Tairsìa – Ein fernes Land

Lassen wir unsere Gedanken ins Absurde schweifen. Tausende streikende Arbeiter entscheiden sich, die Produktion einer Fabrik lahmzulegen. Sie arbeiten bereits seit Jahren dort und produzieren Schadstoffe, verschmutzen die Luft, das Wasser und das umliegende Land. Auch ihnen ergeht es nicht gut, hin und wieder stirbt jemand bei der Arbeit aus Mangel an angemessenen Mitteln und Schutzmaßnahmen.

Seit einigen Jahren erkranken Hunderte von ihren Familienangehörigen an Krebs, und die Krankheit schaut niemandem ins Gesicht, sie macht keine Altersunterschiede. Kinder, Alte, Jugendliche. Auch viele Arbeiter sind erkrankt und haben nicht nur die Arbeit, sondern auch das Leben verloren.

Die Liste könnte noch lange weiter gehen. Zerstörte Tierhaltungen aufgrund des ausgeströmten Dioxins, das alles vergiftet hat; verwüsteter Ackerbau, verschmutzte Gewässer, verschmutztes Grundwasser.

Am Rand einer Straße außerhalb des Stadtrands steht ein Wegweiser, der in Richtung Fabrik zeigt. Mit etwas Abstand steht ein anderer, der zu jenem Quartier der Stadt zeigt, das ihr am nächsten liegt. Darunter befindet sich ein weiterer, der zum Friedhof zeigt. Seit etlichen Jahren begehen Dutzende Arbeiter diesen Weg, jeden Tag, doch eines Tages geschieht etwas.

Einer der Arbeiter von dieser Fabrik kommt an der Kreuzung vorbei, auf der sich diese Wegweiser befinden. Er ist hier schon oft vorbeigegangen, rennend, weil die Sirene des Schichtbeginns ertönte und er sich beeilen musste.

Und auch am Ende des Arbeitstages legte er diese Straße immer mit großer Geschwindigkeit zurück, mit großer Lust, die Hölle, die er zwischen Hochöfen, unerträglichen Temperaturen und giftigen Dämpfen durchlebte, wenigstens für einige Stunden hinter dem Rücken zurückzulassen.

Mit jedem Tag beschwerte sich seine Seele wegen dieser verfluchten Arbeit noch mehr, aber er dachte, dass er ohne sie nicht auskommen kann. Er muss den Kredit bezahlen, die Kinder ernähren, und außerdem steht Weihnachten vor der Tür und die Einkaufszentren der Gegend sind bereits voll mit vielen Waren, die bereitstehen, gekauft zu werden.

Am Sonntag gehen er und seine Familie oft dorthin und alle wirken zufrieden. Eines Tages aber, während er an der Kasse steht, schaut er um sich und beobachtet all die Leute in der Schlange mit ihren Einkaufswägen überfüllt mit Waren.

Jedes Mal, wenn er den Einkauf machen ging, wechselte er kein Wort mit niemandem. Ihm kommt seine Arbeit in der Fabrik in den Sinn und wie sehr sie ihm die Lebensfreude entreißt. Er denkt an seine toten Arbeitskollegen, an seine verstorbenen Familienangehörigen zurück. Während er an all das denkt, bemerkt er, dass eine junge Frau die Schlange übersprungen hat und das Einkaufszentrum verlässt, während die Anti-Diebstahl-Apparate wie wild piepen. Aber sie ist bereits fern.


„Das souveräne Volk wählt seine Repräsentanten, aber seine Repräsentanten müssen vor allem brave Bürger sein, der bestehenden Ordnung ergeben, also das Recht des Privateigentums, die kapitalistischen Monopole des sozialen Reichtums und die Autorität des Staates respektierend, das heißt, sie müssen nicht den Willen, die Bestrebungen oder die Interessen von jenen repräsentieren, die sie wählen, sondern die Herrschaft, die Autorität und die Privilegien, die die bestehende Ordnung weiht und beschützt.“

— Max Sartin (1)


Er spürt, wie er aufatmet. Auf einmal fühlt er sich nicht mehr beschwert, sondern wütend. Er denkt, dass die Besitzer der Fabrik, in der er arbeitet, Mörder sind, dass sie mit der Aktivität dieses Kolosses Hunderte Personen ermorden und dass sie das ganze umliegende Gebiet zerstören, das nunmehr unbrauchbar ist.

Am Tag darauf begibt er sich zur Arbeit, er kommt wie jedes Mal an der Kreuzung mit den beiden Wegweisern vorbei, die zur Fabrik, zu seinem Quartier und zum Friedhof zeigen. Doch diesmal hält er plötzlich inne und bleibt daneben stehen. Er schafft es nicht mehr, sich zu bewegen, er bleibt für den ganzen Tag dort.

Später ruft er all seine Arbeitskollegen, jene, die er besser kennt, denn in seiner Fabrik arbeiten mehr als zehntausend Leute, und er lädt sie ein, sich zu dieser Kreuzung zu begeben. Schaut, sagt er, habt ihr gesehen, was da geschrieben steht: FRIEDHOF.

