Der Stillstand

Stillstand: Objektiv existiert er nicht. Da muss ich immer an den schönen Satz von Friedrich Engels (1) denken: Der Ursprung allen Daseins ist die Bewegung. Recht hat er. Was sich nicht bewegt, existiert nicht. Und genau das ist es, was mir den Stillstand so suspekt macht, der natürlich immer nur gefühlt sein kann, weil er objektiv ja gar nicht existiert.

Stillstand als Tod im Leben

Der Stillstand ist das Ansinnen, die Spielregeln des Lebens nicht einhalten zu wollen. Auch das ist verständlich, weil die absurde Bewegungsrichtung des Lebens letztendlich immer der Tod ist. Insofern scheitern wir alle. Wenn wir das nicht reflektieren, so handelt es sich um ein intendiertes Tabu, um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren. Wer hat schon Lust, immer zu wissen, dass man irgendwann sowieso dem Sensenmann in die Arme läuft.

Und diejenigen, die die Vorwärtsbewegung durch den inszenierten Stillstand aufhalten wollen, machen das aus dem Motiv der Todesangst. Sie wollen die eherne Gesetzmäßigkeit des Lebens außer Kraft setzen und nehmen dabei sogar in Kauf, die Zeit, die hier auf diesem Planeten bleibt, nicht etwas besser, schöner, sinnvoller machen zu wollen.

Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist, und wenn möglich, möglichst lange. Wenn man so will, der Tod im Leben. Die Apologeten des Stillstandes wollen den Tod im Leben, um den Tod am Ende möglichst lange hinauszuschieben. Absurd, aber wahr. Deshalb gibt es auch zwanzigjährige Greise und Vierzigjährige, die über Erfahrungen von Achtzigjährigen verfügen.

Dasein, Beschleunigung und Endlichkeit

Neben denen, die den Stillstand favorisieren, existieren nämlich auch noch die, die über eine, um zu zitieren, neurasthenische Angst vor dem Stillstand verfügen (2). Sie versuchen alles zu gestalten und zu beschleunigen. Ob sie sich analog zu den Verfechtern des Stillstandes wirklich immer bewusst machen, was sie treiben, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass sie über die Qualität, die die Beschleunigung des Daseins mit sich bringt, die gefühlte Lebenszeit essenziell bereichern, weil sie sie mit Erfahrung verdichten.

Auch sie werden scheitern, das ist die Regel, und wenn nicht schon zu Lebzeiten, dann spätestens an der Erkenntnis, dass die Dauer des Aufenthaltes auf diesem Planeten immer zu kurz ist, um die Komplexität des hiesigen Daseins zu erfassen. Dennoch werden sie weitermachen, denn die Neurasthenie ist nicht zu unterschätzen.

Über diesen Clash of Civilizations (3) ist in der Moderne noch nicht sonderlich viel nachgedacht worden, sollten wir aber machen. Denn die unterschiedliche Position zum Sinn des Lebens einmal festzumachen an der gewissen Endlichkeit, ist gefährlich. Die Menschen in unaufgeklärten, tief religiösen Epochen waren da cooler. Sie wussten um die Endlichkeit und hatten ein Konzept für das Danach, was ja nicht unangenehm sein musste.

Mit der Materialisierung der Betrachtung des Daseins, das heißt Aufklärung, Wissenschaft und Industrialisierung, war dieser Spuk vorbei. Aber der große Wurf ist epistemologisch dennoch nicht gelungen (4). Anstatt einer famosen Begründung für die Liquidierung des Gottes zugunsten einer neuen Dimension wurde ein recht antiquiertes Tabu errichtet. Wir denken einfach öffentlich nicht mehr über die Endlichkeit nach.

Unabhängig davon ist der beständige Kampf zwischen Stillstand und Beschleunigung das wohl probateste Stilmittel der menschlichen Existenz. Der Stillstand fordert die Geister der Gestaltung heraus und bietet ihnen die Reibungsfläche. Daraus entsteht oft vieles, das nützlich ist und manchmal sogar etwas Großes. Und das wegen eines Phänomens, das im strengen Sinne gar nicht existieren kann.


Quellen und Anmerkungen

(1) Friedrich Engels (1820 – 1895) war Unternehmer, Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Historiker, Journalist und kommunistischer Revolutionär. Zusammen mit Karl Marx entwickelte er die heute als Marxismus bezeichnete Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ (1844), „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) und das gemeinsam mit Marx verfasste „Kommunistische Manifest“ (1848).

(2) Neurasthenie (Nervenschwäche) ist eine Störung der Psyche, die heute vor allem im Zusammenhang mit Krankheitsbildern wie zum Beispiel Depression und Burn-out beschrieben wird, die Symptome der Neurasthenie (zum Beispiel: Ermüdung, Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Impotenz bei Männern und Frigidität bei Frauen, Freudlosigkeit und Melancholie) umfassen. Die Neurasthenie gehörte im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert zu den Modekrankheiten der gehobenen Gesellschaftsschicht.

(3) 1996 erschien das politikwissenschaftliche Buch „The Clash of Civilizations“ (deutsch: „Zusammenprall der Zivilisationen“). Es war die Erweiterung eines gleichnamigen Artikels den der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington (1927-2008) in der Zeitschrift Foreign Affairs 1993 veröffentlicht hatte. In dem Buch wird die Hypothese aufgestellt, dass es im 21. Jahrhundert zwischen verschiedenen Kulturräumen zu Konflikten kommen könnte, insbesondere zwischen der westlichen Zivilisation und der chinesischen sowie dem islamischen Kulturraum. Die Übersetzung von „The Clash of Civilizations“ erschien 1996 in Deutschland mit dem Titel „Kampf der Kulturen – Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“.

(4) Der Begriff der Épistémologie wird synonym für Erkenntnistheorie verwendet, das Teilgebiet der Philosophie, das sich mit der Frage nach den Bedingungen von begründetem Wissen befasst.


Grüner Baumfrosch in Lateinamerika. (Foto: Matt Houghton, Unsplash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

2 Gedanken zu “Der Stillstand”

  1. Ist es nicht nur der Stillstand, sondern das Zurück in postdemokratische Zeiten? Kann mit der beschriebenen Angst wirklich gelebt werden? Richtig gelebt? „Angst essen Seele auf!“ Leben in Einklang mit der Natur braucht Körper und Seele.

  2. lebewesen, auch mensch, sind stoffwechsel-energie-getrieben, und adaption, neuadaption = bewegung, kostet energie, die, wo auch immer es geht, naturgesetzlich eingespart wird (gesetz des minimalen energieaufwands), deshalb liegen uns neu-adaptionen nicht besonders.
    immerwährende adaption an schon vorhandenes hingegen viel eher = auch im stillstand erfolgen adaptionen immerfort, nur halt an den bereits vorhandenen status-quo, sodass „stillstand“ nie wirklich stattfindet, das ist wie bei physikalischen teilchen, die selbst am absoluten temp.nullpunkt noch mit der sog. nullpunktsenergie (ereignislos) schwingen, also aktiv sind (um überhaupt existieren zu können).
    denn, was sich nicht „bewegt“ = nicht wechselwirkt, existiert in dieser welt auch nicht, und das konzept der religionen ist und war aus genau dem grund (selbst-unbewegter erstbeweger usw) zwar tröstlich aber völlig unsinnig

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