Sittenroman: Die Bekenntnisse eines Depressiven

Ich war zwei Menschen ins südliche Österreich gefolgt, um einen Roman zu schreiben, den ich schon lange in mir trage. Ich wollte eine Literaturgattung wiederbeleben, die eigentlich schon ausgestorben ist: den Sittenroman.

Der Sittenroman macht den Geschmack einer Epoche spürbar, indem er seine Protagonisten durch das Minenfeld gesellschaftlicher Umstände führt. „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert (1) war einer, Émile Zolas „Nana“ (2) oder Theodor Fontanes „Effi Briest“ ebenfalls (3). Der letzte war wohl „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil (4).

„Das klassische Grundprinzip eines sogenannten Sittenromans ist die Offenlegung der jeweiligen gesellschaftlichen Sozialmechanismen anhand der persönlichen intellektuellen und sexuellen Emanzipation eines Individuums. Oft bleiben die sozialen Werte auf der Strecke, um so der Gesellschaft ihren anprangernden Spiegel vorzuhalten.“ – (Quelle: Wikipedia).

Die Protagonisten meines noch ungeschriebenen Romans befinden sich in einer Dreiecksbeziehung und erkämpfen sich inmitten unserer pornografischen Epoche mit all ihren Unwägbarkeiten den Weg ins Glück. Es ist die Geschichte einer Erlösung, die allein durch die höchste Form der Liebe, der totalen Hingabe, erreicht werden kann.

Wenn ich von einer pornografischen Epoche spreche, so fasse ich den Begriff natürlich weiter als das, was allgemein unter ihm verstanden wird. Für mich ist unsere Epoche durch und durch versifft, also pornografisch. Die Politik ist es, die Wirtschaft sowieso, das gesamte System, das uns zu Bewohnern eines anderen Planeten machen will, ist durch und durch schmutzig, dirty eben.

Im Burgenland wurde ich nun Zeuge, wie das Dreier-Experiment krachend scheiterte. Unsere Li(äh)son wurde von uns in Hamburg erkämpft, gewollt und mit den Girlanden schönster Versprechungen behangen. Das alles ereignete sich im See der Sinnlichkeit. Bis ich im Alltag ertränkt und erwürgt wurde.

Ich werde niemals mehr die Höhen erklimmen können, auf denen ich mit diesen Menschen so traumwandlerisch sicher herum jonglieren konnte. Ich war nahe davor, meinen Frieden zu finden und fühle mich nun wie ein Vertriebener in nasser Kleidung auf dem Weg in die Hölle. Ich habe das Licht gesehen und werde wieder in den dunklen deutschen Alltag verbannt. Bei dem Gedanken schnürt es mir die Kehle zu.

„Ich bin ein Hungernder geworden, ich leide unter einem entsetzlichen Mangelzustand des ganzen Wesens, das von nichts anderem als von quälender Leere erfüllt ist. Von dem Flehen, dass, wo nichts war, etwas sein möge. Dieses Fieber, dieses Elend, das mich wach hielt, dieses Gefühl, dass mir nun zeitlebens etwas vorenthalten wird, macht mich krank. Ich suche nach der Wahrheit hinter den Dingen und stehe stets mit leeren Händen da.“

Das schrieb Amélie Nothomb in ihrem beeindruckenden Buch „Biografie des Hungers“ (5). Auch ich komme mir vor wie ein Kieselstein, der bei Erdarbeiten von einem Schaufelbagger vor sich hergeschoben wird, nutz- und orientierungslos.

In einem der zahlreichen Bücher, die ich in letzter Zeit konsumiert habe, las ich, dass Langeweile die einzige Form der Ewigkeit ist, die wir Sterbliche erleben können. Der Satz wirkt zunächst befremdlich, ist aber erstaunlich wahr. Ich erlebe das jeden Tag.

