Afrika, ein Kontinent als Beute: Marokko, ein Armenhaus von der EU produziert


Marokko konnte seine Unabhängigkeit lange behaupten, verlor seine Souveränität aber 1912 im Vertrag von Fès. Das Land, aus dem Klaus Hecker in seinem Podcast „Afrika, ein Kontinent als Beute“ berichtet, wurde von den Kolonialmächten Spanien und Frankreich aufgeteilt. Es entstanden die Protektorate Spanisch-Marokko und Französisch-Marokko.


Chefchaouen, Marokko. (Foto; Julian Larcher, Unsplash.com)

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Um was es geht …

Neue Abhängigkeiten, Freihandel und Armut


Der Erste Weltkrieg ließ kurzzeitig den Nordwesten Afrikas aus dem Blickfeld verschwinden. Doch schon Anfang 1919 warb Abd al-Karim (1882 bis 1963), Anführer im Aufstand der Rifkabylen gegen die spanischen und französischen Kolonialtruppen in der Rif-Region Spanisch-Marokkos, für die Bildung eines antikolonialen Stammesbündnisses. Man wollte den Rückzug der Spanier nach Ceuta und Melilla (nordafrikanische Küste) durchsetzen. Der Rifkrieg begann 1921 mit einem militärischen Sieg der Rifkabylen in der Schlacht von Annual.

Massenvernichtung als Antwort

Abd al-Karim. (Fotograf unbekannt, Revista Ejército n. 962. junio 2021. p. 50, Gemeinfrei)
Abd al-Karim (1882 bis 1963) war Anführer im Aufstand der Rifkabylen. (Foto: Gemeinfrei)

Spanien wechselte die Strategie. Chemische Waffen kamen zum Einsatz, unter anderem beschafft in Deutschland. Dennoch zog sich der Konflikt hin. 1923 proklamierte Abd al-Karim als Präsident der Rif-Republik in Nordmarokko die Unabhängigkeit von der spanischen Herrschaft. Ein Politikum, dass sich die Kolonialmächte nicht bieten lassen konnten.

Frankreich und Spanien bekämpften die Rifkabylen gemeinsam. Die geopolitischen Interessen der „zivilisierten“ Europäer wurden maßgeblich mit der Massenvernichtungswaffe Senfgas durchgesetzt. Abd al-Karim ergab sich den Franzosen 1926.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die arabisch-nationalistische Unabhängigkeitsbewegung an Einfluss. 1956 erlangte Marokko die volle Unabhängigkeit und wurde Königreich. Heute befinden sich zwar nur noch die Enklaven Ceuta und Melilla in spanischem Besitz, aber geblieben ist die (vor allem) ökonomische Abhängigkeit. Und die wird vonseiten der Europäischen Union (EU) gehegt und gepflegt.

Freihandelsabkommen und neue Märkte

In der Altstadt von Essaouira herrscht reges Treiben. Unzählige kleine Marktstände locken mit Waren aller Art. Darunter zahlreiche landwirtschaftliche Produkte. Doch obgleich Marokko über eine beachtliche Landwirtschaft verfügt, werden auch Gemüsesorten und Früchte aus der Europäischen Union feilgeboten. Das ist zwar nicht weiter überraschend in einer globalisierten Welt, dennoch ist die flüchtige Beobachtung ein erster Fingerzeig.

Die EU hat den Mittelmeerraum bereits Mitte der 1990er-Jahre zum Gebiet von strategischer Bedeutung erhoben. Auf der sogenannten euro-mediterranen Konferenz der Außenminister der EU und der Partnerländer, darunter Marokko, wurde 1995 in Barcelona die euro-mediterrane Partnerschaft begründet. Im März 2000 trat das sogenannte Europa-Mittelmeer-Abkommen in Kraft.

Wesentliche Elemente zur Verbesserung der politischen Beziehungen zwischen der EU und den Nachbarländern im südlichen Mittelmeerraum sind Kooperationen, Handelsabkommen und langfristig eine Demokratisierung der gesamten Region. 2019 schloss die EU ein nicht unumstrittenes Freihandelsabkommen mit Marokko (1). Auf die Besonderheit und die Details des innerafrikanischen Konflikts mit der in der Westsahara aktiven Polisario wird an dieser Stelle verzichtet (2). Im Podcast bleibt der Freihandel im Fokus, der oberflächlich betrachtet dem wirtschaftlichen Fortkommen von Marokko nutzt, aber das Land schleichend in ein Armenhaus verwandelt.


Klaus Hecker berichtet aus Nordwest Afrika, Seine ersten Beobachtungen macht er in der Hafenstadt Essaouira in Marokko. (Foto: Klaus Hecker)
Klaus Hecker berichtet aus Nordwest Afrika über ökonomische Abhängigkeiten und die Dominanz der Europäer. Seine ersten Berichte kommen aus der Hafenstadt Essaouira in Marokko. (Foto: Klaus Hecker)

Quellen und Anmerkungen

(1) Verfassungsblock (2.12.2020): Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung – Zum notwendigen Kurswechsel der EU gegenüber Marokko und der Westsahara. Auf https://verfassungsblog.de/selbstbestimmung-statt-fremdbestimmung (abgerufen am 10.11.2021).

(2) Die Frente Polisario ist eine militärische und politische Organisation, die im Verlauf des Westsaharakonfliktes 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) ausrief. Die Polisario steht im Konflikt mit Marokko; das Königreich erhebt Anspruch auf das gesamte Territorium. Das durch die Regierung der DARS verwaltete Gebiet ist durch einen von Marokko errichteten 2700 Kilometer langen, verminten Sandwall vom marokkanisch verwalteten Teil der Westsahara getrennt.

Leseempfehlungen

detektor.fm: Serie Marokko. Auf https://detektor.fm/serien/marokko (abgerufen am 11.11.2021).

KFW: Reformen zur Demokratisierung. Auf https://www.kfw-entwicklungsbank.de/Internationale-Finanzierung/KfW-Entwicklungsbank/Weltweite-Präsenz/Nordafrika-und-Nahost/Marokko (abgerufen am 11.11.2021).

hr4 (14.10.2021): Jobangst bei Opel in Rüsselsheim – Stellenverlagerung nach Marokko geplant? Auf https://www.hr4.de/programm/podcast/rhein-main/jobangst-bei-opel-in-ruesselsheim—stellenverlagerung-nach-marokko-geplant-1410-1430,podcast-episode-92956.html (abgerufen am 11.11.2021).

Deutschlandfunk (24.5.2021): Migrationsforscher: Die EU wird erpressbar. Auf https://www.deutschlandfunk.de/flucht-und-migration-migrationsforscher-die-eu-wird.694.de.html?dram:article_id=497733 (abgerufen am 11.11.2021).

Telepolis (6.3.2021): Westsahara: Marokko im Streit mit Deutschland. Auf https://www.heise.de/tp/features/Westsahara-Marokko-im-Streit-mit-Deutschland-5073617.html (abgerufen am 11.11.2021).


Frau wartet. (Foto: Kristopher Roller; Unsplash.com)

Schluss mit dem

Theater

Karten auf den Tisch!

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Fotos und Audio: Klaus Hecker sowie Foto von Abd al-Karim (Fotograf unbekannt; Revista Ejército n.º 962. junio 2021. p. 50. ISSN 1696-7178, Gemeinfrei; https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=106664102)

Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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