Bilanz oder Kriegsgeheul im Greisendiskant

Was habt Ihr Euch gefeiert! Endlich, endlich war das Schreckgespenst des Kommunismus in seine Schranken verwiesen. Mehr noch, in die Knie gegangen und zusammengebrochen. Das Ende der Sowjetunion habt Ihr gefeiert als Ende der Geschichte. Im Hegelschen Sinne versteht sich. Als die zu sich selbst kommende Demokratie. Und dann habt Ihr losgelegt, um dem Rechtsnachfolger der UdSSR ein für alle Mal das Maul zu stopfen und das Handwerk zu legen.

Allmachtfantasten auf Speed

Mehr noch, Ihr wolltet dieses Areal übernehmen, was nicht so ganz geklappt hat. Dann eben würgen und einzäunen. Während Ihr im eigenen Behuf die Sau rausgelassen habt und alles, was an Sozialstaat und Maß aus der Zeit des Systemvergleichs übrig geblieben war, im Ofen des Triumphalismus verbrannte. Und Ihr habt damit begonnen, Russland einzuschnüren. Dass das entgegen der Zusicherungen geschah, die Ihr den Russen gegeben habt, als es den Hegemonialanspruch aufgab, – geschenkt!

Womit Ihr nicht gerechnet habt und was Euch die Laune richtig verdorben hat, ist die Tatsache, dass Ihr danach von einer Krise in die nächste getaumelt seid. Das Verdorbene daran war die eigene Unzulänglichkeit. Da war zunächst einmal niemand, den man verantwortlich machen konnte. Und wie es so ist bei unverbesserlichen Allmachtfantasten, Ihr habt weiter gemacht, als sei nichts geschehen. Euer Hunger nach Geld, Macht und Ressourcen blieb unstillbar.

Ihr habt Kriege vom Zaum gebrochen, Eure Bevölkerungen nach Strich und Faden betrogen und große Teile davon immer mehr ins Elend stürzen lassen. Im Rausch des endgültigen Sieges habt Ihr es versäumt, Werte zu schaffen, sondern seid dem Trug erlegen, Wert und monetärer Gewinn seien gleichzusetzen. So wurden Eure Bankkonten zum fetten Mönch und Eure Bevölkerungen zum dürren Bauer.

Zeit für eine Bilanz

Und wie es so kommt, wenn man auf Speed ist, Ihr habt das Gefühl für die eigene tatsächliche Geschwindigkeit verloren. Das Aufwachen war und ist schmerzhaft, denn da sind neue Konkurrenten, die aus der Geschichte gelernt haben, die einen Plan hatten und sich entwickeln, während Ihr in alten Feindbildern schwelgt und meint, Eure heutige Existenz und gestrige Vormachtstellung dadurch bewahren zu können, wenn Ihr mit dem Säbel rasselt. Seid getrost, das ist Schnee von gestern.

Was an der Zeit wäre, aber was lasst Ihr Euch eigentlich raten, wäre die Bilanzen auf den Tisch zu legen und schonungslos zu analysieren, was im eigenen Laden nicht mehr funktioniert und was getan werden muss, um wieder auf die Beine zu komme.

Da wären viele, die das begrüßen würden, aber die alten, ranzigen Säcke einer vergangenen Epoche sind strikt dagegen, weil, ja weil ihre Macht und ihr Einfluss bei einer ehrlichen Analyse dahin wären.

Die alte Geschäftsführung hat aus den sich westliche Demokratien nennenden Unternehmen westliche Demagogien gemacht, an die im Innern immer weniger Menschen glauben. Und der Rest der Welt, der größer ist als die eigene Existenz, schüttelt nur noch verwundert den Kopf.

Die Hoffnung auf eine Rebellion der Jugend bleibt, wiewohl einige, die sich gerade als solche ausgeben, schon auf dem Schoß der alten, dahin sinkenden Hegemonen sitzen und die gleich aufgeweckten Äffchen deren Slogans nachplappern. Sie, wie alle anderen, sollten sich nicht täuschen lassen. Es ist Kriegsgeheul im Greisendiskant (1): Grausam, dumm und selbstvernichtend.


