Afrika, ein Kontinent als Beute: Eine Industrienation ohne Industrie


Marokko ist eine aufstrebende Industrienation: So wird es zumindest dargestellt, wenn westliche Politiker über die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten des Landes und speziell jene des afrikanischen Kontinents sprechen. Dabei scheint Marokko aber viel mehr eine Industrienation ohne nennenswerte Industrie zu sein, zumindest ist keine Industrie auszumachen, die eine ernsthafte Konkurrenz für vor allem europäische Unternehmungen darstellen würde. Das klingt nach einem Widerspruch, der sich aber auflöst, wenn die Zuschreibungen mit den Realitäten und den wirtschaftlichen Interessen des globalen Nordens abgeglichen werden.


Chefchaouen, Marokko. (Foto; Julian Larcher, Unsplash.com)

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Um was es geht …

Wirtschaft, Industrie und das einfache Leben im Hochgebirge


Zur Erinnerung: Jeder dritte Erwerbstätige ist im Dienstleistungssektor tätig, die Landwirtschaft ist in Marokko aber der bedeutendste Wirtschaftszweig (Anteil am BIP etwa 20 %). Rund 40 % der Arbeitsplätze sind in dem Sektor angesiedelt, für etwa 75 % der Landbevölkerung ist er die Einkommensquelle (1).

Welche industriellen Produkte sind es, die in Marokko hergestellt werden und die sich gegen ausländische Produkte auf dem Markt behaupten können? Elektrogeräte vielleicht? Herd, Mikrowelle oder Föhn? Oder sind es Autos?

Wer die großen, gut ausgebauten Straßen Marokkos entlangfährt, dem fällt auf, dass etwas fehlt: die Lastwagen. Während sich in Europa die Lkws Zentimeter um Zentimeter und Stoßstange an Stoßstange über verstopfte Autobahnen und durch die Metropolen mit ihren Hafen- und Industrieanlagen quälen, muss man die schweren Gefährte in Marokko förmlich mit der Lupe suchen. Natürlich rollen die Ungetüme, nämlich dort, wo die Industrie kurze Wege hat: Beispielsweise im 2007 zwischen der spanischen Enklave Ceuta und Tanger eröffneten Seehafen Tanger-Med. Renault Tanger Méditerranée S.A. hat seit 2012 ein Werk in der Hafenstadt. Über 90 % der Fahrzeuge werden exportiert, vor allem in die Europäische Union.

Auf der Suche nach der Industrie

Eine Schwerindustrie wie einst jene im Ruhrgebiet (2) oder eine ausgeprägte Just-in-time-Produktion (3), die quasi auf Zuruf Nachschub an Rohstoffen benötigt, oder überhaupt eine Rohstoff verarbeitende Industrie außerhalb der Metropolen scheint es nicht zu geben, sonst würden Lastkraftwagen das Bild der Straßen prägen. Das tun sie aber nicht.

Vom Aufbau einer eigenen Industrie, die sogar noch mit eigenen Produkten auf den Markt tritt und mit europäischen Produkten konkurriert, kann schlicht und einfach nicht die Rede sein. Produktion wird angesiedelt, um billige Arbeitskräfte zu nutzen, die indirekt die Löhne der europäischen Arbeiter drücken. Das ist die Kurzform, die sich nicht durch irgendeine Story von einer aufstrebenden Industrie entkräften lässt, sondern die Verlängerung der europäischen Werkbank beschreibt.

An einem Umstand kommt man nicht vorbei: Kapital generiert Produktivität. Oder anders ausgedrückt: Um eine konkurrenzfähige Produktion starten zu können, muss Kapital in ausreichender Menge vorhanden sein.

Als sich Gottlieb Daimler in einer relativ kleinen Versuchswerkstatt die Grundlagen für den ersten schnell laufenden Verbrennungsmotor ausknobelte und 1883 einen Einzylinder-Viertaktmotor anmeldete, war die Erfindung revolutionär und der Kapitaleinsatz überschaubar. Was würde heute an Startkapital benötigt für ein solches oder ein ähnliches Unterfangen? 50 Milliarden Euro oder vielleicht 100 Milliarden?


Ein Shop im Atlasgebirge auf einer Höhe von 2250 Metern. (Foto: Klaus Hecker)
Die Dominanz westlicher Produkte: Ein Shop im Atlasgebirge auf einer Höhe von 2250 Metern. (Foto: Klaus Hecker)

Kapital in diesen oder ähnlichen Größenordnungen kann nur aus dem globalen Norden kommen. Der verfolgt aber eine (grüne) Agenda, die nicht Massenbeschäftigung in der Industrie hervorbringt, sondern Industrie abbaut und menschliche Arbeitskraft freisetzt. Neue (Industrie-)Standorte entstehen, auch in Marokko, doch diese bilden nicht die Kapazitäten an Produktivkräften ab, die vormals in der Industrie benötigt wurden, da sich diese auf einem fortgeschrittenen technischen Niveau befindet – der Robotik.

Die Landwirtschaft, in der eine signifikante Masse der Menschen in Marokko tätig ist, wird weiter automatisiert werden, was zur Freisetzung von Produktivkräften führt. Deren Option wird die Verwertung im Dienstleistungssektor sein, was final aber nicht mehr bedeuten kann als Subsistenz (4), da der Wert menschlicher Arbeit zerfällt, je mehr menschliche Arbeitskraft verfügbar ist. Und die gibt es schon reichlich und sie ist bereits extrem billig.

