ein globales Phänomen verursacht wird, über das wir keine Kontrolle haben.

In Erwartung einer Rückkehr zu einem Schein von Normalität ist es zwingend erforderlich, die Gelegenheit zu ergreifen, sich um den riesigen Anteil von Neubürgern zu kümmern, deren Leben und Zukunft größtenteils von denjenigen abhängen, die für ihr körperliches und seelisches Wohlergehen sowie für die Bereitstellung einer qualitativ hochwertigen Bildung verantwortlich sind.

Es handelt sich um kein geringes Problem: Kinder und Jugendliche werden in unseren Gesellschaften dauernd an den Rand gedrängt und die Auswirkung dieses Angriffs – eingebürgert durch eine falsche Auffassung von Autorität der sie umgebenden Erwachsenen, hat langfristige Folgen in Form von verpassten Entwicklungschancen als auch in Form von Missbrauch und Ausgrenzung.

Wir wollen nicht die Floskel wiederholen, die besagt, dass sie die „Zukunft des Landes“ sind, solange wir nicht in der Lage sind, dieses Versprechen einzulösen.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Carolina Vásquez Araya erschien bei unserem Kooperationspartner Pressenza. Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Das Essay wurde von Neue Debatte übernommen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Pressenza sucht Freiwillige! Hier gibt es mehr Informationen …


Foto: Luca Nicoletti (Unsplash.com)

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Carolina Vásquez Araya ist Journalistin und Redakteurin aus Chile. Ihr Lebensmittelpunkt ist in Guatemala. Ihre beruflichen Erfahrungen unter anderem in der Öffentlichkeitsarbeit hat sie in Projekte von Organisationen eingebracht, deren Interessen auf die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des Landes ausgerichtet sind, dies mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Bereiche Kultur und Bildung, Unternehmertum, Menschenrechte, Justiz, Umwelt, Frauen und Kinder. Sie veröffentlicht ihre Beiträge unter anderem bei Pressenza.

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