Politische Psychologie: Macht, Herrschaft und das Spiel mit der Angst

Macht ist in der Geschichte der Menschheit eine Konstante. In der Corona-Krise äußert sich Macht aber anders als bisher. Sie nimmt neue und undenkbare Formen an. Darüber sollte in einer Zeit des Umbruchs nachgedacht werden, um diesen demokratisch und anti-totalitär von unten mitzugestalten beziehungsweise umzugestalten. Im Besonderen geht es darum, den Geist zu schulen, um die Zeichen jeglicher Form totalitärer Macht zu erkennen und durch Widerstand von unten im Keim zu ersticken. Denn letztendlich ist die gesamte Menschheitsgeschichte eine Geschichte des Totalitarismus, der mit der Angst des Menschen spielt und nur von kurzen Zeiträumen der „demokratischen Freiheit“ unterbrochen wird. Milena Rampoldi (Promosaik) befragte den Psychologen und Psychoanalytiker Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder zu Macht, Herrschaft und dem Spiel mit der Angst.

Milena Rampoldi: Prof. Bruder, Sie befassen sich mit Macht, die Sie als eine Konstante in der menschlichen Geschichte und Gesellschaft ansehen. Warum äußert sich Macht seit der Corona-Krise so anders?

Klaus-Jürgen Bruder: Sie eröffnen mit Ihrer Frage einen weiten Horizont und zugleich lassen Sie erkennen, dass unser Gespräch sich um die ganz aktuelle Problematik der Rolle der Macht in der Coronakrise kümmern sollte. Lassen Sie mich etwas ausholen und einige der Hauptthemen meines Buches Lüge und Selbsttäuschung skizzieren. (1)

Klaus-Jürgen Bruder (Foto: Westend Verlag)
Prof. Klaus-Jürgen Bruder

Der weite Horizont wird bereits durch den Begriff der Macht eröffnet, insofern er von der Macht des Menschen über sein Werkzeug, der Macht der Partner innerhalb einer Beziehung bis hin zur Macht der Verhältnisse reicht, von Macht der Natur bis zur gesellschaftlichen Macht und das alles innerhalb des nicht weniger weiten Horizonts der menschlichen Geschichte.

Die Zuspitzung oder Verengung auf die Rolle der Macht in der Coronakrise erfordert, uns auf jene Macht zu konzentrieren, die Max Weber in einem ersten Schritt diskursmächtig als „jede Chance“ bestimmt hat, „den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ (2). Die Einschränkung „innerhalb einer sozialen Beziehung“ müssen wir allerdings im Hinblick auf die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ aufheben.

Gesellschaftliche Verhältnisse sind – im Kapitalismus – nicht persönliche, sondern (wie Marx sagt) „sachliche“, nicht persönliche Beziehungen ins große Ganze der Gesellschaft erweitert, sondern „Verhältnisse von Sachen“. Auch kann man nicht vom „eigenen Willen“ der Sachen sprechen – allerdings bleibt das „Widerstreben“ des eigenen Willens gegen die Durchsetzung der „Chance“ weiterhin real möglich – und damit die Macht der Verhältnisse als personale erlebbar, worauf die „Personalisierung der Macht“ sich im Bewusstsein der Menschen stützen kann.


„Die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe wurde in ihr Gegenteil verkehrt, das Prinzip der Verführung wurde durch das der Überrumpelung, der Drohung, der Anweisung bis hin zum Befehl ersetzt.“

— Prof. Klaus-Jürgen Bruder


In bürgerlichen Demokratien vollstreckt sich die Herrschaft der Macht über die Bildung von Bewusstsein vermittels des Mediums des Diskurses (der Macht). Der Diskurs der Macht zeichnet sich gegenüber anderen Formen der Machtausübung wie Befehl, Gewalt, Zwang gerade durch deren Fehlen aus; der Adressat des Diskurses ist weniger gezwungen als vielmehr verführt, am Diskurs teilzunehmen – als souveränes Subjekt, das seine eigenen Argumente in den Diskurs einbringen kann, ihre Gültigkeit im Diskurs überprüfen kann. Seine Macht übt der Diskurs durch Überzeugung aus, allerdings behält er sich das Definitionsmonopol der Begriffe vor, genauer gesagt: die Herren des Diskurses, die Besitzer der Medien als Produktions- und Distributionsmaschinen. Der Adressat des Diskurses erlebt seine Unterwerfung unter die Regeln des Diskurses nicht als solche, sondern als Kompetenz, als Beherrschung der Regeln.

