Spiegel an der Wand

Das Leben ist eine einzige Hängepartie, die letztlich durch Materialermüdung zu unseren Ungunsten entschieden wird. Aber es ist nicht allein der fassbare Körper, der sich irgendwann erschöpft, es ist auch das begrenzte Fassungsvermögen unseres Emotionalkörpers, das durch negative Sinneseindrücke permanent überflutet wird und schließlich zu einer mentalen Befindlichkeit führt, die kaum zu ertragen ist – bis der seidene Faden, der uns noch ans Leben bindet, endgültig reißt. Gelegentlich weit vor der Zeit, die unser Body noch in petto hat.

Der von mir sehr verehrte englische Autor Martin Amis (Gierig, Pfeil der Zeit, Die schwangere Witwe) (1) fasste seine Eindrücke in einer niederschmetternden Bilanz folgendermaßen zusammen:

„Wir dünnen alle aus – wir alle schwinden, schrumpfen, verblassen. Leben ist ein riesiges Verlieren. Wir alle verlieren, verlieren die Mutter, den Vater, die Jugend, die Haare, die Zähne, die Freunde, die Liebhaber, die Form, den Verstand, das Leben. Wir alle verlieren, verlieren, verlieren. Weg mit dem Leben. Es ist zu schwer, zu schwierig. Wir können es einfach nicht. Lasst uns was anderes versuchen. Aber legen wir das Leben ad acta. Machen wir Feierabend damit. Es ist zu verflucht hart, wir können es einfach nicht.“

Starker Tobak, Martin. Derartige Gedanken nimmt man nicht gerne zur Kenntnis. Und dennoch sitzen sie als Ahnung, als bitterer Beigeschmack der eigenen Biografie in den Seelen der meisten Menschen. Zumindest bei uns in der sogenannten „ersten Welt“. Die simple Tatsache, dass wir endlich sind, wird hier nicht etwa als Chance begriffen, den uns verliehenen Augenblick zu lieben und zu leben, sondern dient dazu, sich ausschließlich mit „Erdarbeiten“ zu beschäftigen.

Wir errichten einen Wall aus Illusionen um die Wahrheit der eigenen Endlichkeit, hinter dem wir dann in Angst verharren. Als amorphe, ängstliche Verfügungsmasse, die keinen Sinn mehr für die Schweinereien entwickelt, die ihr unverblümt zugefügt werden. Die eine Lüge nach der anderen schluckt wie Glückspillen, die nie erprobt wurden. Wir begreifen Gesundheit als Leistung der pharmazeutischen Industrie, wir verstehen soziale Sicherheit als etwas, was Polizei und Justiz herstellen. So ist es auf fast allen Gebieten: wir glauben ausschließlich an ordnungspolitische oder technische Lösungen.

Aber hier soll heute einmal nicht von der Pandemie die Rede sein, der bis April nächsten Jahres alle Ungeimpften zum Opfer fallen werden, wie der Heiner am lauteren Bach in einer Talkshow verkündete, um das Feuer der Angst wieder zum Lodern zu bringen. Hier wird lediglich die Frage gestellt, warum wir uns so schwertun, uns täglich für fünf Minuten auf unseren Atem zu konzentrieren. Schließlich ist es der Atem, der uns am Leben hält. Reißt er, dann ist es vorbei. Falls wir lernen würden, bewusster zu atmen, käme all das in unser Leben zurück, was wir im Rattenrennen der Leistungsgesellschaft haben opfern müssen: Respekt und Demut.

Ein weiterer Vorschlag, den ich, so ich denn König von Deutschland wäre, jedem meiner Mitbürger dringend empfehlen würde, ist die Spiegel-Ignoranz. Damit meine ich nicht das Druck-Erzeugnis, das auch, ich meine die wirklichen Spiegel, die überall aushängen, in der eigenen Wohnung wie auch draußen.

Stellen Sie sich vor, wir würden uns selbst dazu verpflichten, eine Woche pro Monat jeden Blick in den Spiegel zu meiden und uns somit kein Bild von uns selbst zu machen. Wie die Tiere, ja. Ohne unser Spiegelbild würden wir uns völlig neu sehen. Die Eitelkeit fiele von uns ab, wir würden uns unserem wahren Wesen wieder annähern. Wie erholsam. Und was wir dann dermaßen befreit an positiver Energie in die Gesellschaft tragen, würde sie liebens- und lebenswerter machen, garantiert. Aber ich bin nun mal nicht der König von Deutschland, dessen Wort Gewicht hätte …

Waschen wir uns den Schmutz von der Seele, den wir in dieser ruhig gestellten Gemeinschaft angesammelt haben. Machen wir uns immer wieder klar, dass wir auf der Erde nur zu Gast sind, dass es Millionen von Parallelwelten auf diesem Globus gibt, sowohl in der Tier- als auch in der Pflanzenwelt. Und dass jede dieser Welten in einem eigenen Gefühlskosmos lebt und mit einem ureigenen Kommunikationssystem ausgestattet ist.

