Die Claqueure des Totalitarismus

An Etikettierungen fehlt es wahrlich nicht. Kein Tag vergeht, an dem die aufmerksamen Leser nicht konfrontiert sind mit einem Wust von Bezeichnungen für Menschen jeglicher Couleur. Das Arsenal der diskriminierenden Ausdrücke ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

Der Totschlag

Nicht, dass nicht das eine oder andere zuträfe, aber es geht nicht um eine von einem seriösen Journalismus vorgenommene Beschreibung des Charakters, sondern um die gezielte Diskreditierung politisch Andersdenkender. Es geht nicht darum, die Argumente, die Sichtweisen oder die Bedenken derer, die nicht die offizielle politische Lesart bestätigen, zu verstehen und sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen, sondern um ihre Brandmarkung. Dass das der politischen Atmosphäre nicht guttut, ist offensichtlich.

Wenn von einer tiefen Spaltung der Gesellschaft, die offensichtlich ist, geredet wird, dann handelt es sich nicht nur um den sozialen Riss, der das Gemeinwesen kennzeichnet, sondern auch um das Totschlagen aller Argumente, die sich gegen die zur Staatsdoktrin erklärte Alternativlosigkeit wenden.

Nur zur Klarstellung: Corona-Leugner sind nicht in summa Menschen, die das Virus bezweifeln, sondern sich gegen die radikale Aufhebung von Grundrechten aussprechen. Putin-Versteher sind keine Anhänger des russischen politischen Systems, aber sie versuchen, sich in die Lage des großen europäischen Landes und seiner politischen Interessen hineinzuversetzen, um die Sichtweise zu verstehen. Impfgegner sind nicht unbedingt Zeitgenossen, die per se gegen Impfungen sind, die sich aber Gedanken machen über die Risiken, die mit kaum erprobten Mitteln verbunden sind.

Brexiteers und Ungarn-Freunde müssen nicht zum Fan-Klub von Viktor Orbán oder Boris Johnson gehören, machen sich aber Gedanken um die jeweilige nationale Souveränität gegenüber einer fortschreitenden Zentralisierung zugunsten einer qualitativ kaum mehr Charme versprühenden EU-Administration. Gegner eines kompletten Lockdowns haben eben nicht nur Bettenkapazitäten auf den Intensivstationen im Blick, sondern auch die sozial verheerenden Auswirkungen auf Wirtschaft, Kultur und Bildung im Kopf, wenn sie ihre Positionen beziehen.

Und Klima-Leugner, so unsinnig der Begriff eo ipso (1) ist, sind Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie unsinnig einzelne Maßnahmen vor Ort sind, angesichts der existierenden Kräfteverhältnisse auf der Welt und einer Gesamtbevölkerungszahl, die ganz andere Fragen aufwirft.

Die Claqueure

Bei kühlem Kopf und ruhigem Gemüt zeigen die Beispiele, die nur einen Ausschnitt dessen abdecken, was die Sender in den Orkus blasen, dass sich sehr wohl darüber streiten lässt, ob die getroffenen Regierungsentscheidungen die richtigen sind. Was die schäbigen Etikettierungen zur Folge haben, ist ein zunehmender Riss, der eine konstruktive Debattenkultur unmöglich gemacht hat. Über die Qualität der Medien, die sich an diesem Feldzug beteiligen, muss nicht weiter räsoniert werden. Sie haben komplett versagt und in einer Demokratie nichts verloren.

Was bedenklich stimmt, ist eine Gruppe von Menschen, die in ihrer Lebenspraxis auch für die Gesellschaft Wertvolles geleistet haben, die allerdings durch die Angstkampagnen, die mit dem Mittel der ständigen Übertreibung arbeiten, in ein Verhalten gedrängt wurden, das nur mit dem Terminus der Totalitarismusclaqueure bezeichnet werden kann. Sie arrangieren sich mit Positionen, die ihrer eigenen Lebenserfahrung widersprechen, sie stimmen einer ständigen Einschränkung oder gar Aufhebung von Grundrechten ohne Wenn und Aber zu und sie bedienen sich entgegen ihrer eigenen Erfahrung des Diskriminierungsbestecks, mit dem der Tisch der Meinungsbildung reichlich gedeckt ist.

Die Verhärtung, die Spaltung und die Hysterie, die den öffentlichen Diskurs kennzeichnen, sind verursacht durch einen nicht zu tolerierenden Verfall der Berichterstattung und der wachsenden Zahl derer, die dem aktuellen mentalen Totalitarismus, der sich in zunehmenden Zentralisierungsfantasien abarbeitet, das Wort reden. An Alternativen eines freien Journalismus wird kräftig gearbeitet. Mit den Totalitarismusclaqueuren muss die Auseinandersetzung noch gesucht werden.


Quellen und Anmerkungen

(1) Das lateinische eo ipso steht für “durch das Ding selbst” und ähnelt dem Sinn nach der Redewendung “aus dem gleichen Grund”.


Foto: Raimond Klavins (Unsplash.com)

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Der Anfang vom Ende

Ein Essay über die Verwahrlosung des Journalismus, dessen Sinn und Auftrag im Ground Zero verdampfte.

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

2 Gedanken zu “Die Claqueure des Totalitarismus”

  1. “An Etikettierungen fehlt es wahrlich nicht.”
    Das kann ich auch: Gleichschritt-Denker, Nur ein hustender Gesundheitsapostel ist ein guter Gesundheitsapostel, ImpfLämmer usw.
    Ich empfinde die gebrüllten Kampfbegriffe als Ouvertüre von Gewalt. Abgesehen von EliteSoldaten, ProfiKillern und RoboCops müssen sich die meisten Menschen erst in Stimmung bringen. bevor sie brutal werden (können). In Anlehnung an “Das Quieken der Schweine” hören wir “Nervöses Hufescharren vor dem großen Verteilungskampf¹” und es wird immer lauter.

    “Sie[Medien] haben komplett versagt und in einer Demokratie nichts verloren.”
    So wie wir Saudi-Arabien bei der Ausbildung ihrer Truppen geholfen haben², brauchen unsere Quallidädsmedien jetzt Hilfe beim letzten Schritt in die Totale Lüge, von z.B. Nord-Korea. Dort wird sogar der Wetterbericht gefälscht, weil es nicht sein kann, dass ein Auftritt von Kim Jong-un vom Regen sabotiert wurde; Auch Sarkasmus ist dort seit einigen Jahren grundsätzlich verboten, bei uns bieten sich Wort-Klatschen wie Hassrede oder Häme als Bleigewichte an, um die Meinungsfreiheit viele Klafter tief zu versenken.

    ¹Erster Preis: Nahrung für ein Jahr. Zweiter Preis: 10 Dosen Hundefutter
    ²Vorlesen des GG, Ökologische Munition ??

  2. Danke für die Aufarbeitung, Gerhard Mersmann. Wir als alte Montagsmahnwächter wissen, dass es mit “Verschwörungstheoretikern” angefangen hat. Einem Kampfbegriff von der CIA nach dem Kennedy-Mord erfunden. Prof. Lance DeHaven-Smith hat empfohlen “State Crimes against Democracy” zu verwenden. (Mathias Bröckers in: “Die ganze Wahrheit über Alles”)

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