Sprich, damit ich dich sehe

33 Grad Celsius, windstill, sonnig: Ich treffe mich mit einer guten Freundin und ihrem Hund in meinem Lieblingscafé am Wiener Naschmarkt. Wir sitzen uns gegenüber, schenken einander Aufmerksamkeit, stimmen uns aufeinander ein, versuchen uns verständlich zu machen und zu verstehen.

Das Gespräch beginnt zu fließen. Wir muten uns einander zu – real, emotional, life.

Der Fluss und die Intensität entstehen dadurch, dass wir mit verbalen und nonverbalen Mitteln versuchen, die andere in den eigenen Sprechdenkprozess einsteigen zu lassen. Dies geschieht durch die Wahl der Worte sowie durch sichtbare Signale (Körperhaltung, Blickkontakt, Mimik, Gestik usw.) und hörbare Signale (Lautstärke, Tempo, Pausen, Betonungen, Stimmklang usw.). Durch sogenannte Zuhörersignale zeigt mir meine Freundin, inwieweit sie meinen Worten folgen kann, und wie diese bei ihr ankommen.

Beim Senden von schriftlichen Nachrichten via E-Mail oder WhatsApp fehlen diese Informationen, wie zum Beispiel die Brücke über die Augen oder die analogen, reichhaltigen Schallwellen, die in den Gehörgang des Gegenübers eindringen. Es fehlt die Körperlichkeit der Kommunikation.

Große Sorge macht mir als Sprechtrainerin in diesem Zusammenhang die zunehmend praktizierte und für die Zukunft verstärkt angestrebte digitale Lehre an den Universitäten zum Beispiel durch Zoom-Meetings. Die Technik macht es möglich, dass ich allein zu Hause bin und gleichzeitig in einer Gruppe anwesend bin. An-wesend… Wo ist denn mein Wesen in einer derartigen Situation wirklich? Hier, dort oder in einem diffusen körperlosen Zwischenraum? Wer bewohnt mit mir (womöglich unerkannt) diesen körperlosen, virtuellen Zwischenraum?

Ein analoger Versammlungsraum erzeugt eine Atmosphäre und eine potenzierte Kraft, ein Energielevel, das nur im Hier und Jetzt entstehen kann. Nehmen Sie zum Beispiel ein Theater:

„Das Theater bietet sich andererseits immer in der Gegenwart dar. Damit kann es realer werden, als der normale Bewusstseinsstrom. Und das kann es auch so beunruhigend machen. Kein Tribut an die latente Macht des Theaters ist so aufschlussreich wie der, den ihm der Zensor rollt. In fast allen Regimes, selbst wenn das geschriebene Wort frei ist, das Bild frei ist, wird die Bühne immer am spätesten befreit. Instinktiv wissen Regierungen, dass das lebendigste Ereignis eine gefährliche Hochspannung schaffen kann – wenn das auch nur allzu selten vorkommt. Aber diese uralte Furcht ist die Anerkennung einer uralten Möglichkeit.“ – (Peter Brook)

Seit Oktober 2021 gilt in großen Theaterhäusern wie im Burgtheater die 2G-Regel – womit der Großteil des Publikums zu den staatstreuen Impfwilligen gehört. Somit stellen kritische Inhalte auf der Bühne keine wirkliche Gefahr mehr dar …

In meinem Unterricht mit Schauspielstudierenden schaffe ich eine Atmosphäre der Kreativität, der Achtsamkeit und der Wachheit. Alle Sinne werden im Sprechtraining geschärft. In einer der Stimmübungen kommunizieren die Studierenden mittels Lauten, die keine semantische Bedeutung haben, zum Beispiel über die Silbe „oi“. Diese wird ohne Pause wie in einem gesprochenen Satz circa 15-Mal hintereinander gereiht gesprochen, sodass eine Phrase entsteht, in welcher sich die hörbaren nonverbalen Mittel und deren Wirkung gut erforschen lassen.

Um Routine in dieser neuen Sprache zu bekommen, beginnen wir mit ein paar sprechtechnischen Hinweisen zum „oioioioioioioioi…“: langer Atem, lockerer Kiefer, vorgestülpte, gerundete Lippen. Und los gehts.

Eine Studentin hat nun die Aufgabe, den stummen, blinden Rest der Gruppe nur mithilfe ihrer Stimme durch den Raum zu führen. Wirkt die Stimme interessant, einladend, verführerisch, lockend oder beschützend, so folgen die „Küken“ der „Henne“. Die Studentin arbeitet anhand der Reaktionen der Gruppe und lernt durch Versuch und Irrtum, ihren Stimmklang, ihr Tempo, ihre Tonhöhe bewusster zu wählen. Später wird sie diese Fähigkeit beim Gestalten einer Figur auf der Bühne anwenden, um die Worte eines Autors mit ihrem Körper ausdrücken und somit lebendig werden lassen zu können – ein schöpferischer, künstlerischer Prozess!

Die Macht der Stimme: Sie kann verführen, bemitleiden, beschimpfen, beherrschen… Unsere Vorfahren entwickelten sie zunächst, um zum Beispiel vor einem Raubtier zu warnen, ein Baby zu beruhigen, Informationen mit der Gruppe zu teilen – „mit-zu-teilen“.

Ein geschultes Sprechverhalten kann aber auch als Instrument unauthentisch und missbräuchlich benutzt werden. Sprechen ist Handeln und will zum Handeln bringen – nicht selten manipulieren. In meinem inneren Ohr schnurrt die bemüht ruhige, vertrauenswürdige Stimme eines österreichischen Spitzenpolitikers, dem Wolf, der so viel Kreide gefressen hat, dass ihm viele Geißlein in Österreich mehrere Jahre auf dem Leim gegangen sind… weil sie für die Zwischentöne stumpf geworden sind.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Katie Moum (Unsplash.com)

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