Soll und Haben: Vegane Pizzen und der Krieg


Diejenigen, die über gewisse Werte verfügen, haben es nicht leicht in einer Zeit, in der eine von Werten geleitete Politik dominiert. Das ist kein Widerspruch, sondern eine logische Folge. Denn selbstverständlich existiert bei denen, die diese von Werten geleitete Politik zu verantworten haben, eine eindeutige Hierarchie: Zuerst kommt das eigene Gewissen, dann das eigene Weltbild und dann die mangelnde Courage, die Zähne zu zeigen, wenn die eigenen Vorstellungen durch Doppelmoral, irrwitzige Standards und offenen Affront von zynisch auf Atomwaffenarsenalen sitzenden Imperialisten geschändet werden. Wenn es auf Kosten Dritter gehen soll, ist dieser Moralismus eine feine Sache. Über Kriege in der Ferne kann man zur Verdauung auch nach einer veganen Pizza trefflich räsonieren.

Die Diktion des Krieges

Das Kraftfeld dieser Art des Moralismus ist groß. Nicht nur, dass eine bestimmte politische Klasse dieses Blatt auf der Hand hat, sie wird bei ihrem Treiben noch kräftig von einer gekauften und monopolisierten Presse unterstützt, und so mancher Journalist, der als hof- und demokratiefähig galt, diktiert zurzeit mit blutigen Lefzen einen kriegstreibenden Artikel nach dem anderen.

Die Diktion des Krieges ist längst etabliert und hat sich auf das handelnde politische Personal übertragen. Zumeist handelt es sich dabei um Menschen, die den ganzen Dreck, die Traumata und die Verluste des letzten Desasters nicht einmal mehr aus Büchern kennen. Deshalb sind sie so nonchalant und treiben es, solange man sie lässt. Bei ihnen von Hoffnungsträgern zu sprechen, verbietet sich bei allen, die zumindest noch eine Stimme in der Familie besaßen, die von den Desastern des letzten großen Krieges berichten konnte.

Und es ist nicht nur der Krieg. Es sind die sozialen Verhältnisse, in denen viele leben müssen, es sind die himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die selbst demokratische Institutionen verursachen, es ist ein Selbstbildnis, das nicht entstellter sein könnte als durch die täglich praktizierten doppelten Standards.

Da werden einem rassistischen Hetzer Preise nachgeworfen, während ein couragierter Journalist im eigenen Rechtsbereich in einem Hochsicherheitstrakt dem Tod entgegensinkt, da werden Zivilisten von feigen, hinterhältig operierenden Drohnen zu Staub zermalmt, da werden nachweislich gekaufte Scharlatane in Venezuela wie in Hongkong als Freiheitskämpfer aufgebaut, während Menschen, die sich die gesetzlich verbrieften Rechte nicht nehmen lassen wollen, zu Terroristen deklariert werden.

Kollektive Ratio, das vielleicht als kleiner, folgenloser Rat, greift nur dann, wenn die Redlichkeit des eigenen Handelns außer Zweifel steht.

Soll und Haben

Und große Zweifel, nein Evidenz herrscht über die Verlogenheit und die systematisch betriebene Verdunkelung von allem, was weder in den schönen Büchern des Gesetzes noch in einem moralischen Kodex über menschliches Zusammenleben steht. Nachweisen muss das niemand mehr. Es existieren ganze Magazine, die das unglaubwürdige wie unglaubliche Verhalten dokumentieren. Und immer mehr Menschen haben das begriffen.

Bei vielen Mitgliedern der Parteien, die an dem Spiel beteiligt sind, haben sich diese Erkenntnisse seit Langem durchgesetzt. Was verwundert, ist ihr Schweigen. Immer, wenn es heikel wird, verstummen sie. Historisch wird es irrelevant sein, was sie dazu veranlasst. Denn die Geschichte ist ein kalt rechnender Kaufmann, der nur Soll und Haben kennt.

Und wer sich trotz seiner Erkenntnisse zum Schweigen entscheidet, aus welchen Motiven auch immer, taucht letztendlich bei den Schlechten in der Bilanz auf. Aber auch das ist dem Kaufmann egal. Was zählt, ist das Ergebnis. Und bei allen Daten, die bis jetzt zur Verfügung stehen, deutet vieles auf eine Insolvenz hin. Es sei denn, es wird kräftig saniert und umgesteuert.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Jeremy Hynes (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

4 Gedanken zu “Soll und Haben: Vegane Pizzen und der Krieg”

  1. Die Philippika ist großartig. Beim „Soll und haben“ aber verließen sie ihn. Den Verbrechern mit dem Strafgericht zu drohen, das konnte Dante besser. Es geht jedoch nicht primär um Rache, sondern um eine neue Demokratie. Siehe Kees van der Pijl: „Die belagerte Welt. Corona: Die Mobilisierung der Angst – und wie wir uns daraus befreien können“. Darin das letzte Kapitel mkit der Überschrift „Radikale Demokratie und digitale Planung“. Lohnt sich echt.

