Feral Faun: Das Cybernetz der Herrschaft

Notiz des Autors:

Dieser Artikel ist spekulativer, als ich es idealerweise gemocht hätte, weil er sich daran versucht, die Tendenzen zu verfolgen, die einem Aspekt der modernen Gesellschaft innewohnen, Tendenzen, die aber sicherlich in Beziehung zu anderen Aspekten dieser Gesellschaft stehen. Folgendes sollte nicht als eine Prophezeiung gelesen werden, sondern als ein Versuch zu zeigen, wieso Kybernetik nicht einmal potenziell befreiend ist und sich aufständische freie Geister ihr entgegensetzen werden.

„Die Diktatur des Instruments ist die schlimmste Art der Diktatur.“

—  Alfredo M. Bonanno

Es ist eine Revolution im Gange. Damit meine ich nicht eine Insurrektion, einen Aufstand von Individuen gegen Autorität (obwohl diese Revolution es schaffte, einige anti-autoritäre Tendenzen für ihre Zwecke zu vereinnahmen). Ich meine eine substanzielle, qualitative Veränderung in den Modi der gesellschaftlichen Reproduktion.

Die Herrschaft des industriellen Kapitals über diese Prozesse wird abgelöst von der Herrschaft des kybernetischen Kapitals. Wie mit allen derartigen Revolutionen wird dies nicht ein reibungsloser, einfacher, friedlicher Übergang sein. Die alte herrschende Ordnung und die neue herrschende Ordnung befinden sich im Konflikt. Die Stärke von reaktionären Elementen in der amerikanischen Politik der letzten paar Jahre zeigt die Hartnäckigkeit, mit der die alte Ordnung versucht, ihre Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Aber mehr und mehr ist diese Vorherrschaft rein politisch, und die neue kybernetische Ordnung beherrscht die Ökonomie.

Einige meiner technophilen anarchistischen Freunde haben mir gesagt, dass ich „mich den Realitäten des kybernetischen Zeitalters stellen muss“. Für mich heißt das, die Natur der Herrschaft im kybernetischen Zeitalter zu untersuchen und unnachgiebig anzugreifen. Alles, was ich beobachtet habe, deutet darauf hin, dass die kybernetische Wissenschaft und Technologie essenzielle Aspekte dieser Herrschaft sind.

Kybernetische Neuerer sind tendenziell jung (im Vergleich zu den meisten politischen Führern der „alten Ordnung“) und verstehen sich als eine Art Rebellen auf dem neuesten Stand. Die anarcho-technophilen, die ich getroffen habe, sind ziemlich aufrichtig rebellisch und verstehen sich als jede Autorität ablehnend. Aber der Großteil der kybernetischen Rebellion – einschließlich eines guten Teils der ‚anarchistischen‘ kybernetischen Rebellion – scheint wie eine Rebellion von Unternehmern, eine Rebellion um eine (Re-)Produktionsweise, nicht um Individuen zu befreien.

Da diese kybernetischen Neuerer die menschlichen Agenten einer qualitativen Veränderung in der Natur des Kapitalismus sind, ist es keine Überraschung, das sie wählen, eine ähnliche Rolle zu spielen wie diejenige früherer kapitalistischer Revolutionäre.

Die meisten der kybernetischen Freaks, die ich kenne, sind zu arm und zu aufrichtig anarchisch, um jemals Teil einer neuen herrschenden Klasse zu werden. Aber kybernetische Neuerer mit Geld sind just solch eine herrschende Klasse am Erschaffen – obwohl, wie ich versuche, unten zu zeigen, diese ‚Klasse‘ genauer als ein System von Beziehungen verstanden werden könnte, in dem die Technologie selbst herrscht und die menschliche „herrschende Klasse“ von Cybertechnikern und Wissenschaftlern nur dem Instrument der Maschine dient. Die Rebellion der kybernetischen Neuerer ist von Geburt an ein coup d’etat. Daran gibt es nichts wirklich Befreiendes.

So banal es ist, es scheint konstante Wiederholung zu benötigen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Bild die Realität dominiert, in der die meisten Leute das Bild als Realität ansehen. Das macht es für die kybernetische Ordnung sehr einfach, Rebellion zu vereinnahmen; nicht nur, weil diese neue Ordnung ein besseres Verständnis des Bildermachens hat, als es die alte Ordnung tut, sondern weil sie mehr und mehr zu diesen Technologien wird. Ein Vergleich der alten Ordnung – die noch immer die Hauptquelle der Herrschaft fast überall in unseren Leben ist – und der neuen Ordnung, die ihre Herrschaftswerkzeuge am perfektionieren ist, aber auf Kosten der alten Ordnung, würde sich hier lohnen.

