Wie die Zeiger auf der Uhr: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen

Eher durch Zufall stieß ich auf den Autor, der mir, muss ich gestehen, bis dahin nicht bekannt war. Ein Interview mit ihm bei den NachDenkSeiten machte mich neugierig (1). Obwohl er als ehemaliger Berater aus dem Kanzleramt und als Manager in einem renommierten Automobilkonzern kein No Name ist, was ihn vielleicht nicht in den Fokus interessierter Berichterstattung bringt, ist sein heute gewerkschaftliches Engagement und die damit verbundenen politischen Positionen.

Gegen die plutokratische Minderheit

Hans-Christian Lange ist Mitbegründer der Band- und Leiharbeiter-Gewerkschaft „Social Peace“ und er unterstützte Sahra Wagenknechts Bewegung „Aufstehen„. Insofern ist es dann doch keine Überraschung, wenn ein solcher Mensch sich mit den politischen und sozialen Fragen unserer Tage beschäftigt.


Hans-Christian Lange: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen (Quelle: YouTube/Gerhard Mersmann)

In seinem Buch „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen – Ein Insider entlarvt die neue Geld- und Politikkaste“ nimmt Hans-Christian Lange vor allem die so genannten „Ein-Prozenter“ aufs Korn, jene plutokratische Minderheit von einem Prozent der Bevölkerung, die über mehr als die Hälfte des vorhandenen Vermögens verfügt (2, 3). Das geht, vor allem aus deutscher Perspektive, nur mit einem Blick auf die verhängnisvollen 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts, in denen sich die vermögende Elite von der neuen Staatsform und der Bevölkerung abkoppelte.

Während die Eliten den Hals nicht voll bekamen und ihr Hunger sich auf andere Länder und Erdteile ausrichtete, darbten die Arbeitslosen und Geringverdiener im eigenen Land am Hungertuch und rannten tausendfach ins Verderben.

Die neue Geld- und Politikkaste

Allein bei der Beschreibung dieses hergestellten Zusammenhangs wird deutlich, wie sinnvoll der Blick zurück ist, um die, wie Lange sie nennt, neue Geld- und Politikkaste zu bewerten, die aus dem Prozess der Globalisierung entstanden ist.

Während die Politikkaste im medialen Orkus auf der Schaubühne steht, arbeitet die plutokratische Kaste im Hintergrund an ihren Eroberungs- wie Fluchtplänen. Einerseits ist sie an der Vorbereitung und Durchführung von Kriegen um Ressourcen beteiligt, andererseits ahnt sie, dass ihr Treiben nicht gut ausgehen könnte und lässt sich Bunker mit den dazugehörigen Vorräten bauen und ausstatten, kauft entlegene Inseln und träumt von neuen Refugien auf fernen Planeten.

Was Menschen mit normalen Arbeits- und Lebensbeziehungen als krank bezeichnen würden, ist deren Alltag. Insofern ist es gut und klug, den Blick auf diese zunehmend menschenverachtende Klasse zu richten und deren Treiben einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Unter dem Strich lässt sich sagen, dass die Globalisierung die Finanzeliten in Bezug auf das Gefühl gesellschaftlicher Verantwortlichkeit auf das elende Niveau lausiger Kompradoren in den Schwellenländern hat sinken lassen.

Langes Buch wäre ein guter Einstieg in die nächste Depression, berichtete er nicht auch über den sich in vielen westlichen Ländern formierenden Widerstand. Von den französischen Gelbwesten über US-amerikanische Massenstreiks bis zu neuen Bündnisse in Italien, Spanien, Portugal und, man sollte es nicht für möglich halten, Deutschland. Dass die de facto gleichgeschalteten Medien den Fokus nicht darauf richten, erklärt sich von selbst.

… und ein Sturm bahnt sich an

„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“ ist ein faktenreiches Buch mit in diesen Tagen ungewöhnlichen Blickwinkeln. Manchmal sind die Bezüge nicht unbedingt logisch, als Erhellung der dunklen Seiten von Elitetreiben und Widerstandsorganisation ist es ein wichtiges Buch. Wo sich die Zeiger auf der Uhr befinden, darüber lässt sich trefflich streiten. Aber irgendwo im Morgengrauen – und ein Sturm bahnt sich an.


An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. (Buchcover: Verlag Westend)

Informationen zum Buch

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen

Ein Insider entlarvt die neue Geld- und Politikkaste

Autor: Hans-Christian Lange

Sprache: Deutsch

Genre: Sachbuch

Seiten: 256

Erscheinung: Juli 2021 (Ebook)

Verlag: Westend


Quellen und Anmerkungen

(1) NachDenkSeiten (13.10.2021): Von Gorillas und Hyänen: Ein Ex-Topmanager beleuchtet die Abgründe der neofeudalen Eliten. Auf https://www.nachdenkseiten.de/?p=76956 (abgerufen am 4.11.2021).

(2) Telepolis (15.11.2017): Die reichsten 1 Prozent besitzen mehr als 50 Prozent des globalen Vermögens. Auf https://www.heise.de/tp/features/Die-reichsten-1-Prozent-besitzen-mehr-als-50-Prozent-des-globalen-Vermoegens-3890296.html (abgerufen am 5.11.2021).

(3) World Inequality Database: Where are you in the income distribution? Auf https://wid.world/simulator (abgerufen am 5.11.2021).


Frau in Weiß. (Foto: Molly Mears, Unsplash.com)

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Fotos und Video: Paolo D’Andrea (Unsplash.com), Verlag Westend und Gerhard Mersmann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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