Kleine Brötchen backen: Hic Rhodus, hic salta!

Wenn die Propaganda die Abbildung der Realität ersetzt, wartet nur noch das Desaster. Die Ereignisse in Afghanistan unterlegen diese These eindrücklich. Das, was als eine Verteidigung der Demokratie deklariert wurde, war ein Himmelfahrtskommando mit Ansage.

Alle, die sich gegenüber der sogenannten Mission kritisch geäußert hatten, wurden diskreditiert. Und alle, die sich daran via Amt beteiligten, sind auf der ganzen Linie gescheitert.

Über die geostrategischen Fragen sollte man sich Klarheit verschaffen, nur nicht mit den Verantwortlichen. Sie haben die Invasion verteidigt, sie haben alle kritischen Hinweise ignoriert, sie haben in allen praktischen Fragen versagt und die haben die Ruinierung des Rufes besiegelt. Rücktritte? Zu wenig! Sie müssen zur Verantwortung gezogen werden, die Anzahl der Toten hinsichtlich ihres Versagens wird, ganz in der Tradition der bisherigen Berichterstattung, im Dunkeln bleiben. Sie ist zu groß. Und es ist genug!

Anspruch und Wirklichkeit

Nun wird es losgehen mit der Zuweisung von Schuld, man hört bereits, dass es die Amerikaner sind, ohne deren Unterstützung allerdings auch nichts mehr geht in puncto Rettung von Ortskräften. Vor wenigen Tagen noch wurde eine Fregatte ins südchinesische Meer geschickt, weil man meint, man könne dort Zeichen setzen. Welche Zeichen? Holt das Schiff zurück und lasst es um Helgoland kreisen, dort, wo es hingehört!

Auch den letzten Zweiflern wird nun bewusst, wie groß die Kluft ist zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Diese Politik ist gescheitert. Sie ist falsch, und das sie umsetzende Personal ist ungeeignet. Wenn Dilettanten eine dilettantische Politik verfolgen, was soll dabei herauskommen?

Sicher und unumkehrbar ist, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Der Anspruch, der Welt zeigen zu wollen, wie es geht, ob in der Sicherheits-, in der Menschenrechts- oder der Klimapolitik: Dieses Land sollte sich in Demut und Scham auf das besinnen, worum es geht. Wer den Mund zu voll nimmt und über seine Verhältnisse lebt, riskiert die Blamage. Zumindest diese Rechnung ist aufgegangen.

Hic Rhodus, hic salta!

Wie wäre es, sich jetzt auf die Dinge zu konzentrieren, auf die es hier und heute ankommt und die den Menschen auf den Nägeln brennen?

  • Die Spaltung der Gesellschaft mit einer vernünftigen Sozial- und Fiskalpolitik überwinden,
  • die Wohnungsnot lindern und die gesellschaftliche Segregation durch die unsäglichen Gentrifizierungsprogramme (1) stoppen,
  • die Infrastruktur auf Vordermann bringen,
  • der Bildung einen Push geben,
  • mit der technologischen Entwicklung Schritt halten,
  • sich um vernünftige Mobilitätskonzepte kümmern,
  • das Gesundheitssystem reformieren und
  • eine Sicherheitspolitik verfolgen, die sich auf die strikte Verteidigung des eigenen Territoriums konzentriert.

Mit dem Personal, das sich momentan rund um die Uhr und vor allen verfügbaren Mikrofonen produziert und nichts weiter als großspurige Sprechblasen absondert, ist das nicht zu machen. Eine große Aufgabe wird es sein, das Personal in die entsprechenden Ämter zu bringen, das sich durch Qualität, Professionalität und Erfahrung dafür empfiehlt und nicht über Karriere- und Versorgungslisten dorthin gespült wurde.

Mit dem Weltbekehrungswahn muss Schluss sein. Hic Rhodus, hic salta! Hier, im eigenen Land, muss sich zeigen, ob die Fähigkeit vorhanden ist, aus der bestehenden Welt eine bessere zu machen. Wenn das gelingt, darf man das Haus verlassen. Vorher nicht. Es geht darum, ganz kleine Brötchen zu backen. Das ist Herausforderung genug.


Quellen und Anmerkungen

(1) Als Gentrifizierung (auch Gentrifikation) wird der sozioökonomische Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter als vorher und deren anschließenden Zuzug bezeichnet. Auch der im allgemeinen Sprachgebrauch zu findende Begriff “Yuppisierung” meint Gentrifizierung.

(2) Hic Rhodus, hic salta! (lateinisch: Hier ist Rhodos, hier springe!) bedeutet: Zeig hier, beweise, was du kannst. Die Aufforderung stammt ursprünglich aus der Fabel “Der Fünfkämpfer als Prahlhans” des antiken griechischen Dichters Äsop. In dieser steht ein Fünfkämpfer im Mittelpunkt, der wiederholt über seine herausragenden Leistungen beim Weitsprung in Rhodos berichtet. Als seine Gesprächspartner genug hatten von der Prahlerei, forderten sie ihn auf, das Geleistete hier und jetzt zu wiederholen: Hic Rhodus, hic salta!


Foto: Gabriel Sanchez (Unpslash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

Ein Gedanke zu “Kleine Brötchen backen: Hic Rhodus, hic salta!”

  1. “Weltbekehrungswahn muss Schluss sein”
    Wenn man Sachen richtig gut macht, wird man (fast) automatisch zum Vorbild.
    Im gegenteiligen Fall hilft nur der “Schöne Schein”, käuflich zu erwerben bei Quallidädsmedien und PR-Agenturen.

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