Peter Kropotkin: Die kommende Revolution

In den vorhergehenden Abschnitten sind wir zum Ergebnis gekommen, daß Europa auf einem Abhang einer revolutionären Umwälzung entgegeneilt.

Wenn wir die Art der Produktion und des Austausches untersuchen, wie diese sich in den Händen der Bourgeoisie organisiert haben, finden wir einen Zustand, der von einer unheilbaren Krankheit zerfressen ist: Wir sehen das Fehlen jeder wissenschaftlichen und menschlichen Grundlage, die unsinnige Verschwendung des gesellschaftlichen Kapitals, die Profitgier bis zur absoluten Verachtung aller Naturgesetze des gesellschaftlichen Zusammenlebens getrieben, den ewigen wirtschaftlichen Krieg, das Chaos. Und wir haben das Kommen des Tages begrüßt, an welchem aus aller Mund der Ruf: Fort mit der Bourgeoisie! mit jener Einstimmigkeit ertönen wird, wie seinerzeit die Beseitigung des Absolutismus ausgerufen wurde.

Wenn wir die Entwicklung der Staaten beobachten, ihre historische Rolle und die Auflösung, die sie bereits zerfrißt, so sehen wir, daß diese Art der menschlichen Vereinigung in der Geschichte alles vollbracht hat, dessen sie fähig war, und daß sie heute unter dem Gewicht ihrer eigenen Einrichtungen zusammenbricht, um den Platz neuen Organisationsformen einzuräumen, die auf neuen Grundsätzen begründet und mehr im Einklang mit den modernen Bestrebungen der Menschheit sind.

Jene, die aufmerksam den Fortschritt der Ideen in der heutigen Gesellschaft beobachten, wissen sehr wohl, mit welchem Feuereifer der menschliche Gedanke daran arbeitet, alle Ergebnisse, welche uns von den vergangenen Jahrhunderten überliefert wurden, aufs neue zu prüfen, und neue philosophische und wissenschaftliche Systeme auszuarbeiten, welche bestimmt sind, die Grundlage der kommenden Gesellschaft zu werden.

Es ist nicht mehr bloß der dunkle Drang des Reformators, der, erschöpft von übermäßiger Arbeit und unerträglichem Elend, die Einrichtungen, deren Last er erduldet, kritisiert und von einer besseren Zukunft träumt. Es ist der Gelehrte, der obgleich in den alten Vorurteilen aufgewachsen, dieselben allmählich abstreift und, den Ideenströmungen, welche den Volksgeist durchdringen, sein Ohr leihend, sich eines Tages zum Verkünder derselben macht. «Die Art der Kritik fällt mit gewaltigen Schlägen das ganze Erbteil, das man uns als Wahrheiten überliefert hat; Philosophie, Naturwissenschaften, Ethik, Geschichte, Kunst, nichts wird von dieser Zerstörungsarbeit verschont!» – rufen die Konservativen. Ja, nichts, bis hinab zu den Grundlagen euerer Gesellschaftseinrichtungen – dem Besitz und die Herrschaft –, welche ebenso vom Sklaven der Fabrik angegriffen werden, wie vom Arbeiter des Gedankens; ebenso durch jene, in deren Interesse die Veränderung liegt, wie durch jene, die entsetzt zurückweichen werden, wenn eines Tages die Idee zur Wahrheit werdend, den Staub der Bibliotheken abschütteln und im Tumult der praktischen Verwirklichung erstehen wird.

Verfall und Auflösung der bestehenden Formen und allgemeine Unzufriedenheit; eifrige Ausarbeitung neuer Formen und ungeduldige Begierde nach einer Veränderung; jugendlicher Eifer der Kritik auf dem Gebiete der Wissenschaften, der Philosophie, der Ethik und allgemeine Gärung der öffentlichen Meinung; auf der anderen Seite träge Gleichgültigkeit oder verbrecherischer Widerstand jener, die noch die Macht besitzen und die noch die Kraft und, hie und da, den Mut haben, sich der Entwicklung der neuen Ideen zu widersetzen.

Dies war immer der Zustand der Gesellschaft am Vorabend der großen Revolutionen; dies ist er auch heute noch. Es ist nicht die überreizte Einbildung einer Gruppe unruhiger Geister, die dies behauptet; es ist die ruhige, wissenschaftliche Beobachtung, die es uns entschleiert; so sehr, daß sogar jene, die, um ihre verbrecherische Gleichgültigkeit zu rechtfertigen, sagen: «Beruhigen wir uns, es ist noch keine Gefahr im Hause» – sogar jene sich das Geständnis entfahren lassen, daß die Lage sich verbittert, und daß sie nicht recht wissen, wohin dies führen wird. Nur daß sie, nachdem sie sich durch dieses Geständnis erleichtert haben, sich wegdrehen und wieder gedankenlos weiterverdauen.