Die alte Ordnung ist die des industriellen/finanziellen Kapitals. Aber sie ist mehr als das – sie ist auch die Ordnung des Nationalstaates und realer politischer Macht. Autorität ist offensichtlich zentralisiert und offen hierarchisch – niemand kann so tun, als würde er nicht beherrscht. Das ist offensichtlich, weil in dieser Ordnung tatsächlich wesentliche Macht bei menschlichen Wesen in ihrer Rolle als Teil der gesellschaftlichen Struktur liegt.

Die politische Form dieser Ordnung ist repräsentative Demokratie oder eine ihrer Varianten wie Faschismus, sozialistische Diktatur und andere Formen der Diktatur. Die Herrschaft der Zivilisation über alle nicht-menschengemachte Existenz wird offen als eine positive und notwendige Sache hingenommen.

Die Methoden, um die Sachen gebacken zu kriegen, sind Befehle und Abstimmungen über eine Entscheidung zwischen verschiedenen Befehlen. Strafe ist der Weg, um mit Abweichungen von den gesellschaftlichen Normen umzugehen (obwohl selbst die alte Ordnung häufig die Sprache der Therapie benutzt, um ihre Strafen zu beschreiben). In anderen Worten: die alte Ordnung ist, was ihre autoritäre Natur angeht, ziemlich offen.

Heute wird in großen Teilen der Welt (ziemlich deutlich in den USA) die Technologie noch immer hauptsächlich von der alten Ordnung kontrolliert, die unfähig ist, sie effizient zu nutzen, weil diese nicht in den Begriffen der alten Ordnung verstanden werden kann. Das gesellschaftliche Potenzial der Kybernetik wird folglich am besten dadurch entdeckt, das man die cyber-mavericks liest und ihnen zuhört. Wären deren Visionen reine Science-Fiction-Fantasien, ich würde sie ignorieren, aber die für ihre Visionen geeigneten sozio-politischen Strukturen werden von verschiedenen quasi-libertären ‚radikalen‘ Gruppen und Individuen aktiv beworben und kreiert (zum Beispiel von den Grünen, libertären Munizipalisten, sozialen Ökologisten, Robert Anton Wilson, Timothy Leary …).

In der neuen Ordnung ist die dominante Form von Kapital kybernetisches/informatisches Kapital. Dies bedeutet nicht das Ende des industriellen, finanziellen und Handelskapitalismus, sondern vielmehr dessen Unterordnung unter den kybernetischen Modus der gesellschaftlichen Reproduktion. Dieser neue Modus erlaubt einige Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen, die, oberflächlich gesehen beinahe anarchisch erscheinen – Veränderungen wie diejenigen, die von Murray Bookchin, den Grünen, R. A. Wilson und anderen libertären der Linken und der Rechten beworben wird. Diese Veränderungen sind nicht nur möglich; sondern für die effiziente Reproduktion der kybernetischen Gesellschaft wahrscheinlich auch zu einem gewissen Umfang notwendig.

Dezentralisierung ist ein Hauptslogan von vielen kybernetischen Radikalen. Dieses scheinbar anarchische Ziel ist, in Tat und Wahrheit, im Kontext des kybernetischen Kapitalismus nicht das kleinste Bisschen anti-autoritär.

Kybernetische Technologie erlaubt nicht nur, sondern fördert eine Dezentralisierung der Autorität. Der industrielle Kapitalismus begann den Prozess durch den Autorität mehr und mehr direkt in der physischen Maschinerie, die die Gesellschaft reproduziert, zu existieren begann. Kybernetische Technologie ist diesen Prozess am Perfektionieren, bis zu dem Ausmaß, dass sie Technologien der gesellschaftlichen Kontrolle sogar bis ins Reich der Freizeit bringt – den home Computer, Videospiele und Ähnliches.