Seit meiner Rückkehr aus dem Burgenland versuche ich fortzuführen, was ich dort gegen meinen Liebesschmerz im wahrsten Sinne des Wortes täglich ins Feld geführt hatte: lange, manchmal stundenlange Spaziergänge, auf denen ich die Wunden zu kühlen versuche. Ich ertrinke in Selbstmitleid und kann nichts dagegen tun. Alles, was ich um mich herum wahrnehme, scheint mir sattsam bekannt zu sein. Jedes Ereignis, jede Geste, jeder Ton – alles wie gehabt, alles nur kurze vergängliche Schaumspritzer auf dem Meer der Stille. Was ich zurzeit wohl dringend brauche, ist so etwas wie ein Seelensekretariat, das mir alle Anrufe von draußen vom Hals hält.

Da fällt mir ein Text von Peter Handke (6) ein, in dem er die „ersten Male“ in einer poetischen Rührung besang, die selbst das Allerbanalste auflädt, wenn es nur eine neue Erfahrung, ein neuer Anfang ist.

„Irgendwann“, schrieb er, „habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und alles neu ist und alles unentdeckt. Und das hilft mir auf die Sprünge. Es ist noch nichts erzählt“. Doch, ist es, nur noch nicht von jedem, wie Karl Valentin (7) sagen würde. Und nicht in allen Facetten, das ist wohl war. Aber will man daran teilnehmen? Dazu bedarf es einer Unbeschwertheit, über die ich zurzeit nicht verfüge. Also schlage ich wieder einmal bei Prentice Mulford (8) nach, diesem großartigen US-amerikanischen Schriftsteller und Philosophen, der alleine in einem Segelboot treibend vor Long Island tot aufgefunden wurde:

Alle wilden Geschöpfe haben in ihren natürlichen Lebensbedingungen eine Art Seligkeit, denn sie sind wahre Ausdrucksformen des großen Unbekannten, das wir in Ermangelung eines besseren Wortes das unendliche Bewusstsein nennen wollen. In der wahnsinnigen, jubelnden Ekstase des Liebesschreis, mit der der große Vogel einsam in der Morgendämmerung über die Tannen hin nach einer Unbekannten ruft, ist seines Lebens Schönheit, Wahrheit und Glück, wie es gleichermaßen der unvergleichliche Sprung für die Wildkatze ist, mit dem sie, ein Dämon der Anmut, ihm den Jubelruf in der Kehle durchbeißt. Wo aber ist diese Wahrheit und Anmut, wenn der Mensch sein Geselchtes mit Bier hinunter schwemmt? Dann nähert sich sein Ausdruck in ganz verdächtigem Maße dem Geschöpf, in das er den starken, mutigen Eber verzüchtet – verschweinzt hat (…), denn das Schwein ist Menschenwerk und zeigt so recht, was aus einer “Wahrheit” wird, die er in seine Finger bekommt. Die ebenmäßige, starkbeschwingte, sich selbst erhaltende Wildgans ist eine Wahrheit: ist einer der Ausdrücke des unendlichen Bewusstseins. Die watschelnde, hilflose, flügellahme, leberkranke, geschoppte Gans ist das, was von einer Wahrheit übrig bleibt, wenn der Mensch dazukommt. – (aus: „Der Unfug des Lebens und des Sterbens“ von Prentice Mulford)

Ich weiß, dieser Artikel ist so düster wie meine momentane Verfassung. Lassen Sie sich nur nicht anstecken, obwohl es heute genügend Gründe gibt, auch ohne Liebesschmerz in tiefste Depressionen zu verfallen. Falls Sie das nicht wollen, lassen Sie sich impfen. Dann nimmt man Sie wieder auf in dieser schrecklichen Solidargemeinschaft.


Frau in Weiß. (Foto: Molly Mears, Unsplash.com)

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Quellen und Anmerkungen

(1) Gustave Flaubert (1821-1880) war ein französischer Schriftsteller, der vor allem als Romancier bekannt ist. Sein erstes gedrucktes Werk war der 1851 begonnene Roman „Madame Bovary“. Dieser erschien 1856 im Feuilleton der Revue de Paris und trug Flaubert einen Prozess wegen Verstoßes gegen die guten Sitten ein. Im Februar wurden Flaubert und die Zeitschrift aber freigesprochen. Im Nachklang wirkte sich der Prozess sogar positiv aus – die Buchversion wurde ein Verkaufserfolg als sie 1857 herauskam.