Konkurrenz bis zum Atlas

Offenbar selbst gebastelte motorisierte Transportvehikel, Pferdefuhrwerke und eine schier endlose Armada von Eseln, deren Satteltaschen gut gefüllt sind, ohne aber an die Kapazitäten einer einzigen Lastwagenladung heranzureichen, bringen Stückgut von A nach B. Dazwischen mischen sich Pritschenwagen: Motor, vier Räder, Ladefläche.

Die Überlegenheit der vierbeinigen Transporteure zeigt sich im Atlas (5). Das Hochgebirge, das sich auf 2300 Kilometer von Marokko über Algerien bis nach Tunesien erstreckt, ist die Heimat verschiedener Berbervölker. Hier ist die Landschaft zerklüftet, steinig, unwegsam. Trampelpfade dienen als Transportwege. Es ist ein ideales Gelände für gemütliche Huftiere und Gift für jeden noch so geländegängigen Wagen.

Doch trotz der Widrigkeiten und der geringen Kaufkraft findet selbst auf einer Höhe von 2250 Metern ein Kampf um Marktanteile statt. In einem kleinen Shop in einem Bergdorf suchen westliche Schokoriegel und Chips nach Käufern.


Eine Einladung zu einem Tee ist auch in der Wüste Marokkos obligatorisch. (Foto: Klaus Hecker)
Eine Einladung zu einem Tee ist auch in der Wüste Marokkos obligatorisch. (Foto: Klaus Hecker)
Esel sind eines der wichtigsten Transportmittel in Marokko. (Foto: Klaus Hecker)
Pferde und Esel sind in einigen Regionen Marokkos die wichtigsten Transportmittel. (Foto: Klaus Hecker)
Gewürze und Tee werden auf allen Märkten in Marokko angeboten, auch in Essaouira. (Foto: Klaus Hecker)
Landwirtschaftliche Produkte, Gewürze und Tee werden auf allen Märkten in Marokko angeboten. (Foto: Klaus Hecker)

Quellen und Anmerkungen

(1) WKO: Die marokkanische Wirtschaft. Auf https://www.wko.at/service/aussenwirtschaft/Die-marokkanische-Wirtschaft.html (abgerufen am 5.12.2021).

(2) Das Ruhrgebiet (Nordrhein-Westfalen) ist mit rund 5,1 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 4.438,69 Quadratkilometern der viertgrößte Ballungsraum Europas und der größte in Deutschlands. Zechen, Eisen- und Stahlhütten zur Roheisen- und Stahlerzeugung prägten die Region. Die Deindustrialisierung beschleunigte sich unter anderem durch die Ölpreiskrise der 1970er-Jahre. Durch staatliche Subventionen wurde der unternehmerisch unrentable Bergbau lange künstlich am Leben erhalten. Das letzte Bergwerk wurde 2018 geschlossen. Heute sind weit über 70 % der Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich beschäftigt, dort, wo die Profitrate am niedrigsten ist.

(3) Der Anglizismus Just-in-time-Produktion oder auch bedarfssynchrone Produktion bezeichnet in der Produktionswirtschaft ein logistikorientiertes, dezentrales Organisations- und Steuerungskonzept, bei dem nur das Material in der Stückzahl und zu dem Zeitpunkt geliefert und produziert wird, wie es auch tatsächlich zur Erfüllung der Kundenaufträge benötigt wird.

(4) Der Begriff Subsistenz steht für das Prinzip der Selbsterhaltung des Menschen, konkret der Sicherung des Lebensunterhaltes und zur Befriedigung der Grundbedürfnisse. Subsistenz ist demnach alles, was materiell und sozial zum alltäglichen Überleben benötigt wird: Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Fürsorge und Geselligkeit.

(5) Der Atlas ist ein Hochgebirge im Nordwesten Afrikas. Es erstreckt sich in einer Länge von etwa 2300 Kilometer über die Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Der höchste Gipfel ist mit 4167 Metern der Toubkal im Süden Marokkos.


Leseempfehlungen

detektor.fm: Serie Marokko. Auf https://detektor.fm/serien/marokko (abgerufen am 11.11.2021).

KFW: Reformen zur Demokratisierung. Auf https://www.kfw-entwicklungsbank.de/Internationale-Finanzierung/KfW-Entwicklungsbank/Weltweite-Präsenz/Nordafrika-und-Nahost/Marokko (abgerufen am 11.11.2021).

hr4 (14.10.2021): Jobangst bei Opel in Rüsselsheim – Stellenverlagerung nach Marokko geplant? Auf https://www.hr4.de/programm/podcast/rhein-main/jobangst-bei-opel-in-ruesselsheim—stellenverlagerung-nach-marokko-geplant-1410-1430,podcast-episode-92956.html (abgerufen am 11.11.2021).

Deutschlandfunk (24.5.2021): Migrationsforscher: Die EU wird erpressbar. Auf https://www.deutschlandfunk.de/flucht-und-migration-migrationsforscher-die-eu-wird.694.de.html?dram:article_id=497733 (abgerufen am 11.11.2021).

Telepolis (6.3.2021): Westsahara: Marokko im Streit mit Deutschland. Auf https://www.heise.de/tp/features/Westsahara-Marokko-im-Streit-mit-Deutschland-5073617.html (abgerufen am 11.11.2021).


Frau wartet. (Foto: Kristopher Roller; Unsplash.com)

Schluss mit dem

Theater

Karten auf den Tisch!

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Fotos und Audio: Klaus Hecker

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