Die Grünen: Klimawandel und Imperialismus-Doktrin

Ein Denkfehler scheint das Gros der politischen Betrachter nicht zu kümmern: Wenn davon ausgegangen wird, dass der Klimawandel eine die Menschheit bedrohende Erscheinung ist, dann kann sie auch nur in einer gemeinsamen, den Globus umfassenden Anstrengung angegangen werden.

Die Grünen als Speerspitze der Konfrontation

Während im nationalen Fokus davon ausgegangen wird, was alles getan werden muss, um das beschriebene Phänomen in den Griff zu bekommen, angefangen von einem fragwürdigen De-Industrialisierungskonzept bis hin zu einer bis dato nur hypothetischen Energiekonzeption, werden in der Außenpolitik alte Stereotypen bedient, die sich aus einer Konfrontationspolitik speisen, die vor allem aus den Verlustängsten der eigenen Hegemonie seitens der USA entspringen.

Konfrontation bedeutet, betrachtet man die Aktivitäten allein in den ersten beiden Jahrzehnten des neuen Jahrtausends, Regime-Change-Kriege, die die geostrategischen Linien alter Dominanz sichern sollen und die in keinem Fall eine Verbesserung der Lage für die jeweils betroffenen Länder zur Folge hatte. Das Resultat waren immer politisch instabile Verhältnisse, soziale Verwerfungen, Ausbeutung von Ressourcen, Korruption und Massenmigration aufgrund zerstörter Lebensverhältnisse.

Nähme man den Anspruch, etwas gegen den Klimawandel unternehmen zu wollen, nur für einen Augenblick ernst, dann käme man sehr schnell angesichts dieser Bilanz zu dem Schluss, dass diese Politik den falschen Weg beschreibt. Einmal abgesehen davon, dass militärische Aktionen immer, egal von wem durchgeführt, zu den größten vorstellbaren ökologischen Kontaminationen führen, sind die Auswirkungen der durchgeführten Kriege in multipler Weise ein Beleg für die systematische Zerstörung humaner Existenzgrundlagen.

Zwar mutet es an wie ein überflüssiger Hinweis, aber das kollektive Ausblenden dieser Zusammenhänge bei der Beurteilung der Grünen als einer Partei, die nach wie vor nach dem Kanzleramt strebt, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass ausgerechnet diese Partei sich zur Speerspitze der von den USA getriebenen Konfrontationspolitik entwickelt hat. Woran das liegt, darüber kann nur spekuliert werden.

Dass gerade dort die Konvertiten einer ehemaligen maoistischen Bewegung sich zu Hardlinern eines die neuen Realitäten in der Welt ignorierenden US-Imperialismus entwickelt haben, ist aus der Psychologie von Konvertiten zu erklären (1). Dass allerdings die vielen wohlmeinenden Menschen, denen es um eine ökologischere und humanitärere Politik geht, keinen Blick auf die vermeintliche Täuschung werfen, hat mit der unseligen Fokussierung auf den eigenen gesellschaftlichen Nabel zu tun.

Das Schweigen der Fantasielosigkeit

Ein Land, in dem die politischen Eliten nahezu pausenlos von der wachsenden eigenen Verantwortung sprechen, ohne eine neue, transparente und öffentlich diskutierte Konzeption präsentieren zu können und ohne mit einem Wort den Konnex außenpolitischen Handelns mit den ökologischen Implikationen zu erwähnen, kommen mit diesen antiquierten Aufforderungen, sich einer Konfrontationspolitik im Streben nach Weltherrschaft anzuschließen nur deshalb so ungeschoren davon, weil sie gleichzeitig die Illusion nähren, mit mehr Radwegen in deutschen Innenstädten, mit mehr Windrädern und weniger Fleischkonsum könne eine Wende zum Besseren eingeleitet werden. Wer diese Illusion anhängt, wird böse erwachen.

Hand aufs Herz: Wenn im Umgang mit Mensch und Natur etwas auf dem Globus verändert werden soll, wie soll das gehen ohne China, ohne Russland, ohne Brasilien, ohne Indien? Durch Konfrontation, durch deren Befriedung durch Kriege, durch die dortige Entstehung neuer urbaner Eliten, die durch ihr exklusives Konsumverhalten die Welt zu einer besseren machen?

Die Grünen stehen, ohne lange recherchieren zu müssen, in ihren Äußerungen hinsichtlich militärischer Mobilmachung in vorderster Linie mit den aggressivsten Stimmen der US-amerikanischen Administration. In Bezug auf den Konnex zur Welt-Ökologie sind sie stumm wie ein Fisch. Nimmt man sie beim Wort, dann sind sie Kriegstreiber par excellence. Hinsichtlich einer neuen, notwendigen internationalen Politik herrscht das Schweigen der Fantasielosigkeit.


Quellen und Anmerkungen

(1) Als Konvertit wird eine Person bezeichnet, die zu einem anderen Glauben überwechselt beziehungsweise übergewechselt ist. Im politischen Sinne wäre es der Wechsel von der einen zu einer anderen Weltanschauung.


Foto: Barna Bartis (Unsplash.com)

Leseempfehlung

Unter der Lupe: Wollt ihr das totale Grün?

Unter dem Titel “Wollt ihr das totale Grün? Handreichung zur Bundestagswahl 2021” ist ein rund 160 Seiten umfassendes Buch erschienen, in dem die wesentlichen Säulen geplanter grüner Politik auf ihre Statik hin überprüft werden.