Quellen und Anmerkungen

(1) Diskant bezeichnete ursprünglich ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts das höchste Instrument der in Chören gebauten Musikinstrumente (beispielsweise Diskantpommer oder Diskantgambe).


Foto: Dollar Gill (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

4 Gedanken zu “Bilanz oder Kriegsgeheul im Greisendiskant”

  1. „Da war zunächst einmal niemand, den man verantwortlich machen konnte.“
    Dank der DNA-Schere mit mRNA-veredelten Klingen konnte inzwischen ein passender Sündenbock zurecht geschneidert werden, der im Gegensatz zu Russland, China usw. über keine nennenswerten Waffen verfügt.

    „weil ihre Macht und ihr Einfluss bei einer ehrlichen Analyse dahin wären.“
    Und darum darf es keine ehrliche Analyse geben, z.B. als Mutti Merkel wie eine geniale und verdiente Ausnahme-Politikerin verabschiedet wurde, anstatt nur demonstrativ ein kleines, frisch saniertes Klärwerk in Vorpommern nach ihr zu benennen, mit wenig feierlicher Einweihung durch den angetrunkenen Ortsvorsteher (AFD).

    „und die gleich aufgeweckten Äffchen deren Slogans nachplappern“
    Aber nicht zu schnell plappern, sonst wird der Plapper-Schein entzogen und es bleibt nur die Wilde Jagd 2.0: Amthor auf dem frisierten E-Scooter, 12 Mann Leibwache keuchen hinterher.

  2. Meine Meinung zu dieser, meiner Frage: Was ist die tiefgründige Ursache, daß gegenwärtig immer mehr Kriege angedroht und geführt werden?

    Kriege werden geführt, um den individuellen Interessen Einzelner, beziehungsweise von Interesses-Gemeinschaften, also gleichgerichtet Interessierter zu genügen. Der Frage, ob ein Krieg wahrhaft notwendig oder nur eine willkommene Möglichkeit zur Durchsetzung der jeweiligen Interessen ist, ob er gerechtfertigt ist oder nicht, ob ein Krieg also ethisch begründet erforderlich oder ob er aus eben solchen Gründen abzulehnen ist, müssen Historiker nachgehen, wenn sie Kriege der Vergangenheit untersuchen.
    Die Frage warum dieser oder jener Krieg geführt wird, braucht heutzutage nicht mehr gestellt werden. Denn unsere Welt wird immer deutlicher von der allgemeinen Krise des Kapitalismus geprägt. Akut äußert sich diese dadurch, dass sie in kurzer Zeit aufeinanderfolgend in vielen Varianten erscheint, wie Wirtschafts- und Finanzkrisen, die Flüchtlingskrise, die Terrorkrise und so weiter.
    Das auf Sand gebaute Kartenhaus der neoliberalen Global-Player fällt zusammen. Die Bestien im Haifischbecken werden immer bösartiger. Aggressives Gegeneinander um geostrategische Einflusssphären, um Rohstoffe, Energiequellen, Absatzmärkte und billige Arbeitskräfte endet immer mit Zerstörung und Krieg.

    1. ALLE kriege, wie auch immer sie begründet werden, sind letztlich mehr oder weniger raffinierte formen des diebstahls (also raub+morde im wortsinn), deshalb ist es auch immer gelogen, dass ein krieg „ausbräche“, wie ein vulkan etwa = man kanns nicht ändern, sondern kriege werden immer aktiv vorbereitet und gestartet, und das nur auf den ersten blick unverständliche ist, (psychologie), dass es dann allen kriegs-parteien und teilnehmern spaß macht, denn sie sind alle dann -inbrünstig- dabei, sich abzuschlachten, zu zerstören, zu leiden, usw, – kriege sind erweiterte „brot + spiele“ veranstaltungen, wenn sie gestartet sind

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