Psyche im freien Fall: Österreichs Ausnahmezustand und die Folgen

Die klinische Psychologin Elisabeth Mayerweck gehört in Österreich zu den bekanntesten Kritikerinnen der Coronapolitik. Lockdown, Staubmasken, Abstandsregeln, ein mediales Dauerfeuer aus Angstmeldungen und Drohungen der Regierung. Und neuerdings offene politische Hetze gegen Menschen, die kein Vertrauen in unausgereifte Impfstoffe haben: Dies alles wirkt sich nicht nur destruktiv auf das soziale Miteinander aus, sondern hinterlässt psychische Trümmerwüsten.

Zu Beginn des Gesprächs bei Reiner Wein, dem politischen Podcast aus Wien, definiert die Psychologin den Begriff „psychische Gesundheit“. Hinter ihm verbirgt sich weit mehr als die Abwesenheit von Krankheit; es geht vor allem um Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden.

Die emotionale Seite

Lebenszufriedenheit habe viel mit sozialen Kontakten zu tun, Wohlbefinden müsse vom Einzelnen definiert werden, hänge aber insbesondere mit körperlicher Gesundheit und der guten ökonomischen, also auch finanziellen Basis zusammen.


Was der Ausnahmezustand mit der Psyche der Österreicher macht – Gast: Elisabeth Mayerweck | Reiner Wein Interview (Quelle: Idealism Prevails/YouTube)

Zufriedenheit ist laut Mayerweck eher eine kognitive Sache, während Glück die emotionale Seite beschreibe. Treten Defizite im sozialen Umgang auf, wirke sich diese auf alle Lebensbereiche aus.

Ein wesentlicher Faktor im Bezug auf den Erwerb sozialer Kompetenz sind Gestik und Mimik. Anhand der Mimik gelingt es den Menschen, den Gegenüber einzuschätzen. Fehlt diese Möglichkeit – wie aktuell durch das Tragen von „Masken“ –, komme es zu Irritationen, die Angst auslösen und mit einem Verlust an Empathiefähigkeit einhergehen (1). Es bestehe dadurch die Gefahr, dass sich asoziales Verhalten entwickelt. Soziale Distanzierung, so Mayerweck, finde aber nicht erst seit Corona statt. Der Rückzug ins Private, vor allem vor den Bildschirm, sei schon ein länger beobachtbares Phänomen.

Depressionen und erlernte Hilflosigkeit

Depressionen werden laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2030 die Volkskrankheit Nr. 1 sein (2). Diese Prognose bestätigt Elisabeth Mayerweck. In diesem Zusammenhang sei es völlig kontraproduktiv, dass in Österreich psychologische und psychotherapeutische Unterstützung auf Krankenschein nur sehr eingeschränkt möglich sei.

Depressionen seien oft auch eine Folge anderer Grunderkrankungen, außerdem spielen Zukunftsängste eine Rolle. Durch die aktuellen Gegebenheiten, nämlich die Maßnahmen gegen die sogenannte Corona-Pandemie, werden Menschen in die Perspektivlosigkeit gedrängt. Mayerweck: „Wenn keine Perspektiven mehr vorhanden sind, wenn nicht absehbar ist, wann eine Situation endet, dann tut man oft gar nichts mehr.“ Sie nennt diesen Zustand „erlernte Hilflosigkeit“.


Lasst’s die Leute in Ruhe!

Reiner Wein, der politische Podcast aus Wien. Gast: Elisabeth Mayerweck

www.reiner-wein.org


Es entstehe ein Teufelskreis: Die Abhängigkeit von Autoritäten, die diese Situation herbeigeführt haben, würden als einzige Option wahrgenommen, aus der Situation herauszukommen. Die aktuellen Maßnahmen, die in einem de facto Impfzwang münden würden, bezeichnet sie als Unterdrückung und psychischen Missbrauch.

Im Fahrwasser dieser Nötigung würde nicht nur der Denunziation Tür und Tor geöffnet. Mayerweck verweist auf das „Stanford-Prison-Experiment“, das gezeigt hat, was passiert, wenn Menschen „Polizei spielen“ dürfen (3). Auf diese Weise entstehe eine „toxische Gesellschaft“.

Die Mehrheit liegt immer falsch

Obrigkeitshörigkeit und Konformismus bilden laut Mayerweck die Basis für Totalitarismus, der in Österreich langsam wieder im Kommen sei. Autoritätshörigkeit sei in Deutschland und Österreich ohnehin überdurchschnittlich vertreten, diese sei auch anerkannt, man stehe dazu.


„Wenn die Liebe der Eltern sich so entstellt, daß sie Unterwerfung und Abhängigkeit fordert, um sich bestätigt zu fühlen, dann wird gesellschaftliche Anpassung zu einer Probe der Gehorsamkeitsleistung. Das daraus resultierende Streben bringt den Verlust der wahren Gefühle mit sich. Der Mensch wird zur eigenen Quelle des Bösen.“

— Arno Gruen

Arno Gruen (Foto: Timo Virtala, CC BY 2.0)
Arno Gruen (1923 bis 2015) war Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker. 1986 erschien sein Buch „Der Verrat am Selbst“. (Foto: Timo Virtala, CC BY 2.0)

Auch wenn zwischen künstlicher und natürlicher Autorität unterschieden werden müsse, sei es ein Trugschluss, dass man seine eigene Verantwortung an diese abgeben könne. Dennoch würde diese Möglichkeit nach dem Motto „Er hat es gesagt“ gerne genutzt. Beim Konformismus liege die Sache etwas anders, weil man nicht einfach zugeben würde, konformistisch zu sein. „In mehrdeutigen Situationen orientieren wir uns gerne an anderen, an der Mehrheit. Die Mehrheit liegt aber immer falsch“, betont die Psychologin.

