Lohntag oder „Ich bin der Geist der stets verneint!“

„Da steh ich nun, ich armer Tor. Und bin so klug als wie zuvor!“ Die Chinesen, so hört man immer wieder, lesen Goethe, um das Wesen der Deutschen besser verstehen zu können (1). Den Deutschen scheint es in Bezug auf die Chinesen zu reichen, ab und zu den Tiraden eines in den Massage-Salons Pekings wohlbekannten windigen Journalisten zu lauschen. Mehr braucht man eigentlich nicht, um einem Phänomen auf die Spur zu kommen, unter dem das Gros in diesem Lande leidet.

Lohntag

Es handelt sich einerseits um ein sich immer selbst bestätigendes Weltbild, das davor bewahrt, sich bemühen zu müssen und das davor schützt, bittere Wahrheiten zu identifizieren. Das, was einmal als die Fähigkeit kritischer Betrachtung bezeichnet wurde, hat sich in anderen Jahrhunderten abgespielt, ein Kriterium des momentanen Zustandes ist es nicht.

Im Hinblick auf die anstehenden Wahlen lässt sich das Zitat aus dem Faust sehr gut anwenden. Nie war öfter zu hören, man sei einfach ratlos, was die Entscheidung für eine Partei beträfe. Eine Erklärung dafür ist gar nicht so schwer. Denn das, was viele Menschen bewegt, war gar nicht Gegenstand dessen, worüber ununterbrochen berichtet wurde. Dabei wäre es einfach gewesen, auf den richtigen Pfad zu kommen.


„Da steh ich nun, ich armer Tor. Und bin so klug als wie zuvor!“

— aus Faust I (Johann Wolfgang von Goethe 1808)

Faust in seinem Studierzimmer, von Eugène Delacroix 1827. (Foto: gemeinfrei)
Faust in seinem Studierzimmer, von Eugène Delacroix 1827. (Foto: gemeinfrei)

Spitzenreiter unter den Sorgen, das zeigen Umfragen deutlich, ist die soziale Ungleichheit und die daraus resultierende Spaltung der Gesellschaft. Irgendwann danach kommt die Frage des Klimawandels. Was ausgespart bleibt, ist das Thema Krieg und Frieden. Da schweigen sich die Parteien wie die Bevölkerung unisono aus, wahrscheinlich aus Furcht, das Auge des Hurrikans könnte das ganze Wunschgebäude einer gesicherten Existenz mit einem Zug zerschmettern. Diese Furcht ist berechtigt.

Am Lohntag, so höhnten einst die patriarchalisch auftretenden Kapitalisten, am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat. Angewendet auf das eigene Vorgehen sind wir genau an diesem Punkt angelangt. Es ist Lohntag und es zeigt sich, wo überall gebummelt wurde:

  • In Bezug auf die erschreckend um sich greifende Armut,
  • in Bezug auf die veraltete Infrastruktur,
  • in Bezug auf die Bildungsinstitutionen und ihre Inhalte,
  • in Bezug auf die Konzentration der Medien,
  • in Bezug auf Krieg und Frieden,
  • in Bezug auf Investitionen in neue Technologien und
  • in Bezug auf einen Ausbau demokratischer Autonomie.

Alles, was ein souveränes Gemeinwesen ausmacht, das dem Sturm großer Veränderungen ohne Furcht entgegentreten kann, wurde unterlassen. Stattdessen hat man auf das alte protestantisch-preußische Diktum von Regel und Sanktion gesetzt.

Hurrikan

Wer da nicht fundamental etwas ändern will, der hat in der Zukunft nichts zu suchen. Das Beruhigende dabei ist, dass nicht Wahlen so etwas entscheiden, sondern die Geschichte. Und die ist dabei, ihren Lauf dramatisch zu beschleunigen. Insofern können alle, die sich derweil über die täglich wiederholten Phrasen aus einem langweiligen Wahlkampf beklagen, sehr schnell erlöst werden, denn alles das ist schon ab kommenden Montag Makulatur.

Ob sich etwas an dem Zustand ändert, wie in den letzten Jahren regiert wurde, ist zweifelhaft. Was fehlt, und zwar überall, ist der Wille, den harten Realitäten ins Auge zu sehen und daraus eine Strategie abzuleiten, die den Modus des Auf-Sicht-Fahrens hinter sich lässt. Neben der Verdrängung der essenziellen Themen von Krieg und Frieden im Innern wie im Äußeren ist man sich in einem Punkt allerdings einig: Wenn es schief läuft, dann waren es immer die anderen.

Die Chinesen, die so gern und eifrig Goethe lesen, kennen selbstverständlich auch Konfuzius. Unter anderem lehrte der, dass eine unstete, brüchige und fragwürdige Lebensführung des Individuums in Summe zum Chaos im Gemeinwesen führt. Uns ist auch der Mephistopheles (2) aus besagtem Faust ein Begriff:


Mephistopheles

Ich bin ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht, denn alles, was entsteht,

Ist wert, dass es zugrunde geht;

Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.

So ist denn alles, was ihr Sünde,

Zerstörung, kurz das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.

— aus Faust I (Dialog zwischen Faust und Mephistopheles)


Aber was solls! Wir haben Ulf Röller und Maybrit Illner! Wird schon gut gehen (3, 4).


Quellen und Anmerkungen

(1) Johann Wolfgang von Goethe (1808): Faust I – Der Tragödie erster Teil. Nacht. Auf https://www.lernhelfer.de/sites/default/files/lexicon/pdf/BWS-DEU2-0389-02.pdf (abgerufen am 24.9.2021).

(2) In Johann Wolfgang Goethes Faust-Tragödie (Urfaust, Faust I, Faust II) verkörpert Mephisto das Prinzip der Negation („Ich bin der Geist der stets verneint!“). Er versucht eine Wette mit Gott abzuschließen. Mephisto sagt, es werde ihm gelingen, den Doktor Heinrich Faust vom rechten Wege abzubringen. Nach einer folgenden Abmachung mit Doktor Faust selbst wäre dies alsdann gelungen, wenn Faust einen Augenblick so schön findet, dass er ihn auf Dauer festhalten möchte.

(3) Ulf-Jensen Röller (Jahrgang 1964) ist ein Fernsehjournalist und Leiter des ZDF-Studios in Peking. Sein Vater war im Vorstand und Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Sein Bruder Lars-Hendrik Röller ist Leiter der Wirtschafts- und Finanzabteilung im Bundeskanzleramt und Wirtschaftsberater der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

(4) Maybrit Illner (Jahrgang 1965) ist Journalistin und Fernsehmoderatorin. Nach dem Abitur und einem Studium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig arbeitete sie als Sportjournalistin für das Staatsfernsehen der DDR. Nach dem Beitritt der DDR zur BRD und der späteren Auflösung des DFF (Deutscher Fernsehfunk), wurde sie Redakteurin beim ZDF. Sie moderierte das ZDF-Morgenmagazin und übernahm 1998 die Leitung. Ende der 1990er-Jahre folgte die Leitung der ZDF-Sendung Berlin Mitte. Die Sendung wurde 2007 in Maybrit Illner umbenannt. Illner gehörte zwischen 2010 und Ende 2012 zu den Moderatoren des heute-journal. Sie ist in zweiter Ehe mit René Obermann verheiratet. Obermann ist Manager und aktuell unter anderem Mitglied des Board of Directors und Vorsitzender bei Airbus SE, dem zweitgrößten Rüstungskonzern in Europa.


Foto: Polina Batalina (Unsplash.com), Eugène Delacroix (1827, gemeinfrei)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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