Ins Netz gegangen

In wenigen Jahrzehnten wurde die ganze Welt mit verschiedenen neuen Netzen überzogen. Das Internet, das Handynetz & Co. … Wie rasant dieses Netz sich ausbreitete, wie es immer verflochtener eingewoben wird … das zu prophezeien hätte wohl kaum jemand gewagt. Die Glasfaserkabel, die wie Adern unter den Städten durchgezogen sind, die Signale, die mit immer höherer Frequenz durch die Luft schwirren, Antennen, Modems, Handys, Wireless, Home Monitoring, Internet der Dinge, Smart City …

Heute wird inflationär von sozialen Netzwerken gesprochen, von Vernetzung, Networking, dem Web etc. …

Diese Begriffe finden Eingang ins Vokabular von Firmen, von Politik, von Interessenverbänden und Freundeskreisen … eigentlich wirklich überall ist davon die Rede. Es ist eine völlige Umwandlung der Theorien über Organisation, was auch nicht überraschen sollte, wird derzeit doch die komplette Gesellschaft auf gänzlich neuen Grundlagen re- und umstrukturiert.

Doch welchen Zweck hat ein Netz? Fraglos: Eine Spinne baut ihr Netz, um Insekten zu fangen, in dem sie diese dann lebendig fressen kann. Ein Fischer braucht sein Netz, um Fische zu fangen. Also wozu ist das schöne neue weltumspannende Netz, das von verschiedensten Firmen und staatlichen Institutionen gebaut wurde und mehr und mehr ausgebaut wird, gut? Nun: Die Menschen, die dieses Netz spinnen und es finanzieren, haben’s vor allem auf eins abgesehen: Kapital. Alles, was in diesem Netz eingefangen wurde, wird zu Information in Form von Nullen und Einsen, potentiell verwertbarer Information, welche für diejenigen die „up to date“ sind, mehr Kapital bedeutet.

An diesem Netz wird nun erst seit einigen Jahrzehnten gewoben, und viele sehen darin noch einiges an Ausbaupotenzial. Was wäre, wenn wir das Netz immer mehr über die städtische Architektur ausbreiten? In die Wohnungen einweben? Oder sogar in die Menschen? Das würde noch vielmehr Information abwerfen. Detailliertere Information, Information, die vielleicht die ganze Realität widerspiegeln könnte, was bedeuten würde: noch vielmehr Kapital. Kapital in Form von Sicherheit, von Kontrolle, von Geschwindigkeit, von Voraussicht und Berechenbarkeit …

Mit der gegenwärtigen Umstrukturierung, die zur Rettung des Kapitalismus veranstaltet wird, ändern sich auch die Herrschaftsverhältnisse. Dies zeichnet sich schon länger ab.

Auf gewisse, jetzt eben altmodische Dinge, die zu viel Unmut hervorgerufen haben, wurde mehr und mehr verzichtet, auch wenn sich dies in Zukunft natürlich wieder ändern könnte. Zumindest kann das direkte, persönliche und offen autoritäre Verhalten überall, in Familie, Schule, bei der Arbeit etc. mehr und mehr abgeschwächt werden, da eben die direkte und unvermittelte menschliche Beziehung überhaupt mehr und mehr schwindet. An deren Stelle tritt die Logik von Netzwerken, transparenten Netzwerken, die im besten Falle eine produktive Masche im großen Netz bilden. Die Herrschaft ist darin immer unpersönlicher und undurchsichtig bleibt, nach wessen Algorithmus wir gerade tanzen, wie er programmiert wurde, wer das Programm gerade kontrolliert …

Wie Fliegen in einem Spinnennetz kleben wir fest, außer das uns allem Anschein nach der Instinkt, uns zu winden und zu versuchen, einfach davonzufliegen, abhandengekommen zu sein scheint. Wir wissen oftmals schon gar nicht, was das heißt – fliegen.

Als Anarchisten, so denke ich, sollten wir den Diskurs von Netzwerken etc. nicht einfach so übernehmen. Ein Netz ist etwas, womit man jemanden einfängt, in das man sich verstrickt und woraus man kaum wieder rauskommt. Vielmehr ist es die lose Organisation, die frei eingegangen wird und die von den daran Teilnehmenden immer aufgelöst werden kann, wenn sie das für sinnvoll erachten, und die direkte und unvermittelte Beziehung jenseits aller gesellschaftlichen Normierungen und Hierarchien, jenseits von Algorithmus und Programm, worauf wir unseren Kampf basieren sollten.

Und während die Menschen allem Anschein nach sprichwörtlich wie die Fliegen ins Netz gehen, geködert mit flimmernden Bildern, Annehmlichkeiten und Spielereien bis zum Überdruss, sollten wir wohl besser darüber nachdenken, wie wir ihm durch die Maschen gehen und die Fäden durchtrennen können, auf dass das ganze Netz zerreißt!


Redaktioneller Hinweis: Der Text „Ins Netz gegangen“ wurde von einem anonymen Autor verfasst und erstmals am 16. Februar 2017 in der anarchistischen Straßenzeitung Dissonanz (Nr. 43, Zürich) veröffentlicht. Der Beitrag wurde von der Anarchistischen Bibliothek entnommen aus „Die Smartifizierung der Macht, Beiträge zu einer Offensive gegen das technologische Netz“ (Edition Irreversibel; Frühjahr 2018; S.15-17) und archiviert. Neue Debatte hat den Beitrag übernommen, um eine kritische Diskussion aus anarchistischer Sicht über die Zukunft der technisierten und vernetzten Gesellschaft anzuregen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Ben Kolde (Unsplash.com)

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