An Epic Novel – Über Chinas schreckliches Jahrhundert

Es müssen nicht immer dicke Geschichtsbücher oder umfassende kulturelle Abhandlungen sein, um sich einen Einblick in das durch die Geschichte geprägte Wesen eines Landes zu verschaffen.

Einblick ins Wesen

In einer Zeit, in der China im Weltgeschehen eine immer größere Rolle spielt, ist es erforderlich, sich ein Bild zu verschaffen. Interessierte und Versierte können das, viele Menschen, die sich auf die Berichte und Analysen derer verlassen, die die täglichen Nachrichten produzieren, sind allerdings im Nachteil. Ihnen blühen zumeist Klischees, die nach den Interessen derer geformt werden, die mit einer bestimmten Agenda unterwegs sind.

Edward Rutherfurd, seinerseits ein in Cambridge studierter Brite, gilt als ein durchaus populärer Verfasser von Romanen, die Länder und Städte einem breiten Leserpublikum zugänglich machen (1).


Edward Rutherfurd, China. An Epic Novel (Quelle: Gerhard Mersmann/Youtube)

Auch wenn aufgrund der produzierten Quantität zu vermuten ist, dass es sich bei ihm um ein größeres Schreibunternehmen handelt, kann von der historischen Verbürgtheit dessen, wovon er erzählt, ausgegangen werden. In seinem leider nicht in Deutsch vorliegenden Buch „China. An Epic Novel“ erzählt er anhand unterschiedlicher Figuren und Familien die chinesische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die ebenso unterhaltsam wie spannend gesponnene Geschichte sei allen empfohlen, die nach Hintergründen für die heutige chinesische Politik suchen.

Das schreckliche Jahrhundert

Rutherfurds Erzählung umfasst die aus chinesischer Sicht drei Großereignisse, die das Reich der Mitte ins Wanken brachten: der Opiumkrieg (1839 – 1842), der Taiping-Aufstand (1851 – 1864) und der Boxeraufstand (1899 – 1901). Mit dem nötigen Abstand des historischen Betrachters beschreibt Rutherfurd die Motive der Kontrahenten im Opiumkrieg, die inneren Kämpfe eines abgeschotteten Weltreichs sowie die ersten Anzeichen eines existenziell notwendigen Anti-Kolonialismus wie Anti-Imperialismus.

Die Lehren, die das heutige China aus dem jahrhundertelangen Tiefschlaf gezogen hat, sind eine wachsende Wehrhaftigkeit wie eine zunehmende Internationalisierung.

Kaum ein Land erlitt derartige Demütigungen durch den westlichen Kolonialismus und Imperialismus wie China. In Rutherfurds Erzählung sind die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven heraus gut zu verstehen. Britische Kaufleute, Abenteurer und Missionare, chinesische Piraten und Schmuggler, Beamte und Monarchen, Bauern und Krieger, Konkubinen und Eunuchen – sie alle sind mit den erwähnten Großereignissen verwoben und erzählen ihre Geschichte. So entsteht ein Sittengemälde, das die ganze Wucht des Aufpralls zwischen modernem Kapitalismus und in sich versunkener Tradition mit schrecklicher Präzision vermittelt.

Als Einstieg, um dem schrecklich banalen, historisch verfälschten und von neuen Feindmythen geprägten Bild über China zu entfliehen, existiert kaum eine geeignetere Lektüre.


Quellen und Anmerkungen

(1) Edward Rutherfurd (Jahrgang 1948) ist Schriftsteller und Autor mehrerer historischer Romane. Bekannt wurde er durch den historischen Roman Sarum (1987). Das Buch reflektiert auf die Zeit der Entstehung und Blüte der Siedlung Old Sarums und deren Niedergang sowie den Aufstieg der späteren Stadt Salisburys. Die Arbeit an dem buch begann Rutherfurd schon 1983. Als es vier Jahre später veröffentlicht wurde, hielt es sich 23 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times.


Informationen zum Buch

China: An Epic Novel

Autor: Edward Rutherfurd

Genre: Historische Belletristik

Sprache: Englisch

Seiten: 784

Erscheinung: Mai 2021

Verlag: Hodder & Stoughton

ISBN-13: 978-1-444-78783-2


Generation Y - Portrait mit Ananas. (Foto: Tim Toomey, Pixabay.com, Creative Commons CC0)

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Foto und Video: Ishaq Robin (Unsplash.com) und Gerhard Mermann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

Ein Gedanke zu “An Epic Novel – Über Chinas schreckliches Jahrhundert”

  1. Der deutsche China-Kenner Professor Eike Kopf analysiert den jüngsten chinesischen Volkskongress und zieht ein Fazit der wirtschaftlichen Entwicklung. Die chinesische Regierung bekräftige ihren Kurs in der internationalen Politik. Der Kurs Chinas sei positiv, so Kopf.

    Der Beobachter chinesischer Angelegenheiten Eike Kopf stell fest: „China wird sich weiterhin positiv entwickeln, den Frieden verteidigen und sich für das Wohl der Völker einsetzen.

