Heute Journal – Dokumentierte mediale Verwahrlosung

Sie haben sich verdächtig nah an die propagandistischen Konstrukte aus der Vergangenheit begeben. Stören tut es momentan anscheinend nur eine Minderheit, die die Analogien zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges noch präsent hat.

Da war es der Job der SS, mit fingierten Verletzungen der vermeintlich eigenen Souveränität Begründungen für die eigene Aggression zu konstruieren. So überfielen SS-Schergen den deutschen, an der Grenze zu Polen gelegenen Sender Gleiwitz, tarnten sich dabei als polnische Nationalisten, strahlten für vier Minuten ein Programm zur Okkupation deutscher Gebiete aus und verschwanden wieder (1).

Den deutschen Strategen reichte das, um später über alle Sender den berühmten Satz zu verkünden: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“ (2) Es war der Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Hinterhof Russland

Vor einigen Tagen verlas die Nachrichtensprecherin des heute Journals die Meldung, dass an der Grenze der EU beunruhigende Manöver seitens Russlands und Weißrusslands stattfänden, was in NATO-Kreisen zu großer Besorgnis geführt habe. Was nicht gemeldet wurde, war die Tatsache, dass die Manöver auf weißrussischem und russischem Hoheitsgebiete stattfanden – insofern ein im Völkerrecht als Verteidigungsmaßnahme akzeptierter Rahmen –, während die Frage, was die EU und die NATO an der Grenze der beiden genannten Staaten zu suchen haben, nicht gestellt wurde.

Gestern nun wurde wiederum im heute Journal über das Zerwürfnis zwischen Frankreich und Australien im Zusammenhang mit dem geplatzten U-Boot-Geschäft berichtet (3).

Die Gründung des AUKUS-Paktes, einer im Pazifik operierenden Militärallianz zwischen den USA, Großbritannien und Australien, wurde mit der wachsenden Aggressivität Chinas im südchinesischen Meer begründet. Man sprach dabei nicht von chinesischen U-Booten im Golf von Mexiko, sondern von amerikanischen U-Booten im südchinesischen Meer, die sich durch chinesische Seestreitkräfte gestört fühlen. Und in diesem Kontext sprach wieder einmal im gleichen Format eine Vertreterin von einem als seriöse Quelle eingestuften nebulösen Thinktank davon, dass die verstärkte Konzentration der USA auf den Pazifik nun dazu führe, dass die Europäer sich nun selbst verstärkt um ihren „Hinterhof“ Russland kümmern müssten (4).

Die dokumentierte mediale Verwahrlosung

Durch die Umwertung geografischer Begebenheiten und nationaler Souveränitätsbereiche werden in einem Format des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nach Art kriegsvorbereitender Propaganda die Nachrichten gestaltet. Befänden wir uns in einer tatsächlichen Republik, dann wären die Ermittlungsbehörden bereits aktiv und würden den dortigen Redakteuren wegen Volksverhetzung das Handwerk legen. Hier wird es inmitten eines Bundestagswahlkampfes ohne auch nur eine Gegenrede geschluckt.

Es dokumentiert die Verwahrlosung, die sich in den Institutionen dieses Gemeinwesens bereits breitgemacht hat und die zeigt, dass zumindest in diesen Institutionen keine demokratische Substanz mehr vorhanden ist, um den Produzenten systematischer Fake News, den Hasspredigern, den verkappten Rassisten und offenen Kolonialisten das Handwerk zu legen.

Man fragt sich, was denn die Aufsichtsräte, in denen Vertreterinnen Vertreter aus Parteien und Verbänden sitzen, dort eigentlich machen? Sind sie, hypnotisiert von üppigen Kuchenbuffets, eigentlich noch ihrer Aufgabe gewachsen? Oder hat die tägliche Hirnwäsche bereits dazu geführt, dass sie tatsächlich an das glauben, was in den dortigen Giftküchen produziert wird? Ihrer Aufgabe kommen weder sie noch die Ermittlungsbehörden nach. Das, was man republikanische Substanz nennen muss, ist in einem Land, das zunehmend im Rausch lebt, andere bekehren zu müssen, nicht mehr vorhanden. Tiefer kann ein Staat nicht sinken.


Quellen und Anmerkungen

(1) Zwei unterschiedliche Unternehmungen wurden unter dem Decknamen Unternehmen Tannenberg geplant: Ein SS-Kommandounternehmen für Ende August 1939 zur Vortäuschung von Kriegsgründen (u. a. Überfall auf den Sender Gleiwitz) und ein Mordunternehmen, ausgeführt beim Überfall auf Polen von Einsatzgruppen des Reichssicherheitshauptamtes. Diese Einheiten, gespickt mit Angehörigen der unterschiedlichsten Polizeiorgane, ermordeten hinter den vorrückenden Einheiten der deutschen Wehrmacht vor allem die polnische Inteligencja (die staatliche intellektuelle Elite).

(2) Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim: Rede von Adolf Hitler vor dem Reichstag am 1. September 1939. Auf http://www.georg-elser-arbeitskreis.de/texts/hitler-1939-09-01.htm (abgerufen am 22.9.2021).

(3) heute Journal (20.09.2021; ab Min.: 19:52): U-Boot-Deal provoziert Frankreich. Auf https://youtu.be/4-ZYDdVgWeY (abgerufen auf YouTube am 22.9.2021).

(4) Der Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR), 2007 gegründet und mit Büros in London, Madrid, Paris, Berlin, Rom, Sofia und Warschau vertreten, finanziert sich vor allem durch Spenden von Stiftungen, Regierungen und Unternehmen. Propagiert wird unter anderem die Aufrüstung und Militarisierung der Europäischen Union als angebliche Notwendigkeit in einer sich verändernden Weltordnung. Die Politikwissenschaftlerin Jana Puglierin, laut Biografie auf der Webseite des ECFR vormals unter anderem Referentin für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung im Deutschen Bundestag, leitet seit Januar 2020 das Berliner Büro des ECFR. Sie wurde vom heute Journal in der unter (3) genannten Sendung als Expertin befragt.


Foto: Matt Artz (Unsplash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

Ein Gedanke zu “Heute Journal – Dokumentierte mediale Verwahrlosung”

  1. zum artikel nur zu sagen: ja, so ists, die verwahrlosung der auch hiesigen DE medien ist weit fortgeschritten, billig-propaganda und des-information an der tagesordnung, statt aufklärend und wirklich informativ, und das sahnehäubchen: die konsumenten dieses unirdischen mistes bezahlen das sys auch noch höchstselbst (zb GEZ gebühren)
    aber eines vergessen: militärmanöver russlands und verbündeter werden nicht nur als bedrohung für uns dargestellt, sondern es wird mit solcher darstellung natürlich der zweck verfolgt, dass wir deshalb weiter- und höher aufrüsten müssten – das spiel ist zwar genauso durchsichtig und blöd, wie andererseits „ad usum populorum“ leider wirksam

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