Afghanistan, der Super-GAU? #05: Imperialismus mit menschlichem Antlitz

In der Sondersitzung des Bundestages zur Lage in Afghanistan am 25. August 2021 vollzog sich zu Beginn etwas Ungewöhnliches: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sah sich bemüßigt, ein inhaltliches Statement zur Debatte abzugeben (1). Schäuble betonte die moralische Verpflichtung Deutschlands, die Menschen in Afghanistan nicht im Stich zu lassen. Ihr Schicksal erschüttere das Selbstverständnis des Westens. Den Menschen in Afghanistan Schutz zu gewähren “die Hoffnungen in uns gesetzt und uns vor Ort unterstützt haben”, sei eine Frage der Mitmenschlichkeit (2).


Afghanistan, der Super-GAU?

Teil 5: Wenn Krokodile weinen – Imperialismus mit menschlichem Antlitz

Neue Debatte Podcast

Von Klaus Hecker


Auffällig ist die Metamorphose geopolitischer Handlungsziele und Interessen in ein humanitäres Programm. Peter Strucks einstiges Diktum “Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt” (3) war insofern ein Stück weit ehrlich, als es brottrocken den weltweiten Anspruch Deutschlands für seine eignen Interessen formulierte, nicht aber dieses tat im Namen von Mädchenschulen und umspannender Krankenversorgung.

Man stelle sich vor, Struck hätte seinerzeit formuliert: “Wir bauen Krankenhäuser und Mädchenschulen auch am Hindukusch wie in der ganzen Welt, bis es im hinterletzten Dorf so etwas gibt. Dafür müssten wir dann den Wehretat kräftig runtersetzen und den Entwicklungsetat um 1000 % steigern.” Dies wäre in und von der bürgerlichen Öffentlichkeit sofort als etwas weltfremd abgetan worden.

Warum aber hält sich, obwohl kein einziger westlicher Militäreinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg zur Verbesserung der Lebensbedingungen der jeweiligen Bevölkerung vorgenommen wurde und dies als Ergebnis auch nie herausgekommen ist, das humanitäre Märchen unerschütterlich. Dies scheint rätselhaft.

Die imperiale Vorgeschichte

Wenn man in die Geschichte Afghanistans schaut und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ansetzt, befand sich das Land am Hindukusch zu diesem Zeitpunkt in einer Spreizung zwischen dem Einfluss des British Empire und expansiven russischen Interessen. Russland wollte bis zum Indischen Ozean vorstoßen, um dort einen eisfreien Hafen zu besitzen. Die Briten wollten das Vorhaben durchkreuzen (4).

Sie selbst verfolgten den Plan, Afghanistan zu erobern. Das Land an das britische Kolonialreich Britisch-Indien anzugliedern, kam als Option dazu. Der Versuch, sich im sogenannten Anglo-Afghanischen Krieg (1839 bis 1842) militärisch durchzusetzen, scheiterte. Nachdem die Britische Ostindien-Kompanie zu dem Schluss gekommen war, dass die Besetzung Afghanistans zu riskant und vor allem viel zu kostspielig war, zogen sich die Truppen nach Indien zurück.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts gelang es den Briten, die militärische Oberhand zu gewinnen, dauerhaft befrieden konnten sie Afghanistan aber nicht. Immer wieder kam es zu Aufständen. 1919, nach dem dritten Anglo-Afghanischen Krieg, wurde Afghanistan von den Briten als Staat anerkannt.

Die große Umdeutung

Betrachtet ein demokratisch gebildeter Staatsbürger, egal ob Journalist, Polizist oder Oberschüler den kolonialen Zugriff westlicher Mächte, wird erkannt, dass in Afghanistan schlicht und einfach Machtinteressen verfolgt wurden. Zu den sozialkundlichen Weisheiten, die heute vermittelt werden, ist die Umdeutung ständiger Begleiter: Das Wirken moderner imperialistischer Mächte nach der Zeit des Kolonialismus wird als mehr oder weniger große und gelungene Entwicklungshilfe verkauft. Dabei ist offenkundig die Betrachtung verkürzt durch die Vernachlässigung historischer Fakten. Oder spielten in Vergangenheit und Gegenwart ökonomische und geostrategische Interessen in Afghanistan keine Rolle für den Westen? Ist der gewaltmäßige Zugriff nicht unmittelbar zu erkennen?

Wenn heutige imperialistische Mächte militärisch aufmarschieren, schafft es der modern gebildete Verstand nur schwer, dieses Agieren analog zum Kolonialismus aufzulösen. Warum fällt das so schwer?

Im Gegensatz zur kolonial eingesetzten Gewalt, die ihre Brutalität und Rücksichtslosigkeit kaum verschleiern konnte, wird die heutige unmittelbare Gewalt umgedeutet zu einer guten Tat. Sie sei von anderer Natur und verfolge auch andere Zwecksetzungen, nämlich Menschheitsbeglückung und Entwicklungshilfe. Diesen simplen ideologischen Trick kannten die Kolonialherren zwar auch und sie setzen ihn ein, perfektioniert werden konnte er aber erst durch anhaltende massenmediale Berieselung.


In seiner neuen Podcast-Serie “Afghanistan, der Super-GAU?” versucht unser Autor Klaus Hecker die Geschehnisse in die gesamtpolitische Lage einzuordnen. Im fünften Teil beschreibt er die Verwandlung imperialistischer Interessen in einen Akt der Humanität.


