Afrika, ein Kontinent als Beute: Die Stadt des Windes

Klaus Hecker berichtet in seinem Podcastformat „Afrika, ein Kontinent als Beute“ aus dem Nordwesten des Kontinents, der Ende des 19. Jahrhunderts vom europäischen Imperialismus überrollt wurde und sich bis heute in Abhängigkeit befindet. Essaouira, eine Hafenstadt an der marokkanischen Atlantikküste, oft romantisch als „Stadt des Windes“ bezeichnet, ist ein Spiegel der herrschenden Verhältnisse, deren Grundstein die westeuropäischen Großmächte am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit ihrem Wettlauf um Afrika legten.


Chefchaouen, Marokko. (Foto; Julian Larcher, Unsplash.com)

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Um was es geht …

Eine Visite in der Hafenstadt Essaouira und eine erste Beschreibung der Situation.


Die Epoche der Aufklärung (etwa 1720 bis 1800) mit ihren Highlights Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1783) und Französische Revolution (1789 bis 1799) und der Siegeszug der Industriellen Revolution (1) lässt zwar die Sklaverei verschwinden, auf dem die wirtschaftlichen Erfolge der Kolonien in Nord- und Südamerika aufbauten, am Interessen der Europäer am afrikanischen Kontinent ändert das aber nichts. Lediglich die Begehrlichkeiten wurden verlagert: Im Konkurrenzkampf der waffenstarrenden Industrienationen geht es um geopolitische Einflusssphären, Rohstoffe und die Macht über Menschen und Märkte.

Der Raub und die Ausbeutung menschlicher Ressourcen sind natürlich keine Erfindungen des europäischen Imperialismus, sondern haben ihre Vorbilder in der Antike.

Der Aufstieg Athens beispielsweise wäre ohne Sklaven nicht denkbar gewesen – sie waren ein wesentliches Element von Gesellschaft und Wirtschaft. Wie viele es gewesen sind, kann nur geraten werden, aber es soll praktisch jeder Bürger mindestens einen besessen haben. Provokant gesagt: Leute wie Sokrates kümmerten sich um Philosophie, Theorie und Erkenntnis, und die Sklaven arbeiteten und schafften Werte.

Um diese ethische Fehlentwicklung zu vertuschen und das Gewissen zu beruhigen, sich also nicht selbst einzugestehen, dass man sich zwar als Zivilisation, vielleicht sogar als Hochkultur begreift, aber im Kern eine räuberische und parasitäre Gesellschaftsform darstellt – von Karl Marx als „Sklavenhaltergesellschaften“ und Schauplatz des ersten Klassenkampfes beschrieben (2) –, wurde eine natürliche Überlegenheit der Sklavenhalter gegenüber den versklavten Menschen konstruiert.

Während sich am Grundprinzip nichts änderte, wandelten sich im Laufe der (ökonomischen) Entwicklungsgeschichte die Formen der Ausbeutung und die Mechanismen der Abhängigkeit. Im Kapitalismus wurden sie verfeinert, wurden subtiler und im Neoliberalismus fast unsichtbar. Der Philosoph Byung-Chul Han schrieb, dass der Neoliberalismus „aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst“ formen würde. „Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst.“ (3)

Der Wettlauf um Afrika und die Aufteilung von Marokko

Der Erkundung des afrikanischen Kontinents Anfang des 19. Jahrhunderts durch Forscher wie David Livingstone, den britischen Offizier Richard Francis Burton oder den Portugiesen Alexandre Serpa Pinto schließt sich der Wettlauf um Afrika an.

Der offene Imperialismus, der sich direkt in die Angelegenheiten Afrikas einmischte, fiel aber nicht zufällig vom Himmel. Etwa ab 1870 setzte in Europa eine anhaltende Depression ein; die europäischen Märkte (auch bedingt durch ihre Abschottung) schrumpften. Großbritannien, damals noch die dominierende Weltmacht, und vor allem seine beiden Hauptkonkurrenten auf dem europäischen Festland, Frankreich und das Deutsche Kaiserreich, erkannten in Afrika eine Chance, ihre Wirtschaft zu beleben.

Marokko verliert erst 1912, also am Vorabend des Ersten Weltkriegs, seine Unabhängigkeit, als Sultan Mulai Abd al-Hafiz im Vertrag von Fès auf die Souveränität Marokkos zugunsten Frankreichs verzichtet. Nachdem sich Frankreich und Spanien „geeinigt“ hatten (die Lösung hatten sich die beiden europäischen Nachbarn schon vorher ausgeknobelt), wurde die Beute aufgeteilt in die Protektorate Spanisch-Marokko und Französisch-Marokko. Zwei Weltkriege und unzählige Krisen später ist Frankreichs Einfluss ungebrochen …


Ein Verkaufsladen in Essaouira , Marokko. (Foto: Klaus Hecker)
Ein kleiner Verkaufsladen in Essaouira: Die Versorgung mit Trinkwasser ist ein wichtiges Thema in Marokko. (Foto: Klaus Hecker)

Quellen und Anmerkungen

(1) Als Industrielle Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzte und zu einer stark beschleunigten Entwicklung von Technik, Produktivität und Wissenschaft führte und begleitet war von einer starken Bevölkerungszunahme und der Zuspitzung sozialer Missstände, wird die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände bezeichnet. Sie trat verstärkt im 19. Jahrhundert zunächst in England auf, verbreitete sich über Westeuropa und die USA und seit dem späten 19. Jahrhundert auch in Japan. Dies führte in weiteren Teilen Europas und Asiens zum Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

(2) Der Begriff Sklavenhaltergesellschaft wurde von dem Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx (1818 bis 1883) geprägt. Marx bezeichnet damit die antiken Gesellschaften auf der Basis ihrer Produktionsweise, die den Reichtum durch die Schaffung und Akkumulation von Mehrwert durch Sklavenarbeit produzierten. Mit diesem Terminus vervollständigt er die Trias „Sklavenhaltergesellschaft“, „Feudalismus“ und „Kapitalismus“ als Ergebnisse einer Geschichte beziehungsweise Abfolge von Klassenkämpfen.

(3) Neue Debatte (20.5.2016): Byung-Chul Han erklärt, warum heute keine Revolution mehr möglich ist. Auf https://neue-debatte.com/2016/05/20/byung-chul-han-erklaert-warum-heute-keine-revolution-mehr-moeglich-ist verfügbar.


Frau wartet. (Foto: Kristopher Roller; Unsplash.com)

Schluss mit dem

Theater

Karten auf den Tisch!

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Foto und Audio: Klaus Hecker

Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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