Die Macht der „Medien“ zeigte sich in der Corona-„Krise“ in bisher nicht zu übertreffender Weise. Allein durch Darstellungen, Berichte der Medien konnte die psychische Bereitschaft großer Teile der Bevölkerung hergestellt werden, ihre alltäglichen Handlungsvollzüge, Praktiken und Gewohnheiten sowie das Reden darüber von einem Tag auf den anderen zu ändern.

Allerdings wurden entscheidende Veränderungen bei den Begriffen und den Regeln des Diskurses vorgenommen: Die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe wurde in ihr Gegenteil verkehrt, das Prinzip der Verführung wurde durch das der Überrumpelung, der Drohung, der Anweisung bis hin zum Befehl ersetzt.

Die Möglichkeit dazu liegt in der Struktur des Diskurses selbst: Begriffe und ihre Bedeutung gehören unterschiedlichen Realitätsebenen an. Während die Begriffe sich auf der Ebene dessen bewegen, was man vermittels der Medien des Diskurses zu hören, zu sehen bekommt, wohnen die Bedeutungen auf „der anderen Seite der Barrikade“, der Seite der Absichten des Sprechenden. Diese Absichten sind dem Hörer, dem Empfänger der Rede nicht direkt zugänglich, ihm verschwiegen. Man sieht es dem Begriff „Solidarität“ nicht an, mit wem der Sprecher solidarisch zu sein verspricht beziehungsweise dies fordert.

Jetzt komme ich zur Frage, warum sich Macht seit der Corona-Krise so anders äußert. Es ist tatsächlich ungewöhnlich – für unsere Verhältnisse der letzten 30 oder 40 Jahre –, wie Kritik und politischem Protest seit März 2020 von der Staatsgewalt, Regierung und Polizei begegnet wird. Bereits die erste Demonstration im März 2020 in Berlin für die Verteidigung des Grundgesetzes wurde verboten, Demonstranten wurden festgenommen und „erkennungsdienstlich“ behandelt. Die Gewaltbereitschaft des Staatsapparats und der Polizei steigerte sich mit jeder Demonstration, während sie gleichzeitig den Demonstranten unterstellt wurde, die jedem Provokationsversuch und jeder Schikane geduldig wie Kirchentagsbesucher „die andere Wange hinhielten“.


„Keine noch so unhaltbare Diffamierung war schäbig genug, sie nicht zur Verhetzung der Bevölkerung einzusetzen.“

— Prof. Klaus-Jürgen Bruder


Es konnten sich noch so viele „etablierte“ Persönlichkeiten, Wissenschaftler, Künstler zur Verteidigung der Rechte und der Kritik der Bevölkerung einsetzen, Gerichte konnten Verbote und Einschränkungen aufheben lassen, die Verantwortlichen in Regierung setzten unbeirrt ihre kritisierten Maßnahmen fort, steigerten sie bis zur Unerträglichkeit. Keine noch so unhaltbare Diffamierung war schäbig genug, sie nicht zur Verhetzung der Bevölkerung einzusetzen.

Die Medien übten sich in ihrer überwältigenden Mehrheit als kritiklose Sprachrohre der Exekutive, ja, die steigerten sogar mit allen Tricks der Werbepsychologie das Klima der Feindseligkeit. Die dadurch hervorgerufene Spaltung der Bevölkerung in jene, die den Erklärungen der politisch Verantwortlichen wie blind folgten, und jenen, die sich dem zunehmenden Druck nicht beugen wollten, trieb selbst Familien auseinander, zerstörte Freundschaften und Beziehungen. Das Ergebnis war das Gefühl, in einem anderen Land zu leben, in einem Land, in dem man nicht mehr leben wollte.