Alle von diesen anscheinend individuellen Stückchen cybertech – die die Arbeitsplätze, Schulen, Spielotheken und zumindest in den USA das Zuhause von beinahe jedem, der nicht zu arm ist, einen persönlichen Computer zu bekommen, durchdrungen haben – sind Teil eines potenziell einheitlichen globalen Netzwerks. Dieses Netzwerk ist daran, zum Zentrum von Autorität und Macht zu werden. Es beinhaltet beides: die materielle Technologie der kybernetischen Maschinen und die soziale Technologie kybernetischer systemischer Strukturen.

Die, die zu arm sind, um die materielle Maschinerie zu kaufen, werden dadurch vom Netzwerk umfasst, das sie von den gesellschaftlichen Programmen, die Teil des Netzwerks sind, abhängig gemacht werden – eine Abhängigkeit, die vom Mangel von Zugriff auf das Wissen, das ihnen erlauben würde, ihre eigenen Leben für sich selbst zu erschaffen, herrührt. Die Dezentralisierung, die von der Kybernetik angeboten wird, kann sich sogar auf die Industrie erstrecken, was gut in die Visionen einiger Techno-Anarchisten hineinpasst. Einige Unternehmen experimentieren bereits damit, einen Teil ihrer Produktion in der Form von Heimgewerbe machen zu lassen. Was nicht auf diesem Weg gemacht werden kann, könnte möglicherweise derart automatisiert sein, dass in einer Fabrik nur ein paar wenige Techniker als Problemlöser [trouble shooter] benötigt würden. (Ich habe eine große Fabrik gesehen, die nur vier Arbeiter zu haben schien.)

So erlaubt Kybernetik die augenscheinliche Dezentralisierung der Produktion. Aber die Produktion selbst bleibt natürlich unhinterfragt. Das, weil kybernetische ‚Dezentralisierung‘ nicht das kleinste bisschen anti-autoritär ist; sie zentriert die Autorität lediglich in einem soziotechnologischen Netzwerk, das kein räumliches oder materielles Zentrum hat, weil das Netzwerk selbst das Zentrum ist und es ist (beinahe) überall. Und es kann mit Leichtigkeit in das Leben von uns allen eindringen.

Zusammen mit augenscheinlicher Dezentralisierung bietet die kybernetische Technologie die Möglichkeit augenscheinlicher ‚direkter‘ Demokratie. Dies ist es, wovon sich diejenigen Anarchisten und libertären Linkstümler angezogen fühlen, die eine kindische Freude an dieser Technologie haben. Jede, die einen Computer ‚besitzt‘ [owns], ist, zumindest politisch, verbunden mit allen anderen, die einen Computer ‚besitzen‘.

Es würde keine Überraschung sein, wenn in den mehr fortgeschrittenen Gebieten kapitalistischer Herrschaft eine Form von Personal Computer selbst für ärmere Leute erhältlich würde, da sie dies noch mehr in das Cybernetz integrieren würde.

Wenn jede in einer bestimmten Nation einen Computer hätte, könnte sie leicht überzeugt werden, dass sie reale Entscheidungen, die ihre Leben betreffen, fällen können – dass sie durch ihre Computer ‚direkt‘ über alle bedeutenden Angelegenheiten abstimmen können. Das dies eine Trennung von Entscheidung und Aktion darstellt, die so komplett wie nur möglich ist, wird günstigerweise vergessen, wie auch die Tatsache, dass das kybernetische System selbst auf diese Weise nicht mehr bedeutungsvoll infrage gestellt werden kann, da das System selbst kontrolliert, was infrage gestellt werden kann und was nicht, eben durch die genaue Beschaffenheit seiner Technologie.

Die kybernetische Sprache ist ein Hightech Neusprech. Die ‚direkte‘ Demokratie, die sie anbietet, ist einzig diejenige, die die kybernetische Gesellschaft reproduzieren kann. Sie eliminiert nicht die Repräsentation; sie kann sie bloß lieber in der Technologie als in gewählten menschlichen Wesen zentrieren. Aber wie alle Repräsentationen wird diese Technologie als Herrscher handeln.

Die Ideologie hinter der kybernetischen Technologie ist Systemanalyse. Die Systemanalyse strebt danach, alle Interaktionen in Begriffen von Systemen oder Netzwerken von Beziehungen zu verstehen, in der jedes Ding sich auf alle anderen Dinge auswirkt. Sie versucht diese Systeme von Beziehungen wissenschaftlich (d. h. mathematisch) zu verstehen, um sie besser kontrollieren zu können. Auf diese Art wird in der kybernetischen Gesellschaft das Konzept von ‚Prozess‘ – im Gegensatz zu dem von Befehlsketten – immer wichtiger.