Im Verlauf des Gesprächs geht Mayerweck konkret auf die von der österreichischen Regierung verordneten Maßnahmen ein, die sie für unethisch hält. Diese würden dazu beitragen, dass die ohnehin schon angeschlagene psychische Gesundheit der Menschen noch weiter beschädigt wird und die Gesellschaft immer weiter auseinander driftet.

„Lasst’s die Leute in Ruhe!“

„Lasst’s die Leute in Ruhe“, appelliert Mayerweck und erinnert an die Publizistin Hannah Arendt (4), die sagte, dass tyrannische Regime immer auf Basis von Isolation funktionieren. Dieser Zustand sei nun seit Monaten Alltag, und in diesem wirke dann Propaganda ganz besonders effektiv. Anfällig dafür seien vor allem die Intellektuellen, weil sie den Bezug zum einfachen Leben verloren hätten.

Gesprochen wird zudem über das Präventionsparadoxon und die Rechtfertigung des Aufwands, der Menschen in der Abhängigkeit von ihrem Peiniger hält. Mayerweck konstatiert einen moralischen Relativismus, betont aber gleichzeitig, dass der Mensch nie Mittel zum Zweck sein dürfe.

Einen Ausweg aus diesen Verhältnissen sieht Elisabeth Mayerweck in einer Haltung, die von einem „Man kann über alles reden“ getragen wird. Jeder Mensch sehne sich nach Vergebung – und diese ist möglich, wenn die Mitmacher erkennen, dass sie falschliegen und aussteigen. Sie sei zu diesem Dialog bereit, der die entstandenen Wunden heilen kann.


Reiner Wein Gast Elisabeth Mayerweck
Elisabeth Mayerweck. (Foto: Reiner Wein)

Über den Gast: Elisabeth Mayerweck ist Klinische Psychologin, sie kommt aus Niederösterreich. Sie studierte Humanmedizin, absolvierte ein Diplomstudium in Psychologie und machte anschließend eine Fachausbildung zur Klinischen Psychologin. Mayerweck arbeitet vor allem mit Einzelpersonen im Jugend- und Erwachsenenalter und behandelt Menschen mit Depressionen, Belastungs- und Anpassungsstörungen, Angst- und Zwangsstörungen und Panikstörungen. Sie engagiert sich gesellschaftspolitisch als Grundrechtsaktivistin und tritt für eine Aufhebung der Anti-Corona-Maßnahmen ein. Mehr Informationen finden sich auf ihrer Homepage.


Quellen und Anmerkungen

(1) Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen. Dadurch wird es möglich, ihr Verhalten besser zu verstehen, es zu antizipieren (vorherzusagen) und sich darauf einzustellen. Drei Arten der Empathie werden unterschieden: emotionale (mitfühlen), kognitive (rational verstehen) und soziale Empathie (Gruppendynamik(en) erkennen und steuern).

(2) World Health Organization (13.9.2021): Depression Key Facts. Auf https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression (abgerufen am 12.11.2021).

(3) Das Stanford-Prison-Experiment war ein im August 1971 an der Stanford University durchgeführtes und vorzeitig abgebrochenes psychologisches Experiment zur Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen der Gefangenschaft, speziell unter den Feldbedingungen des echten Gefängnislebens. Probanden übernahmen die Rollen von Gefangenen, andere die von Wärtern. Das Experiment geriet außer Kontrolle und musste nach nur sechs Tagen abgebrochen werden. Einige der Wärter zeigten sadistische Verhaltensweisen. Teilweise mussten die Leiter des Experiments einschreiten, um Misshandlungen zu verhindern. Weitere Informationen auf https://www.prisonexp.org/german/ (abgerufen am 11.11.2021).

(4) Hannah Arendt (1906 bis 1975) war eine jüdische Publizistin und politische Theoretikerin aus Deutschland. 1933 ging sie nach Frankreich, nachdem die Nationalsozialisten und deren Helfershelfer unter anderem in Justiz, Polizei und Beamtenapparat begannen, die jüdische Bevölkerung zu entrechten und zu verfolgen. Sie selbst war von der Gestapo festgenommen worden und war kurzzeitig inhaftiert. 1937 wurde Hannah Arendt von den Nazis ausgebürgert und war staatenlos. Sie ging in die USA und erhielt 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Arendt wurde Anfang der 1950er-Jahre durch ihr politisches Werk „The Origins of Totalitarianism“ (deutsch: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) bekannt. 1961 nahm sie als Reporterin der Zeitschrift „The New Yorker“ am Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann teil, der die Verfolgung, Vertreibung und Deportation der Juden organisierte und mitverantwortlich für deren Ermordung war. Hannah Arendt verfasste Reportagen über den Prozess und veröffentlichte 1963 das Buch „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.


Literaturempfehlungen

(I.) Gustave Le Bon: Psychologie der Massen (Paris 1895).

(II.) Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955).

(III.) Arno Gruen: Der Verrat am Selbst (Deutscher Taschenbuchverlag, München 1986). Als PDF auf http://www.irwish.de/PDF/Psychologie/Gruen/Gruen-Der_Verrat_am_Selbst.pdf (abgerufen am 11.11.2021).

(IV.) Andrew Solomon: Saturns Schatten – Die dunklen Seiten der Depression (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2001)

(V.) Heinz Walter Krohne: Psychologie der Angst (Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2010).

(VI.) Hannes Hofbauer und Stefan Kraft: Herrschaft der Angst. Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand (Verlag Promedia, Wien 2021).


Fotos, Audio und Video: UnKknown Traveller (Unsplash.com), Timo Virtala (Flickr: _MG_1495, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26222307), Neue Debatte und Reiner Wein

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