«Aber man hat sie so oft angekündigt, diese Revolution!» seufzt der Pessimist. «Ich selbst habe für einen Moment an sie geglaubt, und sie kommt doch nicht!» – Sie wird nur um so reifer sein! «Zweimal war die Revolution nahe daran, auszubrechen, in 1754 und in 1771» sagt uns, vom achtzehnten Jahrhundert sprechend, ein Geschichtsforscher (1) (ich hätte beinahe geschrieben in 1848 und 1871). Nun, weil sie damals nicht ausgebrochen ist, wurde sie am Ende des Jahrhunderts um so mächtiger und furchtbarer.

Aber lassen wir die Gleichgültigen schlafen und die Pessimisten schmollen, wir haben anderes zu tun. Fragen wir uns, was der Charakter dieser Revolution sein wird, welche von so vielen Menschen vorhergefühlt und vorbereitet wird, und welche Stellung wir dieser Möglichkeit gegenüber einnehmen sollen.

Wir wollen keine historischen Prophezeiungen machen; weder der primitive Zustand der Soziologie, noch der gegenwärtige Stand der Geschichtsforschung (welche wie A. Thiers (2) sagt: «bloß die Wahrheit unter konventionellen Formen erstickt»), berechtigen uns dazu. Beschränken wir uns darauf, einige sehr einfache Fragen zu stellen.

Können wir auch nur für einen Augenblick annehmen, daß diese intellektuelle Riesenarbeit der Revision und Reformation, welche in allen Klassen der Gesellschaft vor sich geht, sich durch einen einfachen Regierungswechsel beruhigen kann? Daß die wirtschaftliche Unzufriedenheit, von Tag zu Tag wachsend und sich verbreitend, nicht den Versuch machen wird, sich im öffentlichen Leben zu betätigen, sobald sich dazu infolge irgendwelcher Ereignisse eine günstige Gelegenheit – sich darbietend in der Desorganisation der bestehenden Herrschaft – zeigen wird?

Die Aufstellung dieser Frage ist gleichbedeutend mit deren Beantwortung. Die Antwort kann entschieden nur: Nein sein.

Können wir glauben, daß der irländische und englische Bauer, wenn sie die Möglichkeit sehen, den Boden, den sie seit so vielen Jahrhunderten begehren, in ihren Besitz zu nehmen und die Großgrundbesitzer, welche sie vom ganzen Herzen hassen, zu verjagen – daß sie nicht das erste Aufflammen der Revolution benützen werden, um ihre Wünsche zu verwirklichen?

Können wir glauben, daß das französische Volk, bei einer neuen europäischen Bewegung, wie jene von 1848, sich damit begnügen wird, die derzeitige Regierung zu verjagen, um sie durch eine andere zu ersetzen, und nicht den Versuch machen wird, was die Kommune – die unabhängige freie Gemeinde – tun kann, um das Los der Arbeiter zu verbessern? Wird der französische Bauer, wenn er sieht, daß die zentrale Regierung desorganisiert ist, nicht versuchen, die üppigen Wiesen seiner Nachbarn, der Klosterschwestern, in Besitz zu nehmen, sowie auch die fruchtbaren Äcker des reichen Bourgeois, die beide sich an seiner Seite festgesetzt und seitdem ihren unrechtmäßigen Besitz immerfort vergrößert haben? Wird er nicht die Partei jener ergreifen, die ihm ihre Hilfe anbieten, um seinen Traum von gesicherter und reichlich belohnter Arbeit zu verwirklichen?

Und glaubt man, daß der italienische, spanische, slawische Bauer nicht dasselbe tun wird?

Denkt man, daß die Bergleute dieser Länder, müde ihres Elends, ihrer Leiden und der Hinmordung der Ihrigen durch die Grubenunglücke – welche sie, durch das Militär eingeschüchtert, nur noch grollend ertragen –, nicht versuchen werden, die Bergwerksbesitzer los zu werden, wenn sie eines Tages merken, daß die desorganisierten Truppen nicht mehr mit gutem Willen ihren Offizieren gehorchen?

