Hors Service: Mut

Ohne Mut ist keine Revolte möglich. Die Revolte erfordert, eine Schwelle zu überschreiten, und wir wissen im Voraus, dass die Macht einen solchen Schritt kaum schätzen wird. Um diese Schwelle zu überschreiten, müssen wir nicht nur die Ungerechtigkeit der Unterdrückung empfinden, nicht nur von all den Schäbigkeiten angewidert sein, die diese Gesellschaft des Geldes und der Macht durchdringen, sondern müssen wir uns auch trauen.

Ich spreche hier nicht vom Mut, wie man ihn oft versteht, vom Mut desjenigen, der zuerst zuschlägt, desjenigen, der seine Muskeln zeigt. Ich spreche vom Mut, sich mit Scharfblick in einem Spiegel zu betrachten, vom Stolz, seine eigenen Ideen zu haben und zu ihnen zu stehen.

Mut ist einfach, wenn wir in dieselbe Richtung wie die gesichtslose Masse, die Gesellschaft oder die herrschende Moral gehen. Doch dies ist nicht der wahre Mut: Es ist der „Mut“ des Soldaten, der Befehle ausführt, jener des Schafes, das mit der Herde blökt. Es ist brillieren mit Gehorsamkeit.

Was ich unter „Mut“ verstehe, ist, sich zu trauen, gegen die Strömung zu gehen, zu seinen eigenen Ideen zu stehen und nicht vor den logischen Konsequenzen eben dieser Ideen zurückzuweichen.

Wenn wir, beispielsweise, gegen die Unterdrückung sind, während wir wissen, dass diese Unterdrückung vor allem vom Staat aus kommt (ganz egal, ob sich dieser demokratisch, diktatorisch, volksnah, islamistisch, sozialistisch oder katholisch nennt, denn jeder Staat sperrt ein, bestraft, unterdrückt, kontrolliert, zwingt auf, erpresst, foltert und beutet aus), so können wir zwei Dinge tun:

Entweder wir sagen uns, dass wir es mit einem Monster von der Größe des Staates nicht aufnehmen können, und wir resignieren somit und vergraben unsere Ideen irgendwo; oder wir sagen uns offen: Wenn ich gegen die Unterdrückung bin, dann muss ich alles tun, was ich kann, um sie zu zerstören. Und um dies zu tun, müssen wir den Mut haben, auf dieser Idee, auf dieser Überzeugung zu beharren, trotz der eventuellen Repressionen, Gefängnisstrafen, sozialen Ausschließungen oder Unverständnisse des eigenen Umfelds.


Die finale Zivilisationskrankheit

– Gesprochen von Christof Wackernagel


Mut heißt also nicht, große Eier zu haben und auf einen Abzug zu drücken. Jeder beliebige kann das tun, und der so verabscheuenswürdige Polizist an erster Stelle. Mut ist, unserem eigenen Weg zu folgen, während wir, mit Wagemut, den Hindernissen entgegentreten, die sich vor uns zeigen.

Es ist, das zu tun, was du für richtig, korrekt, konsequent hältst, während dir alle davon abraten; es ist, den Mund zu öffnen, wenn alle ihn schließen; es ist, dass anzugreifen, was uns zu Sklaven macht (die Arbeit, das Gefängnis, die Schule, den Konsum), auch wenn die anderen Sklaven ohne mucksen in ihrer Unterwerfung versinken.

Dies ist, weshalb die Revolte nicht möglich ist ohne diesen Mut, von dem ich spreche, der auch nicht der des Märtyrers ist, der sich aufopfert, sondern der des Individuums, das sein Leben in die eigenen Hände nimmt.

Diesen Mut entdecke ich bei anderen Individuen, wenn sie nicht tausend Entschuldigungen herumschleppen, um nichts zu tun, wenn sie nicht die Allmacht des Bosses, des Politikers, des Bullen herbeibeschwören, um die herrschende Passivität zu rechtfertigen, wenn sie sich trauen, sich aufs Spiel zu setzen, um für die Freiheit zu kämpfen; die ihrige und die von allen.

Er ist selten, dieser Mut, doch er ist nicht außer Reichweite, er ist nicht etwas Angeborenes. Wenn wir uns auf den schwierigen Weg machen, nachzudenken, zu diskutieren, uns zu bemühen, die Quellen der Ausbeutung und der Unterdrückung zu identifizieren, wenn wir uns von der Revolte anderer Individuen inspirieren lassen und die Solidarität ertasten, die sich über die Gesetze hinwegsetzt, dann könnte dieser Mut auch unsere Herzen entflammen.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Mut“ wurde in Hors Service (Juni 2013, Nr. 38, Brüssel), eine anarchistische Zeitung, die auf Französisch und Niederländisch erscheint und unentgeltlich verteilt wird, veröffentlicht. Die deutsche Erstübersetzung erschien in „Aufruhr – Anarchistisches Blatt“ (Zürich, Nummer 10, Jahr 1). Die Anarchistische Bibliothek hat den Text archiviert. Neue Debatte hat das Essay übernommen, um in einer Epoche der Revolten eine kritische Diskussion über die zunehmenden sozialen Spannungen im bürgerlichen Ausnahmestaat anzuregen. Einzelne Absätze wurden eingefügt und zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Woman in Black. (Foto: Andrey Zvyagintsev, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Findest Du richtig, was wir tun?

Erfahre mehr über das Projekt und unterstütze uns dabei, Journalismus radikal neu zu gestalten. Verbreite die Idee! Darum geht es. Unser Dank ist Dir sicher!


Foto und Audio: Alexandre Boucey (Unsplash.com) und Christof Wackernagel

Redaktion bei | Webseite

Neue Debatte ist das Magazin für Menschen, Kultur und Gesellschaft. Es steht für 100% Journalismus und Wissenschaft von unten - unabhängig und nicht werbefinanziert. Journalisten, Blogger, Arbeiter, Akademiker, Soziologen, Handwerker, Philosophen, Micro-Blogger, Erwerbslose, Wortkünstler, Experten und kritische Menschen aus allen Milieus und Ländern skizzieren das Zeitgeschehen aus ihrem Blickwinkel: offen, ehrlich und ohne doppelten Boden. Unterstütze uns!

Wie ist Deine Meinung zum Thema?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.