(2) Émile Zola (1840-1902) war ein französischer Journalist, Maler und Schriftsteller. Er gilt als einer der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts. Zola war Leitfigur und Begründer der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus. 1880 erschien sein Roman „Nana“. Dieser erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus dem Volk, die dank sexueller Attraktivität zur kostspieligen Geliebten eines Grafen aufsteigt. Durch Ausschweifungen aller Art erlebt sie aber einen Niedergang. Sie erkrank und stirbt früh. Der Roman, dessen deutsche Erstausgabe um rund 100 gekürzt wurde, war ein großer Erfolg.

(3) Theodor Fontane (1819-1898) war Schriftsteller, Journalist und Kritiker. Er gilt als bedeutender Vertreter des Realismus. Sein Roman „Effi Briest“ wurde von Oktober 1894 bis März 1895 in sechs Folgen in der literarisch und wissenschaftlichen Zeitschrift Deutschen Rundschau abgedruckt wurde, bevor er 1896 als Buch erschien. Das Werk gilt als ein Höhe- und Wendepunkt des poetischen Realismus der deutschen Literatur.

(4) Robert Musil (1880-1942) war ein Schriftsteller und Theaterkritiker aus Österreich. Sein Werk umfasst Novellen, Dramen, Essays, Kritiken und zwei Romane. 1906 erschien „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. An seinem zur Weltliteratur zählenden Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“, das ab 1930 in drei Bänden erschien und von autobiographischen Aspekten mitbestimmt ist, hat Musil seit den 1920er Jahren bis zu seinem Tode fortlaufend gearbeitet. Die Titelfigur wird zum „Mann ohne Eigenschaften“, indem sie sich zu nichts ernsthaft bekennen mag und sich jeder Festlegung im eigenen Leben entzieht, um sich für neue Optionen und Konstellationen offen zu halten.

(5) Amélie Nothomb alias Fabienne Claire Nothomb (Jahrgang 1966) ist eine Schriftstellerin aus Belgien. In ihrem autobiografischen Roman „Biografie des Hungers“ wird über die durch ihre gesamte Diplomatentochterjugend ziehende Gier nach Süßigkeiten, Literatur und Liebe berichtet.

(6) Peter Handke (Jahrgang 1942) ist ein Schriftsteller und Übersetzer aus Österreich. Er gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren. Handke, der vielfach ausgezeichnet wurde, erhielt 2019 den Nobelpreis für Literatur. Nach seiner Kritik an Sprach- und Bewusstseinsschablonen befasste sich Handke vor allem mit der Entfremdung zwischen Subjekt und Umwelt.

(7) Karl Valentin (1882-1948) war ein deutscher Komiker, Volkssänger, Autor und Filmproduzent. Mit seinem Humor beeinflusste er zahlreiche andere Künstler wie zum Beispiel Bertolt Brecht, Samuel Beckett oder Loriot.

(8) Prentice Mulford (1834-1891) war ein US-amerikanischer Journalist, Philosoph und Schriftsteller. Mulford gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Neugeist-Bewegung gilt. Er starb im Alter von 57 Jahren, alleine in einem Segelboot vor Long Island treibend. 1913 erschien die Essay-Sammlung „The gift of the spirit“ (deutscher Titel: Der Unfug des Lebens und des Sterbens).


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter der Überschrift “Bekenntnisse eines Depressiven” bei apolut.net und wurde auf Neue Debatte aktualisiert zweitveröffentlicht. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Hinweise und Anmerkungen ergänzt.


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Foto: Evie S. (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

Ein Gedanke zu “Sittenroman: Die Bekenntnisse eines Depressiven”

  1. Schrecklich, diese Liebesqualen. Und doch musste ich schmunzeln, auch weil mir wieder ein Goethe-Zitat in den Sinn kam, welches modern gesprochen lautet: „Was geht’s dich an, dass ich dich liebe?“.

    Roland Barthes: „Fragmente einer Sprache der Liebe“ ist Ihnen, lieber Dirk C. Fleck vermutlich ein Begriff. Ein Kaleidoskop von Himmelhochjauchzendzutodebetrübt , das einen ganz schön aufschlagen lässt und doch fliegen einem hier und da Trostsplitter ins Auge, die wieder blind
    machen für die Liebe. Neues Spiel, neues Un- und Glück :-)

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