Es geht in der Corona-Krise um etwas ganz anderes als bisher. Der Propagandist und Drehbuchautor der Kriseninszenierung, Klaus Schwab (3), beantwortet die Frage ganz eindeutig mit der Feststellung: Es geht nicht um die Fortsetzung der Herrschaft der herrschenden Klassen, wie wir sie kennen, es geht um den „Umbruch“, ja sogar den „Großen Umbruch“ der Gesellschaft. Die dafür nötige Zeitspanne sei immer als sehr kurz zu betrachten. Alles komme darauf an, dass in dieser kurzen Zeitspanne entschieden alle notwendigen Veränderungen durchgesetzt werden.

Das ist der Grund, weshalb der Diskurs der Macht sich die bisher gestaltete „Großzügigkeit“ des Austauschs von Argumenten und Gegenargumenten nicht mehr leisten kann. Deshalb wurde die Inszenierung mit einer Schock-Strategie eröffnet und die entstehende Panik durch Drohung und mehrheitsfähige Versprechen aufrechterhalten. Deshalb auch begnügen sich die Regisseure der Inszenierung nicht mit den üblichen Zeitvorstellungen und Regeln einer Pandemie.


Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird. (Buchcover: Westend Verlag)
Sachbuch: Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird. (Buchcover: Westend Verlag)

Informationen zum Buch

Macht

Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird

Autoren: Klaus-Jürgen Bruder und Almuth Bruder-Bezzel

Sprach: Deutsch

Seiten: 256

Erscheinung: Mai 2021

Verlag: Westend

ISBN: 978-3-86489-787-0


Sie beweisen in Ihren Arbeiten immer wieder, wie stark Psychologie und Politikwissenschaften zusammenhängen. Nennen Sie uns ein paar Hauptgründe, wofür dem so ist.

Man muss sich tatsächlich dieses Zusammenhangs erst wieder vergewissern, so sehr haben sich diese beiden Wissenschaften voneinander entfernt. Es ist eigentlich ganz verständlich: Politisches Handeln ist Handeln von Menschen und damit zurecht Gegenstand von Psychologie. Und es gibt sogar ein eigenes Fachgebiet, das diesen Zusammenhang institutionalisiert hat: „Politische Psychologie“. Dort wird allerdings dieser Zusammenhang nicht wirklich abgebildet. Vielmehr wird politische Psychologie nach dem Prinzip der „angewandten Psychologie“ verstanden; politisches Verhalten als Gegenstand psychologischer Forschung, ähnlich wie Marktpsychologie, pädagogische Psychologie, klinische Psychologie jeweils sich den Gegenstand aus Betriebswirtschaftslehre, Pädagogik oder Medizin vorgeben lassen.

Der Zusammenhang, um den es hier geht, wird aber nicht in dieser oberflächlichen Weise der Anwendung psychologischer Ergebnisse und Methoden auf Gegenstände anderer Disziplinen erfasst. Wenn wir von dem Selbstverständnis des Menschen als „Homo politicus“, als politischem Wesen ausgehen, so ist der Gegenstand des Politischen als der davon abgetrennten Sphäre der parlamentarischen Institutionen, selbst wenn man Bürgerbeteiligung dazu nimmt, doch eine sehr reduzierte, und zwar an die Interessen dieser Institutionen beziehungsweise ihrer Mitglieder gebundene Abstraktion.

Die Konsequenz, dass politische Psychologie sich auf Politikberatung in den letzten Jahren immer mehr eingeengt hat, überrascht nicht. Politische Psychologie wird in der Folge dieser Verengung immer mehr zugerichtet auf die Frage, „wie ist dem Wahlbürger ‚die Politik‘ jeweils zu vermitteln?“

In den Begriffen meines Ansatzes bedeutet das: Diese politische Psychologie ist nichts anderes als die wissenschaftliche Begleitung des Diskurses der Macht, „PR“, vergleichbar der Marktpsychologie, die die beste Verkaufsstrategie und Produktpräsentation erforscht, ihre „Qualitätskontrolle“ erstellt und weiterentwickelt.