Und der kleine Handwerker, in seinem dunklen feuchten Kellerloch, sich mit erfrorenen Händen und leerem Magen von früh bis spät plagend, um Geld zu verdienen, womit er den Bäcker bezahlen und seine fünf Kleinen ernähren kann, die ihm um so teuerer werden, je blässer das Elend sie macht? Und dieser Mann, der unter der ersten besten Brücke die Nacht verbracht hat, weil er sich den Luxus nicht bezahlen konnte, für zwanzig Centimes im Heim für Obdachlose zu schlafen – glaubt ihr, daß diese nicht gern mal nachschauen würden, ob in den prächtigen Palästen sich nicht ein trockenes und warmes Eckchen findet, um diese Familien – die auf jeden Fall anständiger sind, als jene des müßigen Bourgeois – unterzubringen?

Würden sie nicht gerne in den Magazinen der Kommune genug Brot sehen, um alle zu ernähren, die nicht gelernt haben, zu faulenzen; genügend Kleider, um die mageren Schultern der Arbeiterkinder ebenso wie die weichen Körper der Reichen zu bekleiden?

Glaubt man, daß jene, die in Lumpen gehen, nicht wissen, daß sie in den Warenhäusern der Großstädte reichlich alles finden würden, um die Bedürfnisse sämtlicher Einwohner zu befriedigen, und daß, wenn alle Arbeiter sich der Herstellung nützlicher Gegenstände widmen würden, anstatt sich mit der Fabrikation von Luxusartikeln abzumühen, sie für die ganze Kommune, und für viele Nachbar-Kommunen auch, genug produzieren würden?

Kann man schließlich annehmen, daß, wenn diese Sachen immerfort verkündet und wiederholt, wenn dieselben in kritischen Momenten von selbst auf den Lippen aller entstehen (man erinnere sich der Belagerung von Paris in 1871!), das Volk nicht versuchen wird, sie zu verwirklichen, wenn es eines Tages fühlt, daß es die Kraft dazu hat?

Der gesunde Verstand der Menschheit hat diese Fragen bereits beantwortet: und dies ist die Antwort:

Die kommende Revolution wird einen allgemeinen Charakter haben, welcher sie von allen früheren Revolutionen unterscheiden wird. Es wird nicht mehr ein Land sein, welches sich in die Umwälzung stürzt, sondern es werden alle Länder Europas sein. Wenn in früheren Jahren eine lokale Revolution möglich war, so ist heutzutage, mit den Banden der Solidarität, die sich durch Europa geknüpft haben, und in Anbetracht des im sicheren Gleichgewichtes aller Staaten, eine lokale Revolution eine Unmöglichkeit, wenn sie eine Zeit lang andauert. Wie in 1848 wird ein Anstoß in einem Lande sich notwendigerweise durch die übrigen Länder fortpflanzen, und der revolutionäre Geist wird über ganz Europa eilen.

Wenn aber in 1848 die aufständischen Städte ihr Vertrauen noch auf einen Wechsel der Regierung oder auf konstitutionelle Reformen setzen konnten, so ist dies heute nicht mehr der Fall. Der Pariser Arbeiter z.B. wird die Erfüllung seiner Wünsche nicht von irgendeiner Regierung erwarten – nicht einmal von jener der freien Kommune. Er wird selber diese Arbeit in die Hand nehmen, indem er sich sagt: Dann ist es wenigstens getan!

Das russische Volk wird nicht darauf warten, daß eine gesetzgebende Versammlung es mit dem Besitz des Bodens, welchen es bearbeitet, beschenkt: wenn es nur die Hoffnung hat, daß ihm dies gelingen wird, so wird der Bauer versuchen, sich selber dessen zu bemächtigen. Er versucht es schon; das bezeugen die fortwährenden Aufstände. Ebenso in Italien, in Spanien; und wenn der deutsche Arbeiter sich noch eine Zeit lang von jenen einschläfem läßt, die gerne alles durch Telegramme von Berlin aus erledigen möchten, so wird doch das Beispiel seiner Nachbarn und die Unfähigkeit seiner Führer ihm bald den wahren revolutionären Weg weisen. Das bezeichnende Merkmal der kommenden Revolution wird also sein: Allgemeine Versuche zu einer wirtschaftlichen Umwälzung durch die Völker selbst, ohne darauf zu warten, daß diese Revolution von oben, wie Manna vom Himmel, herunterfällt.