‚Prozess‘ – ein radikales Modewort für „politisch korrekte“ Wege des Kommunizierens und Beziehens – passt sehr gut zur Systemanalyse, weil er ein Versuch ist, entscheidungsmachende Beziehungen zu formalisieren, ohne irgendjemandem der Involvierten das Gefühl zu geben, sie würden gezwungen. Ein ‚korrekter‘ Prozess ist für das Cybernetz potenziell der Weg, alle so komplett wie möglich in sich zu integrieren.

Der Prozess kämpft gegen Nicht-Teilnahme [non-participation], dazu tendierend, Nicht-Teilnahme als Viktimisierung anstatt als frei gemachte Entscheidung erscheinen zu lassen.

Die Ideologie hinter dem ‚korrekten‘ Prozess unterstellt, dass das Individuum lediglich ein Teil des Prozesses des Beziehungssystems ist, das die Gruppe (auf dem Mikrolevel) oder die Gesellschaft (auf dem Makrolevel) darstellt. Prozess ist eine auf Gruppen- und gesellschaftliche Projekte angewandte Systemanalyse. Er ist die Herrschaft der Ideologie des Cybernetzes in unseren Interaktionen.

Regelmäßig wird der Prozess meist in radikalen, ökologischen, feministischen und ähnlichen Gruppen benutzt. Aber viele Unternehmen sind den Prozess – Konsens, Förderung und Ähnliches – am integrieren, zusammen mit Befehlsketten der alten Ordnung, in Experimenten, entworfen, um Angestellte fühlen zu machen, dass sie ein wirklicherer Teil des Unternehmens sind.

Letzten Endes stellt der überwiegend von kleinbürgerlichen [middle class] ‚radikalen‘ Gruppen kreierte ‚Prozess‘ ein System zur Kontrolle rebellischer Tendenzen zur Verfügung, das perfekt in das Rahmenwerk der kybernetischen Kontrolle passt.

Wenn ein Teil des kybernetischen Prozesses nicht korrekt funktioniert, bestraft man ihn nicht; man versucht ihn zu flicken. Im Kontext der kybernetischen Gesellschaft beginnt die Bestrafung von Kriminellen und Abweichlern zunehmend als inhuman und absurd zu erscheinen. Effiziente gesellschaftliche Kontrolle verlangt von allen, so völlig wie nur möglich in das gesellschaftliche System integriert zu sein, und Bestrafung tut nichts, um den Bestraften zu integrieren – noch öfters als nichts bewirkt sie das genaue Gegenteil. Also erschaffen die am meisten ‚fortschrittlichen‘ Elemente in der Gesellschaft therapeutische Ansätze zum Umgang mit sozialer Abweichung.

Zurzeit werden Kriminelle immer noch zumeist bestraft, obwohl die Sprache der Therapie selbst in diesem Kontext benutzt wird. Nicht-kriminelle Abweichung (z. B. ‚exzessiver“ Alkoholkonsum, ‘unangemessenes‘ Sexualverhalten, Ärger machen in der Schule, ‚Wahnsinn‘) wird für gewöhnlich als Krankheit etikettiert und ‚behandelt‘. Die starke Zunahme von 12-Stufen-Gruppen und New-Age-Therapien ist eben gerade ein Teil dieses Phänomens. Viele dieser Gruppen lehren sehr offen, dass du selber nichts gegen deine angeblichen Probleme tun kannst; du musst Teil einer interdependenten Gruppe von Mit-Opfern werden, sich gegenseitig helfend zu genesen – für immer und immer und ewig – und produktive Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

Gelegentlich wird selbst Kriminellen – besonders Leuten, die für Trunkenheit (u. Ä.) am Steuer und kleinere Drogendelikte verurteilt wurden – eine Wahl zwischen Bestrafung und Zwangstherapie gegeben. Ein therapeutischer Ansatz für gesellschaftliche Abweichung scheint sehr menschlich – genügend, damit viele Anarchisten Aspekte therapeutischer Ideologie in ihre Perspektive integriert haben –, aber der Schein trügt. Die Absicht der Therapie ist es, gesellschaftliche Abweichler wieder als gut geölte Zahnrädchen in die gesellschaftliche Maschine zu integrieren.

Die Wissenschaft der Ökologie ist die Anwendung der Systemanalyse auf die Biologie. Sie kreiert Konzeptionen de[s] Wilden als integriertes [1] System, das von der Gesellschaft auf eine integrierte Weise benutzt werden soll.

