Gedanken zum Postkapitalismus


Die Welt wird immer deutlicher von der allgemeinen Krise des Kapitalismus geprägt. Es zeichnet sich ab, dass das niedergehende System seine Erneuerung extern in Kriegen gegen konstruierte Feinde und intern durch die bereits eingeleitete Zerstörung der alten Gesellschafts- und Ordnungsstrukturen suchen wird. Der Ausnahmezustand wird zur verordneten Regel, das System entlarvt sich als Tyrannei: beides beschleunigt den Niedergang. Die Reste der widerstandsfähigen Zivilgesellschaft, die das ökonomische System als Problem erkannt haben, sind gut beraten, sich auf den Postkapitalismus vorzubereiten.

Anmerkungen zur Ausgangslage

Umfassende Analysen über die globale Situation, die dafür verantwortlichen Mechanismen und die Folgen erscheinen wie unnötiger Luxus. Die Karten liegen schon lange offen auf dem Tisch. Der Besitz der wenigen ist das Elend der vielen anderen. 26 Milliardäre besitzen so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung (1). Technokratie, Bürokratie, Sprachmanipulation, ein Recht, dass das offenkundigste Unrecht heiligspricht und eine ganze Armada aus Lügen und Halbwahrheiten sorgen in den Köpfen der Mensch dafür, dass diese Absurdität, die jeder rationalen Betrachtung spottet, im Denken als „Normalität“ verankert bleibt. Und dies selbst dann, wenn sie sich katastrophal Bahn bricht: Öko-Krise, Klimakrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Bankenkrise, Immobilienkrise, Euro-Krise, Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise, Syrienkrise, Ukraine-Krise, Revolten, bewaffnete Konflikte, Kriege und so weiter.

Dabei folgt auf die eine Krise schon die nächste und keine wird gelöst, weil die Lösung nur eine völlig neue ökonomische Konstruktion sein kann, die die Absurditäten aufhebt, die Ungerechtigkeiten beseitig und die Ausbeutung von Mensch und Natur beendet.

Doch was passiert?! Verantwortung wird weggeschoben, offenkundige Systemfehler geleugnet, ausgeblendet, wegdefiniert oder unter einer Lawine aus Belanglosigkeiten begraben. So werden die Augen verschlossen vor den Realitäten: Das weltumspannende ökonomische System, das auf der Jagd nach Profit alles und jeden in Konkurrenz gestellt hat und weder Werte kennt, noch Religion, Nation, Völker, Hautfarbe oder Geschlechter, sondern nur die Kategorien ausbeutbar und nicht ausbeutbar, hat seinen Endpunkt erreicht. Es wird in der Schlussphase seiner Existenz aggressiv und bösartig.

Eine auf Balance und Verständigung ausgerichtete Diplomatie löst sich auf; die offene Bedrohung begleitet den Kampf um geostrategische Einflusssphären, Rohstoffe, Energiequellen, Absatzmärkte und billigste Arbeitskräfte. Und davon gibt es schon mehr als genug. Aus kapitalistischer Sicht sind Milliarden Menschen überflüssig. Sie taugen weder als ausbeutbare Arbeiter, noch können sie die Funktion von Konsumenten erfüllen, weil sie nichts weiter als das nackte Leben besitzen. Aber selbst das besitzen sie nicht wirklich: Etwa 821 Millionen Menschen hungern, zwei Milliarden Menschen leiden an Mangelernährung, jeder 9. Mensch hat nicht einmal die minimal erforderliche Nahrungsmenge zur Verfügung (2). Jeden Tag sterben Tausende an den Folgen von Hunger. Oder wie es der ehemalige UNO-Sonderberichterstatter Jean Zieger ausdrückte: Sie werden ermordet (3).

Die Krise des Systems

Nicht etwa der Fall der Profitrate, die fortschreitende Automatisierung oder die digitale Revolution, die menschliche Arbeitskraft nachhaltig aus den Produktionsprozessen verdrängt und nun zunehmend auch Aufgaben im Dienstleistungssektor übernimmt, ist Antreiber von Erwerbsarbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und Arbeitsarmut. In der aktuellen Krise, deren Hintergründe noch Generationen beschäftigen werden, wurde die Verantwortung für die Zerstörung der Arbeitswelt frühzeitig auf eine biologische Erscheinung geschoben (4). Doch die Unterbrechung von Lieferketten, die Schließung ganzer Wirtschaftszweige, die Drosselung von Produktion oder sonstige Eingriffe in ökonomische Kreisläufe werden von Menschen angeordnet und von Menschen umgesetzt. Deshalb sind auch Menschen verantwortlich für die Folgen. Diese Tatsache wird nicht gemildert durch gute Absichten oder eine Semantik, die ein Virus in die Rolle des Allround-Verantwortlichen befördert, die ihm nicht zusteht.