Aber – wir sehen schon den Pessimisten, ein boshaftes Lächeln auf den Lippen, «einige Einwendungen, bloß ein paar Einwendungen» erheben. Nun, wir werden ihn anhören, und wir werden sie beantworten.


Quellen und Anmerkungen

(1) Es handelt sich um Félix Rocquain (1833-1925) und dessen Werk „L’Esprit révolutionnaire avant la Révolution 1715-1789“ (Der revolutionäre Geist vor der Revolution), Paris 1878. Reprint verfügbar auf https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k204670r.pdf (abgerufen am 24.10.2021).

(2) Adolphe Thiers (1797-1877), französischer Advokat, Journalist und Historiker, als Präsident der Republik 1871 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune; Thiers ist Verfasser der „Histoire de la Révolution“ (10 Bde., 1823-1827) und der „Histoire du Consulat et de l’Empire“ (20 Bde., 1845-1862).


Redaktioneller Hinweis: Der Text „Die kommende Revolution“ wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert. Er wurde entnommen aus Peter Kropotkin – Worte eines Rebellen (rowohlt 1972. S.24-28). Der Text erschien unter dem französischen Titel „La Prochaine Révolution“ in der Originalausgabe Kropotkin, Petr A.: Paroles d’un révolté bereits 1885. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Pierre Ramus (Rudolf Großmann), einem österreichischen Aktivisten und Theoretiker des Anarchismus und Pazifismus. Neue Debatte hat den Beitrag unbearbeitet übernommen, um mit dem Blick auf die Vergangenheit eine umfassende und kritische Diskussion über die Ereignisse der Gegenwart zu ermöglichen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen aktualisiert.


Über den Autor: Peter Kropotkin (1842-1921) war ein russischer Adliger, Geograph, Schriftsteller und Anarchist, der die Ideen des kommunistischen Anarchismus entwickelte. Kropotkin verfasste zahlreiche Schriften wie zum Beispiel Der Wohlstand für AlleDie Eroberung des Brotes oder das wissenschaftliche Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, eine Antwort auf die Thesen des Sozialdarwinismus. Kropotkin belegt darin mit Beispielen aus der Natur und der Menschheitsgeschichte, dass gegenseitige Hilfe und Unterstützung die erfolgreichste Strategie in der Evolution ist.


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Ein Gedanke zu “Peter Kropotkin: Die kommende Revolution”

  1. Das alles heißt: Revolution entsteht dialektisch zwischen Liebe und Zorn

    „Alle Zeit drängt nach vorn – das Lebendige, und regt sich, zwischen Liebe und Zorn reift der Mensch, und er bewegt sich auf sich zu immer mehr, was für den nicht angenehm ist, der am Hintern zu schwer und im Kopfe zu bequem ist“, heißt es in dem von Gerulf Pannach getexteten Lied „Zwischen Liebe und Zorn“ der Klaus Renft Combo.
    „Revolution“, so fährt Pannach fort, „ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufriedner Leute, denn sie lebt in dem Sinn, daß der Mensch den Menschen Wert ist, daß der Geist der Kommune dem Genossen Schild und Schwert ist.“

    Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklung in der Kultur seines Willens aufheben und so das gemäß der Naturgesetze vorgegebene etwaige Beenden konkreter Raum-Zeit-Kontinuen in vervollkommnendes Bewahren wandeln.

    Es ist durchaus möglich überall in der Welt menschenwürdige Verhältnisse gestalten zu können. Die wissenschaftlich-technische Revolution gekennzeichnet durch rasche Entwicklung von Hochtechnologien und deren massenhaften Einsatz mit der Folge eines tiefgreifenden Wandels in den Wirtschaftsstrukturen konstituiert in unserer Gegenwart eine Umbruchsituation. In den Kernprozessen der Wirtschaft bildet sich ein neuer Produktivkraft-Typus heraus, der vor allem durch die komplexe industrielle Nutzung von Naturgesetzen in Gestalt der Mikroelektronik, der Informatik, der Biotechnologien, durch den Einsatz der Lasertechnik sowie neuer Werk- und Wirkstoffe und vielem mehr geprägt ist. Schrittweise findet eine zeitliche und räumliche Entkopplung von Mensch und Maschine statt. Solche wesentlichen Veränderungen im Produktionsprozess und die Steigerung der Produktivität des gesamten, globalen Wirtschaftsgeschehens eröffnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für die Persönlichkeitsentfaltung, für die Überwindung von Unterentwicklung, für wahrhaftig humanistischem Verhalten entsprechende, zwischenmenschliche Verhältnisse.