Jetzt reichts, wir können nicht weiter sterben, unsere Familienangehörigen können nicht weiter sterben, jene, die in dieser Stadt leben, können nicht weiter sterben. Niemand antwortet. Es bricht Stille herein, aber es ist der Gipfel der Wut, den jeder von ihnen in sich spürt. Am Tag darauf begeben sich alle in die Fabrik, aber um die Fabrik stillzulegen. Die Hochöfen erlöschen, die Dämpfe verschwinden allmählich.

Am nächsten Tag begeben sich die Bosse an Ort und Stelle, sie sind voller Groll, haben das Blut in den Augen, die Profite fallen zusehends, die Aufträge werden nicht ausgeführt. Die internationalen Anleger verlassen den Industriekoloss und gehen woanders hin. Aber die Arbeiter sind unerschütterlich, sie setzen ihre Abbrucharbeit fort. Auch die Drohung mit der Entlassung bringt sie nicht dazu, abzulassen, und im Übrigen ist ihre Absicht, dass diese Fabrik keinen Tod mehr produziert, weshalb sie eine Entlassung gewiss nicht besorgen kann.

Am Tag darauf begeben sich dann auch alle Gewerkschaften geschlossen in die Fabrik und fordern die Arbeiter auf, die Produktion wieder aufzunehmen, sich zu besinnen, und sie sagen, dass das, was sie da tun, eine Sabotage ist, aber auch ihre Intervention hat keinen Erfolg.

Schließlich probiert es die Polizei in Anti-Riot-Ausrüstung, indem sie versucht, überzeugendere Waffen einzusetzen. Nichts. Die Arbeiter haben nicht vor, locker zu lassen. Sie sind mehrere Tausend und nun kann sie nur die Armee noch aufhalten, auf die Gefahr hin, ein Blutbad anzurichten.

In dem Land sind alle auf die Straßen gegangen, um Tage für Tage aufeinanderfolgend zu demonstrieren. Es ist unmöglich, sie zur Vernunft zu bringen. Alle Repräsentanten der Institutionen lancieren besorgte Aufrufe, damit der Gewalt ein Ende geboten wird, denn dies ist ein Angriff gegen die demokratische Ordnung, aber es nützt nichts. Jedem, der sich mit der Absicht nähert, den Kurs ihrer Entscheidung zu ändern, wird im Bösen und im Guten gedroht, sich wieder davon zu machen.

Dieses Land ist dabei, zu einer Insel zu werden, seine Bewohner haben einen Weg eingeschlagen, der ohne Rückkehr ist, und sie haben neue Möglichkeiten des Zusammenlebens, des Lebens, der Nahrungsversorgung, der Arbeit, der Bildung, der Unterhaltung, der Organisierung erfinden müssen. Bereits ein Weg ohne Rückkehr. Nun, schließlich ließen wir unsere Gedanken nur ins Absurde schweifen, vielleicht…


Frau im Irrgarten. (Foto: Andrew Loke; Unsplash.com)

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Redaktioneller Hinweis: Die Erzählung „Ein fernes Land“ wurde publiziert in Tairsìa (anarchistisches Blatt, Nr. 4, März 2013, Lecce, Italien). Die deutsche Erstübersetzung wurde veröffentlicht in „Aufruhr – Anarchistisches Blatt“ (Zürich, Nummer 6, Jahr 1). Die Anarchistische Bibliothek hat den Text archiviert. Neue Debatte hat die Erzählung übernommen, um eine kritische Diskussion über Formen des Widerstands in der Arbeiterbewegung anzuregen. Einzelne Absätze wurden eingefügt und zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.

Quellen und Anmerkungen

(1) Raffaele Schiavina (1894 bis 1987), auch bekannt unter dem Pseudonym Max Sartin, war ein italienischer Anarchist. Er war einer der Organisatoren der „Arditi del Popolo“, einer paramilitärischen Organisation von Militärveteranen des Ersten Weltkriegs, die am 17. Juni 1921 in Rom gegründet wurde. Die Arditi del Popolo, eine heterogene Kämpferbewegung, die in ihren Reihen Revolutionäre, Anarchisten, Kommunisten und Antikapitalisten vereinte, gehörte zu den ersten antifaschistischen Organisationen Italiens, die sich im ganzen Land verzweigte, um die Bevölkerung (vor allem Arbeiter, Proletarier und die schwächeren Schichten der Gesellschaft) vor der Gewalt der italienischen „Fasci di combattimento“ zu schützen. Über 50 Jahre lang, bis zu ihrer Einstellung 1972, gehörte Schiavina zur Redaktion der Zeitung L’Adunata dei Refrattari, die er ab 1927 leitete. Viele seiner Artikel und Publikationen unterzeichnete er mit dem Pseudonym „Max Sartin“.


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Foto: Bruno van der Kraan (Unsplash.com)

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