Der Kapitalismus hat die Effektivität der Produktivkräfte in enormer Geschwindigkeit gesteigert. Doch die Zäsur ist einläutet. Immer weniger Menschen haben die Möglichkeit, sich im Produktionsprozess zu verwerten, wodurch eine (profitable) Massenkonsumtion immer schlechter realisierbar wird. Die durch wissenschaftliche Forschung und technische Revolution sowie Akkumulation des Kapitals determinierte Wirtschaftskraft ermöglicht die notwendige Reproduktionserweiterung allerdings nur so lange, bis sich die alles bestimmende Triebkraft des wirtschaftlichen Geschehens, das Streben nach Profit, so weit von den Motiven gesellschaftlicher Nützlichkeit entfernt hat, dass das Kapital sich nicht mehr akkumulieren kann. Diese Phase scheint erreicht: Es wird nur noch produziert und ausgetauscht, was maximalen Profit verspricht.

Das Kapital flüchtet sich in Finanzprodukte ohne inneren Wert, kauft die gesellschaftlich relevanten Werte (Immobilien, Brücken, Schienen, sonstige Infrastruktur, Wälder, Ackerland etc.) auf und verdichtet sich zu Finanzmonopolen. Der Wert menschlicher Arbeitskraft zerfällt, Verbraucherpreise und Mieten explodieren, der Mittelstand wird aufgefressen, die Verarmung der Massen beschleunigt sich.

Ein Mensch ist frei oder er ist nicht frei

Im globalen Norden ist die Arbeiterklasse bereits unsichtbar und löst sich förmlich auf, ohne aus der Abhängigkeit des Kapitals entfliehen zu können. Die Ausbreitung modernster Technik, die es so in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat und die nun zeitgleich alle Arbeiter auf dem Planeten erfasst, bringt nicht nur eine „neue“ industrielle Revolution hervor, sondern eine Lebensrevolution. Sie löst optisch die Arbeiterklasse auf. Der mit Öl und Staub beschmutze Industriearbeiter, geboren im Fahrwasser der Werkzeugmaschine, bedient nun saubere Computer. Im Selbstverständnis ist er schon lange kein Arbeiter mehr, sondern ein „besserer“ Angestellter, dessen höchste Wonne der geregelte 8-Stundentag „in seiner Firma“ ist.

Die neue Krise beschert ihm jetzt ein neues „Feeling“ von Freiheit. Gab es vor 200 Jahren in Europa ein paar Millionen Heimarbeiter, wird es bald Abermillionen Heimangestellte geben, die zu Hause sitzen und an ihren PCs die Fabriken, die Wirtschaft und die Verwaltung in Gang halten. Home-Office als Vehikel um Kosten Büromöbel, Miete, Reinigung et cetera auf den „besseren“ Angestellten abzuwälzen, der noch immer Arbeiter ist, es aber nicht mehr merkt. Er verschmilzt mit seiner Ausbeutung.

Aber auch die scheinbar antagonistisch gegenüberstehende Bourgeoisie löst sich in der global etablierten kapitalistischen Wirtschaftsordnung als eine zu charakterisierende Klasse mit gemeinsamen Interessen auf.

Werden historische Entwicklungen herangezogen oder zum Beispiel erinnert an die Kämpfe zwischen Sklaven und Sklavenhaltern in der Antike oder jene der Leibeigenen gegen die Feudalherren, so gingen bei revolutionären Umgestaltungen die durch die bisherigen Produktionsverhältnisse getragenen Klassen unter oder zumindest wurde ihr Untergang eingeläutet, wenn auch verzögert durch allerlei Zugeständnisse an die revoltierenden Schichten. Irgendwann erfolgte der Todesstoß. Nebenklassen rückten an ihre Stelle, avancierten zu den Gestaltern der neuen Gesellschaft, ohne aber am Grundübel der Ausbeutung etwas zu ändern. Somit war auch ihr Untergang quasi beschlossene Sache.

Warum sollte es Proletariat und Bourgeoisie also anders ergehen? Sie stützen (wenn auch konkurrierend) die kannibalistische Gesellschaftsordnung und müssen mit ihr gemeinsam untergehen. Doch so einfach ist es natürlich nicht.

