Afghanistan, der Super-GAU? #06: Die neue Ordnung (Teil 2)

In Afghanistan scheinen die Karten neu verteilt zu sein: Die US-amerikanischen Streitkräfte und ihre Verbündeten ziehen ab. Die Taliban sind die stärkste Fraktion im Land, haben die Schlüsselpositionen besetzt und sind vom offenWesten als Verhandlungspartner akzeptiert. Die Regierung von Präsident Aschraf Ghani, bei flüchtiger Betrachtung nicht mehr als eine Marionette, die sich ohne westliche Unterstützung am Hindukusch nie hätte halten können, war schon Geschichte (1), noch bevor der amtierenden US-Präsidenten Joe Bidens den Abmarsch verkündete.


Afghanistan, der Super-GAU?

Teil 6: Die neue Ordnung (Part 2)

Neue Debatte Podcast

Von Klaus Hecker


Der Abzug der Truppen bedeutet keineswegs, dass sich in Zukunft nicht weiterhin in Afghanistan engagiert würde; lediglich die Form wird sich verändern: Ähnlich wie einst Vietnam wird das Land in den Weltmarkt eingebunden werden – unter politischer und ökonomischer Betreuung des Westens.

Normalisierung in Afghanistan

Die Weichen sind gestellt: Der militärische Würgegriff wird durch den ökonomischen ersetzt. Afghanistan, einst hoch verschuldet, ist in der Liste der am geringsten verschuldeten Staaten ganz vorne zu finden. Zugleich sind die Devisenvorräte von rund 9,5 Milliarden US-Dollar eingefroren. Die Notwendigkeit, Kredite aufnehmen zu können, um das Land wirtschaftlich und infrastrukturell zu entwickeln und somit für die Bevölkerung ökonomische und soziale Perspektiven zu schaffen, eine Grundvoraussetzung zur Absicherung jeder Machtposition, auch jene der Taliban, sichert den langfristigen westlichen Einfluss. Der Politikwissenschaftler Markus Kaim nennt es einen Normalisierungsprozess.

Afghanistan reiht sich in die bekannte und auf dem ganzen Globus anzutreffende ökonomische Abhängigkeit – inklusive des damit einhergehenden Erpressungspotenzials – vom Westen ein. Diese Variante des Imperialismus wirkt, wobei es völlig egal ist, ob in Afghanistan nun ein Herr Ghani am Drücker ist oder Islamisten oder wer auch immer.

Die Taliban wissen um ihre Abhängigkeit. Das diplomatische Buhlen um Deutschlands Gnade ist somit Teil des neuen Spiels, wobei Afghanistan aus der Sicht des Westens von einem Zentralkonflikt zu einem Nebenschauplatz, wie es viele andere gibt, abgerutscht ist.

Die geostrategische Bedeutung bleibt erhalten. Afghanistan hat eine Grenze zu China, dem aktuellen Hauptfeind der westlichen Welt, und grenzt an die Ex-Sowjetrepubliken Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan. Russland und China müssen befürchten, dass sich islamischer Extremismus, ermuntert durch den vermeintlichen „Sieg“ der Taliban ausbreitet und in ihren Ländern Fuß fassen könnte. Das sich beide Player um freundliche diplomatische Beziehungen zu Afghanistan bemühen und auch ihre Botschaften in den vergangenen Wochen durchgehend offengehalten haben, ist daher wenig überraschend.

Dazu gesellen sich handfeste wirtschaftliche Interessen: China schielt auf die am Hindukusch vermuteten riesigen Bodenschätze wie zum Beispiel Erdgas, Lithium, Gold et cetera. Und dann wäre da noch die „Neue Seidenstraße„. Sie könnte durch Afghanistan verlaufen, wenn die Taliban und der von der US-Administration dominierte Westen mitspielen (2). Und dann wäre da ja noch der Iran. Die Machthaber in der Islamischen Republik haben eine erste Lektion schon erhalten. Als General Qasem Soleimani, Kommandeur einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, Anfang 2020 vom US-Militär mit Hilfe einer Kampfdrohne im Irak ermordet wurde, war das Geschrei zwar groß, aber die Ohnmacht vor dem militärischen Giganten USA war offensichtlich.


In seiner neuen Podcast-Serie „Afghanistan, der Super-GAU?“ versucht unser Autor Klaus Hecker die Geschehnisse in die gesamtpolitische Lage einzuordnen. Im sechsten Teil geht er auch auf die Rollen von China und Russland ein, die vermeintlichen Hauptfeinde des Westens.


Quellen und Anmerkungen

(1) FAZ (19.8.2021): Ghani flieht, Karzai verhandelt. Auf https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ghani-und-karzai-der-eine-flieht-der-andere-verhandelt-17492768.html (abgerufen am 16.9.2021).

(2) Merkur (10.9.2021): Taliban: Warum die Chancen für Chinas „Neue Seidenstraße“ in Afghanistan schlecht stehen. Auf https://www.merkur.de/politik/china-afghanistan-taliban-seidenstrasse-investitionen-emirat-sicherheitslage-zr-90936071.html (abgerufen am 16.9.2021).


Foto und Audio: Amy Shamblen (Unsplash.com) und Klaus Hecker

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Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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