    „Die Volksrepublik China erweist sich mit seinem ökonomischen und übrigen gesellschaftlichen Wachstum als stärkste internationale Kraft, Ostasien zu einer beispielhaften die friedliche Koexistenz von Ländern unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen praktizierenden Region der bewohnten Erde zu gestalten, in der alle Beteiligten gewinnen.“
    Er kritisierte Linke in Europa, die China lediglich als Staat auf dem Weg zum Sozialismus bezeichnen würden. Es gebe kein anderes Land der Welt mit „so viel Volkseigentum an Grund und Boden, Produktions-, Verkehrs- und anderen Einrichtungen sowie Banken mit internationalem Einfluss“ wie China.
    Dagegen betonte er, dass China ein „sozialistisches Entwicklungsland“ sei mit „einer starken politischen Führung“, die danach strebe, die Lebensbedingung der chinesischen Bevölkerung zu verbessern. Der kluge Kurs Pekings in den letzten Jahren habe dazu geführt, dass „es politisch nicht mehr erpresst werden kann, weil es ökonomisch stark und diplomatisch klug vernetzt ist.“

    Kopf, der zwischen 1997 und 2011 in China in der Marx-Engels-Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei an der Übersetzung der Werke marxistischer Klassiker mitwirkte, schätzte ein, dass das Jahr 2018 „in China praktisch und theoretisch außergewöhnlich hinsichtlich der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“ gewesen sei.
    Der Marxismus-Experte verwies zu Beginn seines Vortrages auf die Rede des KPCh-Generalsekretärs, in der er unter anderem vor „Überheblichkeit und Unbesonnenheit“ warnte, von einem „langen Marsch im neuen Zeitalter“ sprach, den „Zusammenschluss und die Einheit der Partei“ zu wahren mahnte, dazu aufrief, „das große Banner des Sozialismus chinesischer Prägung“ hochzuhalten und von drei großen Aufgaben sprach:

    1. den Aufbau im Sinne der Modernisierung voranzutreiben,
    2. die Wiedervereinigung des Vaterlandes zu verwirklichen sowie
    3. den Weltfrieden zu wahren und die gemeinsame Entwicklung zu fördern.

    Bei der Analyse Chinas und anderer Entwicklungsländer sei es wichtig zu berücksichtigen, dass „die große Mehrheit der Erdbevölkerung nicht in industriell entwickelten Ländern lebt“, erklärte Kopf.

    China befinde sich in der „Anfangsphase des Sozialismus“. Nach einer Reihe falscher Versuche in den 1950er und 1960er Jahren verfolge seit Ende der 1970er Jahre die Volksrepublik, laut Kopf, eine Strategie, sich langsam eine wirtschaftliche Basis aufzubauen und somit die „Grundlagen des Sozialismus“ zu schaffen. Und der deutsche China-Kenner zitiert aus dem Tätigkeitsbericht des chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang:
    „Das Bruttoinlandsprodukt wuchs um 6,6 Prozent und überstieg die Marke von 90 Billionen Yuan. (…) Die Zahl der Beschäftigten in den Städten stieg um 13,61 Mio. und die durch Stichproben ermittelte Arbeitslosenquote lag bei etwa 5 Prozent und wurde auf einem niedrigen Niveau stabilisiert. Für ein großes Entwicklungsland wie China mit fast 1,4 Mrd. Einwohnern ist die Verwirklichung der verhältnismäßigen Vollbeschäftigung von äußerst großer Bedeutung.“

    Zudem verwies Li auf die bedeutenden Fortschritte Chinas auf dem technologischen Gebiet und bei der Entwicklung neuer Wirtschaftszweige:
    „Die neuen aufstrebenden Industrien nahmen einen Aufschwung und die Transformation und Niveauhebung der traditionellen Industrien beschleunigten sich. Die Existenzgründungen und Innovationen durch breiteste Volksmassen wurden tief-gehend vorangetrieben, die Zahl der täglich neu errichteten Unternehmen belief sich im Durchschnitt auf mehr als 18.000 und die gesamte Zahl der Marktbeteiligten überstieg die Marke von 100 Mio. Die neuen Triebkräfte verändern gerade tief-gehend die Art und Weise der Produktion und des Lebens und schaffen neue Stärken der Entwicklung Chinas.“

    Und der chinesische Ministerpräsident zog eine insgesamt positive Bilanz über die wirtschaftliche Entwicklung:
    „Nach einem einheitlichen Plan stabilisierten wir das Wirtschaftswachstum, förderten die Reform, regulierten die Wirtschaftsstruktur, verbesserten die Lebenshaltung der Bevölkerung und verhüteten Risiken. Wir begegneten angemessen den Wirtschafts- und Handelsstreitigkeiten mit den USA. Mit konzentrierten Kräften stabilisierten wir die Beschäftigung, das Finanzwesen, den Außenhandel, die auswärtigen und die eigenen Investitionen sowie die Markterwartungen. (…) Die Intensität der Reform und Öffnung wurde gesteigert und die Entwicklungstriebkräfte wurden kontinuierlich gestärkt.

    Professor Kopf zufolge trage jede Regierung, die sich auf das gemeinschaftliche Eigentum an den wichtigsten Produktionsmittel gründe, „an der positiven Entwicklung der Menschheit, wenn sie das zunehmende Wohl der Werktätigen fördert und bewusst die Grundzüge der Entwicklung der hauptsächlichen Ebenen der Gesellschaftsformation planmäßig organisiert und führt.“

    Für unser menschliches Dasein sind Wirtschaft, Politik und Kultur, also die Bewegungs- und Betätigungsfelder menschlicher Kreativität, grundlegend notwendig. Nichts ist alternativlos, denn das Mögliche zu erschaffen, um das Notwendige zu erreichen, kann zielorientiert strategisch und gegenwärtig taktisch erbracht werden.

    Dennis Simon – https://twitter.com/dennisbsimon

    PS: Der Professor Eike Kopf war 1970-72 ein Lehrer in meinem Studium.

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