  2. Hallo Herr Mersmann und Frohe Weihnachten!

    „…Es sei denn, es wird kräftig saniert und umgesteuert…“

    Wir (mein Team und ich) hier denken, dass man sich darauf verlassen kann – wie man sich eben auif die unveraenderbaren Eigenschaften der Menschen verlassen kann…und das wissen Sie doch selbst!

    Wieder ein feines und grund-wahres Essay. Leider bleibt es bei einer Symptom-Beschreibung, Unsere „Politiker“ – mit der Mehrzahl aller anderen der sog. „Freien Welt“ – sind nur noch Marionetten; gekaufte, korrupte Handlanger. Sie beschweren sich bei der Bedienung ueber das schlechte Essen – sind es doch die Chefkoeche von Davos, die uns diesen Frass bescheren.

    Die Planer, Strategen und Anstifter dieses globalen Desasters, haben sich in genialer Weise „in plain sight“ fuer die dumpfe Massen getarnt; fuer den interessierten intelligenten Menschen aber erkennbar, durch ihre Schriften, oeffebtliche Auftritte und Handlungen.

    Jeder, der sich in geeigneter Position befindet, durch Beruf, Stellung oder Profil wird bei der Endabrechnung als Komplize gelistet – wie Sie es so treffend beschrieben. Die Zeit fuer Klartext ist JETZT.

    Wir wuenschen Ihnen und Ihren ein gesundes und lebenswertes Neues Jahr!

  3. „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ (Bertold Brecht)

    Erstmals 1914 ging der von Thomas Hobbes so beschriebene permanente “Krieg aller gegen alle”, wie ihn die Menschheit schon viel zu lange kennt, in einen heißen Weltbrand über, den ersten global kapitalistisch motivierten Weltkrieg. Es folgte, im September 1939 beginnend gleichermaßen verursacht und weitaus schlimmer die manifeste Menschlichkeit verheerend, der Zweite.
    Das bis heute nicht vollständig bezüglich seiner wahren Hintergründe geklärte Attentat einer Terroristengruppe auf den österreichischen Thronfolger und seine Frau veranlasste die damals Mächtigen den ersten Weltkrieg zu beginnen. Unverhohlen ausgeübter faschistischer Staatsterror gebot den fingiert als von polnischen Tätern verübten, blutigen Überfall auf einen deutschen Radiosender, um einen Anlass zum Eintritt in den Zweiten Weltkrieg zu erheischen.
    Im September 2001 erfolgte ein terroristischer Anschlag auf das New Yorker World Trade Center sowie gleichzeitig auf das Verteidigungsministerium der USA und nur vermutlich, da verfehlt, auch auf das Weiße Haus, den Amtssitz des US-amerikanischen Präsidenten. Als Veranlasser der Anschläge wurde damals der sogenannte „Weltterrorismus“ benannt.
    Die Antwort der Militärgewaltigen auf die Anschläge in den USA war und ist bis heute eine Allianz gegen die Terroristen und gegen Staaten, die diese tatsächlich oder auch mutmaßlich unterstützen. Es folgten von den USA geführte Angriffskriege in Afghanistan, im Irak und in Libyen. Dort gab es Tausende Kriegsopfer, unglaubliche Zerstörungen und chaotische Zustände in den Gesellschaftsordnungen. Ausgerüstet mit Waffen aus hoch entwickelten Industrieländern konnten und können dort noch immer Terroristenbanden wie die Taliban und AL Kaida bis zum selbsternannten Terror-Staat IS ihr Unwesen treiben und weitere Kriege anzetteln.
    Da der gesamte Nahe und Mittlere Osten wie auch das Chinesische Meer, die Ukraine und andere für international konkurrierende Mächte sowohl wirtschafts- als auch militärstrategisch wichtige Standorte sind, muss befürchtet werden, dass kriegerische Auseinandersetzungen nicht mehr nur auf solche Regionen begrenzt bleiben wird und das Ganze außer Kontrolle geraten und zu einem 3.Weltkreg führen kann. So gesehen steht die Menschheit heute vor einer existentiell bedeutungsvolleren Herausforderung als es 1914 oder 1939 der Fall gewesen war.
    Glücklicherweise sind sich heute sehr viel mehr Menschen dessen bewusst und immer mehr Menschen sind überzeugt, dass Konflikte am wirksamsten und am nachhaltigsten ohne Militär gelöst werden können. Darum appelliere ich an alle Menschen dieser Welt, an alle in die solche Geschehnisse involvierten Männer und Frauen – denken Sie an alle in einem Krieg Leidenden und verhindern wir, dass weiterhin Millionen von Menschen flüchten müssen, um der Not und dem Elend in ihren Heimatländern zu entgehen.

    Und ich rufe alle, die Verstand im Kopf und Empathie im Herzen haben, lassen wir nicht zu, dass es zu einem alles zerstörenden 3. Weltkrieg kommt!

    Frank Nöthlich

  4. Wie sich eine „von Werten geleitete Politik“ mit „Soll und Haben“, einer von der Betriebswirtshaft dominierten Politik verträgt, erschließt sich mir nicht. Wurde nicht vielmehr vom Geld, welches die Welt regiert, erkannt, dass sich an „Impfstoffen“ noch mehr verdienen lässt, als an Rüstung?

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