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

7 Gedanken zu “Die Grünen: Klimawandel und Imperialismus-Doktrin”

  1. Meine Gedanken zu dem Beitrag “Die Grünen: Klimawandel und Imperialismus-Doktrin” von Gerhard Mersmann:

    Nur in demokratischen Gesellschaftsverhältnissen, in denen die jeweils Betroffenen und die jeweiligen Macher jeweils nach vorausgehendem Diskurs in jeweils dafür geeigneten Gremien gemeinsame Beschlüsse fassen. Nur mittels wirklich wahrhafter Demokratie kann soziale Gerechtigkeit, Harmonie zwischen den von uns Menschen gestalteten Wirtschaftskreisläufen und den uns alle bedingenden Kreisläufen des Ökosystems Erde und nicht zuletzt der Frieden in der Welt erreicht und gewährleistet werden.

  2. Die Grünen, als ehemalige Opposition, als elemalige Friedenspartei, als ehemalige moralische Instanz, sind ideal für die USA, da muss nicht “spekuliert werden.” Das “ehemalige” sieht doch niemand.

  3. Ein guter Beitrag und leider auch eine gute Beschreibung des Zustandes der heutigen sogenannten Grünen, die sich schon in den 90er zum Natoolive gewandelt haben. Die ursprünglichen Ziele und Ideale wurden schon längst durch die neoliberale Ideologie vergiftet und haben die Partei unterwandert, zersetzt und die Macht übernommen. Aber was soll’s, Deutschland ist eh am Ende und ein bischen die Welt retten wollen macht wenigstens ein gutes Gefühl :)

  4. lieber herr dr. mersmann,

    wie kommen Sie nur zu derartigen ein- und an- sichten wie in obigem artikel? “die grünen” als den us-militärdoktrinen durchaus grün und willig zu ahnen. das ist doch nicht fair, denke ich gerade daran, dass “die grünen” damals dem balkan-kriege-treiben zugestimmt haben, und damit über die nato dem ersten militäreinsatz auch der bundes-wehr nach wk2 zugestimmt, weshalb seit dieser uralt-geschichte schon “die grünen” für mich ein rotes tuch sind, “rot” im sinne von tatsächlich blut, und das geht ja weiter bis heute in grün-supportierten auch-bundeswehr-einsätzen in aller welt, was mich unnachahmlich an rom erinnert, denn auch die römer schickten einst hilfstruppen aus röm.beherrschten gegenden mit an die fronten …

    Ihre einsichten zu “den grünen”, herr dr. mersmann, lassen Sie mir langsam höchst sympathisch werden !
    nur, ernste frage, wen sollen wir jetzt im cancelbunny-country DE im september wählen, da sämtliche ideologien, das gesamte spektrum unserer “anführer” und möchtegerns, sich als untauglich erweist ?

  5. @ norbert voß:
    direktkandidaten ist tatsächlich eine zumindest intermediäre lösung, aber solche kommen “mangels masse” nie ans regieren. also kanns das auch nicht sein, wenn man reale veränderungen möchte, zb bzgl klimakrise, abrüstung statt das gegenteil, eine sozialpolitik, die der bevölkerung nutzt, statt den reichen, usw.
    ich nenne es mal allgemein “kapitalismus”, als unser übergeordnetes system, und dieses sys läuft unter egal welchen ideologien von links bis rechts gleichgut einfach weiter, deshalb ist es auch egal wen man wählt, es ändert sich, bis auf schönheitsreparaturen am sys, genau garnix, zb mindestlohn-reparaturen, egal ob 9 oder 12 oder 13, 16, 18 euro, das problem sind doch prekäre arbeitsplätze generell, und da ist schon der begriff “mindestlohn” systemimmanent und eine katastrophe, solche euphemismen sind schon ein problem, wie etwa auch statt ganz real “arbeitslosen-amt” vor jahren in “agentur für moderne dienstleistungen am arbeitsmarkt” umbenannt, um den leuten das hirn zu vernebeln (als wäre arbeitenmüssen, um den lebensunterhalt zu fristen, ein markt wie etwa wochenmarkt, wo die leute ihre haut zu markte tragen, als wäre es eine beliebige ware),
    wir haben nicht nur ein system-problem, sondern auch eines mit den sprachregelungen im sys, und alle machen mit, und merkens garnicht, wie schon diese “verordneten sprachregelungen” sie zu mitläufern machen.

    1. Hallo Herr Hammel,
      Sie sind schon auf dem richtigen Weg der Erkenntnis. Probieren Sie es mal mit Stephane Hessel, französischer Widerstandskämpfer und später Diplomat. 2010 hat er ein schönes Buch geschrieben, Indiguez-vous ! Also, empört euch, die Franzosen haben sich dann auch empört und ihn gefragt, wie geht’s denn weiter? Darauf hin hat er 2011 dann
      Engagez-vous ! Also… engagiert euch ! verfasst. Ergo … von nix kommt nix . Das beantwortet zwar auch nicht ihre Frage, wen Sie wählen sollen und können, aber es schult das Bewusstsein. Nun, wenn Sie uns von L&B international invest helfen wollen, wählen Sie bitte die FDP oder CDU, die AFD ist auch ganz gut, bringt sie doch ein bischen Spaß, Spiel und Dagegen sein in den Bundestag. Auf keinen Fall natürlich die Sozis oder die Linke, die wollen immer nur das es der Masse der Bevölkerung gut geht. Kleinstparteien sind auch zu empfehlen, dann ist ihre Stimme zwar verloren,aber Sie sind nicht Schuld am kommenden Schlamassel. Nun Schluss für heute ich muss noch etwas für die nächste Vorstandssitzung vorbereiten… weiteres Vorgehen zum Anschluss der sogenannten Westbalkanstaaten an die EU und unsere Möglichkeiten für die Kapitalverwertung :)

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