    Wir stehen vor der gewaltigen Herausforderung, das Leben in unserem Ökosystem Erde und unser menschliches Dasein in solidarischem Zusammenwirken vor dem Verfall zu bewahren. Denn gegenwärtig wird unsere Welt immer deutlicher von der allgemeinen Krise des Kapitalismus geprägt und man muss sich immer wieder fragen: Darf es in der grundlegenden, der wirtschaftlichen Sphäre menschlichen Handelns unmoralisch zugehen? Kann sich der Mensch nur profitorientiert und überlegenheitsmotiviert wirtschaftlich bewegen?

    Fassen wir die Missstände zusammen

    – Der globale Charakter kapitalistischer Standortkonkurrenz sowie die heute tendenziell unbegrenzte Kapital- und Standortmobilität führen zu Einschnitten in den Nationalökonomien sowie zu Veränderungen bisheriger Wirtschaftsstrukturen und Steuerungsmechanismen.
    – Unsicherheiten der Wirtschafts- und Sozialentwicklung spitzen sich zu und die Zerstörung des Ökosystems Erde wird in Kauf genommen.
    – Möglichkeiten der Produktivkraft Entwicklung werden einseitig für radikale Kostensenkungen und Einsparungen von Arbeitsplätzen eingesetzt, um die Kapitalverwertung zu verbessern und die internationalen Konkurrenzpositionen des Kapitals zu stärken.
    – Überall in der kapitalistischen Welt erfolgt die relative Loslösung der monetären Sphäre von der Realökonomie. Die hohen Renditen der Geldanlagen, die Labilität und die Erschütterungen der internationalen Finanzmärkte sowie anhaltende Währungsturbulenzen beeinträchtigen die realwirtschaftliche Entwicklung.
    – Gemeinsame Lösungen von Problemen wie der Abrüstung und Friedenssicherung, der Erhaltung der natürlichen Umwelt und der Sicherung sozialer Mindeststandards durch die internationale Gemeinschaft werden durch das Streben der Wirtschaftsblöcke zum Erhalt und der Gewinnung von geostrategischen Einflusszonen, Rohstoffen, billigen Arbeitskräften und Absatzmärkten verhindert.
    – Auf die größeren Herausforderungen und Probleme reagieren die Regierungen und die Unternehmerverbände im Innern mit dem Angriff auf den Sozialstaat und nach außen mit verstärkten Bemühungen, die politische und militärische Präsenz der führenden kapitalistisch wirtschaftenden Staaten in der Weltpolitik und deren ökonomische Vormachtstellung zu erhöhen, ohne dass wirksame Beiträge zur Lösung der realen Konflikte geleistet oder auch nur Konzepte hierfür erarbeitet werden.

    Wie können die Ursachen dieser Missstände beseitigt und die Bedingungen, die den Weg in eine bessere Welt ermöglicht werden?

    Im gesellschaftlichen Für- Mit- und Voneinander streben wir nach Anerkennung, spielen um unser Glück und sind neugierig auf das Erleben des nächsten Tages. Gleichgültig mit welchen konkret individuellen Merkmalen Menschen ausgestattet sind, sie können in jedem Fall mittels Sinnesorganen Kontakt zur Umwelt aufnehmen, alle haben sie die ererbten Fähigkeiten, sich im aufrechten Gang fortbewegen, mit ihren Mitmenschen ins Gespräch kommen und im Zusammenwirken von Händen und Hirnen, kreativ schaffend für sich sorgen zu können.
    Wenn Missstände in der Gesellschaft nicht nur angeprangert, sondern die darum notwendigen gesellschaftlichen Umgestaltungen durchgesetzt und gestaltet werden sollen, reicht es nicht nur aufzuzeigen was warum verändert werden muss. Denn den Menschen, die man dafür braucht und motivieren muss, muss auch bewusst werden, wie die Ziele erreicht werden können. Oder anders gesagt, zu einem Kampfprogramm gehört auch eine zielgerichtete Strategie und ein kluges taktisches Vorgehen.

    Sich selbstbewusst als bio-psycho-soziales Wesen begreifend, kann und muss der Mensch doch sein Wirtschaften so gestalten, dass jeder seinen ihm gemäßen und möglichen, seiner menschlichen Würde, seinen Fähigkeiten und seinem Wollen entsprechenden Anteil am zwischenmenschlichen Miteinander haben kann.

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