Der Diskurs der Macht ist tatsächlich der – geheime, nicht thematisierte – Gegenstand der politischen Psychologie, das zentrale Vermittlungsscharnier von Herrschaft. Unter den Bedingungen von Herrschaft entstanden und mit diesen untrennbar verwoben, hält der Diskurs der Macht diese Herrschaftsverhältnisse aufrecht, indem er die Beherrschten als Subjekte anspricht. Indem diese in den Diskurs einsteigen und seine Parolen übernehmen, übernehmen sie ihre Herrschaft in eigene Regie (vergl.: Peter Brückner).

Der Diskurs der Macht kann diese Vermittlungsfunktion übernehmen, weil er sich an die Stelle des Mediums der Kommunikationen und des Austauschs setzt, derer sich die Menschen vor jeder Herrschaft und noch in den persönlichen Beziehungen bedienen. Er dringt in die Poren des Alltags, der Beziehungen ein, indem er sich als Vermittler aller Informationen anbietet, die wir brauchen, um uns im Alltag zu orientieren. Er gibt uns Ratschläge über das „richtige“ Verhalten, Denken, Anleitungen für die Wahrnehmung unserer Umwelt und unserer Stellung in ihr, in der Welt, dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dadurch wirkt er normativ –, aber im Modus des Nahelegens, Verführens, Drängens. (4)


„Die Sprachregelungen, Bewertungen, Ratschläge, Behauptungen, Parolen dieses Diskurses (der Macht) entfalten ihre normative Wirkung, indem das Individuum sie übernimmt, sie weiterträgt in den Alltag seines Lebensraumes.“

— Prof. Klaus-Jürgen Bruder


Die Sprachregelungen, Bewertungen, Ratschläge, Behauptungen, Parolen dieses Diskurses (der Macht) entfalten ihre normative Wirkung, indem das Individuum sie übernimmt, sie weiterträgt in den Alltag seines Lebensraumes. Sie diffundieren in die Kommunikation der vergesellschafteten Individuen. In allen unseren Gesprächen mit den unterschiedlichen Gesprächs-Partnern geht es um die Vergewisserung der eigenen Position im Diskurs der Macht, unserer „korrekten“ Haltung zu den Parolen des Diskurses der Macht: „Maske – Abstand – Impfen: zum Schutz – für Dich, für uns!“ und das Echo: „Die Ungeimpften sind schuld, dass wir das Virus noch nicht besiegt haben“.

Indem wir auf diese Weise in den Chor des ceterum censeo (5) eingestimmt haben, tragen wir wiederum bei zu seiner Aufrechterhaltung, indem wir uns an diesem Diskurs beteiligen, in ihn eintreten. Der Diskurs der Macht ist die (eine der) wichtigste(n) Bedingung(en) für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der psychologischen Mechanismen der Herrschaftsstabilisierung vonseiten der Beherrschten. Der invisible immaterielle Link zwischen dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse und den vergesellschafteten Individuen.

Welche Verbindung sehen Sie heute zwischen Virologie und Totalitarismus und warum?

Diese Verbindung, die wir heute sehen, ist nicht nur äußerlich, sondern auch intrinsisch. Äußerlich insofern, als dass der Totalitarismus sich der Virologie für seine Zwecke bemächtigt hat. Intrinsisch insofern, als dass sich das Forschungsgebiet der Virologie abgekoppelt hat von über ihren Tellerrand hinausgehender Reflexion und Rechtfertigung ihres Tuns und ihrer Verantwortung. Aber das gilt für einen Großteil der Wissenschaften, so wie ich es für die politischen Wissenschaften beschrieben habe. Sie verleugnen ihren Zusammenhang zu gesellschaftlichen Interessen und das heißt Klasseninteressen beziehungsweise Interessen der Herrschenden.