Das Notwendige tun

Sklaven waren Eigentum ihrer Herren, die Hörigen und Leibeigenen teilweise Eigentum und auf jeden Fall abhängig von den Feudalherren und die Arbeiter sind abhängig von Erwerbsarbeit. Sie sind frei, sich von einem Arbeitsplatz auf den anderen zu begeben, auf der Suche nach Erwerbsarbeit von einer Stadt in die andere zu ziehen und sogar von einem Land in ein anderes zu wechseln, wenn es dem Kapital dienlich ist. Und wenn es dem Kapital nicht dienlich ist, dürfen sie nichts, reiben sich verwundert die Augen und möchten „nur“ ihre Freiheit wieder haben. Aber von wem oder was? Ja, sie dürfen ihre Herrscher frei wählen und sind dadurch vielleicht nicht weniger frei wie die besitzlosen Bürger in der römischen Sklavenhaltergesellschaft und gefühlt vielleicht freier als die Sklaven, die ihre Freiheit nicht wählen konnten.

Aber eins haben alle Revolutionen gezeigt: Entweder ist ein Mensch frei oder er ist nicht frei, denn nur im Bewusstsein der Unfreiheit liegt der Keim der Revolution mit dem Willen zur Freiheit. Es gibt keine Mitte in dieser Frage, darum gibt es auch nicht die Parallele eines notwendigen Untergangs. Den wer frei ist, der kann sich aus der tödliche Umarmung des ertrinkenden Systems befreien, weil die Offenheit für Utopien und gelebte Praxis abseits von Ausbeutung und Zerstörung gegeben ist.

Wer kann den Lauf der Geschichte ändern? Der Instinkt von Arbeitern, Angestellten und der (kritischen) humanitären Intelligenz ist entscheidend. Es werden jene die Weichen stellen, die ahnen, dass der Epochenumbruch, deren weiteren Verlauf niemand vorhersagen kann, die Menschheit in die Barbarei führen könnte. Sie werden dies zu verhindern suchen und anfangen, parallel zum Zerfall des alten Systems und ungeachtet seiner Destruktivität, eine Zwischen-Mitmenschen-Gesellschaft aufzubauen. Die Erfahrungen werden ihnen erlauben, eine Gesellschaft materieller und geistiger Blüte zu errichten, in der die Ausbeutung beendet ist – es werden Blaupausen sein für den Postkapitalismus.


Helle Rosen. (Foto: Evie S, Unsplash.com)

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Quellen und Anmerkungen

(1) Global Citizen (22.1.2019): 26 Milliardäre besitzen so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung. Auf https://www.globalcitizen.org/de/content/oxfam-report-billionaires-inequality (abgerufen am 23.12.2021).

(2) Care Elite (7.1.2020): Welthunger Statistiken, Zahlen und Fakten 2020/2021. Auf https://www.careelite.de/welthunger-statistiken-fakten (abgerufen am 23.12.2021).

(3) Der Tagesspiegel (7.1.2013): „Ich bin so radikal, weil ich die Opfer kenne“. Auf https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/aktivist-jean-ziegler-jedes-kind-das-an-hunger-stirbt-wird-ermordet-/7589416-2.html (abgerufen am 23.12.2021).

(4) ILO (18.3.2020): 25 Millionen Arbeitsplätze weltweit durch COVID-19 bedroht. Auf https://www.ilo.org/berlin/presseinformationen/WCMS_739555/lang–de/index.htm (abgerufen am 23.12.2021).


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Foto: Louis Hansel (Unsplash.com)

Lehrer, Philosoph und Autor

Frank Nöthlich (Jahrgang 1951) wurde in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

Ein Gedanke zu “Gedanken zum Postkapitalismus”

  1. Meinen Beitrag möchte ich mit einem Gedicht beginnen:

    unsere Unendlichkeit

    Zufall ganz leise
    schimmernd im Raum
    mitten im Zwielicht
    des Lebens

    allgegenwärtig
    erahnen wir kaum
    die uralte Kreuzung
    unseres Strebens

    jeder muss täglich
    die Fragen
    nach nehmen und geben
    und Antwort
    ertragen

    sind sie am Ende vergebens

    auf zu den Früchten
    sucht unsre Hand
    neidisch und mild
    nie alleine
    wirft schnell der Zufall
    um uns ein Band
    Umarmung und Tränen
    sind fühlbar das Seine

    verneinen und wärmen
    und streicheln und streiten
    beklagen und schwärmen
    darf Zufall bereiten

    Leben und Tod im Vereine

    und greifbar nur kaum
    sind Nehmen und Geben
    unendliche Grenzen
    des Strebens
    doch mitten im Raum
    ist Hoffnung
    endloses Sehnen
    des Lebens

    Leben fürs Leben
    den Zufall benennen
    und leben im Leben
    liebkosen und trennen
    gewollt auch

    nichts ist vergebens NF

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