Öffnen wir unsere Herzen für das Mysterium der Schöpfung, dem wir auf kurze Zeit beiwohnen dürfen und von dem die Betreiber des seelenlosen Killer-Systems nicht die geringste Ahnung haben.

Verschwenden wir unsere Energien nicht in einem aussichtslosen Kampf gegen sie, in dem die Gewalt die einzige Option zu sein scheint. Auf diese Weise werden wir nie gewinnen. Arbeiten wir an uns selbst, seien wir uns wichtig, jeder für sich, und sehen wir zu, dass wir die Personen in unserem unmittelbaren Umfeld aus ihrer Bewusstlosigkeit reißen. Machen wir sie vertraut mit sensiblen, mitfühlenden Menschen. Das ist die einzige Chance, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Eine andere haben wir nicht.

Diese Einsicht scheint sich bei immer mehr Menschen durchzusetzen. Eines der eindrucksvollsten Appelle für einen entsprechenden Bewusstseinswandel hat der französische Schriftsteller, Landwirt und Umweltschützer Pierre Rabhi formuliert.

Sein „Manifest für die Erde und den Humanismus“ (2) plädiert für einen Aufstand des Gewissens, das sich angesichts des schändlichen Umgangs mit der Schöpfung, den die globale Zivilgesellschaft unter der Knute weniger ausschließlich am Profit interessierter Konzerne pflegt, in vielen von uns zu regen beginnt.

„Pierre Rabhi“, so heißt es im Vorwort, „begreift das Leben auf Erden als einen unverhofften Schatz. Er fühlt sich in jeder Sekunde an das Dasein gebunden, an alles was ist, an alles was vibriert, pocht und sich stetig verändert. Doch obwohl er das Leben als Glück begreift, so zeigt er sich inzwischen tief besorgt, dass der Lebensfaden reißen könnte.“

Er wird vermutlich reißen, weil in dieser Gesellschaft Worte wie Solidarität, Mitgefühl und Zivilcourage ihre Bedeutung verloren haben, was von den meisten unter uns nicht einmal mehr als Verlust empfunden wird. Falls dies bei dem einen oder anderen doch ein Gefühl des Verlustes bewirkt, landen diese Kandidaten früher oder später in der Welt der Ausgestoßenen, wo ein täglicher Schmerzcocktail aus Entsetzen, Einsamkeit und Tieftrauer verabreicht wird. Schwer auszuhalten. Nicht wenige kehren zurück in die Matrix, wo sie als verdienstvolle Invaliden des Lebens wieder in Unwissenheit verharren. Zusammen mit der milliardenfachen Schar der … wie drücke ich es aus …, der Manipulierten, der in die Irre geleiteten.

Dieser Schritt zurück ist fatal, weil er die Tatsache ignoriert, dass wir uns in einer Epoche des Wandels befinden, wie sie die Welt bisher noch nicht erlebt hat.


Würfel und Glücksspiel. (Foto: Free Photos, Pixabay.com, Creative Commons CC0)

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Quellen und Anmerkungen

(1) Martin Louis Amis (Jahrgang 1949) ist ein Schriftsteller aus England. In seinen Werken setzt sich Amis mit den Exzessen der spätkapitalistischen westlichen Gesellschaften auseinander. Die von ihm erlebte Absurdität überspitzt er häufig in grotesker Karikatur. Sein Roman Gierig (Originaltitel: Money – A Suicide Note) erschien 1984, der Roman Die schwangere Witwe (The Pregnant Widow) 2012. Der Roman Pfeil der Zeit (Time’s Arrow), der 1991 veröffentlicht wurde, war für den Booker Prize nominiert – dem wichtigsten britischen Literaturpreis.

(2) Pierre Rabhi (Jahrgang 1938) ist Schriftsteller, Landwirt, Umweltschützer und Erfinder des Konzepts „Oasen an allen Orten“ (franz.: Oasis en tous lieux). Rabhi propagiert ein Gesellschaftsmodell, in dem Mensch und Umwelt im Mittelpunkt stehen und respektiert werden sollen. Er praktiziert eine Landwirtschaft, die das natürliche Gleichgewicht der Umwelt unterstützen soll und entwickelt Projekte für Länder, die an Wassermangel und Dürre leiden. 2006 gründete er gemeinsam mit dem Schriftsteller und Aktivisten Cyril Dion die „Kolibri-Bewegung“ (Mouvement Colibris). 2008 veröffentlichte Rabhi die Schrift Manifeste pour la Terre et l’Humanisme, Pour une insurrection des consciences (deutsch: Manifest für die Erde und den Humanismus, Für einen Aufstand des Gewissens).


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter der Überschrift „Spiegeln, Spiegeln an der Wand …“ bei apolut.net und wurde auf Neue Debatte aktualisiert zweitveröffentlicht. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Hinweise und Anmerkungen ergänzt.


Foto: Alvina Suhardjo (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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