Afrika, ein Kontinent als Beute: Tourismus, ein zweifelhaftes Geschäft


In der sogenannten Coronakrise verloren weltweit unzählige Menschen ihre Einkommensmöglichkeit. Auch in Marokko, wo die Erwerbsarbeitslosenquote aktuell bei etwa 13 Prozent liegt. Mindestens 4,3 Millionen Menschen sind vom informellen Sektor abhängig (1) – und dabei praktisch ohne jede soziale Absicherung (2). 2020 erhielten rund 5,1 Millionen Familien staatliche Finanzhilfen aus einem Sonderfonds.

Jeder dritte Erwerbstätige ist im Dienstleistungssektor tätig, die Landwirtschaft ist in Marokko aber der bedeutendste Wirtschaftszweig (Anteil am BIP etwa 20 %). Rund 40 % der Arbeitsplätze sind in dem Sektor angesiedelt, für etwa 75 % der Landbevölkerung ist er die Einkommensquelle (3).


Chefchaouen, Marokko. (Foto; Julian Larcher, Unsplash.com)

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Um was es geht …

Tourismus als Sackgasse


Es gibt rund 1,5 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, davon verfügt ungefähr eine Million über weniger als drei Hektar Land. Diese Kleinstbetriebe sind am Export lediglich mit circa 4 % beteiligt. Anders gesagt: Ein Großteil der ländlichen Bevölkerung wurschtelt sich irgendwie durch und spielt auf der Klaviatur der globalen Ökonomie keine Rolle.

Dromedare, modernste Quads und kiffende Surfing Birds

Ländliche Produkte, Kleidung und Souvenirs werden auf den lokalen Märkten feilgeboten; Friseure, Barbiere und verlockende Trekkingtouren durch die Wüste – Dienstleistungsangebote finden sich in jedem Winkel. Einheimische können sich kostspielige Offerten aber nur selten leisten. Das Jahreseinkommen liegt im Schnitt bei etwa 3400 US-Dollar.

Es lässt sich vielleicht erahnen, welche Wirkung es auf den Dienstleistungssektor und die Einkommenssituation hat, wenn durch Lockdowns und Einreiseverbote in Städten wie Marrakesch, Casablanca, Tanger, Agadir, Fès, Rabat, Meknès, Essaouira oder der Kleinstadt Sidi Kaouki, einem der bekanntesten Allround-Spots für Surfer an der marokkanischen Atlantikküste, die Touristen ausbleiben. Im Reisesegment, das den größten Anteil an Dienstleistungstransaktionen ausmacht, büßte der „Incoming-Tourismus“ in der Coronakrise fast 70 % ein (3).


Der Strand in der Nähe der Hafenstadt Essaouira in Marokko ist bei Surfern beliebt. (Foto: Klaus Hecker)
Warten auf Godot? Die Region von Essaouira ist bei Surfern wegen dem Wind und den Wellen beliebt, aber in der Coronakrise bleiben die Touristen aus. (Foto: Klaus Hecker)

Das hört sich dramatisch an, ist es sicher auch, aber es ist auch ein guter Grund, genauer nachzuschauen, ob der Tourismus grundsätzlich ein so verlässliches und auskömmliches Geschäftsfeld darstellt, dass sich die Masse der Bevölkerung darauf eine ökonomische und somit soziale Perspektive aufbauen kann. Am Beispiel Sidi Kaouki lassen sich erste Entwicklungslinien ablesen.

Die Fahrt mit dem Bus von Essaouira nach Sidi Kaouki kostet sieben Dirham, das sind rund 0,70 Euro. Am Strand warten Fremdenführer auf Kundschaft. An zahlreichen Verkaufsbuden werden Wellenbretter und Quads vermietet, und für den Ritt in den Sonnenuntergang Pferde und Dromedare. Ein Geschäft ist zurzeit aber kaum zu machen – die Touris fehlen. Ein paar Enthusiasten des Wassersports sind natürlich da und einige Freunde der leichten Bedröhnung. Drogen sind illegal und auch der Konsum von Hasch oder Marihuana ist verboten, aber niemand kümmert sich wirklich darum. So hängt jeder irgendwie ab, ist dennoch geschäftig und schleppt sich durch den sonnigen Tag … Aber wohin?



Quellen und Anmerkungen

(1) Als informelle Sektor (auch Schattenwirtschaft oder informelle Wirtschaft ) wird jener Teil einer Volkswirtschaft bezeichnet, dessen wirtschaftliche Tätigkeiten nicht in der offiziellen Statistik erfasst sind. Durch den informellen Sektor erhöht sich das BIP eines Landes nur indirekt, da sich durch die Wertschöpfung in diesem Bereich Umsatzsteigerungen im formellen Sektor ergeben können. In den Industrieländern wird häufig vom informellen Sektor als legalem (gesetzlich zulässig oder geduldet) Teil der Schattenwirtschaft in Abgrenzung zur illegalen Schattenwirtschaft (Schwarzerwerbsarbeit und Schwarzmarkt) gesprochen. In Entwicklungsländern gehören zum informellen Sektor vor allem einfache Dienstleistungen und die Herstellung und der Verkauf von Produkten auf lokalen Märkten.

(2) Maghreb Post (13.5.2020): Bis zu 4,3 Millionen Menschen sind vom informellen Sektor abhängig. Auf https://www.maghreb-post.de/hauptschlagzeile/marokko-hilfsgelder-fuer-informelle-arbeitnehmer-werden-erneut-ausgezahlt (abgerufen am 21.11.2021).

(3) WKO: Die marokkanische Wirtschaft. Auf https://www.wko.at/service/aussenwirtschaft/Die-marokkanische-Wirtschaft.html (abgerufen am 21.11.2021).


Leseempfehlungen

detektor.fm: Serie Marokko. Auf https://detektor.fm/serien/marokko (abgerufen am 11.11.2021).

KFW: Reformen zur Demokratisierung. Auf https://www.kfw-entwicklungsbank.de/Internationale-Finanzierung/KfW-Entwicklungsbank/Weltweite-Präsenz/Nordafrika-und-Nahost/Marokko (abgerufen am 11.11.2021).

hr4 (14.10.2021): Jobangst bei Opel in Rüsselsheim – Stellenverlagerung nach Marokko geplant? Auf https://www.hr4.de/programm/podcast/rhein-main/jobangst-bei-opel-in-ruesselsheim—stellenverlagerung-nach-marokko-geplant-1410-1430,podcast-episode-92956.html (abgerufen am 11.11.2021).

Deutschlandfunk (24.5.2021): Migrationsforscher: Die EU wird erpressbar. Auf https://www.deutschlandfunk.de/flucht-und-migration-migrationsforscher-die-eu-wird.694.de.html?dram:article_id=497733 (abgerufen am 11.11.2021).

Telepolis (6.3.2021): Westsahara: Marokko im Streit mit Deutschland. Auf https://www.heise.de/tp/features/Westsahara-Marokko-im-Streit-mit-Deutschland-5073617.html (abgerufen am 11.11.2021).


Frau wartet. (Foto: Kristopher Roller; Unsplash.com)

Schluss mit dem

Theater

Karten auf den Tisch!

Journalismus ist entweder eine beliebige Ware und damit nutzlos oder wird von den Mediennutzern ökonomisch getragen und in ihren Händen zur vierten Gewalt.


Fotos und Audio: (Unsplash.com) und Klaus Hecker

Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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