Nach dem Hospitalismus nun auch kollektiver Masochismus?

Angesichts der verschiedenen Formen der Einschränkung der Bewegungsfreiheit und angesichts der Maxime, die als „social distancing“ bezeichnet wird, stellte sich sehr früh die Frage, ob wir uns auf dem Weg zu einer Art kollektivem Hospitalismus befinden (1).

Wer an dieser These zweifelt, sollte sich das gesamte gesellschaftliche Spektrum anschauen und nicht bei der eigenen Blase verweilen. Ersteres bietet eine anschauliche Revue, die die These untermauert:

  • zunehmende Verkümmerung der Fähigkeit, kontroverse Standpunkte auch in Alltagssituationen in ziviler Form auszutragen;
  • wachsende Vermutung, dass höhere dunkle Kräfte am Werk sind;
  • panische Angst vor Alternativen zum Gegebenen;
  • psychotisches Verhalten, selbst in ansonsten gängigen Routinen;
  • Selbstisolation;
  • Antriebslosigkeit;
  • Tendenzen zur Selbstverstümmelung;
  • Depressionen und dystopische Stimmungen.

Der kollektive Hospitalismus ist präsent, daran gibt es keinen Zweifel. Was sich angesichts einer gefühlt sich immer weiter in die Ferne verschiebenden Beendigung der Drangsalierungen, Einschränkungen und Entrechtungen abzeichnet, ist die große Frage.

Selbstaufgabe oder Rebellion

Gehen die von dem gegenwärtig grassierenden Psychobefinden Infizierten in die Richtung der sukzessiven Selbstaufgabe, wie das bei dem Krankheitsbild des Hospitalismus üblich ist, oder wenden sie sich aus einem Motiv der Selbsterhaltung gegen die bestehende Ordnung und rebellieren?

Genau diese Frage scheint die noch Regierenden zu bewegen. Denn ganz nach bewährter Methode lassen sie bestimmte Standpunkte, die in das Konzept der Befriedung passen, über die Auftragsmedien verbreiten – in der Hoffnung, dass die Bevölkerung die defätistischen Statements (2) annimmt und glaubt.

Demzufolge ist ein Großteil der zur Frage der Maßnahmen gegen die Pandemie Befragten der Meinung, dass die existierenden Handlungsoptionen zu gering sind und sie sich eine härtere, regulierendere, rigorosere Hand des Staates wünschen. Die Präsentation dieser vermeintlichen Ergebnisse erscheint deshalb als grotesk, weil in den jüngst zurückliegenden Wahlen ausgerechnet die Positionen zu einer rechnerischen Mehrheit kamen, die sich gegen den vermeintlichen Wunsch nach der Zuchtrute wendeten. Aber darauf kommt es gar nicht an.

Entscheidend ist die Frage, ob – entgegen allen Statements – nicht außerhalb der als gekapert zu bezeichnenden Leitmedien genau das Gegenteil zu vernehmen ist. Das, was nach der dringenden Bitte einer nachhaltigen Montage demokratischer Gepflogenheiten klingt, ist nichts anderes als der Wunsch der Profiteure der gegenwärtigen Verhältnisse, auf einen kollektiven Masochismus zu treffen, der ihnen alle Freiheiten ermöglicht.

Man muss keine besonders anstößigen Vergehen aufdecken, um die Degeneration der Presse attestieren zu können. Sie geht, inklusive all derer, die nichts anderes mehr im Kopf haben als Regel und Sanktion von der Unmöglichkeit demokratischer und autonomer Entscheidungsfindung aus. Tiefer kann man nicht sinken. Und alle haben es bemerkt, mit Ausnahme des eigenen, hermetisch abgeriegelten Subsystems.

Gegen den fortschreitenden Hospitalismus

Die Therapie gegen den Hospitalismus ist klar umschrieben: physische Regeneration, Sport, soziale Interaktion, Reflexion der eigenen Geschichte, Erarbeitung von konstruktiven Perspektiven. Der von fingierten Umfragen vorgeschlagene Weg eines kollektiven Masochismus würde, folgt man den pathologischen Befunden des Hospitalismus, letztendlich zum Tod führen.

Sollte noch so etwas wie ein Konsens herrschen, dass das gesellschaftliche Überleben oberstes Ziel ist, dann müssen die Ursachen für das schlechte Befinden dahingehend beseitigt werden, dass die Eigenverantwortung gestärkt wird und die defätistischen Injektionen, die vom medialen Kartell regelmäßig verabreicht werden, möglichst schnell vom Markt verschwinden.

Soll der bereits fortschreitende Hospitalismus nicht weiter um sich greifen und in einen kollektiven Masochismus führen, muss die Entscheidungsautonomie zurück, der demokratische Diskurs ermöglicht und der organisierte Defätismus beseitigt werden.


Die CDU reformiert sich. (Symbolfoto: Joanna Kosinska, Unsplash.com)

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Quellen und Anmerkungen

(1) Hospitalismus (auch Deprivationssyndrom genannt) umfasst als Begriff alle negativen körperlichen und psychischen Begleitfolgen einer Deprivation (Beraubung) – Entbehrung, Entzug, Verlust oder Isolation von etwas Vertrautem sowie das Gefühl einer Benachteiligung – durch mehr oder weniger massiven Entzug sozialer Interaktionen. Zu den schlimmsten Ursachen gehören mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Säuglingen und Kindern durch ihre primären Bezugspersonen (Eltern). Die Foltermethode der Isolationshaft kann ebenfalls zum Deprivationssyndrom führen.

(2) Defätismus (franz.: défaitisme, von défaite, „Niederlage“) bezeichnet als Begriff einen Zustand der Mutlosigkeit (auch der Schwarzseherei) und ursprünglich die Überzeugung, dass keine Aussicht (mehr) auf den Sieg besteht, verbunden mit einer starken Neigung aufzugeben.


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Foto: Jeremy Lapak (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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