Was unterscheidet die diktatorischen Tendenzen von heute von denen der 1930er-Jahre und warum?

Es gibt eine ganze Reihe von Unterschieden. Fangen wir damit an, dass die diktatorischen Tendenzen die ganze Welt – mit ganz wenigen Ausnahmen – beherrschen. Es gibt kaum oppositionelle Staaten, die sich diesen Tendenzen entgegenstellten und die die dafür nötige Macht haben, wie in den Dreißigerjahren die Sowjetunion, die ja den Faschismus niedergerungen hat.

Sodann gehen die diktatorischen Regime nicht aus einem Machtwechsel hervor, sondern es sind dieselben Personen und Parteien, die bisher die parlamentarischen Demokratien repräsentiert und regiert haben, die den Regime Change durchgeführt haben. Dieser Regime Change erfolgte zwar „diskursiv“, vermittelt über den Diskurs der Macht, zielt aber auf ein Überflüssigmachen dieses Diskurses hin.

In einem ersten Schritt wurde die diskursive Form der Machtausübung durch die behavioristische Methode von Belohnung und Entzug von Belohnung nach vorangegangener Entrechtung im Gefolge einer Schockstrategie ersetzt. Dem folgte als zweiter Schritt die Strategie der Erpressung: „Wenn Du nicht …, dann kannst Du nicht …“, die die direkte Manipulation über den Eingriff in den Körper mittels Injektion zum Ziel hat.

Die Feinderklärung erfolgte nicht wie im Faschismus durch die rassistische Konstruktion einer „minderwertigen“ Volksgruppe, sondern durch die Kriminalisierung des Widerstands gegen den Diskurs der Macht. Obwohl damit die Feinderklärung expliziter politisch ist als beim Faschismus, ist der Widerstand dagegen – mit wenigen Ausnahmen – viel weniger politisch bewusst, bis dahin, dass die ehemals linken Kräfte nahezu komplett die Seite gewechselt haben.

Wie sehr wird mit der Angst der Menschen gespielt, um sie zu kontrollieren, damals wie heute, und wie wichtig sind Anprangerung und Diskriminierung, um Macht über Menschen auszuüben?

„Angst“ ist ganz zentral bei diesem Spiel. Zunächst die Angst vor Krankheit und Tod, der als grauenhafter Tod an die Wand gemalt wurde. Dann die Angst vor „sozialem Tod“: sozialem Ausschluss, nicht dazu gehören, verächtlich gemacht werden, beschämt werden. Das hat nicht nur die finanzielle Seite: Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, mit dem derjenige bedroht wird, der nicht mitspielt, sondern auch die Angst, die gesellschaftliche Anerkennung, die Reputation zu verlieren, als „unsolidarisch“ verachtet zu werden, wenn man dem „Hygiene“-Kommando nicht folgt.

Angst schaltet das Denken aus. Und nicht zuletzt entscheidet die „Ökonomie des Gehorsams“ (Peter Brückner): Widerstand ist anstrengend, es ist anstrengend, sich unabhängig vom Diskurs der Macht zu informieren, es ist einfacher, bequemer, über sich ergehen zu lassen, „was man nicht ändern kann“.


Frau im Irrgarten. (Foto: Andrew Loke; Unsplash.com)

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Quellen und Anmerkungen

(1) Klaus-Jürgen Bruder und Friedrich Voßkühler (2009): Lüge und Selbsttäuschung (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht).

(2) Max Weber (1921/22): Wirtschaft und Gesellschaft (Tübingen); Kapitel 1 § 16, die Fortführung „gleichviel worauf diese Chance beruht“ habe ich weggelassen, weil sie uns hier nicht interessieren muss.