Quellen und Anmerkungen

(1) MDR Aktuell (25.8.2021): Bundestag stimmt Evakuierungsmission der Bundeswehr in Kabul zu. Auf https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/regierungserklaerung-merkel-bundestag-afghanistan-100.html (abgerufen am 30.8.2021).

(2) evangelisch.de (25.8.2021): Schäuble: Die Menschen in Afghanistan nicht im Stich lassen. Auf https://www.evangelisch.de/inhalte/189896/25-08-2021/schaeuble-die-menschen-afghanistan-nicht-im-stich-lassen (abgerufen am 30.8.2021).

(3) AG Friedensforschung: “Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt”. Auf http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Bundeswehr/weissbuch/strutynski.html (abgerufen am 30.8.2021).

(4) WDR (17.8.2021): Afghanistan-Konflikt: Wie konnte es so weit kommen? Ein Rückblick. Auf https://www1.wdr.de/nachrichten/afghanistan-taliban-konflikt-hintergrund-100.html (abgerufen am 30.8.2021).


Foto und Audio: Andrey Zvyagintsev (Unsplash.com) und Klaus Hecker

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Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

3 Gedanken zu “Afghanistan, der Super-GAU? #05: Imperialismus mit menschlichem Antlitz”

  1. es ist mit afghanien genau wie mit anderen weltgegenden, ganz genau wie im obigen artikel beschrieben =

    [ Im Gegensatz zur kolonial eingesetzten Gewalt, die ihre Brutalität und Rücksichtslosigkeit kaum verschleiern konnte, wird die heutige unmittelbare Gewalt umgedeutet zu einer guten Tat. Sie sei von anderer Natur und verfolge auch andere Zwecksetzungen, nämlich Menschheitsbeglückung und Entwicklungshilfe. Diesen simplen ideologischen Trick kannten die Kolonialherren zwar auch und sie setzen ihn ein, perfektioniert werden konnte er aber erst durch anhaltende massenmediale Berieselung. ]

    in wahrheit gehts um geopolitik, das setzen von einfluss-sphären, und rohstoffe, also ganz brutal-primitive interessen, die das überleben unserer systeme absichern sollen, zb den “westlichen kapitalismus”.

    dafür haben die leute in afgahnien jetzt über 30 jahre krieg ertragen müssen, das bedeutet, dort ist jetzt alles “kaputt”, die umgebungen und die menschen nicht minder (deutschland hatte in wk2 nur 6 jahre krieg, afghanien 5x länger dauerkrieg, kann man sich also vorstellen, wie land und leute dort jetzt dransind), es wäre völlig egal, wer dort jetzt “regieren” wollte, zb die taliban, aber scheinbar gehts dort jetzt weiter mit krieg, indem unterschiedliche islamische gruppen jetzt dort in den infight gehen, was natürlich jetzt china + russland + usa gleichzeitig ermöglichen wird, durch unterstützung mit geld und waffen einzelner gruppierungen weiterhin afghanien mit krieg zu überziehen, ohne dass sie selbst dort in erscheinung treten müssen = es wird also dort demnächst nach abzug der koalitionsmilitärs dort genauso oder noch schlimmer weitergehen wie bisher = endlos krieg.

    und die leute, de genug haben vom hexenkessel afghanien, und die verzweifelt einfach nur noch weg wollen = fliehen?, man sieht ja, wie “oberfreundlich” die zb jetzt vom westen her angesehen und behandelt werden, der die letzten 20 jahre krieg in afghanien verursacht hat, und sich jetzt einfach mehr oder weniger wie üblich aus der verantwortung stiehlt = man hat eine weltgegend geschrottet, und zieht danach, erhobenen hauptes und niemand hat schuld, zu den nächsten kriegsfeldern weiter, zb in afrika (oder irgendwann wird vielleicht mal wieder südamerika als “schmutziger hinterhof der usa” mal wieder “die ehre” haben, in den genuss von “verteidigung der menschrechte usw” zu kommen, denn chinas wachsender einfluss dort ist den usa schon lange ein dorn im auge).

    der alte kolonialismus ab dem 15. jahrhundert und der neue sind genau dasselbe, nur die methoden und die bilder, unter denen diese sauereien ablaufen, haben sich angepasst, sind wesentlich effizienter geworden, in der sache: ausbeutung von weltgegenden, damits uns in den reichen ländern gutgeht, hat sich garnichts geändert, dazu kommt, dass wir reichen weltgegenden unsere systemischen eigen-entropien in die armen weltgegenden exportieren (müssen), um nicht selbst daran zu ersticken, zb unseren hühner- und fleisch- schrott nach afrika, südamerika, und asien, unseren waffenschrott, unsere soldateskas samt zubehör, abfälle aller arten in die dritte welt, und auch plastikmüll, meeresverklappungen von giftstoffen, usw

    wir reichen länder haben ein riesenproblem: kriege aller arten, von heißen kriegen bis zum müllkrieg, nahrungskrieg usw, in der dritten welt veranstalten zu MÜSSEN, damits uns selbst weiterhin gutgeht, wobei sich “dritte welt” zunehmend auch in unseren eigenen ländern als reich und superreich gegen arm und bettelarm abzuspielen beginnt.

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