Selbst „Tiefenökologen“ lehnen die Integration zivilisierter gesellschaftlicher Systeme und wilder ‚Öko-Systeme‘ nur ab, weil sie fühlen, das zivilisierte gesellschaftliche Systeme zu weit von ’natürlichen‘ Systemen abgekommen sind, um fähig zu sein, sich zu integrieren (eine Sorte gesellschaftlicher Apokalypse unvermeidlich machend), nicht weil sie die Idee, dass die undomestizierte Beziehung und Interaktion systematisiert werden könnte, ablehnen.

Während die meisten Unternehmen damit fortfahren, die Umwelt beschleunigt zu zerstören, ist es heute ziemlich hip, [von] Ökologie zu reden, und die fortschrittlichsten Unternehmen versuchen sogar ökologisch zu handeln. Im Grunde genommen zu ihrem besten Vorteil. Wie ist es möglich, das Kapital zu expandieren, wenn man die zu einer solchen Expansion notwendigen Ressourcen zerstört? Also tendiert der kybernetische Kapitalismus zu einer ökologischen Praxis als ein Mittel, um d[as] Wilde zu domestizieren, ohne sie zu zerstören; sie ins gesellschaftliche System des Cybernetzes zu integrieren.

Natürlich sind das alles nur Tendenzen, zu denen die Entwicklung und die zunehmende Macht des kybernetischen Kapitals zu drängen scheint. Die alte Ordnung des industriellen Kapitals ist immer noch ziemlich stark, in der politischen Arena vorherrschend und also immer noch ziemlich wichtig als ein Modus der gesellschaftlichen Beherrschung. Aber eine intelligente Aufständigkeit [insurgency] muss die Herrschaft in ihrer Totalität verstehen, muss fähig sein, ihre neuen Gesichter zu erkennen, sodass Aufständische nicht darauf hereinfallen, eine neue Form der Herrschaft als Befreiung zu umarmen.

Die meisten der Individuen, die ich kenne, die irgendeine Version von ökotopischem, kybernetischem, grünem Anarchismus angenommen haben, scheinen ziemlich ehrlich zu sein in ihrem Verlangen, frei von allen Beschränkungen zu leben. Aber sie scheinen einige sehr grundlegende Aspekte der Kybernetik zu ignorieren. Als Wissenschaft ist die Kybernetik das Studium von Systemen der Kontrolle. Praktisch ist sie die Produktion solcher Systeme, technologisch und gesellschaftlich – die Produktion integrierter Systeme der gesellschaftlichen Kontrolle.

Einige der weitverbreitetsten Worte der kybernetischen Sprache machen dies offensichtlich. ‚Data‘ (Datei) kommt von einem griechischen Wort mit der Bedeutung „Das, was gegeben ist“ – das heißt, ein Axiom; das, was dir gesagt wird, ohne Beweis, und das du einfach nicht infrage zu stellen hast. Information hieß auf Lateinisch ursprünglich buchstäblich „in Formation“.

Wie auch immer, das Cybernetz bietet keine Befreiung, bloß die Illusion der Befreiung, um Rebellen „in Formation“ zu halten. Es untergräbt individuelle Erfahrung und das Vertrauen der Individuen in ihre eigene Erfahrung durch die Kreation eines Reichs der Pseudo-Erfahrung, das heißt, „des Gegebenen“, von Information, die keine Verbindung zu irgendetwas außerhalb des Cybernetzes hat.

Mehr und mehr sind Individuen auf das angewiesen, was ihnen vom Cybernetz gesagt wird, und werden so abhängig von der kybernetischen Gesellschaft. Auf diesem Weg wird das Cybernetz wahrlich zum bislang am meisten totalitären System – genau durch das ‚Dezentralisieren‘ und Benutzen der integrativen Methoden des Prozesses und der Therapie, die Individuen zu Agenten ihrer eigenen Domestizierung machen, in einer Situation, in der niemand sich selbst traut, aber alle vom Cybernetz abhängig sind.

Es gibt einen Fehler in diesem System. Es entrechtet diejenigen, die es sich nicht leisten wollen oder können, kybernetische Technologie in ihrem Heim zu haben. Selbst wenn home Computer für die sehr armen erhältlich werden, mögen viele nicht einmal Interesse daran haben, zu lernen, wie sie zu benutzen sind.