(3) Klaus Martin Schwab (Jahrgang 1938) ist Wirtschaftswissenschaftler, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums (engl. World Economic Forum; WEF). „The Great Reset“ (engl. „Der große Umbruch) ist eine im Mai 2020 vorgestellte Initiative des WEF, die im Anschluss an die sogenannte COVID-19-Pandemie eine Neugestaltung der weltweiten Gesellschaft und Wirtschaft vorsieht. Im Kern geht es angeblich um eine Verbesserung des Kapitalismus durch vermehrte Investitionen in nachhaltigen Fortschritt. Kritiker unterstellen der Organisation plutokratische Ziele, insbesondere durch die Anhäufung von Einfluss und Geld durch globale Eliten. 2020 veröffentlichte Schwab zusammen mit Thierry Malleret das Buch „COVID-19: The Great Reset“ (deutsch: COVID-19: Der große Umbruch).

(4) Im Unterschied (Gegensatz) zu dem von Sigmund Freud analysierten Prozess der Umsetzung von äußerem Zwang in inneren (1915, S. 333) als Verinnerlichung; oder Peter Brückner (1972, S. 26): Übernahme der Herrschaft in eigene Regie.

(5) Der Ausdruck ceterum censeo wird hier in seiner Zustimmung erheischenden Bedeutung formelhafter Parolen des Diskurses der Macht verwendet. Der römische Staatsmann Cato der Ältere (234 bis 149 vor unserer Zeitrechnung) soll jede seiner politischen Reden vor dem römischen Senat mit dem Satz „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss) beendet haben, gleichgültig, worüber die Rede ansonsten gehandelt hatte. Im Jahr 150 v. Chr. schließlich wurde Karthago der Krieg erklärt und in diesem Krieg – dem „Dritten Punischen Krieg“ – zerstört.


Redaktioneller Hinweis: Das Interview mit Prof. Klaus-Jürgen Bruder wurde erstmals auf dem Blog von Tlaxcala Network (www.tlaxcala-int.blogspot.com) unter der Überschrift „Angst schaltet das Denken aus“ veröffentlicht. Es wurde von Neue Debatte übernommen und um Quellen und Fußnoten ergänzt. Informationen zu den Veröffentlichungen von Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder und eine umfassende Übersicht sind auf seiner Webseite Psychologie und Postmoderne einsehbar. UPDATE (17.12.2021): Die Ausführungen zur Äußerung der Macht seit der Corona-Krise wurden um die Erläuterung „Es ist tatsächlich ungewöhnlich (…) in dem man nicht mehr leben will.“ und jene zur Psychologie und Politikwissenschaften durch „Man muss sich tatsächlich (…) ist Handeln von Menschen, und damit zurecht Gegenstand von Psychologie“ ergänzt.


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Foto: Jet Dela Cruz (Unsplash.com) und Westend Verlag

Redakteurin, Schriftstellerin, Buchübersetzerin und Menschenrechtlerin bei ProMosaik | Webseite

Dr. phil. Milena Rampoldi (Jahrgang 1973) ist freie Schriftstellerin, Buchübersetzerin, Menschenrechtlerin und Chefredakteurin bei ProMosaik. Sie wurde im italienischen Bozen geboren und wuchs in einer bikulturellen, zweisprachigen Familie auf, in der sie schon als Kind die Bedeutung der Mehrsprachigkeit, Musik, Kunst und des Kulturaustausches verstand. Nach ihrem Abitur in Brixen studierte sie katholische Theologie an der Theologischen Hochschule Bozen-Brixen und Pädagogik an der Staatlichen Universität Verona. Sie unterrichtete nebenbei Sprachen und arbeitete als Sozialarbeiterin in der Sucht- und Migrantenberatung. Mitte der 1990er unterrichtete sie Flüchtlingskinder aus Bosnien und studierte nach verschiedenen Aufenthalten in muslimischen Ländern an der Universität Venedig Arabistik und Geschichte. 2008 promovierte sie an der Universität Wien mit einer Dissertation über die interkulturelle arabische Korandidaktik im deutschen Sprachenraum. Von 2006 bis 2014 führte Milena Rampoldi ein internationales Übersetzungsbüro mit Niederlassungen in Köln und Leverkusen sowie weiteren Filialen in Deutschland, Italien und den Niederlanden. 2014 zog sie mit ihrer Familie nach Istanbul, wo sie das Presseportal von ProMosaik leitet.

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