Es ist weiters ziemlich zweifelhaft, dass die voll Berechtigten – die Techniker und Wissenschaftler, die wissen, wie diese Technologien zu produzieren sind und voll genutzt werden können – daran interessiert sein werden, alle auf ihr Wissenslevel über das Cybernetz zu bringen. Also werden die Entrechteten – speziell die freiwillig entrechteten – dazu tendieren, mehr und mehr solche zu werden, bis sie beinahe komplett außerhalb des Cybernetzes sind.

Während innerhalb des Cybernetzes die Tendenz zur totalen Kontrolle geht, würde die Tendenz außerhalb des Cybernetzes die eines totalen Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Kontrolle sein. Letzten Endes würde in einer solchen Situation aufständische Rebellion nur außerhalb des Netzes möglich sein.

Heute wird dieser Situation dadurch vorgebeugt, das die neue kybernetische Ordnung und die alte Ordnung einen unbehaglichen Waffenstillstand haben. Die alte Ordnung braucht die informatischen Technologien, die von der neuen Ordnung kreiert werden und die diese neue Ordnung kreieren. Und die neue Ordnung ist noch nicht mächtig genug, um einigen der härteren Mittel der gesellschaftlichen Kontrolle zu entbehren, die von der alten Ordnung produziert werden.

Die neue Ordnung hat auch Wege gefunden, einige fortschrittlichere Elemente der alten Ordnung in sich zu integrieren, wie z. B. multinationale Organisationen. Es ist auch ziemlich gut möglich, dass das Cybernetz in seinem systemischen Netzwerk der gesellschaftlichen Kontrolle anhaltenden Gebrauch für Bullen, Gefängnisse und so finden wird. Oder der unbehagliche Waffenstillstand wird weitergehen, endlos. Da die realen Beziehungen zwischen den Leuten, in Tat und Wahrheit, nicht in die Formeln des Cybernetzes und seiner Systemanalytiker passen, gibt es keinen Weg, vorherzusagen, was passieren könnte. Mein eigenes Verlangen ist das nach einem Aufstand, der alle Systeme der gesellschaftlichen Kontrolle in Stücke reißen wird.

Aber die kybernetische Technologie wird zur dominanten Art des postindustriellen Kapitals. Sie ist eine Art und Weise, in der Kapital, Technologie, Autorität und Gesellschaft so total integriert werden, dass sie wirklich Eins sind. Rebellion bedeutet in diesem Kontext Rebellion gegen das Cybernetz und Rebellion gegen die Gesellschaft in ihrer Totalität, oder sie bedeutet gar nichts. Das ist es, was es für den Aufständischen heißt, sich der Realität der kybernetischen Technologie zu stellen. Das aufständische Individuum kann nicht länger weniger tun, als gegen die Totalität der Gesellschaft zu rebellieren – gegen all die ‚radikalen‘ Perspektiven inklusive, die nicht mehr sind als die Schnittstelle zur wirklichen „neuen Weltordnung“.


Quellen und Anmerkungen

(1) Anm. d. Übers.: Integrated; die englischen Worte integrate, integrated, integration etc. lassen sich manchmal schwer direkt übersetzen, da auf deutsch eigentlich nur ‚etw. in etw. integrieren‘ gebräuchlich ist, während das ‚in‘ und das ‚etw.‘ im Englischen oft nicht benötigt werden. Als Verständnisanstoß sei auf die bedeutungsähnlichen Worte wie ‚eingliedern‘, ‚einfügen‘, aber auch ‚vervollständigen‘, ‚etw. auf etw. abstimmen‘ hingewiesen.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Das Cybernetz der Herrschaft“ wurde im Winter 1993 unter dem Originaltitel „The Cybernet of Domination“ in Anarchy. A Journal Of Desire Armed (Nr. 35) publiziert. Es wurde entnommen und übersetzt aus „Feral Revolution. Essays & polemics of Feral Faun“ (Ardent Press reprint 2013, S. 97ff.) und erschien im Mai 2016 in „Die Erstürmung des Horizonts“ (Nr. 2, S. 55-60). Der Text wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert. Neue Debatte hat das Essay übernommen, um eine kritische Diskussion über den Nutzen von Technologie im Diskurs der Macht und der Ausübung von Herrschaft im Angesicht sozialer Revolten zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Foto: Nong Vang (Unsplash.com)

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